Nebenwirkungen erwünscht – Zu Testzentren, einem Erfahrungsbericht und Nebenwirkungen

Erzählen – Nebenwirkungen – Impfen

Nebenwirkungen erwünscht

Zu Testzentren, einem Erfahrungsbericht und Nebenwirkungen

Plötzlich waren sie in Berlin und Deutschland überall zu finden: Testzentren. Selbst an der Promenade von Steinhude bei Hannover im Restaurant Strandterrassen hatte ein „Covid Servicepoint“ eröffnet. Denn sogar im Café Moorgarten am Schloss Hagenburg des Prinzen von Schaumburg-Lippe wurde ein Antigentest für die Thüringer Bratwurst bzw. die Bewirtung gefordert. Dienstag, den 1. Juni 2021 um die Mittagszeit, hat der Berliner Senat beschlossen, dass ab dem 4. Juni für den Einzelhandel und die Gastronomie kein negatives Testergebnis mehr erforderlich sein werde. Wird ein schnelles, vermutlich lautloses Testzentrensterben einsetzen? Plötzlich sinken die Inzidenzen schneller als erwartet. Spielbetriebe laufen an. Auch für die Berliner Museen ist seit Freitag kein Testergebnis mehr erforderlich.

Die Erzählungen zu den Tests und dem Impfen werden absehbar allmählich versiegen. Nicht nur Berlin, ganz Deutschland und Europa will nach dem 2. Covid-19-Pandemie-Jahr nur noch hinaus in die Freiheit. Die Testzentren versprachen einerseits begrenzte Bewegungsfreiheiten, andererseits sorgten sie für Unfreiheiten, was den Zugang zu Orten und Veranstaltungen betraf. Ein Kontrollinstrument des Infektionsgeschehens waren und sind sie allemal. Lauteten im April 2020 bei der vergleichsweise flachen ersten Welle Anzeigen auf den Tafeln des Verkehrsleitsystems „Mit d. Rad zur Arbeit schützt vor Infektion #FlatenTheCurve“[1] und wurden zu Beginn der zweiten Welle die AHA-Regeln[2] in der ganzen Stadt z.B. mit „Ich will wieder tanzen. Dafür fahre ich jetzt meine Kontakte runter.“ beworben, so sind in der dritten Welle der „Kostenlose Bürgertest“ und die Impfkampagne verhaltensbildend geworden.

Sanktionierte Geschichten in Werbekampagnen, Aufklärungsblättern und Broschüren generieren zeitlich kaum versetzt sogleich alternative Geschichten. Die Covid-19-Pandemie lässt sich insofern als ein einziger narrativer Prozess betrachten, der beständig Geschichten und Gegengeschichten generiert. Der Streit der Fakten spielt in diesen Geschichten eine ebenso große Rolle wie rein empirische Erkenntnisse durch Statistiken oder völlig freie narrative Verkettungen wie das „Pferdeeiweiß“ als Argument gegen eine Impfung mit mRNA-Impfstoffen. Eine wichtige Funktion in den Gegennarrativen zur Impfung nehmen die Nebenwirkungen ein. Was sind eigentlich Nebenwirkungen? Mit welchen Verfahren werden Nebenwirkungen ermittelt? Müssen Nebenwirkungen auftreten?

Bei der Nebenwirkung, die meistens im Plural Nebenwirkungen gebraucht wird, handelt es sich um einen relativ jungen Begriff, der vor allem nach 1946 in Gebrauch kam, wie die Wortverlaufskurve des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache, kurz DWDS zeigt.[3] Dabei sind die Nebenwirkungen nicht begrenzt auf den Bereich von Medikamenten. Vielmehr führt das DWDS Zitate aus dem Bereich der „neuzeitlichen Forstwirtschaft“ von 1948, des Steuerrechts von 1953 oder dem Kapitalmarkt von 2015 an.[4] Nebenwirkungen werden erst in jüngerer Zeit für Medikamente ermittelt und öffentlich breit diskutiert. Im 19. Jahrhundert kommen zwar viele Kombinationen mit der Präposition neben in Gebrauch, aber die Nebenwirkung bleibt seit dem 17. Jahrhundert auf eine vormoderne Natur- und Temperamentenlehre beschränkt, wenn der populär-philosophische Schriftsteller Samuel Butschky in Pathmos schreibt: „aus dem unterschiede des geblüts, temperaments und anderer dinge, so unserer natur, mit ihrer neben-würckung, beispringen.“[5]

