Vom Wissenswunsch und zu Informationspraktiken

Redaktion – Medizin – Information

Vom Wissenswunsch und zu Informationspraktiken

Ein nachträglicher Osterspaziergang über das Charité-Gelände und Heinrich von Kleists Charité-Vorfall

Seit Beginn der „Kontakt-Beschränkungen“ am 18. März 2020 mit der Ansprache der Bundeskanzlerin sind kaum vier Wochen vergangen. Doch schnell wurde aus der Bitte „am besten kaum noch Kontakte zu den ganz Alten“ aufzunehmen, in den Medien eine „Kontaktsperre“.[1] In der Rede kommt einmal das Wort Kontakte vor, doch keine Kontaktsperre! Durch die Besprechung der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder vom 22. März wird an die „Reduzierung von Kontakten“ appelliert. Unter Punkt V. heißt es: „Verstöße gegen die Kontakt-Beschränkungen sollen von den Ordnungsbehörden und der Polizei überwacht und bei Zuwiderhandlungen sanktioniert werden.“[2] Am 23. März traten die „Kontakt-Beschränkungen“ in Kraft. Der Begriff der „Kontaktsperre“ hat sich trotzdem für die Maßnahme seither selbst in Öffentlich-rechtlichen Medien verbreitet und als Wissen durchgesetzt.[3]

Schon am 17. März hatte der Berichterstatter eine Veranstaltung mit einem Hinweis auf Heinrich von Kleists „Zweck“ der Polizei-Rapporte in den Berliner Abendblättern vom 4. Oktober 1810 absagen müssen. Denn Kleist war in seiner titellosen Anmerkung über die „Polizeilichen Notizen“ als Redakteur auf „oft ganz entstellte Erzählungen über an sich gegründete Thatsachen und Ereignisse“, auf das „Stadtgespräch“ und „Maasregeln“ – einmal mit s und einmal mit ß – eingegangen. Berlin war in Aufruhr, weil es zu Brandstiftungen und mehreren Unfällen mit Kutschen gekommen war. Kleist wollte mit seinen Polizei-Rapporten zur „Sicherung des Publici“ beitragen.[4] Zugleich thematisierte er in „Tagesbegebenheiten“, „Polizeiliche(n) Tages-Mittheilungen“, „Gerüchte(n)“, einem „Polizei-Ereigniß“, einem „Stadt-Gerücht“ und dem „Charité-Vorfall“ über Tage hinweg Erzählweisen, die wiederholt in der Literaturforschung behandelt worden sind. Doch die narrativen und lexikalischen Transformationen von Nachrichten in einer Krisensituation sind bislang wenig berücksichtigt worden. Was weiß der literarische Text Charité-Vorfall von Wissensprozessen in extremen Krisen wie der Corona-Pandemie?

Aus der Zeit um 1810 gibt es auf dem Charité-Campus in Berlin-Mitte am sogenannten Humboldt-Hafen kein einziges Gebäude mehr. Die ältesten Gebäude wurden um 1900 errichtet. Das Pathologische Institut, das Medizinische Institut, das Chirurgische und das Psychiatrische Institut, die Prosektur und das Medizinhistorische Museum wurden mit neo-gotischen und antikisierenden Elementen zwischen 1896 und 1917 erbaut. Forschung und Lehre bildeten seit dem frühen 19. Jahrhundert an der Charité heraus. Das Berliner Medizinhistorische Museum mit seiner Geschichte der Charité ist bis Ende 2021 geschlossen, um baulich erweitert, modernisiert und neu ausgerichtet zu werden. Währenddessen kann ein virtueller Erinnerungsweg mit dem Smartphone oder Tablet nicht zuletzt über die Verbrechen in der Geschichte der Medizin an der Charité unter dem Titel REMEMBER erkundet werden. Schließlich ist die Geschichte der Charité mit erbitterten Machtkämpfen unter leitenden Ärzten zwischen Chirurgen und Medizinern verknüpft.

