Rückkehr eines aus dem Kanon Gefallenen

Kanon – Schriftsteller – Verrat

Rückkehr eines aus dem Kanon Gefallenen

Zum doppelten Jahrestag des Franz Freiherr Gaudy und der Neuedition seiner Ausgewählten Werke

Im Rahmen der Kleist-Festtage im Kleist-Museum in Frankfurt/Oder fand am 11. Oktober die Präsentation des ersten Bandes der Ausgewählten Werke Franz von Gaudys mit einem Vortrag der Herausgeberin Doris Fouquet-Plümacher und eingestreuten Lesungen von Gedichten und Textpassagen durch Henning Westphal statt. Die Veranstaltung konnte am 19. April zum exakt 220. Geburtstag des in Frankfurt im „Haus zum roten Polacken“ in der Oderstraße 13 geborenen Schriftstellers aus Gründen der Covid-19-Pandemie nicht stattfinden, so dass sie nun unter den bekannten Hygieneregeln mit verringerter Teilnehmer*innenzahl abgehalten wurde. Als sei abermals das Lebenslotto, so der Titel eines ironischen Gedichts des Jubilars, selbst im Nachleben ungünstig ausgefallen, hatte sich die Vorstellung der textkritischen Werkausgabe abermals verzögert. Doris Fouquet-Plümacher hat ihn mit großem persönlichem Engagement in einer über achtjährigen Forschungsarbeit „wachgeküsst“, wie es eine Freundin formulierte.

Franz Freiherr Gaudy, wie er sich programmatisch als Autor nannte, gehörte im 19. Jahrhundert und durch zahlreiche Neuausgaben seiner Venetianischen Novellen bis in die 20er Jahre zum Kanon der deutschen Literatur. Am 5. Februar 1840 verstarb der Schriftsteller jung und unverheiratet in Berlin an einem Schlaganfall. Fouquet-Plümacher wies in ihrem Vortrag auf die prekären Lebensumstände des preußischen Armeeadels hin, denn sie waren alles andere als glamourös. Franz wird in Frankfurt als Sohn eines Majors in die soziale Klasse der Armee hineingeboren. Seine Paten sind die Vorgesetzten des Vaters General Franz Kasimir von Kleist und der Generalmajor August von Zenge. Heinrich von Kleist, der berühmte Schriftsteller, erschießt sich am Kleinen Wannsee, als Franz 11 Jahre alt ist. Er geht gar auf das Elite-Gymnasium Schulpforta, um dann zu einer Karriere in der Armee gedrängt zu werden, die durch Langeweile, Duelle und wiederholte Festungshaft über 15 Jahre scheitert. Die Freiheitsfantasie trotz Zensur in Preußen hieß für ihn, „Dichter“, Schriftsteller werden.

Claudia Czok hatte für die Veranstaltung eine Pop-up-Ausstellung eingerichtet, um den Schriftsteller auch visuell im Kleist-Museum präsent werden zu lassen. Denn das Kleist-Museum unter der Leitung von Dr. Hannah Lotte Lund hat nun Gaudy als einen weiteren Schriftsteller und Sohn Frankfurts in den Bestand aufgenommen. Für das Museum hatte Claudia Czok bereits mit Anette Handke pünktlich zum Geburtstag im April den Blog franzvongaudy.wordpress.com entwickelt, designed und hochgeladen. Rot als Hintergrund mit schwarzer Type ist allerdings immer ein wenig gefährlich, selbst dann, wenn damit Bezug auf den Geburtsort „Haus zum roten Polacken“ und ein rotlackiertes Namensschild an der Tür genommen wird. Czok macht Texte und Bilder von Gaudy zugänglich wie den programmatischen als auch selbstironischen Besuch bei einem Dichter vom 21. Oktober 1837 in der Berliner Markgrafenstraße 87. Literarisch macht der Text einige rhetorische Figurensprünge, die es schwierig werden lassen, ihn rein autobiographisch zu lesen. Das beginnt bereits beim Namen des Dichters.
„Dieser Herr Franz Freiherr Gaudy — weshalb mag er wohl niemals von und immer nur Freiherr schlechtweg schreiben? Vielleicht macht er sich nichts aus den drei ominösen Buchstaben, und will den Leuten blos zeigen, daß er ein freier Herr sei und sich um Niemanden scheere. Wer kann’s wissen — also dieser Herr Gaudy, welcher einer schlauen Kritik des Herrn O. Gruppe zufolge, durch einige gelungene Dichtungen bekannt seyn soll, wohnt in der Markgrafenstraße Nr. 87 auf gleicher Erde, wie ich dies auch im Berliner Wohnungsanzeiger ausnahmsweise richtig bemerkt fand. Sein Name steht auf einem rothlakirten Blech an der äußersten Stubenthür — das Zimmer hat nämlich Doppelthüren.“[1]