Für 2020 und insbesondere 2021 dürfte der Gebrauch der Nebenwirkungen in der Wortverlaufskurve abermals einen steilen Anstieg verzeichnen. Während die Nebenwirkungen breit gefächert in unterschiedlichen Wissensbereichen zwischen Umwelt, Sport und Finanzmarkt verwendet wurden, schnellt ihr Gebrauch nun auf die Nebenwirkungen beim Impfen und der Impfstoffe zusammen. Nebenwirkungen werden im DWDS-Eintrag besonders häufig mit dem Begriff Risiko verwendet.[6] Auch das Adjektiv unerwünscht wird sehr oft mit Nebenwirkungen gebraucht.[7] Damit hat sich seit dem 17. Jahrhundert ein Wertewandel der Nebenwirkung ereignet. Sie wird nun überwiegend als negativ angesehen, während das Beispringen der „neben-würckung“ durchaus noch positiv formuliert war. Nebenwirkungen sollen in der Pharmakologie vermieden werden.[8]

Die Künstlerin, Kalligraphin und Regisseurin Miriam Sachs hat im Mai 2020 als Probandin an der Biontech-Impfstudie in Berlin teilgenommen und ihre Erfahrungen in mehreren Medien z.B. im Kulturmagazin Opus veröffentlicht. Sie hat dafür eine journalistische Form gewählt, um „eine Reihe von Eindrücken und Fragen, von Einblicken in die Details“ mitzuteilen.[9] Die Impfstudie sollte Wissen über die Wirksamkeit und Nebenwirkungen des neuartigen Impfstoffs, der als Comirnaty verabreicht wird, generieren. Die zeitlichen Umstände spielen dabei eine fast noch größere Rolle als die Nebenwirkungen. Eine gewisse Ereignislosigkeit ist der Praxis der Impfstudie zu eigen, die Sachs durchaus bemerkenswert findet. Für den 10. November 2020 notiert sie:
„Mitte Mai 2020 begab ich mich als eine der ersten Freiwilligen in die Corona-Impfstoff-Studie der Firma Biontech. In einer Serie von Artikeln wollte ich hier eigentlich chronologisch von meinen Erfahrungen erzählen – kein Sensationsbericht, eher eine Reihe von Eindrücken und Fragen, von Einblicken in die Details, in denen manchmal die Teufel stecken, selbst wenn im Großen und Ganzen alles gut zu sein scheint. Allerdings ist diese Studie, die beim Initiator, der Bio-Technology-Firma Biontech den Arbeitstitel „Projekt Lichtgeschwindigkeit“ trägt, eine, in der sich Dinge überstürzen: Bereits am 9. November, vor wenigen Tagen, gab Biontech eine Pressekonferenz und die Medien verkündeten den großen Erfolg.“[10]

Die Überstürzung der Dinge als zeitlicher Modus der Impfstudie weckt zumindest eine gewisse Skepsis. Während im Mai 2020 kaum jemand schon einen Impfstoff gegen Sars-Cov-2 für den Herbst und Ende des Jahres erwartete, lief die Impfstudie, die zumindest von den Vorstudien davon ausgehen konnte, dass der Impfstoff erstens nicht tödlich und zweitens gegen das Virus wirksam sein sollte. Man durfte daher davon ausgehen, dass der Testverlauf nicht allzu dramatisch ausfallen sollte. Die Überstürzung der Dinge hat durchaus einen systematischen Vorlauf, der ein Höchstrisiko wenigstens begrenzt. Doch der überaus positive „Arbeitstitel“ weckt Misstrauen, weil nur wenige Menschen und vermutlich Proband*innen „Lichtgeschwindigkeit“ denken und auf ihre Wahrnehmung beziehen können. Schließlich bewegt sich kein Mensch in „Lichtgeschwindigkeit“ und auch kein Virus außer Computer-Viren. Der ambitionierte Arbeitstitel „Projekt Lichtgeschwindigkeit“ musste Unbehagen wecken. So wird die Lichtgeschwindigkeit denn auch zum Schlüsselbegriff im Titel der „Testprobandin“ Miriam Sachs: „Lichtgeschwindigkeit und mit aller Macht“.[11]


