Redet freundlich miteinander

Queer – Kirche – Homosexualität

Redet freundlich miteinander

Zur Predigt von Bischof Dr. Christian Stäblein und der „Erklärung der EKBO zur Schuld an queeren Menschen“

Diese Besprechung zur Erklärung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zur Schuld an queeren Menschen im Rahmen des Gottesdienstes am Vorabend des Christopher Street Days am 23. Juli 2021 durch Bischof Dr. Christian Stäblein ist eine persönliche – und in Respekt. Die Losung für den 24. Juli „Josef tröstete sie und redete freundlich mit ihnen“ aus dem ersten Buch Moses teilen die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, obwohl Josef im Koran nicht so ausführlich wie im Tanach und der Genesis beschrieben wird. In Martin Luthers Übersetzung lässt sich die alttestamentarische Formulierung des freundlichen Redens von Josef fast überlesen oder, zur Losung bestimmt, hervorheben. Das freundliche Reden wird sich so oder anders auch im Hebräischen, Altgriechischen, Lateinischen und Arabischen finden. Freundlichkeit lässt sich als eine rhetorische Form des Respekts denken, die immer seltener geübt wird.

Bischof Stäblein hielt seine persönliche Predigt auf der von Andreas Schlüter in den gotischen Bau eingefügte Kanzel der Kirche St. Marien zu Berlin. Unter einem Wolkengebirge, aus dem Putten mit Trompeten hervordrängen, vor einem Strahlenkranz hängt die marmorne Kanzel, die von zwei Engeln getragen wird. Sie wirkt, in den Pfeiler eingefügt, schwerelos und zugleich von geheimnisvoller Tragkraft. Der Gegensatz von Schwerelosigkeit und Stabilität durch die auf Podesten schwebenden Engel, deren Kleiderfalten eine Bewegung, einen Luftzug verraten, fasziniert und erregt Aufmerksamkeit für das gesprochene Wort. Bischof Stäblein erregte zu Beginn ein verhaltenes Lachen in der Gemeinde, als er die Losung zitierte und hinzufügte, dass der Satz „auf den ersten Blick erst einmal nicht so spektakulär“ sei. Doch dann machte er darauf aufmerksam, dass das „in die Weite und Tiefe unserer Zeit geschaut ein wichtiges Wort“ sei, wenn man an den Hass denke. Die Predigt nahm mit einem persönlichen Schuldbekenntnis das offizielle der EKBO als Institution vorweg.

Foto: Mathias Kauffmann/EKBO

Wie kündigt sich ein Wechsel in der Geschichte, ein historischer Moment an? Die Gemeinde hatte nicht damit gerechnet, dass Bischof Stäblein nicht nur freundlich, vielmehr über seine persönliche Position in der evangelischen Theologie überdenkend sprechen würde. Die Predigt von der Kanzel herab, die sprichwörtlich als autoritäre Geste gerade nicht geschätzt wird, nahm so eine ganz andere, persönliche Wendung als Vorbereitung auf die Verlesung der institutionellen Erklärung. Eine derartige Predigt und Erklärung hat es weltweit in den protestantischen Kirchen wohl bislang nicht gegeben. In der katholischen Kirche wäre sie wegen der Position des Papstes als überragende Autorität gar nicht möglich. Denn mit den Formen der Predigt und der Erklärung geht es theologisch um nicht weniger als die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, insbesondere der Gemeindeglieder. Diese Predigt und Erklärung sind nicht weniger als ein rhetorisches Meisterwerk im Wechsel von persönlicher und institutioneller Redeweise.