Der Erzähler, Gaudy, besucht im Text einen Dichter, „Franz Freiherr Gaudy“, indem er sich rhetorisch ab- oder aufspaltet. Mit der rhetorischen Figur der Parenthese, fragt der Erzähler sich, „weshalb (…) er wohl niemals von und nur Freiherr schlechtweg schreib(e)“. Diese nicht nur rhetorische Frage wird nicht beantwortet, zumindest nicht direkt. Eine mögliche Antwort wird im Konjunktiv I mit dem eine Unsicherheit oder Vermutung[2] anzeigenden Adverb vielleicht formuliert. Doch die Vermutung wird noch dadurch zugespitzt, dass die den Adelstitel anzeigende Präposition[3] von zu „drei ominösen Buchstaben“ entleert wird. Sie werden gleichsam bedeutungslos. Stattdessen löst sich die Vermutung rhetorisch in einem Konzetto auf. Denn der Adelstitel Freiherr wird geistreich zu einem „freie(n) Herr(n)“, der „sich um Niemanden“ schert. Doch die mögliche Antwort wird noch in der Parenthese mit der Floskel „Wer kann’s wissen“ konterkariert.

Letztlich beantworten weder der Erzähler noch der Dichter die Frage nach dem Grund, weshalb sich „(d)ieser Herr Franz Freiherr Gaudy … schreib(t)“. Es gibt für Gaudy keinen anderen Grund als das Schreiben, könnte man fast sagen. Was als unterhaltsame Eröffnung des Besuches erzählt wird und an eine narzisstische Spiegelung denken lässt, erweist sich als eine rhetorisch ausgefeilte Konstruktion. Womöglich gehörte klassische Rhetorik zum Lehrplan in Schulpforta, so dass Gaudy damit früh vertraut war. Gaudy wollte in Göttingen Jura studieren, was vor allem heißt: Gesetzestexte zu lesen, zu analysieren und auf Einzelfälle anzuwenden. Der Besuch bei einem Dichter bekommt durch die Rhetorik einen humoristischen Zug. En passant wird der „Berliner Wohnungsanzeiger“ als ein nicht immer zuverlässiges Verzeichnis kritisiert. Statt einer geräumigen Wohnung lebt der Dichter in einem Zimmer mit Doppeltüren. Die Rede- oder Formulierungskunst wird in diesem Text und Gaudys Werk ebenso wie im Gedicht Lebenslotto bis zur Phantastik der Venetianischen Novellen zu einem wichtigen, wenn nicht hervorstechenden Strang. Kritik an der Zensur in Preußen wird durch eine Metonymie möglich.
„Und milde lächelnd sprach Fortuna jetzt:
„Muth! Muth! Noch wird die Ziehung fortgesetzt!“
Zum Dritten zog ich nun – ein Saitenspiel!
Ich schlug es an, erst blöd‘, allmählig dreister;
Stehn blieb so Mancher, dem mein Ton gefiel,
Ermuth’gend lächelten die hohen Meister.
Da hieß es: „Still! Das Staatsgesetz erlaubt
Charaden nur und patriot’sche Lieder!“ –
Für mich zu hoch. Ich schüttelte das Haupt,
Und legte seufzend auch die Zither nieder.“