Um 1810 findet an der Charité eine Ausdifferenzierung weiterer Disziplinen und der Klinik unter Chirurgen, Gynäkologen, Medizinern und „Irrenärzten“ statt, an deren einem Ende 1818 die Herausbildung der Psychiatrie durch Ernst Horn stattfindet.[5] Für Heinrich von Kleists Charité-Vorfall vom 13. October 1810 kann vor allem die Chirurgie bzw. Unfall-Chirurgie in Anschlag gebracht werden, weil von einer ärztliche Befragung nach der Verletzung durch einen Unfall im Text berichtet wird, was in der literaturwissenschaftlichen Forschung so gut wie keine Beachtung gefunden hat und hier einmal vorausgeschickt werden soll.[6] Dr. Ernst Horn (1774-1848) und Dr. Heinrich Kohlrausch (1780-1826) liefern sich um 1810 an der Charité einen erbitterten Konkurrenzkampf. Horn hatte bereits mehrere Schriften zur Klinik veröffentlicht.[7] Von Heinrich Kohlrausch sind keine umfangreicheren Schriften überliefert. 1810 wird der 6 Jahre jüngere Kohlrausch zum „zweite(n) dirigierende(n) Wundarzt und Geburtshelfer“, also stellvertretenden Leiter der Charité ernannt.

Heinrich Kohlrausch hatte gute, wenn nicht die besseren Kontakte zum Berliner Hof bzw. der Berliner Administration. Denn er war 1803 der Hausarzt von Wilhelm und Caroline von Humboldt in Rom, so dass er eine Erwähnung in den Briefen Carolines findet: er habe „eine ungemeine Erfahrung, weil er als Arzt und Chirurgus mehrere Jahre bei der Armee war und daher die wichtigsten Fälle gesehen und behandelt hat“.[8] 1810 wird Wilhelm von Humboldt zur Gründung der modernen Universität seine Denkschrift über die äußere und innere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin veröffentlichen. Sie führt zur Gründung der Berliner Universität durch Friedrich Wilhelm III. Im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Kohlrausch und dem zweiten dirigierenden Arzt des Charité-Krankenhauses Horn kommt es ab 1811 zu wiederholten öffentlichen Anschuldigungen, Rechtfertigungen und Prozessen am Berliner Kammergericht, die 1818 mit dem ersten Arzthaftungsprozess als Criminalgeschichte des Sackes beendet werden. Seit 1817 gehörte Kohlrausch als geheimer Ober-Medizinalrat der Abteilung der „Angelegenheiten der Medizinal-Polizei“ im Preußischen Ministerium des Innern an.[9]

Die Chirurgie geht im 18. Jahrhundert aus der Tradition der Armeeärzte oder „Feldscherer“ hervor, die als Barbiere und Wundärzte vor allem mit der Amputation von Gliedmaßen im Krieg befasst waren. Ernst Horn hatte 1807 als „Professor für Medizin in Berlin“ zusammen mit Adolph Henke, „Professor für Medizin in Erlangen“ das Klinische() Taschenbuch für Aerzte und Wundärzte publiziert, obwohl es die Berliner Universität noch nicht gab.[10] Der Titel Professor wird offenbar noch elastisch für akademische Lehrer gebraucht. In der „Einleitung“ der „Grundzüge der Klinik der wichtigsten Knochenkrankheiten“ widmen Horn und Henke überhaupt der Beschreibung der Knochen als „wichtige Anhänge des lebenden Ganzen (…) nach Maaßgabe ihres chemischen Gehaltes und ihrer organischen Bestimmung“ ihre besondere Aufmerksamkeit.[11] In der Chirurgie verändern sich nicht zuletzt mit Horn die Aufmerksamkeit für und das Wissen über Knochen, in denen „ein vollkommner Kreislauf der Säfte statt finde“.[12]

