System – Musik – Drehstrom
Hochenergie-Musik und Mikrotonalität
11.000 Saiten von Georg Friedrich Haas mit dem Klangforum Wien als Eröffnungskonzert und Navid Navabs Organism + Excitable Chaos
Die Maschinenhalle des ehemaligen Kraftwerks Oberspree wurde zum Schauplatz von Georg Friedrich Haas‘ monumentalen Klangwerk 11.000 Saiten mit 50 mikrotonal gestimmten Klavieren unter der Leitung von Vimbayi Kaziboni. Das Kraftwerk Oberspree war das erste Drehstrom-Kraftwerk Deutschlands, das ab 1897 Berlin mit Elektrizität versorgte. Elektrischer Strom spielt nicht zuletzt eine entscheidende Rolle für die Komposition und Aufführungspraxis von 11.000 Saiten. Ohne auf Mobiltelefonen synchronisierten Sekundenanzeigen und der automatisch aufblätternden Partitur auf Tabletts für jedes einzelne Instrument könnte 11.000 Saiten nicht aufgeführt werden. Das große Klangwerk von Georg Friedrich Haas wäre ohne elektrisch-digitale Koordinierung nicht möglich.

Navid Navab hat mit Garnet Willis als Instrumentenbauer und Ingenieur für die robotische Elektro-Klang-Skulptur Organism + Excitable Chaos geschaffen, die für MaerzMusik im Spore Haus an der Hermannstraße akustisch und visuell zu erleben ist. Durch ein chaotisches Pendel aus drei Schwungrädern aus Holz wird Strom erzeugt für eine elektronische Orgel aus Pfeifen der historischen Casavant-Orgel in Montreal von 1910. Das Organische und das aufregende Chaos erzeugen Klänge und visuelle Effekte. Navid Navab versteht sich als Medienarchäologe, Sozialhistoriker, Programmierer und Komponist. Seine Elektro-Klang-Skulptur, wie sie hier genannt werden soll, gibt einen Wink auf das Verhältnis von elektronischen Maschinen und Musik, die um 1900 aufkommen. Es wird darauf zurück zu kommen sein, wie sehr technische Systeme mit der Erzeugung von Musik verknüpft waren und sind.

900 Zuhörer*innen sitzen für 11.000 Saiten in sechs Blöcken vor 50 im Kreis in der Maschinenhalle aufgestellten Klavieren, was Folgen für die Klangwahrnehmung hat. Jede Aufführung von 11.000 Saiten wird sich je nach Raum anders anhören. Wenn man – diesmal hat die erste Reihe eine Wahrnehmungsberechtigung – in der ersten Reihe sitzt, dann lassen sich die einzelnen Klaviere und Instrumente distinkt heraushören. Sitzt man mittiger im Kreis, wird es schwieriger. Die erste Reihe ist im Konzertsaal niemals die beste zum Hören, was offenbar nicht alle Konzertbesucher*innen bedenken. Für 11.000 Saiten bietet sich die erste Reihe an, um den Klang in seinen Nuancen wahrnehmen zu können. Der orchestral-mikrotonale Gesamtklang erfüllt den Hallenraum.

Kamila Metwaly eröffnete im Vorraum zur Halle unter dem gelben Hallenkran mit Fahrerkanzel, Tragkraft von 20 Mp, 2.000 Kilogramm, MaerzMusik, das weiterhin ein Festival für neue Musik bzw. neue Klangerlebnisse ist. Nachdem Berno Odo Polzer MaerzMusik als „Festival für Zeitfragen“ gelabelt hatte, richtet Kamila Metwaly das Festival nun schon im vierten Jahr u.a. mit Berliner Erstaufführungen wie 11.000 Saiten und Uraufführungen wie Energy Archive 4 stärker an Konzerten, Ausstellungen, Installationen, Diskursformaten und Ensembles aus, die erst noch entdeckt werden müssen. Sie erreicht damit u.a. in der MaHalla auch ein junges, internationales Publikum. Sie versteht sich als künstlerische Forscherin. Für die Künstlerische Leiterin von MaerzMusik steht insofern weniger ein kanonisiertes Musikwissen im Vordergrund als vielmehr das Fragen nach Musik.
„Klang lehrt uns neue Arten des Zusammenlebens, die Entwicklung von Alternativen und die Erneuerung unserer Wahrnehmung der Welt.“[1]