Foto: Mathias Kauffmann/EKBO

Die Predigt gehört seit der Reformation und Martin Luther, der über 2.000 Predigten gehalten haben soll, zum Kernstück der protestantischen Theologie. Der „Kultur der Predigt“ wird von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit einem verstärkten „Qualitätsbewusstsein“ gedacht.[1] Erst kürzlich hat Roland M. Lehmann seinen Beitrag zur Evangelischen Theologie mit „Luther als Reiseprediger“ veröffentlicht.[2] Sowohl der Kanzel als Ort der Predigt im Kirchenbau wie der Form und Praxis der Predigt werden in jüngerer Zeit kulturhistorische Aufmerksamkeit geschenkt. Bereits Friedrich Niebergall hatte 1929 die „moderne Predigt“ kulturgeschichtlich und theologisch betrachtet.[3] Die Predigt befindet sich an der Schnittstelle von Theologie, Literatur/Dichtung und Privatem bzw. persönlicher Ansprache, wenn der Humanist Eobanus Hessus, der Luther am 7. April 1521 in der Erfurter Augustinerkirche gehört hatte, elegisch dichtet, es seien von der „»Gewalt seiner Verkündigung die Herzen geschmolzen wie Schnee vom Hauch des Frühlings«“.[4]

Foto: Mathias Kauffmann/EKBO

Eobanus Hessus‘ ebenso poetische wie treffende Formulierung von den geschmolzenen Herzen kann auch aktuell noch als Aufgabe einer professionellen Predigt gelten. Die biographischen Erzählungen spielten nach Lehmann schon bei Martin Luther gerade auf seinen Reisepredigten eine entscheidende Rolle. Für Lehmann „liegt (es) nahe, dass Luther in seinen Reisepredigten auch über seine eigene jeweilige Lebenssituation intensiver reflektierte und diese somit für seine Biografie, seine theologische Entwicklung und den jeweiligen zeitlichen Kontext von Interesse“ waren.[5] Von sich selbst in der Predigt zu sprechen, von eigenen Irrtümern und neuen Erkenntnissen zu berichten, ist gewissermaßen in der Form der Predigt seit Luther im Protestantismus angelegt. Das unterscheidet sie von der katholischen Predigt. Nicht jeder evangelischer Geistliche wirft sich selbst, seine Biografie, in seiner Predigt in die Waagschale. Doch sie trug schon um 1500 dazu bei, Luthers Position zwischen „rebellische(m) Ketzer oder prophetische(n) Heilsbringer einer neuen Zukunft“[6] zu klären und quasi menschlicher zu werden. Dies gilt um so mehr für ein theologisches Bekenntnis von Schuld.

Screenshot aus dem Livemitschnitt der EKBO, T.F.

Die barocke Kanzel der St. Marienkirche von Andreas Schlüter verwandelte den katholischen Kirchenraum aus dem 14. Jahrhundert in einen „Predigtsaal“[7], weil die Predigt im Protestantismus ein anderes Gewicht erhält. „Anders als in katholischen Kirchen erfuhr das Langhaus in protestantischen Bauten grundsätzlich eine auf die Kanzel ausgerichtete Zentralisierung, bildete doch die Predigt das zentrale Element des Gottesdienstes“[8], schreibt Claire Guinomet zur Kanzel in der Berliner Marienkirche. Statt der Darstellung von Heiligen wird durch Schlüters Kanzel 1702/03 auf neuartige Weise eine visuelle Allegorie auf die Predigt inszeniert. Gleich der Engel Trompeten soll das Wort des Predigers in die Ohren der Gemeinde dringen und weitergetragen werden wie die überlebensgroßen Engelfiguren die Kanzel tragen. Statt von der Kanzel herab wird ein neuartiges Verhältnis der Gemeinde zum Prediger und vice versa inszeniert. Die Gemeinde soll im wahrsten Sinne des Wortes angesprochen werden. Auf diese Weise predigte auch Bischof Stäblein nicht etwa belehrend oder strafend von der Kanzel herab, vielmehr sprach er von seinem theologischen Irrtum, seinem Umdenken und der Freundlichkeit der Gemeinde.
„Und sie reden heute dennoch freundlich mit mir. Sie sind geblieben in dieser Kirche. Danke. Sie sind diese Kirche. Haben sie von innen verändert mit freundlichen Reden. Aber nicht nur nett. Nein, nett geht nicht und ist nicht angesagt heute. Es brauchte Mut. Es brauche kritische, hartnäckige, ins Risiko gehende Worte. Verstehe man freundlich niemand falsch. Klar und wahrhaftig haben sie das Evangelium von der Liebe Gottes erstritten und erkämpft.“[9]      

Screenshot aus dem Livemitschnitt der EKBO, T.F.