Die Knochen als Wissensgegenstand der Klinik und des ärztlichen Blicks werden von Horn und Henke quasi belebt. Denn sie befinden sich an der Grenze von Leben und Tod, weshalb sie in ihrer „Einleitung“ ausdrücklich formulieren müssen, dass die „Knochen (…) keine harte und unorganische Massen, nicht bloß Theile des Skelettes (sind), welches den übrigen Systemen des Organismus nur zur Stütze, zur Festigkeit und zum Schutz gegen äußere Gewalt dient“.[13] Das Skelett wird i. d. R. erst nach dem Tod sichtbar. So kennt Adelung nicht nur den „Röhrenknochen, Marsknochen, Todtenknochen“, sondern führt zugleich „(e)inen Knochen abnagen“ als Redensart an.[14] Und das Skelett wird um 1800 für „die mit einander verbundenen Knochen eines thierischen Körpers, nachdem alles Fleisch und weichern Theile davon abgesondert worden“, gebraucht.[15] Auch über das „Knochenhaus“ oder „Beinhaus“ sind die Knochen und die Kenntnis über sie wie in Goethes Gedicht Bei Betrachtung von Schillers Schädel noch 1826 mit dem Tod verknüpft – „Im ersten Beinhaus wars, …“. Deshalb ist das Klinische() Taschenbuch mit seiner „Klinik der wichtigsten Knochenkrankheiten“ exemplarisch für ein neuartiges Wissen in der Medizin. Da es mit dem Charité-Vorfall und der Anamnese der Verletzung u.a. der Beine um chirurgisches Wissen geht, gibt der Text einen Wink auf dieses.

Doch es gibt nicht mehr und nicht weniger als den Text mit dem Titel Charité-Vorfall im Kontext der Berliner Abendblätter nebst „Extrablatt“ zwischen dem 1. und 13. Oktober 1810. Die Abfolge der Texte in unterschiedlichen Genres und Literaturen kündigen den Vorfallstext an und rahmen ihn. Kleist als Redakteur schreibt nicht nur eigene Texte für seine Zeitung, sondern redigiert ebenso die anderer und ordnet sie an. Für das redaktionelle Verfahren der Anordnung von fremden und eigenen Texten wird der Charité-Vorfall zu einem Scharnier. Zugleich wird im Verlauf einer Krise der sprachliche Prozess selbst zum Ereignis, indem der Wissensprozess der Anamnese von ἀνά aná, deutsch auf und μνήμη mnémē, deutsch Gedächtnis, Erinnerung selbst als unhintergehbares Ereignis in Szene gesetzt wird. Die Abfolge der Texte und ihre Lexik wurden bereits mikrologisch analysiert.[16] Doch der Kontext der Polizei-Rapporte und ihr „Zweck“ in Zeiten einer Abfolge von Ereignissen – Bränden und Unfällen – zu einer Krise wurden bisher nicht berücksichtigt. Stattdessen wurde von Matthias N. Lorenz verstärkt ein biographischer Kontext in Anknüpfung an Günter Blambergers Kleist-Biografie in Anschlag gebracht.[17] 

Die Anamnese findet als „Verhörsituation“ statt, wie Lorenz es nennt.[18] Nicht zuletzt berichtet Kleist wiederholt von Verhören in jenen Tagen in den Polizeirapporten. Doch dieses Verhör, durch das Wissen erlangt werden soll, trägt einerseits komische Züge durch die „lächerlichsten Mißverständnisse“ und das Lachen der „Todtkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen“. Andererseits geht es durchaus darum, dass der „Geheimerath Hr. K.“ und „ein Arzt“ nachdrücklich wissen wollen, wo den „Mann, namens Beyer,“ nicht nur ein „Rad (…) getroffen“ oder „des Doktors Wagen (..) beschädigt“ haben, vielmehr noch das Rad des Schicksals überfahren habe.[19] Der „hineingefahren(e)“ „linke Ohrknorpel“ lässt sich schließlich nicht sehen und zeigen, sondern nur durch die Aussage des Befragten vernehmen. Doch Kleist setzt gerade für das, was sich nicht sehen lässt, die geläufige Formulierung „(b)is sich endlich zeigte“ als Erlangung des Wissens, als Erkenntnis durch Evidenz ein. Bereits Adelung kennt die Erkenntnis als „Augenscheinlichkeit“ und Evidenz.[20]