Mikrotonalität wie in Georg Friedrich Haas‘ Komposition ist allenthalben im Schwange. Denn die Mikrotonalität befragt die klassische Tonalität der Sinfonieorchester. Haas will seine Komposition zwar nicht politisch verstanden wissen, formuliert aber Gast und Musikprofessor in New York im September 2025 einen durchaus politischen Gedanken, den MAGA definitiv nicht bzw. katastrophal missverstanden hat, nämlich, „dass wir innerhalb von Systemen Fragezeichen setzen können“.[2] Eine Frage zu formulieren und ein Fragezeichen zum Nachdenken zu setzen in der Musik der Gegenwart, heißt die Bedingungen ihrer Produktionspraxis zu erforschen. Es heißt nicht ein System mutwillig zu zerstören, weil es einem Individuum nicht passt. Aktuelle Musik erforscht immer ihre Grenzen und vereinbarten Praktiken. Mit 11.000 Saiten erforscht Haas zugleich die Position des Dirigenten. Wir werden darauf zurückkommen.

Das Fragezeichen, das Haas mit 11.000 Saiten setzt, steht hinter der Tonalität. Das Klangforum Wien hat an dieser Art künstlerischer Forschung teil und beschreibt sich selbst als „25 Musiker:innen aus 13 Ländern“, die „gemeinsam mit den maßgeblichen Komponist:innen unserer Gegenwart unentwegt neue Horizonte künstlerischer Schaffenskraft“ erkunden. „Offen im Denken, virtuos im Spiel, präzise im Hören.“[3] In der Forschung als wissenschaftliches Verfahren zur Befragung und Generierung von Musikwissen geht es heute nicht darum Hierarchien zu schaffen, sondern sie zu hinterfragen. Währenddessen machen sich einige alte und junge Männer zum Maßstab einer Re-Installation hierarchischer Strukturen und Kulturen, weil sie es nicht aushalten, dass ihr Glaube an Macht in Frage gestellt wird. Es gibt auch Frauen, die dieses Machtsystem attraktiv finden. Forschen aber heißt, geschlossene Systeme in Frage zu stellen und zu bedenken.

Lassen wir Haas‘ Gedanken an Systeme noch einmal kurz vom Hallenkran baumeln. Denn die Elektrizität, die wir heute als natürlich aus der Steckdose oder der Batterie, dem Akku des Smartphones oder Tablets wahrnehmen – Wer kann noch ohne Akku leben? –, wurde für Deutschland mit Emil Rathenaus Gründung der Deutschen Edison Gesellschaft 1884 auf einem Hinterhof an der Chausseestraße in Mitte allererst eingeführt, als es nur Dampfmaschinen mit fossilen Brennstoffen gab. Emil Rathenau, salopp gesagt, hatte in Paris auf der Weltausstellung die Glühbirne kennengelernt und elektrifizierte dafür Berlin. An der Ackerstraße in Mitte wurden die ersten Fabrikhallen für Rathenaus AEG gebaut. Ungefähr 8 Jahre später ab 1892 wurde das Kraftwerk Oberspree in Oberschöneweide mit weiteren Fabrikgebäuden gebaut. Rathenau und Siemens bauten die Berliner Elektroindustrie auf, die das Leben in der Moderne systematisch vom Kraftwerk mit Generatoren bis zur Steckdose und Glühbirne, Smartphone … veränderte. Wir sind Menschen des Systems Elektrizität geworden. Und es gibt einen Ort, wo diese weltverändernde Infrastruktur ihren Anfang nahm.[4]

Erstaunlicherweise geht Georg Friedrich Haas nicht genauer auf die Elektrizität und die Aufführungspraxis im Gespräch mit William Dougherty ein. Vielleicht drängte sich ihm gar nicht erst die Frage des Musizierens nach digitalen Stoppuhren auf. Doch bereits Rebecca Saunders hatte 2016 bei der Uraufführung von Stasis Kollektiv in der Akademie der Künste am Pariser Platz digitale Stoppuhren genutzt, um die über Etagen im Raum verteilten Instrumente zu synchronisieren.[5] Saunders‘ „Klangraumerkundung“ mit dem Ensemblekollektiv Berlin war ebenfalls nur möglich, weil die digitalen Stoppuhren den Einsatz gaben. Die synchronisierten Stoppuhren ersetzten in der konkreten Aufführung die Funktion der Dirigent*in, die nicht alle Musiker*innen im Raum sehen konnten. Andersherum wird die sich erst im 19. Jahrhundert durchsetzende Figur der Dirigent*in für die Koordinierung und Synchronisierung der Instrumente in einem Orchester auf diese Weise transparent. Die Stoppuhren funktionieren in 11.000 Saiten wie ein Taktstock, der mit den Takten in der Partitur ab dem 17. Jahrhundert durch Jean-Baptiste Lully mit der Académie royale de musique in Paris formalisiert und akademisiert wurde.[6]