1834 gehört Gaudy noch nicht zum Kanon der Literatur, verkehrte aber schon in der „Mittwochsgesellschaft“, „dem wichtigen Literaturzirkel der preußischen Hauptstadt, in dem er Willibald Alexis, Joseph von Eichendorff, Emanuel Geibel, Julius Hitzig, Karl von Holtei, August Kopisch, Franz Kugler und Karl Streckfuß traf“.[4] Fouquet-Plümacher knüpft hier an Anna Buschs Untersuchung Hitzig und Berlin. Zur Organisation von Literatur (2014) an.[5] Denn die „Mittwochsgesellschaft“ der 1830er Jahre in Berlin wurde von dem Juristen und Kriminaldirektor, Verleger, Schriftsteller und Literaturmanager Julius Eduard Hitzig (1780-1849) organisiert. Sie ist nicht zu verwechseln mit der „Geheimen Mittwochsgesellschaft“, die zwischen 1783 und 1798 in Berlin u.a. mit Moses Mendelssohn existierte.[6] Doch knüpft Hitzig als Schriftsteller und Organisator an die aufklärerische Geste der älteren Mittwochsgesellschaft an. Adelbert von Chamisso gehörte ebenfalls zu dieser Gesellschaft, so dass Hitzig auf Wunsch des „Vorausgegangenen“[7] 1839 dessen Leben und Briefe als Biographie geschrieben und herausgegeben hat.[8] Eine offizielle Kanonisierung erfährt Gaudy mit den Venetianischen Novellen kurzzeitig „Ende der 1920er Jahre als Schullektüre“.[9]

Die Freundschaft von Franz von Gaudy zu Adelbert von Chamisso wird von Fouquet-Plümacher mit dem „Nachruf-Gedicht Chamisso ist todt“ als „in der Tat der einzige Freund, den Gaudy jemals nennt“, hervorgehoben.[10] Hitzig berichtet in seiner Chamisso-Biographie, dass „im Juli (…) die Freunde mit ihm in seinem Garten einige der heitersten Abende, und Gaudy, Kugler, Rauschenbusch und Eberhard Friedländer aus Dorpat,“ zugebracht hätten.[11] Gaudy hatte sich zu einer Italienreise verabschiedet. Am 21. August 1838 stirbt Adelbert von Chamisso an einer von Hitzig detailliert beschriebenen Lungenentzündung.[12] Gaudy erhält die Nachricht vom Tod seines Freundes in Italien, wo sie in eine Idylle am Golf von Neapel unter dem Vesuv einbricht oder zumindest als dort einbrechend imaginiert wird.
„Zu Füßen rauschte wild des Volks Gedränge
In roher Lust, in Klag‘, in gellndem Zank;
Zerrissen wehten Mandolinenklänge,
Nachtfaltern gleich, den stillen Golf entlang;
Um des Vesuvs in Schlaf gewiegten Krater
Verschwamm das lezte müde Abendroth –
Ich weinte still: Mein einz’ger Freund, mein Vater,
Mein Chamisso, mein Chamisso ist todt! –“[13]