In der Konstellation der Befragenden von Geheimrat und Arzt nimmt der Doktor im Text eine besondere Funktion ein. Denn ein Doktor muss kein Arzt sein, obwohl landläufig im Lesen schnell vom Arzt auf einen Doktor med. geschlossen wird. Quasi unter der Hand verwandelt sich der Wagen „des Professor Grappengießer“, wie es noch im „Polizei-Ereigniß. Vom 7. October.“[21] heißt erst in „des Doktors Wagen“ und dann einen „Doktorwagen“.[22] Wird der „übergefahrne Mann, Namens Beyer,“ überhaupt von einem Doktor befragt? Ausdrücklich wird es nicht im Text formuliert. Es steht nicht im Text, dass „Doktoren das Unfallopfer (verhören)“.[23] Weder sind der „Geheimerath Hr. K.“ noch „ein Arzt, der dem Geheimenrath zur Seite stand“, als Doktor der Medizin ausgewiesen. Im zeitgenössischen Sprachgebrauch ist „Doctor, ein Lehrer, ein Ehrennahme dessen, der die höchste Würde in der Theologie, Rechtsgelehrsamkeit, Arzeneykunde und Weltweisheit erhalten hat. Daher die Doctor-Würde, das Doctor Diplom, der Doctor-Hut u. s. f.“[24] Kleist, der wenigstens an der Universität in Frankfurt/Oder ein Studium begonnen hatte, weiß sehr wohl als Schriftsteller und Redakteur, dass eine Doktorwürde durch eine wissenschaftliche Arbeit in anderen als nur der medizinischen Disziplin erlangt werden kann.

Im Medium Zeitung generieren Lesepraktiken beispielsweise durch Nachträglichkeit einen Eigensinn, der nicht immer durch den Text selbst gedeckt wird. Stillschweigend wird mit dem Verhör „in der Charité“ davon ausgegangen, dass dort nur noch Doktoren der Medizin anwesend und die wiederholt benannten Doktoren Mediziner sind. Das Verhältnis von Informationsvermittlung und Vergessen in der Zeitung wird dem Redakteur mit den Beschreibungen von Ereignissen aufgefallen sein. Durch die ihm überlassenen „Polizeirapporte“ wird Kleist zum Leser von Verhören und Erzählungen, die bei den Ermittlungen zu einer zeitnahen Brandserie immer wieder zu Täuschungen, Lügen, Verrat und nachträglichen Schlüssen führen. Im Allergehorsamste(n) Polizei Rapport vom 30. September bis 6. Oktober 1810 heißt es beispielsweise:
Das erste Verhör wurde mit ihm in Schöneberg bei seiner Verhaftung gehalten, wo er sich den Namen Noelling gab.
Bei diesem Verhöre standen, wie sich nachher ergeben hat, einige seiner Spießgesellen vor dem Fenster und gaben ihm Winke und verabredete Zeichen, wie er sich zu benehmen habe.
Dieses Verhör wurde während des ersten Tumults und wie der Brand noch nicht einmal völlig gelöscht war, gehalten, und niemand konnte damals die Wichtigkeit dieses Verbrechens ahnden, die sich erst aus seinen Geständnißen in der Nacht vom 2. zum 3. d. M. ergab.
[25]