Mit anderen Worten: die Macht des Pharmaunternehmens drängte der Probandin eine Geschwindigkeit auf, die sie als eine Art Missbrauch von Macht empfand. Kaum geimpft, passierte nichts oder fast nichts. Kursiert derzeit bei vielen Impfskeptikern die Rede vom Versuchskaninchen – „Ich bin doch kein Versuchskaninchen. Ich lasse mich noch nicht impfen.“ –, wird an den Eindrücken und Einblicken von Miriam Sachs deutlich, wie wenig passiert ist. Wenigstens in einer Art Sanatorium hätte sie sich ihre Teilnahme an der Impf-Studie gewünscht. Stattdessen wurden keine Hotels oder Krankenstationen für die Proband*innen angemietet, sondern gerade einmal „nach der ersten Spritze bleibt man zur Beobachtung auf der Station“. Die „besondere Rolle“ des Probanden ist eher unglamourös.
„Dem Probanden kommt eine besondere Rolle zu, denn überraschenderweise läuft die Studie nicht stationär ab. Probanden schreiben zuhause Tagebuch, notieren Fiebertemperatur und „Events“ wie Nebenwirkungen. Nicht einmal zwischen Corona-Test (der letzten Hürde vor Aufnahme in die Studie) und erster Impfung bleibt man vor Ort.“[12]

Von der Rolle des Probanden gibt es wenig zu erzählen. Das erfüllt die Probandin Miriam Sachs mit einer gewissen Unzufriedenheit und Enttäuschung. Das Tagebuch der „Fiebertemperaturen“ und, wie sie wohl aus der Impfstudie zitiert, der „Events“ bleibt spannungslos. Wenig Stoff zum Erzählen bietet der Impfstoff, obwohl es sich nun wirklich um ein ganz besonderes Stöffchen handelt. Weil die Teilnahme an der Impfstudie derart schnörkellos und undramatisch ausfällt, werden nicht so sehr Nebenwirkungen, sondern Nebenschauplätze aufgesucht wie die mehrfachen Fahrten, offenbar mit einem Motorroller durch die Stadt. Im historischen Sanatorium entwickelte sich wenigstens eine Art Gesprächskultur, wie sie Thomas Mann im Zauberberg verarbeitet hat. Davon ist der Aufenthalt im „Hotelzimmer“ weit entfernt:
„Man bleibt überhaupt für nur eine Nacht. Über der Tür des Doppelzimmers auf der geschlossenen Station hängt ein A4-Ausdruck: „Hotelzimmer” mit Tesa geklebt – täuscht aber kaum drüber hinweg, dass man hier in einem Labortrakt ist – zwar mit Cafeteria, aber in die darf man kaum. Wegen Corona. Im Gegensatz zu den Ärzten, betrachtet mich die Wirtin als potenzielle Covid-19-Patientin. Auch das Doppelzimmer habe ich für mich. In den Gemeinschaftsräumen, ausgestattet mit ein paar Büchern und VHS-Kassetten, ist auch keiner. Dafür kleben überall seltsame rote Gummiblasen, von denen man eher denkt, sie lüden zu lustigen Gesellschaftsspielen ein und würden ein Quietschen von sich geben, wenn man sie drückt. Gerne würde ich, drücke aber nicht. Alarmknöpfe sind es, falls was ist.“[13]

Die Motivation zur Teilnahme an der Impfstudie beschreibt Sachs als „Ohn-Macht des Lockdowns“ im April 2020. Insofern geht es für sie von vornherein um Machtverhältnisse im Lockdown. Sie fühlt sich ohne Macht über ihre Lebenspraxis, in die sie der erste, gleichwohl massivste Lockdown versetzt hatte. Seither hatte sich nicht zuletzt die Praxis des Lockdowns weiter ausdifferenziert. Der #FlattenTheCurve wurde in der Weise nicht wieder gebraucht. Stattdessen eben AHA, Impfkampagne und Testzentren. Dabei ging es auch darum, sich nicht mehr ganz so ohnmächtig gegenüber dem pandemischen Virus und den Maßnahmen zu fühlen. Der erste Lockdown stellte nicht nur auf bis zuvor unbekannte Weise die Machtfrage, er ging vielmehr einher mit einer radikalen Sinnfrage. Wie ließ sich die Sinnlosigkeit des Lebens im Lockdown abfedern? Die „Studie“ bot da offenbar eine Antwort. Die „Fieberträume“ und die „neuartige(n) Kopfschmerzen“ als Nebenwirkungen der „beiden Impfspritzen“ stiften im Probandentagebuch scheinbar Sinn – und bleiben dennoch folgenlos.
„Ich hatte mich in die Studie begeben, weil ich die Ohn-Macht des Lockdowns unerträglich fand. In die Abgeschiedenheit einer Studie wollte ich mich begeben, weil es wichtig schien. Weil ich dachte: Wenn schon Lockdown, dann richtig. Ich habe fleißig Probandentagebuch geführt, Fieberträume, Schüttelfrost und neuartige Kopfschmerzen notiert, die ich erst seit den beiden Impfspritzen kenne.“[14]