Gaudy und Chamisso teilten das Trauma einer fast tödlichen Cholera-Erkrankung. Er war wie Franz von Gaudy 1831 während der Cholera-Epidemie in Berlin und Posen an der Seuche erkrankt. Am 30. August 1831 hatte Chamisso eine „letztwillige() Verfügung“ mit den Worten aufgesetzt: „Hitzig solle, wenn er ihn überlebe, eine Auswahl aus seinen nachgelassenen Papieren herausgeben und eine biographische Notiz vorausschicken.“[14] So weit kam es nicht, aber Hitzig nahm 1838 diese als Auftrag, um nun Leben und Briefe zu veröffentlichen. Gleichwohl gibt Chamissos letzter Wille an den Juristen einen Wink auf die Ängste während der Erkrankung und Epidemie. Er konnte sich nicht einmal sicher sein, dass Hitzig „ihn überlebe“. „Gaudy erkrankte vom 20.7.-3.8.1831: »Fest überzeugt, daß ich draufgehn muß«, heißt es am 26.7.1831 in seinem Tagebuch“.[15] Die Erfahrung an der Cholera während der Epidemie lebensgefährlich erkrankt gewesen zu sein, erhält auf bedenkenswerte Weise bei beiden Schriftstellern keine narrative oder poetische Verarbeitung.[16] Gaudys Gedankensprünge eines der Cholera Entronnenen (1832) springen munter erzählend vom Trauma davon, indem der Begriff im Titel genannt, aber nicht be- oder verarbeitet wird.

Die Herausgabe des Deutschen Musenalmanachs durch Adelbert von Chamisso und Gustav Schwab eröffnete Gaudy nicht nur eine Möglichkeit zur Publikation, vielmehr wird er selbst zum Herausgeber und Organisator von Literatur. Als assoziierter und offizieller Herausgeber entschied Gaudy, welche Dichter mit welchen Gedichten im namhaften Musenalmanach veröffentlicht werden sollten. Wer dort veröffentlicht wurde, hatte quasi eine erste Stufe zur Kanonisierung erreicht. Die Regeln und Themen für den Prozess der Kanonisierung wurden allerdings kaum formuliert. Für das Jahr 1832 finden sich im Musenalmanach keine Spuren der Cholera. Im Deutschen Musenalmanach für das Jahr 1833 veröffentlicht „Gaudy, Freih. v.“ vier Gedichte – Zu spät, Die Winterrose, Hoffnung und Der Sabbatmorgen.[17] Für das Jahr 1839 wird er zusammen mit Chamisso einmal als Herausgeber des Deutschen Musenalmanachs genannt und u.a. sein Gedicht Lebenslotto abgedruckt.[18] Ab 1840 wird der Deutsche Musenalmanach in einer neuen Zählung von Ernst Theodor Echtermeyer und Arnold Ruge herausgegeben.

Auffällig an der von Gaudy mit Chamisso gezeichneten Herausgabe des Deutschen Musenalmanachs für das Jahr 1839 ist, dass „Graf von Platen’s Bildnis“ vorangestellt wird. Doch der Band enthält keine Gedichte August Graf von Platens, über den Gaudy in einem Briefwechsel mit Heinrich Heine korrespondiert hatte.[19] Platen war bereits Ende 1835 in Syrakus verstorben. Seit der durch Heine angestoßenen, homophoben Platen-Affäre von 1826 war der diskreditierte Dichter nicht dauerhaft nach Deutschland zurückgekehrt. Nachdem im Musenalmanach als Bildnisse Adelbert von Chamisso (1833), Friedrich Rückert (1834), Gustav Schwab (1835), Anastasius Grün (1836), Heinrich Heine (1837) und Ludwig Uhland (1838) erschienen waren, nimmt sich das Bildnis Platens in dieser Abfolge kurios aus, weil er anders als die andern umstritten war. Es lässt sich als Versuch einer Rehabilitierung lesen. Fouquet-Plümacher weist einerseits auf Ähnlichkeiten in der missglückten Armeekarriere bei Gaudy und Platen hin.[20] Andererseits wird die Ehelosigkeit Gaudys damit begründet, dass „vielleicht, weil jede wirtschaftliche Grundlage für eine Heirat fehlte, vielleicht aus anderen Gründen“.[21] Wir wissen es nicht.  

