Geschwindigkeit und Entsetzen im Parforceritt

Erzählung – Recht – Name

Geschwindigkeit und Entsetzen im Parforceritt

Zu Simon McBurneys Inszenierung des Michael Kohlhaas an der Schaubühne

Der Regiestar Simon McBurney hat an der Schaubühne nach gut siebenmonatiger Verzögerung am 1. Juli 2021 statt am 2. Dezember 2020 seine Theaterinszenierung von Heinrich von Kleists Erzählung Michael Kohlhaas auf die Bühne gebracht. Im Michael Kohlhaas-Text überschlägt und verschachtelt sich die Syntax. Sie wird selbst zum dramatischen Geschehen des Erzählens von Recht und Ordnung, als sei der Text daraufhin komponiert. Aber ist das ein Text fürs Theater? Wenn Texte, die nicht für das Theater geschrieben wurden, inszeniert werden wie z.B. Thomas Manns Roman Der Zauberberg von Sebastian Hartmann am Deutschen Theater Berlin, dann wird aktuell von postdramatischem Theater gesprochen. Simon McBurneys Michael Kohlhaas ist hyperdramatisch. Ein Parforceritt durch den Text.

Simon McBurney entfacht mit seinem Team und den Schauspieler*innen Robert Beyer, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg, David Ruland, Genija Rykova, Renato Schuch eine Hyperdramatik, die die Kunst des Timings inklusive des Suspence‘ durch Verzögerung kennt. Dafür wird der Text in seiner Syntax, u.a. nach Kommasetzung unter den Schauspieler*innen aufgeteilt, intoniert, Rollen werden von ihnen nur angedeutet und sie verwandeln sich mit Krücken in knöcherne „Schindmähren“, wie es im Text steht. Sie traben, galoppieren und steppen wie Pferde, weil sich alles um die „Wiederherstellung der Pferde“ und das Rechtbekommen dreht. Aus dem Brief an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge vom 13. November 1800 wird der Parforceperformanz des Textes rätselhaft und beziehungsreich im November 2020 das Zitat vorangestellt: „Ich soll thun was der Staat von mir verlangt, u doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist.“

Im Juli 2021 könnte das Publikum in der Schaubühne fast vergessen, dass die Inszenierung von Michael Kohlhaas auf Verlangen des Staates wegen des zweiten Lockdowns nicht am 2. Dezember 2020 vor Publikum stattfinden durfte. Anders als bei Sebastian Hartmanns Inszenierung von Der Zauberberg entschieden sich Regieteam und Theaterleitung dafür, nicht live ohne Publikum im Theater die Inszenierung zu streamen.[1] Die Inszenierung hätte sonst sicher das Zeug gehabt, zum digitalen Theatertreffen 2021 eingeladen zu werden. Die mediale Aufrüstung der Bühnen mit Livecams und zum Teil verschiebbaren Projektionsflächen lässt sich durchaus vergleichen. Doch dazu später. Im November 2020 ließ sich Kleists Formulierung über den Staat inmitten steigender Inzidenzwerte neu und anders lesen. Joseph Pearson hat in seinem Essay Eine Antwort auf Abstand halten: »Michael Kohlhaas« vom 18. November einen paradoxen Moment protokolliert:
„»Haben wir nicht Glück?«, lächelt Co-Regisseurin Annabel Arden, seine langjährige Mitarbeiterin und Mitbegründerin von Complicité. Sie blickt auf die Bühne: »Es ist uns wichtig zu sagen, wie viel uns das Publikum bedeutet und wie wir das menschliche Bedürfnis geltend machen, uns zu versammeln und gemeinsam zuzuhören«.“[2]

