Von der Fiktionalität der Epidemie

Epidemie – Polio – Männlichkeit

Von der Fiktionalität der Epidemie

Zu Philip Roths Roman Nemesis über eine fiktionale Polio-Epidemie in Newark 1944

Als ich Alegra Lohmann kennenlernte, war sie schon alt, lebte im Kieler Stadtkloster und erzählte so gut wie gar nichts von ihrer Kinderlähmung, deren Spuren ihren Körper und ihr ganzes Leben geprägt hatten. Der Vorname Alegra war mir als jungem Menschen Mitte der 70er Jahren völlig unbekannt. Deshalb war Alegra von Anfang an besonders für mich. Welche Laune ihrer Eltern Alegra den Vornamen verliehen hatte, wagte ich nicht zu fragen. Eine gewöhnliche Frau, die um die Jahrhundertwende in Kiel oder ganz Schleswig-Holstein geboren worden war, hieß jedenfalls nicht Alegra, die Fröhliche. Maria, meine Großmutter mütterlicherseits, wurde Mimi von ihren Verwandten genannt. Erika, Martha, Elli und Alice waren die Namen meiner Großmutter väterlicherseits und ihrer drei Schwestern. Wobei Alice schon ziemlich extravagant klang. Asta gar, hieß eine Nachbarsfrau gleichen Alters. Aber Alegra hieß nur Frau Lohmann.

2010 hat Philip Roth seinen Roman Nemesis veröffentlicht. 2018 verstarb der amerikanische, in Newark, New Jersey, geborene Schriftsteller im Alter von 85 Jahren, nachdem er 31 Bücher geschrieben hatte, die teilweise mit wichtigen Buchpreisen prämiert wurden. Ende der neunziger Jahre wurde Philip Roth wiederholt als Kandidat für den Literaturnobelpreis ins Spiel gebracht. Nemesis erreichte 2011 einen Platz auf der Shortlist des Wellcome Trust Book Prize für die beste Medizin-Literatur und ging leer aus. Dass Philip Roth einen nahezu hellsichtigen Epidemie-Roman geschrieben hatte, geriet bis ins Frühjahr 2020 und dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie in Vergessenheit. Oder anders gesagt: erst mit den Erfahrungen der realen Pandemie wird im Roman lesbar, wie nah und genau Philip Roth die narrativen und gnostischen Prozesse nicht nur einer völlig fiktiven Poliomyelitis-Epidemie beschrieben hatte, vielmehr noch, dass sich viele Details der aktuellen Epidemie darin lesen lassen. Wie kann das sein? Wie gelingt es Philip Roth?

Die Poliomyelitis ist in Deutschland, Europa, Amerika, Westpazifik und Südostasien seit 2014 eradiziert. 1988 hatte „die WHO auf Basis des breiten Einsatzes der oralen Polio-Vakzine (OPV) die Globale-Polio-Eradikations-Initiative (GPEI)“ initiiert.[1] Doch es gibt immer wieder Ausbrüche durch Polio-Wildviren, weshalb die Eradikations-Initiative erst im April 2019 neu aufgelegt wurde, um bis 2023 eine vollständige Ausrottung der Infektionskrankheit zu erreichen.[2] Im Zeitraum der Romanhandlung im Sommer 1944 ist an eine Ausrottung der Kinderlähmung noch gar nicht zu denken. Die Diagnostik steht noch am Anfang und die Übertragungswege sind weitgehend unbekannt bzw. ungewiss. Eine Impfung ist noch nicht möglich. Eine „spezifische Therapie mit antiviralen Substanzen“ ist bis heute „nicht verfügbar“.[3] Doch seit Anfang der sechziger Jahre gibt es die „Schluckimpfung“ auf einem Stück Würfelzucker oder als „Likörchen“. „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam“, gilt auch heute noch. Ich kann mich an meine „Schluckimpfung“ in den 60er Jahren schwach erinnern. Die Methode hat sich durchgesetzt.

Wie geschieht die Übertragung der Poliomyelitis? Infektionskrankheiten sind von einem sozialen Geschehen abhängig. Das galt und gilt für Polio ebenso wie für Sars-Cov-2. Die „kleine(n), sphärische(n), unbehüllte(n) RNA-Viren“[4] der Polio, deren Erbgut aus Ribonukleinsäure besteht, bewegen sich nicht einfach mit eigener Kraft durch die Luft oder durchs Wasser, vielmehr müssen sie von einem Menschen als Wirt auf einen anderen übertragen werden. Polio braucht wie Sars-Cov-2 körperliche Kontakte von Mensch zu Mensch. Bei der Polio ist eine „fäkal-orale Schmierinfektion“ notwendig, über die sich Philip Roth informiert haben wird, die im Jahr 1944 noch nicht bekannt ist – „kein Mensch weiß, wie sie übertragen wird“ (S. 30) -, aber vermutet wird. In dieser, sagen wir, strukturellen Anlage ähneln sich Epidemien. „Händewaschen und -desinfektion“ helfen bei der Vermeidung der Ausbreitung im Roman wie in der Realität.[5] Insofern gibt es spezifische Ähnlichkeiten zu Sars-Cov-2. Da Roths Protagonist Mr. Cantor, genannt Bucky, nicht weiß, wie Polio übertragen wird, er sich allerdings die Übertragung imaginiert, kommt es gegen Ende des 2. Teils zu folgender Szene:
„»Was hat dein Vater gesagt?«, fragte er und hielt den Kopf so, dass er ihr nicht ins Gesicht atmete.“[6]