Doris Fouquet-Plümacher widmet sich nach ihrer beruflichen Tätigkeit als Bibliotheksdirektorin an der Universitätsbibliothek der Freien Universität zu Berlin der Gaudy-Forschung. Sie möchte den glücklosen Dichter aus Frankfurt dem Vergessen entreißen. Zu ihren zahlreichen Aktivitäten gehören Vorträge, Verlagssuche, das Sammeln von Gaudy-Ausgaben und -Kuriosa. Als Bibliotheksdirektorin im (Un)Ruhestand gilt ihr besonderes Augenmerk der bibliophilen Sammlung und Edition von Büchern zu Gaudy. Ihr Anliegen ist, Franz von Gaudy mit seinem Werk wieder zugänglich zu machen und ihn als guten Schriftsteller und als liberalen Bürger im Vormärz-Preußen wieder ins kulturelle Gedächtnis zurückzurufen. Doch zunächst trat sie 2018 mit der Spende zur Wiederherstellung der Grabstätte Franz von Gaudys am Familienbegräbnis auf dem Friedhof der Jerusalem-Kirchengemeinde vor dem Halleschen Tor an die Öffentlichkeit. Da Gaudy im Juli 1839 in die Markgrafenstraße 17 aus Italien zurückgekehrt war, gehörte er zur Gemeinde der alten Jerusalem-Kirche, die noch aus dem 15. Jahrhundert am Ende der Markgrafenstraße gelegen war. Chamisso war ebenfalls auf dem Friedhof der Jerusalem-Kirchengemeinde bestattet worden, so dass sich heute noch bzw. wieder auf dem Friedhof mit E. T. A. Hoffmann etc. mehrere Berliner Dichter aus der Zeit nach 1800 finden lassen. Franz von Gaudy hatte zunächst keinen eigenen Stein mit Inschrift erhalten. Erst zum 100. Geburtstag am 19. April 1900 wurde ihm von seinem Neffen, dem Generalleutnant Arthur von Gaudy, ein Kissenstein gestiftet, der im Zweiten Weltkrieg verlorenging.

Im panoramatischen Schaukasten des Foyers der Universitätsbibliothek der Freien Universität in der Garystraße 39 hat die Herausgeberin nun eine kleine Ausstellung anlässlich der Jahrestage eingerichtet. Der Schwerpunkt liegt auf der textkritischen Neuausgabe und antiquarischen Editionen der Venetianischen Novellen und italienischen Erzählungen. Um 1900 zum 100. Geburtstag erfuhr Gaudy einen Schub in seiner Kanonisierung aus einem ganzen Ensemble an Publikationen, namentlichem Grabstein und Artikeln in Zeitungen wie der Münchner Allgemeinen Zeitung.[22] Gaudy ließ sich gar in den 20er Jahren mit der Phantastik einiger Novellen als ein Vorreiter moderner Literatur- und Erzählformen lesen. Gleichzeitig fand eine prekäre Popularisierung der Novellen statt, so dass der verstümmelte und normalisierte Gianettino l’Ingrese als Gianettino l’Inglese, also mit l statt r, in der „Hausbücherei der frischen Resi“ für die „bayrische Kernmagarine Resi“ werben durfte.[23]  
„Die gefürchteteste Brigantenhorde war die des Gianettino l’Ingrese. Der Name ihres Anführers verbreitete Schrecken bis an die Schwelle des Quirinals, paralysierte die kecksten, in der napoleonischen Schule gebildeten Gensdarmen, und war hinreichend die Ausflüge der Reisenden und Maler wochenlang zu verzögern, wenigstens solang bis die seinigen eine entgegengesetzte Richtung genommen hatten. Sein Wohnsitz war in seiner der wildesten Gebirgsschluchten zwischen Riofreddo und Carzoli, just auf der päbstlichen und neapolitanischen Grenze. Das Volk beschwur es mit tausend Eiden, daß Gianettino ein Zauberer sei, sich an zwei Orten zugleich befinden, sich auch nach Umständen unsichtbar machen könne, und jederzeit auf einen Bajocco wisse, wieviel Pachtgeld der Pächter abzuliefern habe.“[24]   

