Fledermäuse, Pangoline, Labore und die Gattung Homo sapiens sapiens

Ursprung – Theorie – Wiederholung

Fledermäuse, Pangoline, Labore und die Gattung Homo sapiens sapiens

Wie Verschwörungstheorien Sinn stiften und Narrative vom Patient Zero bis zur Artengrenze übertragen werden

Zu berichten ist von einer Serie der Mosse-Lectures, die am 30. April 2020 um 19.00 Uhr c.t. unter dem Titel Verschwörungstheorien im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin hätte beginnen sollen. Doch als müsse die international besetzte Vorlesungsreihe mit aller Macht verhindert werden, mussten die vier interdisziplinären Vorlesungen der hochkarätigen Forscher*innen Eva Horn (Wien), Michael Hagemeister (Bochum), Clemenz Setz (Graz) und Didier Fassin (IAS Princeton) im März für das Sommersemester 2020 wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Nahezu prognostisch kündigte das Team um Elisabeth Wagner an: „Verschwörungstheorien haben Konjunktur in Zeiten der Verunsicherung, der bedrohlichen Veränderungen, lebensgeschichtlich und politisch, eklatant in Zeiten von Krisen und Katastrophen.“ Demnach hätte kaum ein Vorlesungsthema als Kritik besser in die Zeit gepasst.

„Regeln einhalten, Virus aufhalten.“

Welche Funktionen bedienen Verschwörungstheorien? Gehören sie trotz oft offenkundiger Lächerlichkeit nicht selbst zur Wissenschaftsliteratur der Theorien? Was unterscheidet die wissenschaftliche Theorienbildung von der einer Verschwörungstheorie? Welche Ursprungsmodelle sind nicht erst seit dem Ausbruch von AIDS im Schwange und erfahren derzeit eine frappierende Wiederholung? Helfen Ursprungsmodelle zwischen Rhesusaffen, Fledermäusen, Pangolinen und geheimen Laboren für biologische Kriegsführung bei der Verarbeitung einer Krise? Und wenn ja, auf welche Weise? Welche Funktion erfüllte „Patient Zero“ in der AIDS-Pandemie? Warum funktioniert „Patient Zero“ in der Corona-Pandemie nicht auf gleiche Weise? Oder ist der Arzt Dr. Li Wenliang aus Wuhan, der mittlerweile an einer Infektion mit SARS-CoV-2 verstorben ist, der neue „Patient Zero“? Warum „springen“ Corona-Viren nur von seltenen Tieren in China oder Afrika auf den Menschen über und nicht von Struppi, Susi oder Leon als des Menschen beste Freunde in Europa?

„Jetzt in Berlin: Care Sharing.“

Verschwörungstheorien sind medienwirksam und funktionieren als Nachricht. Deshalb sind sie nicht zuletzt für die Literaturforschung von Interesse. Am 26. Februar 2020 berichtete David Cyranowski im Wissenschaftsmagazin nature in der Rubrik „News“ lexikalisch an der Grenze von Wissenschaft und Kriminalgeschichte: „Mystery deepens over animal source of cornonavirus. Pangolins are a prime suspect“.[1] Ein geäußerter Verdacht – „suspect“ – wird wenigstens vorübergehend als Nachricht und Wissen verbreitet. Plötzlich schnellen unterschiedliche Wissensbereiche in einem Wissenschaftsmagazin zusammen. Da Pangoline als Schuppentiere ebenso extrem selten wie niedlich sind, illegal von Indonesien in die Volksrepublik China geschmuggelt werden, um dort vermeintlich auf dem Speiseplan und in der Traditionellen Chinesischen Medizin zu landen, waren sie als „tierische Quelle“ (animal source) nachrichtenästhetisch besonders attraktiv.[2]

„Danke an alle, die Berlin am Laufen halten…“

Verschwörungstheorien entwickeln eine Eigendynamik und führen entweder zur Verstärkung von interessengeleiteten Nachrichten oder sie schleichen sich in Nachrichten ein.  In den amerikanischen Fox-News vom 15.04.2020, die nicht nur bereitwillig, sondern massiv bejahend mit Bill Helmer Donald Trump unterstützen, wird über die Proteste gegen die Kontakt-Beschränkungen bzw. „Stay-Home-Order“ der demokratischen Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, in Lansing berichtet.[3] Getitelt wird die Nachricht dann mit „Citizen of Michigan protest Governor Gretchen Whitmer’s ‚arbitrary‘ stay at home order.“ Am 18. April um 19:30 Uhr schlichen sich Verschwörungstheorien zunächst in die RBB Abendschau als „Protest gegen Einschränkung von Grundrechten“[4] vor der Volksbühne, um dann um 20:00 Uhr noch einmal in der Tagesschau wiederholt zu werden und daraufhin zu verschwinden.