Anders als Thomas Mann in seinen Romanen Der Zauberberg mit dem Hintergrund der Tuberkulose- und Der Tod in Venedig mit dem finalen Ausbruch einer Cholera-Epidemie[7] wird von Philip Roth die Epidemie in ihren Wissensprozessen anhand seines Protagonisten Bucky erzählt, der durch Arnold Mesnikoff als Ich-Erzähler perspektiviert wird, was allerdings erst gegen Ende deutlich wird.[8] Arnold war ein Schüler des Sportlehrers Mr. Cantor, der an Kinderlähmung erkrankte und dessen Körper von ihr schwer gezeichnet wurde. Das Wissen von der Epidemie, der Krankheit, ihrer Symptomatik, dem Nicht-Wissen und dem „Gewissen“ – „Das Einzige, was er nicht mehr hatte, war ein reines Gewissen.“ (S. 137) – strukturieren Roths Epidemie-Roman. Wie soll Bucky mit „seinem“ Wissen von der Epidemie umgehen, das sich einerseits einem Erfahrungswissen verdankt, andererseits „dem Anspruch, ein überaus verantwortungsbewusster Mann zu sein“ (S. 136), verpflichtet ist? Die Wissensformationen um die nicht zuletzt geschlechtlich verknüpfte Verantwortung als Mann wird für Bucky zu einem Problem und führt schließlich zur Katastrophe.

Das Thema der Männlichkeit, und die Frage was es heißt, ein Mann mit einem Gewissen zu sein, spielen in Nemesis narrativ eine ebenso große Rolle wie der Ausbruch der Poliomyelitis im „jüdischen Viertel Weequahic im Südwesten von Newark“ (S. 7). Es lässt sich sagen, dass über den „neue(n) Sportlehrer“ Bucky Cantor, der die „Ferienaufsicht über den Sportplatz“ an der Chancellor Avenue School (S. 14) für all jene Jungen übernommen hat, deren Eltern sich keine Ferienreise in die Berge oder an die Küste erlauben konnten, die Männlichkeit mit dem Sport und dem Körper sowie der sozialen Gemeinschaft in Bezug auf den Ausbruch der Epidemie komponiert wird. Buckys Disziplinen sind Speerwerfen und Gewichtheben, auch vom Turmspringen versteht er etwas. Mit den Jungen spielt er Baseball bzw. organisiert und beaufsichtigt er im Juni 1944 deren Spiele. Weil er unter einer starken Kurzsichtigkeit leidet, darf er nicht wie alle anderen Männer seines Alters am Weltkrieg im Pazifik gegen Japan oder in Europa gegen Deutschland teilnehmen. Insofern ist seine Männlichkeit von Anfang an beschädigt bzw. in Frage gestellt, so dass die Epidemie zu seinem „Krieg“ wird. Die Epidemiebekämpfung als „Krieg“ gibt einen Wink auf die Rhetorik insbesondere von männlichen Regierungschefs während der Covid-19-Pandemie.

Die Drohung der Kinderlähmung durch Infektion und der Sport als Körperertüchtigung werden von Roth effektvoll gegeneinander in Stellung gebracht. Denn die Kinderlähmung zerstört bereits in der Eröffnungssequenz den Körper von „Mr. Cantors Lieblingsschüler Alan Michaels“ (S. 31), der im Krankenhaus stirbt. Als besonders grausam droht den Jungen ein Leben im technischen Beatmungsgerät der Eisernen Lunge. Die lebenslange Beatmung eines Menschen durch eine Maschine gilt als Kontrollverlust und ultimativer Horror. Seit der medizin-technischen Möglichkeit der Intubation Ende der 1970er geriet die Eiserne Lunge außer Gebrauch. Es gab Patient*innen die über 60 Jahre in einer Eisernen Lunge leben mussten. Die Lübecker Drägerwerke fertigten 1947 die ersten Eisernen Lungen in Deutschland serienmäßig an, fertigen seit 1982 elektronische Beatmungsgeräte und gelten derzeit als Weltmarktführer für Beatmungsgeräte in der Covid-19-Pandemie, dessen Nachfrage kaum befriedigt werden kann. Während die Mädchen 1944 Seil springen, sterben nach Baseball-Turnieren Buckys sportlichste Jungen, die nur 12 Jahre jünger sind als er selbst. Sport dient Bucky wie seinen Jungen zur physischen wie mentalen Entwicklung zum Mann. Verstärkt wird die Funktion des Sports von Buckys Großvater für die jüdische Identität: „Er ermunterte den Jungen, sich vor nichts zu fürchten, sich jederzeit als Mann wie als Jude zu behaupten und zu akzeptieren, dass die letzte Schlacht nie geschlagen war.“ (S. 25) Judentum und Männlichkeit prägen Bucky in seiner Fiktion von sich selbst nicht nur, vielmehr werden sie vom Großvater gleichsam auf ihn übertragen, ihm sprachlich geradezu eingeimpft.