Fouquet-Plümacher macht in ihrer Einführung zu den Novellen kurz auf deren Narratologie aufmerksam. Gaudy entwickelt eine eigene Art Geschichten und Geschichte zu erzählen. „Beispielhaft“ sei das in der Novelle Der Stumme zu lesen. „Eine breite Rahmenerzählung stellt die Beziehung Italien – Deutschland bzw. Rom – Berlin besonders heraus. (…) Die eigentliche Novelle ist die Lebensbeichte eines stummen, alten Römers, der, als Waisenkind klösterlich zum Abbate erzogen, bei einem Fürsten arbeitet, (…) Kulminationspunkt ist der römische Karneval mit dem Umbruch der Geschichte.“[25] Die Verschränkung von Novellen- und Geschichtserzählung führt zu einem neuartigen Geschichtsbild, das u. a. mit dem Gemälde Italia und Germania (1811-1828) von Friedrich Overbeck (1789-1869) als vermeintliche Allegorie auf die deutsch-italienische Beziehung gesehen wurde. Die Anlehnung suchende Darstellung der Germania kann dabei an Albrecht Dürers Melancholia erinnern.[26] Friedrich Overbeck kannte selbstverständlich Dürers Melancholia. Insofern entsteht das Geschichtsbild durch eine Montage als spezifisch moderne Darstellungsform. Reiseerlebnis, Befreiungsgeschichte und Heiligenlegende werden von Gaudy in Der Stumme zur Novelle montiert.

Das durch den Titel sinnfällige Bild zweier Nationalgöttinnen ohne Nationalstaaten ist bedenkenswert. Die Nationalstaaten Italien und Deutschland werden erst 1861 bzw. 1871 durch Kriege als König- bzw. Kaiserreich gegründet. Nora Eckert schreibt in ihrer Rezension der Ausgewählten Werke, dass „auch andere Erzählungen (…) vom tragischen Missverständnis (wissen), das der deutschen Sehnsucht nach dem Süden eingeschrieben scheint“.[27] Das Gemälde Italia und Germania beginnt schnell zu kursieren. 1840 wird ein Stich des Gemäldes zum Signet der italienischen Zeitschrift La Rivista Viennese aus Wien, wo gleichzeitig Der Stumme in italienischer Übersetzung veröffentlicht wird. Das Bild als Signet illustriert nicht die Novelle Der Stumme. Aber es kontextualisiert Gaudys Erzählung in einer Geschichtserzählungen. Während englische Adlige bereits im 17. und 18. Jahrhundert ihre Grand Tour nach Italien und Rom antraten, um sich ein quasi überzeitliches Geschichtswissen der sogenannten Ewigen Stadt anzueignen, reisen die deutschen Künstler, Schriftsteller, Maler und Archäologen mit Verspätung, um sich mit Italien zu identifizieren. Es spielt ein, sagen wir, verpasstes Bild in der Novelle eine entscheidende Rolle.
„Ich breitete die Arme nach dem bezaubernden Bilde aus, ich stimmte in den Jubelruf der Menge: Quanto è bella! mit ein. Benedetta wandte sich um und warf mir mit dem holdseligsten Lächeln einen vollen, duftenden Veilchenstrauß zu. Ich fing die Blüten auf, preßte sie an meine Lippen, riß mich von meinem Begleiter los und taumelte neben dem Wagen: Benedetta dal cielo! jauchzend, bis mich ein neuer Maskenschwarm abdrängte und die Geliebte in dem Gewühl meinen Blicken entschwand. Sie hatte mich erkannt, sie hatte mir vergeben!“[28]