„Danke an alle, die Berlin am Laufen halten…“

Die Volksbühne als gefälschter Sitz der Organisatoren und imaginärer Ort eines Widerstands gegen den Staat gehört zur Rahmung dieser Verschwörungstheoretiker.[5] Um Glaubwürdigkeit zu erlangen, wird der Ort nicht nur eines Theaters, vielmehr noch der eines kritischen Diskurses besetzt und instrumentalisiert, so dass die Intendanz mitteilen muss: „In letzter Zeit finden regelmäßige Versammlungen des Vereins „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“ auf dem Rosa-Luxemburg-Platz statt. Der Verein benutzt dabei die Adresse der Volksbühne auf Drucksachen und im Impressum seiner Website. Wir stehen in keinerlei Verbindung zu diesem Verein. Die Adresse der Volksbühne wird ohne unsere Zustimmung verwendet. Wir prüfen aktuell rechtliche Schritte.“[6] Die Volksbühne wird paradoxer Weise von linken wie rechten Verschwörungstheoretiker*innen gekapert. Der freiberufliche Reporter Jörn Kersten geht der kruden Mischung aus Trump-Unterstützern, einem geschassten, rechten Volkslehrer und linken Impfgegner*innen etc. auf den Leim und interviewt vermeintlich „normale“ Teilnehmer*innen.[7] Verschwörungstheoretiker bilden über Narrative erstaunliche Allianzen.  

„Danke an alle, die Berlin am Laufen halten…“

Die angebliche Einschränkung der Grundrechte, für die dann das ein oder andere Mal eine Ausgabe des Grundgesetzes in der Hand gehalten wird, bildete eine Art Kristallisationspunkt der sogenannten „Hygiene-Demos auf dem Rosa-Luxemburg-Platz“. „Recht auf Freiheit“, Bewegungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit, „Recht auf Bildung in Kitas + Schulen öffnen“ und Religionsfreiheit sowie, wenn es schon ein wenig fortgeschrittener formuliert wird, Recht auf körperliche Unversehrtheit werden schnell, allerdings ohne Nennung der relevanten Artikel im Grundgesetz in Anspruch genommen.[8] Das symbolische Mitführen der Grundgesetz-Ausgabe erfordert nicht zugleich dessen Kenntnis, sondern dient der Visualisierung. Auffällig ist dabei eine Inanspruchnahme der Grundrechte bei gleichzeitiger hoher Elastizität ihrer Benennung als sprachliche Operation. Das Organisationsteam der Mosse-Lectures umreißt Verschwörungstheorien wie folgt:
„In ihnen wird ein Bedürfnis wirksam, komplexe Zusammenhänge auf einfache Sinngebungen zu reduzieren, wodurch eine psychotische und kollektive Dynamik in Gang gesetzt wird, die eigenen Ängste und Versagungen auf unbekannte Kräfte und geheime Mächte zu projizieren. Konspiratives Denken und Fühlen verwandelt Kausalitäten in Kontingenzen, Zufälle in Kohärenzen: es entsteht die bedenkenlose und widerspruchsresistente Logik eines konspirativen Diskurses: ein mitunter faszinierendes Amalgam, ein Netzwerk aus Erfahrungsmomenten und Wissenselementen, aus Vermutungen und Verdächtigungen, ein inspiratives und kreatives Potenzial an Phantasien, Fakten und Fiktionen.“[9]