Diese Inszenierung ist, was womöglich schnell vergessen werden wird, auch eine in und aus den Zeiten der Covid-19-Pandemie, die ohne den nicht enden wollenden Winterlockdown, der Versammlungen und gemeinsames Zuhören unmöglich machte, anders ausgefallen wäre. Sie bietet fast den ganzen Kohlhaas-Text und fügt ihm nicht viel hinzu. Im Hintergrund wird der sicher schon lange vorher geplante Michael Kohlhaas mit der Frage von Recht und Ordnung zu einem über die Frage des Rechts während der Pandemie. Im Gespräch mit Pearson hat McBurney den Kleist-Text sehr deutlich auf die „Corona-Pandemie“ bezogen, obwohl kein Wort dazu auf der Bühne gesagt wird. Das Bühnenbild spiegele die Welt von Michael Kohlhaas wider, sagt er.
„»… Wenn er eine Ungerechtigkeit erleidet, wird die Ordnung der Dinge gestört, und seine Welt beginnt, in Fragmente zu zerspringen. Die Strenge des Buches spiegelt sich in der Strenge des Bühnenbilds und in den Bildern der Fragmentierung und des Zerbrechens wider. Indem man alles entfernt, ist alles im Hier und Jetzt. Das ist genau so, wie es in diesem Moment sein muss, in einem Moment der Corona-Pandemie, im Chaos der Welt. Corona verstärkt das Gefühl der Trennung, aber es ist ein Teil der Gesellschaft, in der wir leben…“[3]

Das „Gefühl der Trennung“ sollte lange, sehr lange dauern. Jetzt in der ersten Hälfte des Juli 2021 wird an dem Abend, als ich mir die Inszenierung ansehe, freundlich, aber unüberwindbar an der Corona-Kontrolle ein Herr abgewiesen. Er legt einen gelben Impfpass mit Impfeinträgen vor, hat aber kein Ausweisdokument dabei. Eine Theaterkarte hat er. Aber der Impfpass in Papier oder der digitale CovidPass nach EU-Norm muss durch einen Ausweis oder Führerschein authentifiziert werden. Der Mann kommt an der Kontrolle nicht vorbei. Er erhält kein Einlassband. Ohne an diesem Abend gelbem Einlassband am Handgelenk kommt kein Zuschauer an der Kartenkontrolle vorbei in die Säle der Schaubühne. Das ist eine Rechtsfrage. Und die Schaubühne ist da dankenswerter Weise und anders als die UEFA im Wembley Stadion knallhart. – Ob es nun eine Dummheit oder Täuschungsabsicht des Herren war, den Impfpass nicht authentifizieren zu können, mag dahingestellt bleiben. Er hätte auch die Möglichkeit gehabt, einen negativen Antigentest vorzulegen. Aber der hätte ebenfalls authentifiziert werden müssen. Es wird auf allen Ebenen weiterhin aus einem Rechtsgefühl Widerstand gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie geben. – Ich weiß nicht, wie dem Mann weiter geschah.

Die Frage des Rechts – und eigentlich hätte sich der Theaterbesucher darüber informieren können, dass diese Frage den ganzen Text Michael Kohlhaas zutiefst strukturiert und bewegt, ihn am Laufen hält, –  zeigt sich bisweilen von äußerster Härte. Michael Kohlhaas wird zum Rechtsbrecher, weil er sein Recht auf die „Wiederherstellung der Pferde“ verlangt und es am Schluss auf paradoxe Weise gar erhält, ohne dass es ihm nützt. Er wird entsetzlich, wie es im Eröffnungssatz heißt: „An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.“ Rechtschaffenheit und Entsetzen werden von Kleist von Anfang an gegeneinander ins Spiel gebracht. Wie kann ein Mensch „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten“ werden? Könnte Rechtschaffenheit zum Entsetzen führen? Als Heinrich von Kleist den Text schrieb und 1810 in Buchform mit zwei weiteren Erzählungen in Berlin veröffentlichte, war das Verb entsetzen anders als heute „in einer dreyfachen Bedeutung üblich“[4], die einmal angerissen werden muss.

Michael Kohlhaas schafft und verschafft sich nicht nur Recht, vielmehr sorgt er für das Entsetzen von Amtspersonen ebenso wie er Entsetzen über seine Taten auslöst, womit nicht zuletzt das Rechtschaffen entsetzlich werden kann. Statt von entsetzen wird heute eher von entheben wie beim „Amtsenthebungsverfahren“, dem englischen impeachment, gesprochen. Das Entsetzen lässt sich insofern als ein Rechtsakt verstehen. Damit hat ein Wandel stattgefunden, wenn die „Bedeutung“ angeschrieben werden soll
„(v)on einem Amte setzen, eines Amtes berauben, mit der zweyten Endung der Sache und der Voraussetzung eines begangenen Fehlers. Jemanden seines Dienstes, seines Amtes entsetzen, in der anständigen Schreib- und Sprechart, für das niedrige absetzen. Der Hofmarschall, der Bürgermeister ist entsetzet, oder seiner Würde entsetzet worden.“[5]
Damit wird die Koinzidenz von Rechtschaffenheit und Entsetzen, wie sie am vermeintlich historischen „Menschen“ von Heinrich von Kleist mit der Eröffnungsformulierung in Szene gesetzt wird, von vornherein angesprochen. Die Abgleichung des Rechts wird mit Michael Kohlhaas als gleichursprüngliches Problem von Rechtschaffenheit und „Entsetzlichkeit“ (Adelung) formuliert.