Franz von Gaudy wie der Ich-Erzähler in Der Stumme begehrt und identifiziert sich mit Benedetta, mit dem Bild, von dem er bezaubert ist. Sie ist nicht nur ein Bild der angebeteten, vielmehr ruft er ihr zu: „Benedetta dal cielo!“ Die quasi religiöse Verzückung durch die Veilchensträuße werfende „Benedetta aus dem Himmel“ setzt vielmehr jene Überschneidung von Wunschbild und für Gaudy z.B. durch mangelnde finanzielle Mittel harte Realität der Romreise in Szene. Gaudy ist in dieser Schwärmerei nicht allein wie auch der Stumme sich in der „Menge“ bewegt, bis er von einem „neue(n) Maskenschwarm abgedrängt()“ wird. Die Karnevalszene gibt einen Wink auf ein verehrtes und begehrtes Bild von Italia und/oder Roma, das sich für die wenigsten Reisenden erfüllen kann. Benedetta ist nicht nur eine Geliebte, sie wird zur Gesegneten und damit Adressatin aller Sehnsüchte und Schmerzen. Das Heiligenbild wird durch die Reise und Teilnahme am Karneval vermeintlich erreichbar. Es wird profaniert, um zugleich unerreichbar zu bleiben. Denn erzählen heißt immer auch verraten:
„Ich schauderte, wenn ich mir die möglichen Folgen meines Leichtsinns vergegenwärtigte. Jener geistige Rausch, der mich zum Schwätzer gemacht hatte, war verflogen. Ich verstummte; keins der Schmeichelworte Carlo’s wollte mehr verfangen. In einer entsetzlichen Beklemmung schied ich, gedachte mit Beben des Augenblicks, wo ich Benedetta und ihren Vater, den schmählich Verratenen, unter die Augen treten sollte, und durchwachte die Nacht, gefoltert von den finsteren Ahnungen.“[29]

Gaudy schmückt die Geschichte vom Erzählen als ein Verraten höchst kunstvoll aus. Man könnte sich fast fragen, was er denn nun Carlo verraten hat außer die Gefühle des Grafen gegen die Franzosen. Doch es ist nicht entscheidend, was der Stumme ideenreich verrät. Es ist auch nicht wichtig, dass sich Carlo seinerseits als Spion und Verräter erweist. Es geht vielmehr um den „geistige(n) Rausch“ des Erzählens als Tätigkeit des erzählenden Schriftstellers. Erzählerfiguren spielen mehrfach in den Novellen eine wichtige Rolle. Was dem Schriftsteller, ob als Novellist, Poet oder Dramatiker eigen wird, ist der Verrat, den er nicht will und gleichzeitig ausüben muss. Die Leser*innen kaufen auch Literaturen, um zu lesen, was verraten wird. In seinen Gedichten und Novellen scheint Franz von Gaudy viel von sich und seinem Leben zu verraten. Nicht zuletzt Literaturwissenschaftler*innen suchen immer wieder nach Spuren, wo der Schriftsteller etwas über sein Leben, seine Lebenspraxis oder gar sich selbst verrät. – Doch kann man einem langjährigen Armeeangehörigen, der die Konsequenzen des Verrats kennt, und zugleich leidenschaftlichen Schriftsteller glauben, der mit dem Aufwand einer farbenfrohen, aber dramatischen Novelle so genau vom Verraten und Verstummen schreibt?  

Torsten Flüh

Franz von Gaudy:
Ausgewählte Werke
Herausgegeben von Doris Fouquet-Plümacher
Band 1. Venetianische Novellen und italienische Erzählungen.
Hildesheim, Zürich, New York: Olms, 2020
426 S., Hardcover
ISBN: 978-3-487-15849-5
Subskriptionspreis bis zum 31.12.2020 :  29,80 EUR
Preis ab dem 01.01.2021 :  49,80 EUR

Franz von Gaudy
Venetianische Novellen und italienische Erzählungen.
Eine Ausstellung zum Erscheinen der kritischen Studienausgabe
bis 11. November 2020
Mo bis Fr von 10.00 bis 16.00 Uhr
im Foyer der Universitätsbibliothek
Garystraße 39
14195 Berlin-Dahlem

Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg:
http://stiftung-historische-friedhoefe.de/wiederherrichtung-der-grabstaette-von-franz-freiherr-gaudy/


[1] Franz Freiherr Gaudy: Besuch bei einem Dichter. Zitiert nach Claudia Czok https://franzvongaudy.wordpress.com.