„! Unnötige Wege & Kontakte vermeiden!“

Verschwörungstheorien und Falschnachrichten verbreiten sich nach Ansicht der Bundesregierung in sozialen Medien derart schnell, dass zuletzt am 17. April 2020 eine Seite zu „Mythen“ und „zahlreiche(n) Gerüchte(n) zum Coronavirus“ aktualisiert worden ist.[10] Auf das literarische Format des Gerüchts in Krisenzeiten wurde bereits mit Heinrich von Kleists Rahmung des Texts Charité-Vorfall in den Berliner Abendblättern eingegangen.[11] Gerüchte sind keine Verschwörungstheorien, obwohl sie mit ihnen zusammengehen können. Verschwörungstheorien erheben einen komplexeren Anspruch als ein vereinzeltes Gerücht. Leider bleibt die Seite der Bunderegierung beispielsweise zur Frage „Woher kommt das neuartige Coronavirus und wann wurde es entdeckt?“ unterkomplex. Anstatt „Falschnachrichten!“ konkret zu widerlegen, wird eine in Konkurrenz mit dem Format des Gerüchts schwache Vermutung kolportiert.
„Es wird vermutet, dass das Virus von Fledermäusen stammt. Die ersten Patienten haben sich augenscheinlich auf einem Huanan-Seafood-Markt in der chinesischen Stadt Wuhan infiziert, bei dem auch Wildtiere beziehungsweise Organe von anderen Tieren und Reptilien angeboten wurden.“[12]  

„! Ab Montag Pflicht: Mund-Masken-Schutz in Bus und Bahn!“

Gerüchte lassen sich schlecht mit einer Vermutung – „Es wird vermutet, …“ – widerlegen. Interessant ist zudem in der Formulierung, dass „die ersten Patienten (…) sich augenscheinlich auf einem Huanan-Seafood-Markt in der chinesischen Stadt Wuhan infiziert (hätten)“ in mehrerer Hinsicht. Erstens wird mit den „ersten Patienten“ das Modell des „Patient Zero“ bemüht und zweitens wird die Zoonose als Ursprungswissen eingesetzt. Wie bereits mit Kleists Charité-Vorfall angeschnitten, darf drittens die Augenscheinlichkeit oder Evidenz als Wissensformat der Moderne in Zweifel gezogen werden. Angeknüpft wird hier an das infektiologische Modell der Zoonose, die im Glossar für die Coronaviren des Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung allerdings ausdrücklich mit einem Fragezeichen versehen wird: „SARS – eine klassische Zoonose?“ Das HZI befasst sich seit 2002 mit der Herkunft der Coronaviren und formuliert entschieden eine weitere Möglichkeit, die bislang in einem Zeitraum von fast 18 Jahren weder wissenschaftlich bestätigt noch widerlegt werden konnte:
„Als andere mögliche Ursache wird angenommen, dass ein bereits bekanntes und unter Menschen verbreitetes Coronavirus zu dem aggressiven SARS-CoV mutiert ist.“[13]  

„Berlinweite Kontaktbeschränkungen …“

Da das Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung zu den führenden Einrichtungen seiner Disziplin zählt, darf die offen formulierte Ursache als ein entschiedener Wink über den aktuellen Wissensstand verstanden werden. Die Ursachenfrage bleibt bislang völlig offen, weshalb sich die Seite der Bundesregierung mit der Vermutung auf extremes Glatteis begibt. Die Frage nach der Ursache oder dem Ursprung darf man gerade bei Viren als die umstrittenste und schwierigste bezeichnen. Die Kategorie der Zoonose wird zum ersten Mal und fast unbegründet von Ernst Leberecht Wagner in seinem Handbuch der allgemeinen Pathologie 1865 benannt.[14] Die WHO hat 1959 die Zoonose auf Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden wie z.B. die Tollwut etc., eingegrenzt. Ernst L. Wagner führt unter den „Contagien und Miasmen“ erstmals die „Zoonosen“ als Klassifizierung von Infektionskrankheiten auf.[15] Er knüpft ausdrücklich an Wilhelm Griesingers Infectionskrankheiten als zweiten Band von Rudolf Virchows Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie aus dem Jahr 1857 an.[16] Während Griesinger sich indessen auf „Contagien und Miasmen“ beschränkt und sich z.B. bei der Malaria ausschließlich auf die Böden und Sümpfe als Ursache für krankheitserregende Ausdünstungen bzw. Miasmen konzentriert[17], fügt Wagner nach den „Parasiten“ nun die Übertragungen von Tier zu Mensch als „Zoonosen“ ein.
„3) die sogenannten Parasiten pflanzlicher und thierischer Natur ; — 4) die sogenannten Zoonosen (Wuthkrankheit, Lyssa — Milzbrand und Carbunkelkrankheit, Anthrax und Pustula maligna — Rotz und Wurm, Malleus humidus et farciminosus), bei denen eine Uebertragung zwischen Individuen verschiedener Gattung, meist von Thieren auf den Menschen stattfindet“.[18]  