An der beschreibenden Zusammenfassung der Verhöre im Polizeirapport wird deutlich, wie schwer es dem Berliner Polizeipräsidenten Justus Brunner fällt, die Reihenfolge der Ereignisse und das erlangte Wissen zu ordnen. Im Extrablatt vom 7. Oktober 1810 übernimmt Kleist diese Passage fast wörtlich, redigiert sie aber in dem Schluss auf, wie man sagen könnte, elegantere Weise, wenn er mit der temporalen Nebensatzkonstruktion  „und niemand konnte damals schon ahnden, mit welchem gefährlichen Verbrecher man zu thun habe“, endet. Was Brunner syntagmatisch als Temporalität misslingt, weil er zusätzlich „die Wichtigkeit des Verbrechens“ herausstellt, bringt Kleist in eine klare Ordnung von Vorzeitigkeit und Nachträglichkeit. Als Redakteur befasst sich Kleist insofern mit der Erzählung von einem Ereignis und dem nachträglichen Wissen darüber, das im Charité-Vorfall auf die Spitze getrieben wird. Auch die Angabe des falschen Namens „Noelling“ interessiert Kleist nicht, vielmehr arbeitet er eine klare Zeitfolge der Ereignisse und ihrer Kausalität für seine Zeitungsleser heraus.
„Nachdem er sich (…), ging er (…) Zufällig war (…), welcher (…) und (…) erkannte.
Dieser Umstand (…), näher (…), und nach (…), wo (…) fanden.
Bei diesem ersten Verhöre (…), wie (…), mehrere (…), wie (…) habe.
Dieses Verhör wurde während des ersten Tumults gehalten, wie der Brand noch nicht einmal völlig gelöscht war, und niemand konnte damals ahnden, mit welchem gefährlichen Verbrecher man zu thun habe.“[26]   

Im Unterschied zum Polizeipräsidenten Brunner ordnet Kleist die Ereignisse und filtert die Informationen besser, könnte man sagen. Zugleich weiß er, dass damit die Ereignisse durch ihre Erzählbarkeit erzeugt und verfehlt werden. Brunners Polizeirapport war durch eine gewisse Unordnung selbst Ereignis geworden. In der Unordnung der Polizeirapporte, in denen wiederholt Kinder und ein „Arbeitsmann“ innerhalb weniger Tage „übergefahren“ werden, steckt nicht nur die Information der Unfälle durch Kutschen auf Berlins Straßen, vielmehr erfordern die Ereignisse eine auch unmögliche Einordnung. Die Leser wollen wissen, wann was warum passiert ist. Und es sind die Doktoren unterschiedlicher Fakultäten, die für die professionelle Generierung von Wissen zuständig sind. Verbrechen und Unfälle fordern in einer heillosen Welt insbesondere Wissen oder wenigstens eine Fiktion des Wissens, womit ich an Claudia Reiche und die vorausgegangene Besprechung anknüpfe. Der Erklärung der Zwecke der „Polizeilichen Notizen“ geht der Unfall eines 5jährigen Kindes voraus:
„Das 5jährige Kind des Schuhmachermeisters Langbrand, ist in der Brüderstraße, vom Kutscher des Geh. Commerz. Rath Pauli, übergefahren, und durch einen Schlag des Pferdes am Kopfe, jedoch nicht tödlich, beschädigt worden.“[27]   

Der Text unter dem Titel Charité-Vorfall steht in krassem Kontrast, ja, Widerspruch zum erwünschten Wissen. Die Erzählung wird an der Grenze von Leben und Tod mit den Todkranken heillos. Dabei hatte Kleist die „Polizeilichen Notizen“ eingeführt, um „das Publikum zu unterhalten, und den (…) Wunsch, von den Tagesbegebenheiten authentisch unterrichtet zu werden, zu befriedigen“.[28] Doch der Wunsch erweist sich gerade an dem Unfall mit einem 5jährigen Kind als problematisch. „(Z)ugleich“ will der Redakteur Kleist „oft ganz entstellte Erzählungen über an sich gegründete Thatsachen und Ereignisse (…) berichtigen“. Doch die Entstellung im Modus einer augenscheinlichen Verkennung gehört nicht nur zum Modus des „Stadtgespräch(s)“, vielmehr wird sie mit dem Verhör in der Charité auf die Spitze getrieben. Das „Stadtgespräch zu berichtigen, welches aus einem (…) Brandbrief deren hundert macht, und ängstliche Gemüther ohne Noth mit Furcht und Schrecken erfüllt“, erweist sich nicht nur für Kleist als das Allerschwierigste, wenn nicht Unmögliche. Stattdessen wird mit den „Doktoren“ und „Doktorwagen“ ein gewaltiges Wissen und die Gewalt des Wissens an der Grenze von Leben und Tod in Erinnerung gerufen – und belacht.