Der Epidemie-Roman Nemesis erzählt mitnichten nur von der Epidemie und der „Schuldfrage“, vielmehr muss die Epidemie als soziales Geschehen mit der Symptomatik der Krankheit erzählt werden. Insofern ist Nemesis nur bedingt Medizin-Literatur wie auch die gleichnamige Göttin des Zorns in der griechischen Mythologie auf den Zorn als „politischen Affekt“ anspielt. Denn in der historischen Perspektive von 1944 weiß Bucky zu wenig von der Krankheit, kann und muss sie aber in seiner Wahrnehmung mit den Bildern der Männlichkeit, zu denen auch der Zorn Gottes wie seine Wut auf Gott gehören, verknüpfen. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wird Buckys männlicher Zorn mehr als Wut auf Japan und Deutschland maßgeblich durch den Kriegsverlauf generiert. Das Thema der Männlichkeit wurde in den ersten Rezensionen in Deutschland 2011 beispielsweise von Ulrich Greiner offenbar überlesen. Dass es mit dem Sport in Nemesis um mehr und anderes als nur den Sportlehrer Eugene Cantor gehen könnte, wurde nicht erwähnt.[9] Am 18. März 2020 wird lediglich auf die Frage der Gerechtigkeit einer Infektion während einer Epidemie angespielt.[10] Das Wissen der Literaturen von der Epidemie generiert sich, wie es Sam Lipsyte 2018 in seinem Nachruf auf Josef Roth in der New York Times formuliert hat aus Imagination, Erfahrung und Sprache.
„Fiction writers often operate in a grand swirl of imagination, experience and language. With the right amount of artifice, it all feels natural. With the right amount of invention (and biography), it all feels true. Mr. Roth’s body of work is one 20th-century American man’s hole.”[11]       

Einbildung, Erfahrungswissen und Sprachwissen überschneiden sich nach dem Schriftsteller und „chairman of the writing program at Columbia University’s School of the Arts“ Sam Lipsyte beim Schreiben von Fiktion. Er war in seinem Nachruf auf die Frage eingegangen, ob Philip Roth in seinem Roman Sabbath’s Theater (1995) mit dem alternden Puppenspieler Mickey Sabbath eine toxische Männlichkeit vorführe, sanktioniere und man deshalb Roth als Schriftsteller noch schätzen dürfe. Dies lässt sich in mehrfacher Hinsicht zu Nemesis in Beziehung setzen. Lipsyte erwähnt den Roman nicht, vielmehr fokussiert er sich auf den skandalisierten Puppenspieler-Roman, in dem Machtphantasien über andere Körper oder Körper der Anderen von vornherein angelegt sind. Dafür musste Roth sich nicht „aus Erfahrung“ mit Sabbath identifizieren, um es glaubhaft zu formulieren. Wir wissen nicht, wie genau Lipsyte Nemesis gelesen hat. Doch in der Kombination der Kinderlähmung als Symptom der umgangssprachlich verkürzt „Polio“ genannten Infektionskrankheit, die im Alter Spätfolgen bis zum Muskelschwund verursachen kann, mit einem so wirkmächtigen, sportlichen Bild von Männlichkeit, dass Bucky am Schluss des Romans jeden Kontakt zu seiner Verlobten Marciah ablehnt, kann diese Imagination gar nicht toxischer für den Protagonisten(!) sein.