11.000 Saiten ist nach Georg Friedrich Haas kein „Experiment“, vielmehr komponiert er sein bis dahin entstandenes Material anders, indem er mit 50 Klavieren jeweils nur um zwei Cent anders gestimmt 65 Minuten lang einen „reichhaltigen Klang“ erzeugt. Haas fragt in seiner Komposition, was Töne und Tonhöhen sind und wird dabei hinsichtlich der Mikrotonalität von Dougherty unterstützt, dass es sich bei „einer Tonhöhe (…) nicht um einen Punkt“ handele, „sondern um ein Spektrum“.[7] Wenn wir also einen Ton, der in mikrotonal gestimmten Klavieren von rechts nach links auf 50 nacheinander angeschlagen wird, dann ergibt sich ein faszinierend dynamischer Klang, der im Kreis um die Zuhörer*innen herumläuft. Wird dieser Ton oder eine Tonfolge in der MaHalla weiterhin z.B. auf der Posaune (Mikael Rudolfsson), der Violine (Gunde Jäch-Micko) oder dem Saxofon (Gerald Preinfalk) wiederholt, ergibt es einen äußerst vielfältigen Klang, der an eine Sinfonie erinnern könnte.

Erweiterte Spielpraktiken aller Instrumente bereichern die Klangvielfalt ebenfalls. Neben den 50 Klavieren mit 50 Spieler*innen ist das Orchester mit 2 Flöten, 1 Oboe, 2 Klarinetten, 1 Saxofon, 1 Fagott, 1 Horn, 1 Trompete, 2 Posaunen, 1 Akkordeon, 1 Harfe, 1 Cembalo, 2 Schlagwerken, 3 Violinen, 2 Bratschen, 2 Violoncello, 1 Kontrabass, also 25 weiteren Musiker*innen, insgesamt 75 groß besetzt. Das ist mittlere Sinfonieorchester-Größe. Die 50 meist jungen Klavierspieler*innen erweitern das Ensemble Klangforum Wien. Der Klang schwirrt nicht nur durch einen Raum, die MaHalla, um die Zuhörer*innen herum, er wird auch im Raum moduliert. Posaune und Saxofon können fast tonlose Atemgeräusche erzeugen oder einen plötzlichen Ton laut oder leise hervorstoßen. Mikrotonalität wird so zu einer Erweiterung der Tonalität.

Alle 75 Instrumente im Raum erzeugen einen zusammenstimmenden, einen sinfonischen Klangraum ohne einen zentralisierten und idealisierten Wahrnehmungsort wie den der Dirigent*in. 11.000 Saiten ist die Reflexion eine Großsinfonie, bei der die zentrale Zuhörer*inposition aufgelöst wird. Gunde Jäch-Micko streicht nicht nur über die Saiten ihrer Violine, sie nimmt auch einen großen Kontrabassbogen in die Rechte, um langsam an zwei Becken auf- und niederzustreichen. Ein feiner schwirrender Oberton lässt sich hören. Gegen Ende des Klangwerkes streichen die 50 Klavierspieler*innen mit Stoffhandschuhen und trockenen Wischlappen nacheinander über die Tastaturen, wodurch ein voluminöser lauter Klang erzeugt wird, als handele es sich um das finale Crescendo einer Sinfonie. Stille. Tosender Applaus.

11.000 Saiten lässt sich – und das wäre der Mehrwert des Fragezeichens – in mehrere Richtungen der Musikgeschichte und des Musikwissens auffächern. Denn die 11.000 Saiten der Klaviere reflektieren nicht zuletzt die Saiten der Streichinstrumente in einem größeren Sinfonieorchester. In den Streichern wird musikhistorisch die thematische Grundlage für eine Sinfonie gelegt, während das Klavier sich früh als besonders virtuos zu spielendes Soloinstrument herausbildet. Klavierspieler*innen bzw. Pianisten sind seit dem 19. Jahrhundert neben anderen Soloinstrumenten die Virtuosen schlechthin. In 11.000 Saiten erzeugen 50 Klavierspieler*innen ein Klangereignis, das vor allem in seiner chronologischen Abstimmung wie ein einziges Instrument klingen soll. Der Dirigent Vimbayi Kaziboni hatte diese Abstimmung vor allem vor der Aufführung zu leisten, damit dann in ziemlich genau 61 Minuten die Komposition ablief wie am Schnürchen.