© Gianmarco Bresadola 2020 – Schaubuehne am Lehniner Platz, ‘’MICHAEL KOHLHAAS” von Heinrich von Kleist, Regie: Simon McBurney, Co-Regie: Annabel Arden, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Moritz Junge, Sounddesign: Benjamin Grant, Mitarbeit Sounddesign: Joe Dines, Video: Luke Halls, Mitarbeit Video: Zakk Hein, Dramaturgie: Maja Zade, Produktionsleitung London/ GB: Judith Dimant /Wayward Productions, Licht: Erich Schneider.

Die Abgleichung des Rechts wird von Kleist nicht zuletzt mit der Erzählung als ein sprachliches Problem der Ambiguität vorgeführt. Eindeutige Aussagen lassen sich kaum erzielen. Immer haben die Worte mehrere Bedeutungen, die sich nicht einfach ausblenden lassen. Je verschachtelter die Syntax der Erzählung wird, desto hastiger wird nach der Bedeutung der Worte gesucht, die sich in einem ständigen Wandel befinden. In der Inszenierung hält der Schauspieler, der über weite Passagen die Figur Michael Kohlhaas verkörpert, eine Handbibel hoch, wie es während der Kulturrevolution in der Volksrepublik China Mitte der 1970er Jahre in Fernsehaufnahmen auf dem Platz vor dem Tiananmen zu sehen war. Doch ein Buch unterliegt der Ambiguität der Worte ob als Luther- oder Mao-Bibel oder Erzählungen-Buch. Simon McBurney hat den „nüchternen, distanzierten Stil, der aber auch eine unglaubliche Geschwindigkeit, Unvermeidlichkeit und Kraft hat“[6], von Kleists Erzählung wahrgenommen. Deshalb sprechen, performen die Schauspieler*innen den Text auch mit starken Betonungen in großer Hast. Bedeutung blitzt auf, bis an einer bestimmten Stelle abgebrochen wird. Darin liegt wohl der größte Gewinn dieser Inszenierung. Die Hast überdeckt die gefährliche Ambiguität.

© Gianmarco Bresadola 2020

Michael Kohlhaas als Name und Titel handelt nicht nur von einem individuellen Problem eines einzelnen Menschen, vielmehr setzt er das Problem des Rechts in der Moderne scharf in Szene. Die Frage nach dem Recht wird von der Ambiguität der Worte unterlaufen. Trotzdem oder gerade deshalb wird nicht erst seit Martin Luthers Übersetzung der Bibel zum besseren Verständnis im Namen der Bücher und Bibeln gestritten. Die Spaltung der christlichen Kirche durch die Übersetzung und Verdeutschung der Bibel in Protestantismus und Katholizismus ist nicht zuletzt eine durch die Ambiguität der Worte, die Luther auszumerzen versucht. Dieses Problem im Michael Kohlhaas wird von Wilhelm Grimm wenige Jahre später am 20. April 1815 in einem Brief an Carl von Savigny formuliert. Denn die Methode der „Ableitung“ führt nicht etwa zur Eindeutigkeit, sondern zur Ambiguität. Wilhelm Grimm behagt das nicht, wenn er nie „fertig“ mit einem Wort wird und schreibt:
„ … je weiter ich in diesem Studium fortgehe, desto klärer wird mir der Grundsatz: daß kein einziges Wort oder Wörtchen bloß eine Ableitung haben, im Gegenteil jedes hat eine unendliche und unerschöpfliche. Alle Wörter scheinen mir gespaltene und sich spaltende Strahlen eines wunderbaren Ursprungs, daher die Etymologie nichts tun kann, als einzelne Leitungen, Richtungen und Ketten aufzufinden und nachzuweisen, soviel sie vermag. Fertig wird das Wort nicht damit.“[7]