„Mit d. Rad zur Arbeit schützt vor Infektion #FlattenTheCurve“

Noch bevor Robert Koch 1878 in seiner Ätiologie der Wundinfectionskrankheiten die Mikroorganismen als Erreger unter dem Mikroskop entdecken und durch färben augenscheinlich machen wird[19], formuliert Ernst Wagner die Zoonose als Ursache für Infektionskrankheiten bei Menschen. Die Zoonose trifft nicht nur auf Bakterien oder Viren zu, vielmehr zählt Wagner auch Wurmerkrankungen – „Rotz und Wurm“ – dazu. Anders gesagt: die Zoonose als Modell für den Ursprung und „eine Uebertragung zwischen Individuen verschiedener Gattung“ oder als Sprung vom Tier zum Menschen bleibt weit gefächert. Die Tollwut beim Menschen durch den Biss eines tollwütigen Fuchses – oder Hundes – oder Vogelgrippe gehören ebenso zur Zoonose wie möglicherweise das Verspeisen von Pangolinen oder Fledermäusen. In der vermeintlichen Widerlegung von Gerüchten passiert so auf einer Seite der Bundesregierung gegen „Mythen“ eine fragwürdige kommunikationstechnische Übertragung. Die Unsicherheit über den Ursprung durch zwei Möglichkeiten, wie sie das HZI für Coronaviren formuliert, lässt sich gerade in Zeiten einer Pandemie schwer aushalten. Muss aber ausgehalten werden. Doch der Ursprung ist für das epidemische Geschehen selbst dann vollkommen unerheblich, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika „China“ dafür verantwortlich macht.[20]

„Berlinweite Kontaktbeschränkungen“

Die Ursprungsfrage als eine beliebte der Infektionsforschung wie der Verschwörungstheoretiker gibt einen Wink auf die Wiederholung als Modus der Wissensfiktion. Der Modus der Wiederholung in den aktuellen Verschwörungstheorien beispielsweise in Bezug auf HIV/AIDS hat eine ebenso beruhigende wie verstörende Wirkung. Wenn bekannte Ursprungstheorien wie das Geheimlabor oder das Tier einer fremden Art wiederholt werden, dann bekommen sie in der Unkalkulierbarkeit der Krise etwas Vertrautes nach dem Motto: „Das kennt man ja.“ Theoriebildung wie Verschwörungstheorien befinden sich insbesondere mit Ursprungsfragen in einem wechselhaften Bereich, der versucht wird, sprachlich abzusichern z.B. mit dem Adjektiv augenscheinlich, obwohl niemand (!) den Übertragungsvorgang etwa als Biss einer Fledermaus oder Biss in eine Fledermaus gesehen hat. So schreibt Patrick Eiden-Offe von einer „Affinität der Theorie zur Literatur, denn schließlich fühl(e) sich Theorie genau wie Literatur zuständig für alles diskursiv oder begrifflich nicht unmittelbar Einholbare“. In seinem Projekt am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung „untersucht(e) (er) die in bestimmten Rhetoriken, Darstellungsmodi oder gar Medien kanonisierten Denkstile, mit denen Autoren oder Gruppen ihre prekäre Position zu stabilisieren suchen“.[21]

„Mit d. Rad zur Arbeit schützt vor Infektion #FlattenTheCurve“

In der Argumentation von Donald Trump auf der Pressekonferenz vom 17. April 2020 wird eine assoziative Redeweise ohne Manuskript deutlich, die für Verschwörungstheorien als charakteristisch beschrieben werden dürfte. Trump will unbedingt eine Frage beantworten, weil er es als Demonstration seines Wissens und seiner Macht praktiziert, Antworten auf komplexe Fragen zu geben. Auf die Frage von Steve Holland, der für Reuters im Weißen Haus akkreditiert ist[22], wird alles mit allem verkoppelt, um mit der Formulierung „It seems to make sense“ Sinn in quasi „Einfacher Sprache“ zu machen. „China“ wird zum obsessiven Gegenstand der Kritik, obwohl Steve Holland nur nach den korrigierten Todesraten für Wuhan gefragt hatte, wird die Korrektur sofort ohne irgendwelche Fakten auf ganz China ausgedehnt:
„… Steve?
The Press: China now says its coronavirus death toll in Wuhan is 50 percent higher.
The President: Yep.
The Press: It went up to about 4,000. Does that sound like a credible number to you?
The President: Well, you know, when I listen to the press every night saying we have the most, we don’t have the most in the world – deaths. The most in the world has to be China. It’s a massive country. It’s gone through a tremendous problem with this. A tremendous problem. And they must have the most. So, today, I saw they announced that, essentially, they’re doubling up on the numbers. And that’s only in Wuhan; they’re not talking about outside of Wuhan. So it is what it is, Steve. It is what it is. What a sad – what a sad state of affairs.”[23]