Auf dem Charité-Campus in Berlin-Mitte befindet sich im Neubau Rahel-Hirsch-Weg 3 das Institut für Virologie, dessen Direktor Prof. Dr. Christian Drosten zum Gesicht über das Wissen von SARS-Cov-2 in Deutschland geworden ist, so dass Miriam Lau ihm ein staatstragendes Schlüsselwissen zuschreibt und in keiner Boulevardzeitung, sondern in der ZEIT vom 18. März 2020 fragt: „Ist das unser neuer Kanzler?“ Drosten forscht zur „Evolution und Biodiversität von RNA-Viren, Coronaviren“. Seit den 1990er Jahren hat er zum Aufbau von Testsystemen für HIV-1 und Hepatitis B Viren geforscht.[29] Anders gesagt: Als Virologe wünscht „das Publikum“ von Drosten derzeit, alles Wissen über den neuartigen Virus und einen möglichst baldigen Impfstoff zu erfahren. Doch als Virologe weiß Drosten nur all zu gut, dass es selbst für HIV-1 noch immer keinen Impfstoff, wohl aber wirksame Medikamente gibt. Der Wunsch des Publikums nach einer schnellen Lösung, einem Verschwinden der Pandemie ist groß, übermächtig und verfehlt zu einem guten Teil, was Forschung leisten kann. Aber das Wissen der Virologie ist zugleich in mehrere Arbeitsgruppen ausdifferenziert, so dass sich gewiss nicht alles, aber einiges und das mit einer beachtlichen Geschwindigkeit über SARS-Cov-2 wissen lässt. Insofern geht es insbesondere darum, Informationen zu ordnen, zu hinterfragen und bisweilen auszuhalten.

Torsten Flüh

Stadtführung zur Geschichte der Charité
Torsten Flüh
310 Jahre Charité und die Geburt der Psychiatrie
Stadtführungen sind ab 25. Mai 2020 unter Einhaltung der Kontakt-Beschränkungen wieder erlaubt. (Stand 7. Mai 2020)
Nächste Führungen:
Sonntag 31. Mai 2020 14:30 Uhr bis 16:30 Uhr
Samstag 4. Juli 2020 15:00 Uhr bis 17:30 Uhr


[1] Ansprache der Kanzlerin: „Dies ist eine historische Aufgabe – uns sie ist nur gemeinsam zu bewältigen“. Bundesregierung: Mittwoch, 18. März 2020.

[2] Besprechung der Bundekanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 22. März 2020. (PDF)

[3] Einhaltung der Kontaktsperre am Ostermontag (13.04.2020) 13.04.2020 aktueller bericht ∙ SR Fernsehen. (Link)

[4] Heinrich von Kleist: ohne Titel. In: ders.: Sämtliche Werke. Kritische Edition sämtlicher Texte nach Wortlaut, Orthographie, Zeichensetzung aller erhaltenen Handschriften und Drucke. Herausgeben von Roland Reuß und Peter Staengle. Frankfurt/M.. Basel. Bd. II/7 Berliner Abendblätter I 1997, S. 24.