Die Predigt von Bischof Stäblein verwandelte das Mea culpa (durch meine Schuld) aus dem Confiteor, dem Schuldbekenntnis der katholischen Kirche, in ein Bekenntnis der Schuld der evangelischen Kirche gegenüber queeren Gemeindegliedern, die zum „Gottesdienst in multireligiöser Gastfreundschaft anlässlich des Christopher-Street-Days/Gay Pride“ zumindest in so großer Zahl erschienen waren, dass unter den geltenden Regeln „zum Schutz Ihrer Gesundheit“[10] mit ausgezeichneten Plätzen auf Abstand in jeder zweiten Bankreihe die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt war. Als Schuld zu bekennen ging es nicht zuletzt darum, sexuelle Gedanken und Taten mit dem gleichen Geschlecht zu bekennen. Dass der Gottesdienst so gut besucht war, heißt zweierlei. Erstens trägt der Gottesdienst am Vorabend des CSD zur Pride, zum Stolz, zur Selbstachtung queerer Menschen bei. Zweitens hat so nach über zehnjähriger Praxis die EKBO die gesellschaftliche Relevanz dieses Gottesdienstes und der ihn organisierenden queeren Menschen anerkannt. Begründet wurde diese Praxis durch den damals neuen Superintendenten des Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte, Dr. Bertold Höcker.

Screenshot aus dem Livemitschnitt der EKBO, T.F.

Das Motto des Gottesdienstes lautete korrespondierend mit der Losung: LIEBE TUT DER SEELE GUT. Sie wendet sich wie das freundliche Reden gegen jene Formen des Hasses und der in sozialen Medien verbreiteten Hassrede, die Menschen ausschließen sollen. So wird das Versprechen der Liebe für die Seele als Wohltat deutlich ergänzt durch das Motto HOMOPHOBIE SCHADET DER SEELE. Beide Mottos wurden als Aufkleber während des CSD-Marsches von der Leipziger Straße über den Potsdamer Platz am Brandenburger Tor und der Siegessäule vorbei zur Urania an der Ecke Kleiststraße. Die Initiative zur Kampagne LIEBE TUT DER SEELE gut geht ebenfalls auf Bertold Höcker zurück. Und so war es nur folgerichtig, dass er während einer kurzen Ansprache vor dem Start des CSD-Marsches von einem Truck, erwähnte, dass er sich „seit 40 Jahren in der Evangelischen Kirche für die vollständige Gleichstellung queerer Lebensformen“ engagiere. Er forderte dazu auf:
„Bitte helft mit, Fundamentalismus in allen Religionen entgegenzutreten und denen, die gegen Gleichstellung sind, das Argument aus der Hand zu schlagen, die Heiligen Texte sagten etwas gegen queere Lebensformen. Das ist nämlich Unsinn. Wir alle sind Kinder Gottes und damit berufen, Liebe und daraus folgend Respekt und Toleranz zum Maßstab unseres Zusammenlebens zu machen. Darum demonstrieren wir heute als Evangelische Kirche hier in Berlin unter dem Motto „Liebe tut der Seele gut“. Diese Liebe wünsche ich euch allen.“[11]

Foto: Mathias Kauffmann/EKBO

Auch in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gibt es Fundamentalismus bzw. fundamentalistische Strömungen, die gegen andere als heteronormative Lebensweisen agitieren. Deshalb kommt der Erklärung der EKBO zur Schuld an queeren Menschen eine große Bedeutung innerhalb der evangelischen Kirche bei.[12]. Nachdem Bischof Stäblein eingangs zum stillen Gedenken der Opfer durch die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen aufgefordert hatte, er die Schuld in ein Verhältnis zu seiner theologischen Biografie gestellt und um Vergebung gebeten hatte sowie die Wichtigkeit der Erklärung für die evangelische Kirche erläutert hatte, stieg er von der Kanzel herab und verlas sie vor dem Altar und unter dem Kunstwerk „Collective heart“ der slowenischen Multimediakünstlerin Eva Petric.