An den Untertiteln der Pressekonferenz auf YouTube, die natürlich programmiert werden müssen, wird nicht etwa zwischen Donald Trump und Steve Holland als Sprecher unterschieden, sondern generalisierend zwischen „The Press“ und „The President“. Der Modus der Verschwörungstheorie wird mit der zweiten Frage von Steve Holland insofern verstärkt, als sich Trump nun seinen sozusagen eigenen Reim auf die Frage nach dem Labor in Wuhan macht. Erst werden die Fledermäuse („a certain kind of bat“) als Ursprung in Zweifel gezogen. Dann werden Ermittlungen angekündigt, um schließlich wieder China ganz generell zum Ursprung der Pandemie zu machen. Die Übersprünge in Trumps Rede machen deutlich, dass er nicht am Ursprung, sondern der Identifikation eines Schuldigen interessiert ist – „it came from China“. Dieser Übersprung von der Ursprungsfrage – „where ever it came from“ – auf die Schuldfrage lässt sich als ein Modus der Verschwörungstheorie beschreiben.
“The Press: The investigation into whether the virus escaped from this lab in Wuhan, how active is that? And when do expect to hear (inaudible)?
The President: Well we’re looking at that. A lot of people are looking at it. It seems to make sense. They talk about a certain kind of bat, but that bat wasn’t in that area. If you can believe this, that’s what they’re down to now, is bats. But that bat is not in that area. That bat wasn’t sold at that wet zone. It wasn’t sold there. That bat is 40 miles away. So a lot of strange things are happening, but there is a lot of investigation going on and we’re going to find out. All I can say it’s, wherever it came from – it came from China – in whatever form, 184 countries now are suffering because of it. And it’s too bad, isn’t it?”[24]

„Berlin Corona virüsüne karsi birlikte mücadele ediyor.“

Um die Unterscheidung zwischen obsessiver Verschwörungstheorie bezüglich des Übersprungs von der Ursprungs- zur Schuldfrage genauer zu beschreiben, kann aus einem aktuellen Text vom 21. April 2020, der im Internet über E-Mail kursiert, zitiert werden. Der Verfasser nennt sich Pei Xu bzw. Dr. Xu und nutzt unter anderem den Verteiler der Ehemaligen Stipendiat*innen der Friedrich Ebert Stiftung. Er hat bereits mehrfach kritische E-Mails über die Volksrepublik China durch den Verteiler verschickt. Ihm geht es entschieden darum, das Regime in Peking zu kritisieren. Fakten werden dafür gern dramatisiert. Die wiederholte Hervorhebung des eigenen Wissens erhält einen narzisstischen Zug.
„(…) Anfang Februar 2019 stellte ich fest, dass es bei dem SARS-CoV2 mit der biochemischen Waffenentwicklung der KP Chinas zusammenhängt. Durch den empfohlenen Bericht fühle ich mich bestätigt, aber mein Wissenstand über das KP-Regime und seine Machenschaften ist tiefgehender. Beispielsweise sagt ein Militärarzt in einer Tonaufnahme, es handle sich bei SARS-CoV2 um ein im Labor gemischtes Virus aus HIV und dem SARS-assoziierten Virus: (…)
Diese Aussage wird von dem französischen Virologen und HIV-Experten Luc Antoine Montagnier indirekt bestätigt, aber er hat das böse Machwerk falsch interpretiert: (…)
Worüber ich verfüge, ist nicht nur Insiderwissen, sondern auch Wahrheitsliebe und Unabhängigkeit. Aus diesem Grund geriet ich schon 2008 mit den deutschen Medien insbesondere der „Zeit“ in Konflikt, die bis heute keine Berichtigung ihrer Beiträge in Bezug auf die VR China, insbesondere Interviews mit KP-Vertretern, veröffentlicht haben. (…)
Das KP-Regime in Peking führt einen Todeskampf gegen Gott und die Welt.
Aber wenn man die KP-Propaganda erkennt, kann man sich davor schützen, mit in die Pandemie gerissen zu werden.“[25]