© Gianmarco Bresadola 2020

Die Methode der „Ableitung“ wird von Wilhelm Grimm in zeitlicher Nähe zur Kohlhaas-Erzählung zu „einzelne(n) Leitungen, Richtungen und Ketten“ verschoben. Die Gespaltenheit der Wörter führt u.a. dazu, dass sich das Recht auf „Wiederherstellung der Pferde“ nicht einfach ableiten und gegenüber den Machthabern durchsetzen lässt. Wovon lässt sich das Recht des einzelnen Menschen im Staat ableiten? Die Methode der Ableitung spielt für Michael Kohlhaas vor allem in der Sequenz mit Martin Luther eine entscheidende Rolle. Wird Martin Luther kraft seines Namens doch selbst zu Rechtsfigur, wenn er „ihn der Ungerechtigkeit zieh […] unterzeichnet von dem teuersten und verehrungswüdigsten Namen, den er kannte, von dem Namen Martin Luthers!“. Martin Luther richtet und spricht Recht, er verkörpert das Recht über Kohlhaas im Namen des Staates, indem er die „Gemeinschaft des Staats“ beschwört.
„Welch eine Raserei der Gedanken ergriff dich? Wer hätte dich aus der Gemeinschaft des Staats, in welchem du lebtest, verstoßen? Ja, wo ist, so lange Staaten bestehen, ein Fall, daß jemand, wer es auch sei, verstoßen worden wäre?“

© Gianmarco Bresadola 2020

Doch Luthers Rede mit der dreifachen Frage als Figur der Rhetorik gibt einen Wink. Es sind rhetorische Frage. Eine Antwort erwartet Luther nicht auf sie. Denn sie lassen sich kaum beantworten. Aber sie demonstrieren in seiner Rede seine Macht. Tendiert der mit einem Fragezeichen markierte erste Satz – „Welch eine Raserei der Gedanken ergriff dich?“ – doch eher zu einer Aussage über die Unrechtmäßigkeit der Gedanken. Richtet Luther Kraft der Art und Weise wie er spricht und nicht, weil er etwa mehr von „der Gemeinschaft des Staats“ verstünde? Die Rhetorik als Formenlehre des Sprechens und als Sprachpraxis wird von Kleist in die Aufmerksamkeit gerückt. Martin Luther kannte als Augustinermönch und Theologieprofessor sehr wohl die Rhetorik und ihre Formen. Die Häufung von drei aufeinander folgenden Fragen, die schon deshalb nicht beantwortet werden sollen und können, weil sie aneinandergereiht werden, wird in der Erzählung zu einem Exempel der Rhetorik. Behauptet wird mit den rhetorischen Fragen von Luther eine „Gemeinschaft des Staates“. Doch den „Staat“ im modernen Gebrauch von um 1800 gibt es „um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts“ noch gar nicht. Deshalb fällt Adelungs „Ableitung“ in der „Anm.“ äußerst instabil im Konjunktiv aus.

© Gianmarco Bresadola 2020

Als Übersetzer und Leser der Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers wankt Adelung zwischen dem „Franz. Etat“ und dem „Getöse, Geräusche“, das Kleist mit Luther zugleich in Szene setzt. Die Formulierung einer „Gemeinschaft des Staats“ korrespondiert mit der „communauté“ in dem mehrseitigen Artikel von einer Vielzahl von Autoren wie Formey, Jaucourt, Baron d’Holbach, Boucher d’Argis, Aumont zum état der Encyclopédie.[8] Die deutschsprachige Ableitung zum Getöse bleibt dort aus. Doch Adelung versucht sie mit Ausgriffen bis zum Schwedischen und Niedersächsischen aufrecht zu erhalten.
„Anm. Im Ital. Stato, im Franz. Etat. Es leidet in dieser letzten Bedeutung mehr als Eine Ableitung. Es kann von stehen abstammen, und eine in einer bestimmten Gegend auf eine beständige oder bleibende Art verbundene bürgerliche Gesellschaft bezeichnen, zum Unterschiede von einem unstäten, herum schweifenden Volke. Indessen scheinet die Ableitung von dem Getöse, Geräusche, welche eine Menge Menschen macht, auch ihre und vielleicht noch mehr Wahrscheinlichkeit zu haben, und würde alsdann Staat nur durch den vorgesetzten Zischlaut von dem alten Theut, Thiot, Diet, Volk, dem Gothischen Thiudan, Reich u. s. f. gebildet seyn. Zu der allgemeinen Bedeutung des Lautes, Tones, Geräusches gehören noch das Schwed. tuta, tönen, das Angels. thutan, heulen, das Oberd. Gethiode, Gethiute, Sprache, das Nieders. düten oder tüten, auf einem Horne blasen, und andere mehr, welche insgesammt Onomatopöien eines gewissen bestimmten Lautes sind.“[9]  