Am „Probandentagebuch“ und dem freimütigen Erfahrungsbericht von Miriam Sachs wird in dem Spiel der Mächte nicht zuletzt die Genese von Nebenwirkungen lesbar. Der redaktionelle Vorspann kündigt „den Erfahrungsbericht“ als „selbstlos(es) und mutig(es)“ Opfer der „Probandin“ an, die sich „im Rahmen des Testverfahrens des Pionierunternehmens Biontech zur Entwicklung eines wirksamen Serums gegen den Coronavirus eingebracht hat“.[15] Da es allerdings nach eigener Beschreibung vor allem um die Frage von Macht und Ohnmacht in dem Bericht geht, war die Teilnahme vielleicht nicht ganz so „selbstlos“, sondern verfing sich von vornherein im Selbst, das durch Aufgabe der Macht über seinen Körper eine neuartige Handlungsmacht erlangen wollte. Das mag legitim sein, spielt allerdings deutlich in die Nebenwirkungen hinein, die narrativ mit dem Wunsch verknüpft werden, dass diese nicht ganz sinnlos oder umsonst gewesen sein mögen.

Mit den mRNA-Impfstoffen geht es um ein genetisches Informationsmodell, das an Künstliche Intelligenz erinnern kann. Denn es werden mit dem Impfstoff Informationen in den Körper injiziert, die selbstständig in den Genen arbeiten und das Virus erkennen sollen. Miriam Sachs beschreibt diesen Vorgang mit dem des Entpackens – „ins Innere meiner Zellen geschleuste Pakete voll genetischer Information entpacken“ -, der üblicher Weise für ZIP-Dateien gebraucht wird. Mit dem ZIP-Dateiformat werden größere Dateien komprimiert, um sie zu versenden und nach Empfang zu dekomprimieren oder zu entpacken. Doch auch Computer-Viren können „entpack(t)“ werden und das Laufwerk beschädigen oder zerstören. Ganz so weit geht Biontech mit seiner Formulierung der mRNA-Impfstoffe nicht, denn diese „enthalten Informationen aus der mRNA, darunter den „Bauplan“ oder Code eines bestimmten Virusmerkmals (Virusantigen)“. Vielmehr „kann der Körper dieses Antigen (mit den Informationen) selbst produzieren: Die mRNA überträgt die Informationen für die Produktion des Antigens an unsere Zellmaschinerie, die Proteine herstellt“.[16] Gleichwohl benutzt das Pharmaunternehmen hier den Begriff „unsere Zellmaschinerie“, womit ein maschinelles Informationsmodell für den menschlichen Körper evoziert wird. In der Formulierung von Miriam Sachs wird allerdings ein Unterschied zwischen „meinem Körper“, das „Innere meiner Zeller“ und den „eingeschleuste(n) Pakete(n) voll genetischer Informationen“ gemacht.
„In meinem Körper müssten sich jetzt kleine, ins Innere meiner Zellen geschleuste Pakete voll genetischer Information entpacken. Es ist kein klassischer Impfstoff, den ich bekommen habe, sondern der genetische Bauplan, um etwas, das dem Virus ähnelt, selbst zu produzieren.“[17]

Der Erfahrungsbericht von Miriam Sachs ist ein außerordentlich wichtiges Zeugnis der Narrative zur Covid-19-Pandemie, mRNA-Impfstoffe und der Nebenwirkungen, das medial mehrfach be- und verarbeitet worden ist. Bereits am 20. Juni 2020 hatte sie in der taz den Bericht Das Labor bin ich veröffentlicht.[18] In diesem früheren Erfahrungsbericht wird weniger offen die Frage der Macht und Ohnmacht thematisiert. Sachs befand sich mitten in der Studie, die erst im November 2020 beendet werden sollte. Dass die Erfahrungsberichte durchaus mit Lektüren und Re-Lektüren von Literaturen arbeiten, wird beispielsweise mit dem Wort „Zauberberg“ lesbar. Das Sanatorium Schatzalp aus dem Roman Der Zauberberg von Thomas Mann wird zur Referenz für die Überprüfung der „eigenen“ Wirklichkeit.
Heute ist die Informationsveranstaltung. Der Gebäudekomplex des Prüfinstituts wirkt wie ein verlassener Zauberberg. Keiner da? Ein anderer Probandenbewerber kommt und zeigt mir eine kleine Tür neben dem eigentlichen Drehtürenportal. „Werkschutz“ steht auf der Klingel. Der Pförtner ist kaum zu sehen hinter der verspiegelten Fensterwand. Einzeln eintreten. Ausweis zeigen.[19]