Zur Schuldfrage kommen zumindest in der relativ detailliert ausgearbeiteten Verschwörungstheorie über den Ursprung ein unbedingter Wahrheitsanspruch und ein exklusives Wissen, das HIV/AIDS und SARS-CoV-2 kurzschließt. Differenzierungen entfallen. In den 90er Jahren wurde mehrfach kolportiert, dass HIV/AIDS aus einem Labor in den USA stamme. Für das konspirative Wissen von Pei Xu ist nun interessant, dass im Modus der Wiederholung die Kolportage erneuert wird, obwohl sie von Douglas Selvage 2014 als Desinformationskampagne der StaSi und des KGB entlarvt wurde. Trotz des in der Infektionsforschung verbindlichen Konsenses „hält sich bis heute hartnäckig die Theorie, der HI-Virus stamme aus einem Militärforschungslabor des US-Verteidigungsministeriums in Fort Detrick. Großen Anteil an der Verbreitung dieses Gerüchtes hat(te) der ehemalige sowjetische Geheimdienst KGB sowie der ostdeutsche Auslandsgeheimdienst HV A.“[26] Stattdessen bemüht Pei Xu gar den berühmten Pariser HIV-Experten Montagnier als Wissensinstanz, um ihn dennoch mit einer vermeintlichen Richtigstellung – „aber er hat das böse Machwerk falsch interpretiert“ – zu überbieten. Elisabeth Wagner schreib diesbezüglich von einem „Identifikationspotential (von Verschwörungstheorien) aus realen und real vorstellbaren Vorgängen und Ereignissen“, das „strategisch und methodisch (…) an unzähligen alltäglichen, sozialen und politischen Konflikten und Konfliktbewältigungen (beteiligt)“ sei.[27]   

„Aktuelle Informationen rund um das CORONA-Virus finden Sie unter …“

In der Infektionsforschung wird der Laborthese keine Beachtung geschenkt. Vielmehr trennt sie methodologisch die Zoonose als Modell des Artensprungs vom „Patient Zero“ oder Indexpatienten. Gleichwohl lässt sich der Artensprung als Anthropozentrismus des 19. Jahrhunderts beschreiben. Dass Menschen an Krankheitserregern von Tieren erkranken können, wird auch als narzisstische Kränkung des Wissens vom Menschen empfunden. Sprachlich auffällig ist selbst in den offiziellen Beschreibungen und vor allem in der kumulativen Beantwortung der Frage nach dem Ursprung die letztlich lexikalisch-elastische Formulierung, die nicht allen Leser*innen gleich auffallen wird. Doch Forschung zeichnet sich anders als die Verschwörungstheorie dadurch aus, dass sie keine exakten Ja-oder-nein-Antworten geben will. Selbst zur Herkunft von HIV/AIDS heißt es mit dem Stand von 2018 auf der Seite des Robert-Koch-Instituts heute noch.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit (Hervorhebung T.F.) stellte die HIV-Infektion ursprünglich eine Zoonose dar. Die den HIV verwandte Simian Immunodeficiency Viruses (SIV) werden bei vielen Altweltaffen in Afrika gefunden. Das HIV-1 am nächsten verwandte SIV wurde in Schimpansen gefunden, HIV-1 Gruppe P in Gorillas, das HIV-2 verwandte SIV in Rußmangaben (Cercocebus atys).“[28]

Doch woher hatte der durchaus fiktive Patient Zero, als der lange Zeit Gaëtan Dugas galt, den Virus? Seine Geschichte führte wiederum zu literarischen Verarbeitungen. Der hoch mobile wie promiskuitive, homosexuelle Steward einer kanadischen Fluglinie, quasi ein früher Global Citizen gelangte als Ursprungsmythos zu großer Popularität. Gerade die Frage, woher er den Virus als erster z.B. durch Zoonose hatte, kann so nach wie vor nicht beantwortet werden. Dass er von einem „Altweltaffen in Afrika“, einem Schimpansen, Gorilla oder Rußmangaben gebissen wurde, ist nicht überliefert! Zwar wird das infektiologische Wissensmodell gern für epidemiologische genommen oder vermischt, dennoch handelt es sich um unterschiedliche Theorien. Stattdessen verlief die Ursachenfrage und die Suche nach einem ersten Patienten schon Ende der 90er Jahre, wie man sagt, im Sande, als im Wissenschaftsmagazin nature am 5. Februar 1998 der Artikel An African HIV-1 sequence from 1959 and implications for the origin of the epidemic erschien.[29] 2019 brachte Laurie Lynd ihren Dokumentarfilm Killing Patient Zero heraus. Doch das verführerische Narrativ von dem oder den „ersten Patienten“ ist offenbar nicht tot zu kriegen. Schon im Oktober 2016 wurde „Patient 0“ schließlich von einer Forschergruppe um Michael Worobey in nature rehabilitiert.
“We also recovered the HIV-1 genome from the individual known as ‘Patient 0’ (…) and found neither biological nor historical evidence that he was the primary case in the US or for subtype B as a whole. We discuss the genesis and persistence of this belief in the light of these evolutionary insights.”[30]