[2] Siehe Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache: „Bedeutungsübersicht“ vielleicht 1.

[3] Ebenda „Bedeutungsübersicht“ von VI.

[4] Doris Fouquet-Plümacher: Franz Freiherr Gaudy. In: Franz von Gaudy: Ausgewählte Werke, Band 1. Venetianische Novellen und italienische Erzählungen. Hildesheim, Zürich, New York: Olms, 2020, S. 21.

[5] Ebenda Fußnote 34.

[6] Berliner Klassik: Mittwochsgesellschaft auch: Geheime Mittwochsgesellschaft, Berlinische Mittwochsgesellschaft, Gesellschaft von Freunden der Aufklärung. Berliner Klassik 2007.

[7] Julius Eduard Hitzig: Adalbert von Chamisso: Leben und Briefe. Leipzig: Weidmann’sche Buchhandlung, 1839, ohne Seitenzahl (S. V). (Digitalisat)

[8] Ebenda S. VII.

[9] Doris Fouquet-Plümacher: Venetianische Novellen. In: Franz von Gaudy: Ausgewählte … [wie Anm. 4] S. 36.

[10] Ebenda S. 22.

[11] Julius Eduard Hitzig: Adalbert … [wie Anm. 7] S. 100.

[12] Ebenda S. 104-105.

[13] Franz von Gaudy: Chamisso ist todt.

[14] Ebenda S. VII.

[15] In der Fußnote 25 heißt es allerdings: „Tagebuch von 1831, nicht überliefert. Nach Dreecken, Gaudy, S. 23“. Doris Fouquet-Plümacher: Franz … [wie Anm. 4] S. 19.

[16] Vgl. dazu: Torsten Flüh: Verpassen des Traumas. Zum Verhältnis von Literaturen und Epidemien in Geschichte, Roman und Drama. In: NIGHT OUT @ BERLIN 20. Juni 2020.

[17] Deutscher Musenalmanach für das Jahr 1833. (Herausgegeben von A. v. Chamisso und G. Schwab.) Leipzig: Weidmann’sche Buchhandlung, 1833. (Digitalisat)

[18] Deutscher Musenalmanach für das Jahr 1839. (Herausgegeben von A. v. Chamisso und Franz Freih. Gaudy.) Leipzig: Weidmann’sche Buchhandlung, 1839. (Digitalisat)

[19] Doris Fouquet-Plümacher: Franz … [wie Anm. 4] S. 19.

[20] Ebenda S. 17.

[21] Ebenda S. 18.

[22] Vgl. dazu Fußnote 13 in Doris Fouquet-Plümacher: Venetianische … [wie Anm. 4] S. 36.

[23] Ebenda.

[24] Franz von Gaudy: Gianettino l’Ingrese. In: ders.: Venetiansche … [wie Anm. 4] S. 216.

[25] Doris Fouquet-Plümacher: Venetianische … [wie Anm. 4] S. 35.

[26] Siehe zur Melancholie als Stimmungswissen: Torsten Flüh: Von Melancholie und Hosenkampf zum Algorithmus. Zur Ausstellung Zwischen Kosmos und Pathos – Berliner Werke aus Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne in der Gemäldegalerie. In: NIGHT OUT @ BERLIN 26. August 2020.

[27] Nora Eckert: Märchenhaftes Allerlei. Venetianische Novellen und italienische Erzählungen im ersten Band der „Ausgewählten Werke“ von Franz von Gaudy, herausgegeben von Doris Fouquet-Plümacher. In: literaturkritik 25.09.2020.

[28] Franz von Gaudy: Der Stumme. In: ders.: Venetiansche … [wie Anm. 4] S. 310.

[29] Ebenda S. 312.

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