Im Unterschied zum literarisch beredten Zauberberg-Roman „wirkt“ der „Gebäudekomplex des Prüfinstituts“ verlassen und unheimlich, was Skepsis weckt und wecken soll. Denn die Skepsis lässt sich nicht zuletzt als eine Rhetorik der Kritik verstehen. Die Skepsis der Probandin erscheint angesichts der anonymen und gesichtslosen Kontrollen hinter einer „verspiegelten Fensterwand“ berechtigt. Das „Prüfinstitut“ wird zu einer undurchschaubaren Macht, obwohl oder gerade weil dort eine „Informationsveranstaltung“ stattfinden soll. Welche Informationen genau gegeben wurden, wird nicht verraten. Da könnten sich die Leser*innen mehr Offenheit wünschen. Doch es ist exakt dieses Spiel von Informationen und ihrem Verschweigen, die narrativ eine Spannung und Kritik herstellt. Man soll mehr wissen wollen, wird aber stattdessen auf eine „verspiegelte() Fensterwand“ zurückgeworfen, die undurchschaubar ist und stattdessen den „Ausweis“ zur Identifizierung einfordert, was sich als ultimative Geste der Macht verstehen lässt.

Die Impfstudie mit dem spektakulären Arbeitstitel erweist sich als ein stark formalisierter Prozess, der sich einzig und allein in der Geschwindigkeit der Entwicklung von anderen Studien zur Verträglichkeit eines Medikamentes unterscheidet. Das ist enttäuschend. Trotz der enormen Dringlichkeit und Neuartigkeit des Virus findet alles mit einer gewissen Routine statt. Der „andere() Probandenbewerber“ kennt sich anscheinend mit der „kleine(n) Tür“ aus. Sie ist kein Geheimnis, obwohl sie zum „eigentlichen Drehtürenportal“ wie eine Nebentür erscheinen muss. Die Hauptzugänge und die Nebentür, die Wirkung und die Nebenwirkungen, die Informationen und die Nebenschauplätze erhalten in der Erzählung eine besondere Funktion. Die kritische Journalistin interessiert sich weniger für Hauptsachen als vielmehr für die opaken Nebensachen, die sich weniger erschließen lassen. Die Skepsis fokussiert sich insbesondere auf eine Art Nebenwissen, das sich anscheinend hinter dem bereits generierten informationellen Wissen von der Wirkungsweise des mRNA-Impfstoffs verbirgt.

Miriam Sachs berichtet nichts Falsches. Ihre Skepsis wird nicht einfach durch Fake-News aufgefangen und gesteigert. Allerdings muss sie sich von Anfang an selbst und gerade im Format Tagebuch für ein Narrativ entscheiden, das sich neben den Erzählmodellen der „Informationsveranstaltung“ situiert. Aus dieser Haltung eines Neben wird ein skeptisches Wissen generiert, das elastisch und opak bleibt. „Fieberträume“ und „neuartige Kopfschmerzen“ lassen sich schwer verifizieren. Wann wird ein Traum zum Fiebertraum? Und wovon handelt ein Fiebertraum bei ohnehin schwer zugänglichen und erzählbaren Träumen? Nicht umsonst gibt es eine facettenreiche Traumforschung. Ebenso schwer lassen sich „neuartige Kopfschmerzen“ verifizieren. Vielleicht müsste man sie genauer beschreiben? Die Nebenwirkungen, die Sachs mehr benennt als beschreibt, sollten als Wissen zur Verträglichkeit nicht unterdrückt werden. Aber sie bleiben eben äußerst elastisch und narrativ hochvernetzt, so dass sich physiologisch schwer eine Kausalität messen lässt.