„#STAY AT HOME“

Verschwörungstheorien neigen als literarische Gattung oder Literaturen zu binären Entscheidungen. Entschieden wird bei Donald Trump aktuell zwischen den USA und „China“. Die Abgrenzung gegen China wird dazu genutzt, das eigene Versagen in der Eindämmung kleinzureden – „we don’t have the most in the world – deaths“. Trump unterscheidet zwischen Gut und Böse – „And it’s too bad, isn’t it?“ –, während das Virus es nun wirklich nicht tut. Im Unterschied zur einfachen Schuldzuweisung bei Trump bemüht Pei Xu ein ausgeklügeltes Faktenmaterial, um diesem zugleich zu widersprechen und letztlich doch nur zu einem vereinfachenden und sprachlich rätselhaften Fazit zu kommen: „Das KP-Regime in Peking führt einen Todeskampf gegen Gott und die Welt.“ Doch dieses Fazit misslingt im Überschwang lexikalisch. Denn in einem „Todeskampf“ oder der Agonie befindet sich, wer mit dem Tod kämpft. Das könnte durchaus für das „KP-Regime“, die sich bisweilen in einem solche imaginiert, und die an CoVid-19 Erkrankten zutreffen, doch Xus Identifizierung des Schuldigen misslingt sprachlich auch dahingehend, dass sich Gott nicht so ohne Weiteres und schon gar nicht als Gegner des Pekinger Regimes töten lässt, um es einmal so zu sagen.

In der Infektionsforschung lässt sich hingegen eine sprachliche Elastizität beobachten, die gerade kein abgeschlossenes Wissen vom Typ „Insiderwissen“ formuliert. Immer dann, wenn es um eine letzte Entscheidung des Ursprungs und der Übertragung geht, wird dieser mit Vorbehalt benannt. Während permanent und wiederholt vor allem von Journalist*innen Ja/Nein-Entscheidungen z. B. in den Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts eingefordert werden, halten sich die Leiter des Instituts mit derartigen Entscheidungen zurück. Sie erläutern und erklären ihre Modelle, um die Fragenden letztlich mit offenen Fragen als Antwort zurückzulassen. Statt eines magischen Wissens halten sie durchaus bewundernswürdig daran fest, nie mehr zu sagen, als das was ihre Methoden und Modelle verraten. Vielleicht ahnen sie zumindest, dass sie jede Festlegung in die Nähe von Verschwörungstheorien rücken könnte. – Ob die Vorlesungsreihe Verschwörungstheorien der Mosse-Lectures in absehbarer Zeit, also im Sommersemester 2021 wie geplant wird stattfinden können, bleibt offen, ist aber wahrscheinlich.

Torsten Flüh

PS: Am 21. April ab ca. 19:00 Uhr fuhr der Berichterstatter mit dem Fahrrad für ca. 3 Stunden durch Berlin, um die Anzeigen des Verkehrsleitsystems zu fotografieren.

Mosse-Lectures


[1] David Cyranowski: Mystery deepens over animal source of cornonavirus. Pangolins are a prime suspect, but a slew of genetic analyses has yet to find conclusive proof. In: nature a natureresearch journal 26. February 2020.

[2] Vgl. u.a. das illustrierende Foto auf der Seite von mdr wissen. flo: Nicht das Schuppentier ist schuld, sondern der Mensch. Mdr wissen 27. März 2020, 09:48 Uhr.

[3] Citizen of Michigan protest Governor Gretchen Whitmer’s ‚arbitrary‘ stay at home order. In: Fox News 15.04.2020.

[4] Jörn Kersten: Protest gegen Einschränkung von Grundrechten. In: rbb Abendschau 18.04.2020 19:30 Uhr.