[5] Als Folge einer langjährigen Auseinandersetzung wird Ernst Horn 1818 seine Oeffentliche Rechenschaft über meine zwölfjährige Dienstführung als zweiter Arzt des Königl. Charité-Krankenhauses zu Berlin, nebst Erfahrungen über Krankenhäuser und Irrenanstalten stehen, die als ein Beginn der modernen Psychiatrie gelesen werden kann. Ernst Horn: Oeffentliche Rechenschaft über meine zwölfjährige Dienstführung als zweiter Arzt des Königl. Charité-Krankenhauses zu Berlin, nebst Erfahrungen über Krankenhäuser und Irrenanstalten. Berlin: Realschulbuchhandlung, 1818. (Digitalisat)

[6] Matthias N. Lorenz hat im jüngsten Forschungsbeitrag zum Charité-Vorfall zwar darauf hingewiesen, dass beim Arzt „Geheimrat K.“ die „Zeitgenossen unschwer auf den damaligen Leiter der Charité, den Geheimen Obermedizinalrat Kohlrausch, schließen konnten“. Doch er ist den weiteren möglichen Implikationen dieses Schlusses nicht nachgegangen. Matthias N. Lorenz: Anatomie einer Störung. Vier Lesarten von Kleists >Charité-Vorfall<. In: Kleist-Jahrbuch 2019. Berlin: J.B. Metzler, 2019, S. 348. 

[7] Zur Klinik siehe: Michel Foucault: Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. Frankfurt am Main: Fischer, 1988.

[8] Anna von Sydow (Hrsg.): Wilhelm und Caroline von Humboldt in ihren Briefen. 2. Auflage. Band 2. Mittler und Sohn, Berlin 1907, S. 121.

[9] Rumpf, Johann Daniel Friedrich: Der Preußische Secretär: ein Handbuch zur Kenntiß der preußischen Staatsverfassung und Staatsverwaltung. Berlin, Hahn, 1817, S. 345.

[10] Ernst Horn: Klinisches Taschenbuch für Aerzte und Wundärzte. Berlin: Friedrich Braunes, 1807.

[11] Ebenda S. 2.

[12] Ebenda S. 3. 

[13] Ebenda S. 2.

[14] Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart. 2. Aufl. Leipzig 1793–1801, Knóchen.

[15] Ebenda Skelétt.

[16] Vgl. Torsten Flüh(e): Sichtbar Unsichtbares. Zu Kleists Problematisierung des Augensinns. In: Runa 28 (2000). S. 239-254.

[17] So etwa in Bezug auf „Kleists Lebenswelt“ und dem nach Blamberger „(p)ermanente(n) Kampf ums Obenbleiben“. Matthias N. Lorenz: Anatomie … [wie Anm. 6] S. 356.

[18] Ebenda S. 355.

[19] Heinrich von Kleist: Charité-Vorfall. In: ders.: Sämtliche … [wie Anm. 4] S.63.

[20] Grammatisch-kritisches Wörterbuch … [wie Anm. 14] Augenscheinlichkeit.

[21] So hatte sich ein Professor Grapengießer im Januar 1810 um die Stelle des Stadtphysikus in Berlin beworben. (Siehe Martin Sürzbecher: Beiträge zur Berliner Medizingeschichte. Berlin: Walter de Gruyter, 1966, S. 18, Anm. 30.)
Heinrich von Kleist: Polizei-Ereigniß. In: ders.: Sämtliche … [wie Anm. 4] S. 41.

[22] Heinrich von Kleist: Charité … [wie Anm. 19].

[23] Matthias N. Lorenz: Anatomie … [wie Anm. 6] S. 348.

[24] Grammatisch-kritisches Wörterbuch … [wie Anm. 14] Dóctor.

[25] Polizeirapporte. In: Roland Reuß und Peter Staengle (Hrsg.): Brandenburger Kleist-Blätter 11. Basel/Frankfurt am Main: Stroemfeld, 1997, S. 59.

[26] Heinrich von Kleist: Extrablatt. In: ders.: Sämtliche … [wie Anm. 4] S. 41.

[27] Heinrich von Kleist: Polizei-Rapport. Vom 4ten Oktober. In: Ebenda S. 24.

[28] Heinrich von Kleist: ohne … Ebenda S. 24-25.

[29] Institut für Virologie: Labor Drosten.

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