Auf der Theaterbühne wird der Text nicht zuletzt mit dem Getöse des Trampelns effektvoll in Szene gesetzt. Das kommt Kleists Text sehr nah und ist Schauspielkunst. Mit großer Dramatik wird die Schlussszene, in der Kohlhaas einen Zettel aus einer Kapsel verschlingt – „überlas ihn: und das Auge unverwandt auf den Mann mit blauen und weißen Federbüschen gerichtet, der bereits süßen Hoffnungen Raum zu geben anfing, steckte er ihn in den Mund und verschlang ihn.“ – und auf dem Schafot unter dem Beil des Scharfrichters fällt, ausgespielt. Kohlhaas isst den Zettel nicht nur, verschlingt ihn auch mit der Geste und dem Gefühl der Macht. Bei Kleist kann „verschlang“ zweierlei heißen: essen und mit Bedeutung versehen, verketten. Der Text wird bis auf Doppelpunkt, Kommata und Punkte performt. Der in Berlin und Tokyo lebende Autor, Literaturwissenschaftler und Semiotiker Götz Wienold hat 2018 mit Michael Kohlhaasens letzte Speise – Von der Schwierigkeit der Literatur sich in der Welt ihr Recht zu verschaffen darauf hingewiesen, dass die Kapsel wie sprichwörtlich das Leben an „einem seidenen Faden“ Kohlhaas um den Hals hängt.     

Wienold prüfte in seinem Vortrag nach, wieweit und ob überhaupt Kleists Erzählung mit historischen Quellen übereinstimmt. Doch wie mit der Luther-Sequenz bleiben die historischen Quellen bei Kleist marginal. Sie werden literarisch verarbeitet und beziehen sich auf den Horizont der Enzyklopädie. Kohlhaas verschlingt schließlich den Zettel vor den Augen des Kurfürsten. Die Geschichte mit dem Zettel ist eine Erfindung Kleists; mit der literarischen Figur, die die Rache am Fürsten dem eigenen Leben vorzieht, stellt Kleist eine Figur dar, die mit Einsatz des eigenen Lebens sich der ungerechten Herrschaft und Willkür der Fürsten und der Aristokratie widersetzt. Lesen und Wissen werden von Kleist als die ultimative Machtausübung, wenn der Zettel mit dem Zukunftswissen einer Weissagung von Kohlhaas einer kurzen Aneignung des Wissens – „überlas ihn“ – vor den Machthabern verschlungen wird. Das Überlesen des Zettels nützt Kohlhaas nichts. Er liest ihn für nichts, weil er die Machtlosigkeit als Ohnmacht des „Mann(es) mit blauen und weißen Federbüschen“ vorführen will:
„Der Mann mit blauen und weißen Federbüschen sank, bei diesem Anblick, ohnmächtig, in Krämpfen nieder.“

Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Covid-19-Pandemie und dem Staat, gegenüber einem Unwissen vom Virus und der staatlich geförderten Impfstofftests spielte und spielt bis heute eine entscheidende Rolle in der Wahrnehmung der Welt.[10] Namen spielen wie in Kleists Erzählung – Michael Kohlhaas, Martin Luther – eine wichtige Rolle. Ob Kleists Namensgebung mit dem Vornamen Michael auch auf den Erzengel Michael anspielt, wissen wir nicht. In anderen Teilen der Welt wie in Kuba wird der für die Islamische Republik Iran mitentwickelte Impfstoff kurzerhand Abdala genannt.[11] Das ist ein Politikum. Denn der arabische Männername عبد الله, aus Abd und Allah von rechts nach links gelesen, heißt Knecht und Gott bzw. Knecht oder Diener Gottes. Im Arabischen reicht die pure Kombinatorik und Abfolge der Worte, um beispielsweise das Genitiv-Verhältnis mit dem Namen Abdalla abzurufen. Fragt man sich, warum der Covid-19-Impfstoff des kubanischen Pharmakonzerns HeberFeron Abdala heißt, dann erwähnt euronews am 11. Juli 2021 nicht, dass der islamische Name, der auch als Nachname gebraucht wird, vor allem für den Iran bestimmt ist, in dem erst ca. 10% der Bevölkerung mit chinesischem, russischem oder koreanischem Impfstoff versorgt worden sind. Der koreanische Impfstoff erweist sich dann nach dem Erfahrungswissen exiliranischer Freund*innen als politisch heikler englisch-schwedischer mit dem Namen AstraZeneca.