[5] Vgl. zur Volksbühne und ihrer programmatischen Ausrichtung u.a.: Torsten Flüh: Herrlich verdrehte Agitprop-Revue. Zur Uraufführung von Ronald M. Schernikaus legende in der Inszenierung von Stefan Pucher an der Volksbühne. In: NIGHT OUT @ BERLIN 19. Dezember 2019.

[6] Volksbühne: Volksbühne steht in keiner Verbindung zu Versammlungen von „Nicht ohne uns“ auf dem Rosa-Luxemburg-Platz 19.04.2020.

[7] Matthias Meisner: Wie die ARD Verschwörungstheoretikern auf den Leim ging. Die „Hygiene-Demo“ in Berlin-Mitte schaffte es bis in die „Tagesschau“. Die kruden Hintergründe der Organisatoren blieben unerwähnt. Warum? In: Der Tagespiegel 20.04.2020.

[8] Zitate siehe Jörn Kersten: Protest … [wie Anm. 4].

[9] Mosse-Lectures: Verschwörungstheorien. Sommersemester 2020.

[10] Bundesregierung: Antworten auf häufige Zweifel und Mythen. Zuletzt aktualisiert am 17.04.2020.

[11] Siehe Torsten Flüh: Vom Wissenswunsch und zu Informationspraktiken. Ein nachträglicher Osterspaziergang über das Charité-Gelände und Heinrich von Kleists Charité-Vorfall. In: NIGHT OUT @ BERLIN 15. April 2020.

[12] Bundesregierung: Antworten … [wie Anm. 10].

[13] Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung: Coronaviren.

[14] Ernst Leberecht Wagner: Handbuch der allgemeinen Pathologie. Leipzig: Otto Wigand, 1865. (Digitalisat)

[15] Ebenda S. 146.

[16] Ebenda S. 143,

[17] „Es lassen sich eben die Fragen über Entstehungs- und Verbreitungsweise der Infectionskrankheiten nach den beiden Categorieen des Miasma und des Contagium in keiner Weise erschöpfend behandenln, sie lassen sich überhaupt nicht im Allgemeinen lösen; es wird später bei jeder einzelnen dieser Krankheiten der Stand unserer heutigen Kenntnisse über diese Verhältnisse im Einzelnen ausgeführt werden.“ Wilhelm Griesinger: Infectionskrankheiten. Erlangen: Enke, 1857, S. 4.

[18] Ernst Leberecht Wagner: Handbuch … [wie Anm. 14], S. 146.

[19] Robert Koch: Untersuchungen über die Ätiologie der Wundinfectionskrankheiten. Mit 5 Tafeln Abbildungen. Leipzig: Vogel, 1878, S. 4. (Digitalisat)

[20] Siehe Trump beim White House: Members of the Coronavirus Task Force Hold a Press Briefing vom 17.04.2020 (ungefähr: 1:24:00)

[21] Patrick Eiden-Offe: Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik. In: ZfL Projekt 2017-2019.

[22] Siehe Twitter-Konto von Steve Holland @steveholland1.

[23] White House: Members … [wie Anm. 20] 1:24:00 bis 1:24:11.

[24] White House: Members … [wie Anm. 20] 1:24:00 bis 1:24:11.

[25] Pei Xu: Eine Erklärung für die FES-Ehemaligen von XU Pei aus Köln. Di 21.04.2020 19:40.

[26] Douglas Selvage, Christopher Nehring: Die AIDS-Verschwörung. Das Ministerium für Staatssicherheit und die AIDS-Desinformationskampagne des KGB. Berlin: BSTU, 2014. (Der Beauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik)

[27] Mosse-Lectures: Verschwörungstheorien… [wie Anm. 9].

[28] RKI-Ratgeber: HIV-Infektion/AIDS. Stand: 22.11.2018.

[29] Tuofu Zhu, Bette T. Korber, Andre J. Nahmias, Edward Hooper, Paul M. Sharp & David D. Ho: An African HIV-1 sequence from 1959 and implications for the origin of the epidemic. In: nature a natureresearch journal 05 February 1998.

[30] Michael Worobey, Thomas D. Watts, Richard A. McKay, Marc A. Suchard, Timothy Granade, Dirk E. Teuwen, Beryl A. Koblin, Walid Heneine, Philippe Lemey & Harold W. Jaffe: 1970s and ‘Patient 0’ HIV-1 genomes illuminate early HIV/AIDS history in North America. In: Ebenda 26 October 2016.

3 Kommentare

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.