Müssen Nebenwirkungen als Regel auftreten? Zu den Nebenwirkungen von Astrazeneca wird mir am Telefon von der Kollegin meiner Gesprächspartnerin mitgeteilt, dass jene „Blitze“ in ihrem Körper gespürt und gesehen habe. Freunde, die sich mit dem Impfstoff versorgen ließen, konnten von keinen Blitzen oder anderen gravierenden nur Nebenwirkungen berichten. Astrazeneca ist schlechthin eine Namensfindung und sinnfreie Kombination aus Astra und zeneca. Dennoch assoziiert sich Astra gern mit der Redewendung „Per aspera ad astra“, die sich als „Durch Mühsal gelangt man zu den Sternen“ übersetzen lässt. Sterne blitzen zwar nicht, trotzdem lassen sie sich im Körper mit Blitzen verknüpfen und traumgleich empfinden. Die empfundenen Nebenwirkungen sollen nicht geleugnet werden. Jedem Impfling sollen seine Nebenwirkungen freigestellt bleiben. Denn das wirkliche Problem liegt darin, wenn nach allen Erzählungen und Warnungen kaum eine Nebenwirkung zu spüren ist. Irgendetwas muss „ich“ doch spüren, damit ich etwas von meinem Körper und dem Impfstoff weiß und erzählen kann.

Das Ich ist als Selbst hoch verwickelt in die Impfung des Körpers. Der Körper gehört zur Selbstwahrnehmung. Ich will wissen, was dem Körper guttut oder nicht. Diese Selbstwahrnehmung gehört nicht zuletzt zu einer europäischen oder westlichen Selbstpraxis. Doch beispielsweise auch in der Volksrepublik China wollen sich viele Menschen nicht impfen lassen, weil sie Bedenken haben. Impfungen treffen auf unterschiedliche Wissensformationen und Narrative vom Menschen und sich selbst, die diverse Nebenwirkungen hervorbringen können. So berichtete mir ein befreundeter Fachmediziner, dass er sicher gehen wollte, ob sein Körper durch die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff Antigene produziert habe. Nebenwirkungen hatte er keine gespürt. Der Antigen-Schnelltest misst jedoch ein anderes Antigen, so dass erst ein PCR-Test dem Arzt Gewissheit darüber verschaffen konnte, dass er wirklich immun gegen Sars-Cov-2 ist. – Spanien hat nun den PCR-Test als Voraussetzung für die Einreise ausgesetzt. Laut Auswärtigem Amt werden „(m)it Wirkung vom 7. Juni 2021 (…) auch die in der Europäischen Union anerkannten Antigen-Tests (sog. „Schnelltests“) mit einem negativen Testergebnis akzeptiert“.[20]

Torsten Flüh


[1] Siehe vor allem die Fotos in: Torsten Flüh: Fledermäuse, Pangoline, Labore und die Gattung Homo sapiens sapiens. Wie Verschwörungstheorien Sinn stiften und Narrative vom Patient Zero bis zur Artengrenze übertragen werden. In NIGHT OUT @ BERLIN 22. April 2020.

[2] Siehe vor allem die Fotos in: Torsten Flüh: Unfassbar traumhaft. Zu Yoko Tawadas grandiosem Celan-Roman Paul Celan und der chinesische Engel. In: NIGHT OUT @ BERLIN 23. November 2020.

[3] DWDS: Nebenwirkung, die

[4] Ebenda Beispiele.

[5] Nebenwirkung in Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bd. 13, Sp. 510.

[6] Typische Verbindungen zu >Nebenwirkung<. In: DWDS: Nebenwirkung … [wie Anm. 3].

[7] Ebenda.

[8] Nebenwirkungen wurden bereits in der folgenden Besprechung thematisiert und berücksichtigt: Torsten Flüh: Besserwisser und Neunmalkluge. Zur Mosse-Lecture Die Besserwisser. Wissenschaftsskepsis, Verschwörungsdenken und die Erosion der Wirklichkeit von Eva Horn. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. Mai 2021.

[9] Miriam Sachs: Lichtgeschwindigkeit und mit aller Macht – Erfahrungen einer Testprobandin für ein Corona-Serum. In: Opus 20.11.2020.

[10] Ebenda.

[11] Ebenda.

[12] Ebenda.

[13] Ebenda.

[14] Ebenda.

[15] Ebenda.

[16] mRNA-Impfstoffe zur Bekämpfung der COVID-19 Pandemie. In: Biontech.

[17] Miriam Sachs: Lichtgeschwindigkeit … [wie Anm. 9]

[18] Miriam Sachs: Das Labor bin ich. In: taz 20.06.2020.

[19] Kursiv im Original, ebenda.

[20] Spanien: Reise- und Sicherheitshinweise (COVID-19-bedingte Teilreisewarnung). In: Auswärtiges Amt 5. Juni 2021.

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