Foto: Mathias Kauffmann/EKBO

Die Frage der Gottesebenbildlichkeit ist eine entscheidende nicht nur im Christentum. Sie spielt auch im Judentum und im Islam eine Rolle, wenn es darum geht, Menschen Rechte zu- oder abzuerkennen. Seyran Ates als Imamin, Initiatorin und Mitbegründerin der Ibn Rushd-Goethe Moschee und Rabbiner Lior Bar Ami von der Jüdischen Liberalen Gemeinde Wien – Or Chadasch erteilten zusammen mit Superintendent Bertold Höcker den Segen in jüdischer, christlicher und muslimischer Tradition. Denn mit der Erklärung der EKBO hat Bischof Stäblein die Gottesebenbildlichkeit queerer Menschen anerkannt.
„Mit tiefem Respekt erkennen wir, welches Durchhaltevermögen dazu gehörte, als geoutete Pfarrperson in dieser Kirche zu arbeiten, nicht selten dazu gedrängt, gegenüber kirchenleitenden Personen sich wiederholt zu ihrer Lebensweise zu erklären. So haben queere Menschen in der evangelischen Kirche Diskriminierung erlebt. Sie wurden stigmatisiert und ausgeschlossen. Dies wurde durch eine Theologie befördert, die queeren Menschen eine Gottesebenbildlichkeit absprach oder diese in Frage stellte.“ (S. 3)

Foto: Mathias Kauffmann/EKBO

2017 wurde im Vorfeld der Bundestagswahl die Kampagne „Hass schadet der Seele – Liebe tut der Seele gut“ aus Sorge um die zunehmende Menschenfeindlichkeit und Kälte in der deutschen Gesellschaft vom Evangelischen Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte ins Leben gerufen. In der anhaltenden Covid-19-Pandemie gibt es eine erschreckend breite Bewegung menschenfeindlicher Entsolidarisierung durch die sogenannten Querdenker*innen, die nicht nur Regeln zur Eindämmung der Pandemie missachten und bekämpfen, sondern nun auch noch eine Schutzimpfung ablehnen. „Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes und soll erfahren können: Liebe tut der Seele gut.“ So vertritt es die Kampagne, die sich gegen Homophobie richtet. Die Haltung, dass „jeder Mensch … ein Ebenbild Gottes“ sei, wird von Querdenker*innen auf eine harte Probe gestellt. Sie vereinnahmen nicht zuletzt den Begriff queer als einen des Unterschieds und der Abweichung. Gleichzeitig erheben sie einen Anspruch auf unbegrenzte Freiheiten wie das Reisen ins Ausland. Queere Menschen schaden keiner Solidargemeinschaft, Querdenker*innen schon. Wir sollten freundlich mit ihnen reden und nicht in ihren Hass hineinziehen lassen.

Torsten Flüh

Multireligiöser Gottesdienst
am Vorabend des Christopher Street Days
23. Juli 2021, 18:00 Uhr auf YouTube.


[1] Wolfgang Huber: Vorwort. In: EKD (Hrsg.): Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2009. (Online)

[2] Roland M. Lehmann: Reformation auf der Kanzel. Luther als Reiseprediger. Tübingen: Mohr Siebeck, 2021.

[3] Friedrich Niebergall: Die moderne Predigt: kulturgeschichtliche und theologische Grundlage, Geschichte und Ertrag. Tübingen: Mohr, 1929.

[4] Zitiert nach ebenda S. 1.

[5] Ebenda S. 2.

[6] Ebenda.

[7] Siehe Baugeschichte der St. Marienkirche.

[8] Claire Guinomet: Die Kanzel in der Berliner Marienkirche. In: Hans-Ulrich Kessler (Hg.): Andreas Schlüter und das barocke Berlin. München: Hirmer, 2014, S. 346.

[9] Transkribiert nach dem Video: Multireligiöser Gottesdienst am Vorabend des Christopher Street Days vom 23.07.2021 auf YouTube ca. 58:15.

[10] So die Sprachregelung im ausgebenden Programm des Gottesdienstes vom 23. Juli 2021, 18:00 Uhr.

[11] EKBO: Superintendent Bertold Höcker hielt anlässlich des #CSDBerlin2021 eine Ansprache von einem der Trucks an die Teilnehmer. Facebook 25. Juli um 12:00.

[12] EKBO: Bitte um Vergebung: Erklärung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zur Schuld an queeren Menschen. Veröffentlicht am Montag, 26. Juli 2021, 18:00 Uhr.

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