Die Namenspolitik spielt nicht nur in Kleists Michael Kohlhaas eine politische Rolle, wenn dieser einen vermeintlich historischen Hans Kohlhaas in Michael umbenennt und der Name „Martin Luther“ der „teuerste() und verehrungswüdigste() Name(), den er kannte,“ benutzt wird. Der Name wird selbst zum Gegenstand des Wissens und der Macht. An dem etwas fragwürdigen Namen Abdalla für einen kubanischen Impfstoff spiegeln sich nicht zuletzt Machtverhältnisse zwischen Ohnmacht und Weltmacht. Es ist das Verdienst der Inszenierung von Simon McBurney, dass der Kohlhaas-Text mit den aktuellen Mitteln und Medien mehr ausgelotet als interpretiert wird. Keine Psychologie wird strapaziert und keine plumpe Aktualisierung versucht. Michael Kohlhaas trägt über weite Phasen eine Puppe als Kind mit sich rum. Den Text ein wenig zum Klamauk aufbrechend wird ein Portrait von Franz Beckenbauer als „Kaiser“ unter die Projektionskamera gelegt und verschwindet schnell wieder, weil selbst dieser „Kaiser“ sich selbst demontiert hat mit Rolex-Uhren oder so. Ja, die herrlich sprach- und körpergewandten Schauspieler*innen mit allen Tricks der Sprechakrobatik muss man ganz vis à vis in der Schaubühne ca. 110 Minuten gesehen, gehört, erlebt haben.

Torsten Flüh

Schaubühne
Michael Kohlhaas
14.07.2021, 20.00 – 21.50
15.07.2021, 20.00 – 21.50
16.07.2021, 20.00 – 21.50
17.07.2021, 20.00 – 21.50
18.07.2021, 20.00 – 21.50
17.08.2021, 20.00 – 21.50
18.08.2021, 20.00 – 21.50
19.08.2021, 20.00 – 21.50
20.08.2021, 20.00 – 21.50
21.08.2021, 20.00 – 21.50
22.08.2021, 20.00 – 21.50


[1] Zu Der Zauberberg siehe: Torsten Flüh: Körperschlachten. Zu Sebastian Hartmanns Der Zauberberg beim digitalen Theatertreffen 2021. In: NIGHT OUT @ BERLIN 28. Mai 2021.

[2] Joseph Pearson: Eine Antwort auf Abstand halten: »Michael Kohlhaas«. Pearson’s Preview 18. November 2020.

[3] Ebenda.

[4] Siehe Johann Christoph Adelung: Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (Ausgabe letzter Hand, Leipzig 1793–1801): Entsetzen, Bd. 1, Sp. 1835.

[5] Ebenda. Vgl. ebenfalls den Bedeutungswandel von Entheben bei Adelungs Entheben Bd.1, Sp. 1826.

[6] Joseph Pearson: Eine … [wie Anm. 2].

[7] Zitiert nach Startseite von Wörterbuchnetz.

[8] Siehe : État in : Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers 1751 (Tome 6, p. 16-30).

[9] Johann Christoph Adelung: Grammatisch …. [wie Anm. 4] Bd. 4, Sp.258.

[10] Vgl. zur Frage der Macht von Wissen und Unwissen während der Pandemie: Torsten Flüh: Nebenwirkungen erwünscht. Zu Testzentren, einem Erfahrungsbericht und Nebenwirkungen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 5. Juni 2021.

[11] Euronews: Kuba lässt ersten eigenen Impfstoff „Abdalla“ zu. 11.07.2021.

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