Organism + Exitable Chaos im Ausstellungsraum des Spore Hauses fasziniert zunächst durch das dynamische Kreisen der Schwungräder mit ihren Lämpchen. Aus den Orgelpfeifen, die aus dem Kulturerbe-Instrument in Montreal stammen erklingen Töne, die sich indessen schwer in eine Orgelkomposition von z.B. Bach einordnen lassen. Die Töne, die anscheinend durch die von elektrischer Energie, die durch die Schwungräder mit Spulen erzeugt wird, erzeugt werden erklingen in einer chaotischen Abfolge. Die Installation läuft von selbst. Die Besucher*innen gehen zu den Orgelpfeifen und versuchen, ihrer Konstruktion visuell zu verstehen. Navid Navab erklärt:
„Ich schätze traditionelle Orgeln sehr, als hochkomplexe, energetisch aufgeladene Orte, an denen kulturell geprägte Vorstellungen von Harmonie, Schönheit und Komplexität zum Ausdruck kommen. Zugleich möchte ich aber darauf aufmerksam machen, wie diese Ideale unsere Beziehung zur schöpferischen Wildheit der Natur überlagern, zu jener Fähigkeit der Natur, Formen hervorzubringen, die sich nicht unbedingt den Maßstäben der Tonalität unterordnen.“[8]

Das Klangereignis ist auch für Navid Navab wichtiger als eine klassische Form der Musik. Mit anderen Worten: Die Elektronik in Kombination mit dem alten und mythischen Instrument der Orgel zur tonalen Verehrung des christlichen Gottes ebenso wie zur Disziplinierung der singenden Kirchengemeinde wird von dem Forscher-Komponisten-Programmierer genau andersherum genutzt, indem er das Instrument erkundet. Was ist eine Orgel und welche Funktionen erfüllt sie nicht zuletzt in sozialer Hinsicht zur Bildung einer Kirchengemeinde? Über Jahrhunderte haben Orgeln und Orgelwerke Gemeinschaften gebildet, während beispielsweise in reformierten Gemeinden gar keine Orgel erlaubt war.
„Schon bald stieß der Instrumentenbauer Garnet Willis zu mir, und gemeinsam begannen wir das Innenleben der Orgel genauer zu erforschen. Für uns war sie nicht nur ein Musikinstrument, sondern ein technischer Ort, an dem die wilde, unberechenbare Natur über Jahrhunderte in kontrollierte Klangkultur verwandelt wurde.“[9]
Torsten Flüh
MaerzMusik 2026
bis 29.3.2026
Navid Navab
Organism: In Turbulence
Spore Haus
24. + 25. 03. 2026, 18:30 Uhr
[1] Kamila Metwaly/Matthias Pees: MaerzMusik 2026: No Strings Attached. Essays Gespräche Perspektiven. Berlin: Berliner Festspiele 2026, S. 4.
[2] William Dougherty im Gespräch mit Georg Friedrich Haas: Das Fragezeichen im System. In: ebenda S. 10. (Erstmals veröffentlicht im VAN Magazin 25. September 2025)
[3] Siehe: Klangforum Wien: Ensemble.
[4] Diese Passage basiert auf teilweise eigenen Forschungen an der Berliner Chausseestraße. Initial war ein Bauschild 2001 an der Chausseestraße: EDISON HÖFE. Exakt dort war die Deutsche Edison Gesellschaft zur Nutzung der Elektrizität gebaut worden. Ich biete über Berlin-Feuerland regelmäßig Stadtführungen zu diesem Herz der deutschen Industrialisierung an.
[5] Siehe Torsten Flüh: Klangraumerkundung. Zur Uraufführung von Rebecca Saunders Stasis-Kollektiv mit dem Ensemblekollektiv Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 3. November 2016. (PDF)
[6] Siehe Torsten Flüh: Schauspiele der Weltordnung. Emmanuelle Haϊm dirigiert und komponiert Jean-Baptiste Lully und Jean-Philippe Rameau für die Berliner Philharmoniker. In: NIGHT OUT @ BERLIN 3. November 2025.
[7] William Dougherty im … [wie Anm. 2] S. 14.
[8] Navid Navab im Gespräch mit Mario Schmidhumer: Klang als lebendiger Prozess. In: MaerzMusik … [wie Anm. 1] S. 96.
[9] Ebenda S. 96-98.








































































































