Nicht die Polioerkrankung und quasi verspätete Kinderlähmung haben Bucky „verkrüppelt“, vielmehr ist es seine Imagination der Männlichkeit selbst, wie es durch die Erzählung von Arnold Mesnikoff deutlich wird. Arnold ist trotz seiner Kinderlähmung Architekt geworden, hat sich deshalb auf behindertengerechtes Bauen spezialisiert, hat geheiratet und Kinder bekommen. (S. 189) Doch Bucky, sein Vorbild, hat seine Behinderung nicht angenommen und hat seinen Zorn in eine anhaltende Verbitterung transformiert. Es ist gerade Buckys, man könnte sagen, unjüdische Humorlosigkeit, die sein ehemaliger Schüler kritisiert. Humorlosigkeit wird als sprachliches Manko formuliert. Arnold urteilt bei aller früheren Bewunderung recht hart über ihn und seine Männlichkeit, bevor nicht nur zufällig das Bild des antiken, mythologischen Helden Herakles als „erste(m) Speerwerfer“ aufgerufen wird (S. 216), weil sie völlig humorlos praktiziert wird.
„Er war ein weitgehend humorloser Mann, der sich zwar ausdrücken konnte, aber nicht geistreich war, der nie etwas Satirisches oder Ironisches sagte und kaum je einen Witz machte oder im Scherz sprach.“ (S. 214)

Philip Roths Romanfigur Eugene Cantor korrespondiert über das Idol Herakles als erstem Speerwerfer mit George L. Mosses vielleicht wirkungsmächtigstem Buch The Image of Man: The Creation of Modern Masculinity (1996).[12] Mosse hat in seinem Buch nicht nur das „Bild des Mannes“ und der Männlichkeit seit Johann Joachim Winckelmann im 18. Jahrhundert kritisch beleuchtet und dekonstruiert, er hat vor allem erstmals auf die Geschichte der jüdischen Sportvereine für das Männlichkeitsbild zu Beginn des 20. Jahrhunderts kritisch hingewiesen. Weil das normative Männlichkeitsbild seit Winckelmann insbesondere das der Juden ausgrenzte, gab es nach der Jahrhundertwende durch die deutschen Juden die größten Anstrengungen, diesem durch Sport zu entsprechen.[13] Roths Figur Eugene Cantor von 1944 zerbricht insofern nicht nur an der Polioepidemie und der Kinderlähmung, vielmehr scheitert er an einem normativen Körper- und Männlichkeitsbild, das George L. Mosse ca. 14 Jahre zuvor kritisiert hatte.[14]

Die Erzählung von der Polioepidemie wird von Philip Roth mehr oder weniger an Goerge L. Mosse anknüpfend insbesondere als eine der jüdischen Imagination von Männlichkeit entfaltet. Die Kombination der den männlichen Körper zerstörenden Kinderlähmung mit der schon um 2010 in Amerika aufkeimenden Re-Maskulinisierung des weißen Mannes z. B. durch Jack Donovan weist weit über die Epidemie hinaus.[15] Mosse wies darauf hin, dass das »Ideal der männlichen Schönheit […] politisch fast wichtiger als das der weiblichen« sei. »Die gesellschaftliche Symbolkraft der männlichen Schönheit, wie sie Winckelmann beschrieben hat, sowie die scharfe Unterscheidung zwischen schön und hässlich, liegt auch dem Faschismus zu Grunde«, weil es damit um das normative Geschlecht in seiner Mehrdeutigkeit von Herkunft, Rasse, Familie und Geschlechtspraktiken geht. »Seit dem 18. Jahrhundert soll man auf den ersten Blick erkennen können«, sagte Mosse, »wer schön und wer hässlich ist. Und wenn du hässlich bist, bist du sofort erkennbar als ein Feind der Rasse.«[16] Bucky ist relativ klein, aber athletisch mit einer gewissen narzisstischen Bewunderung für den jungen Männerkörper.  

Der Nemesis-Roman gibt nicht nur einen Wink auf die aktuelle Pandemie, vielmehr wusste der Text vor 2010, dass am 6. Januar 2020 ein an Indianererzählungen anknüpfender Schamane ins Capitol eindringen und sich auf den Sitz des Capitol-Präsidenten fläzen müsste. Denn die Indianer-Erzählung vom Camp Indian Hill im 2. Teil von Nemesis ist vor allem eine vom homoerotischen Männlichkeits- und Kameradschaftsmythos. Sie ist trotz der ständigen Drohung, dass die Polioepidemie im jüdischen Sommercamp in den Bergen ausbrechen wird, brüllend komisch. Insbesondere gerät die „Indianernacht“ der Jungen zur Groteske. Die Groteske verwendet Roth als eine rhetorische Form, in der mehrere Erzählstränge wie der der Männlichkeit transformiert, aufeinander zugeführt und ebenso grausam wie lächerlich zur Kollision gebracht werden. Um der Männlichkeit willen wird in der Fiktion von 1944 Rassismus bis ins Detail genauso ausgeführt, wie es Donald Trumps Schamane und QAnon-Verschwörungsanhänger Jake Angeli im Capitol vorgeführt hat.
„Buckys Indianerkostüm war vom Handwerksbetreuer zusammengestellt worden. Wie die anderen hatte er sein Gesicht mit Kakaopulver eingerieben, damit die Haut den dunklen Ton eines Indianers bekam, und auf jede Wange einen diagonalen Streifen – die »Kriegsbemalung« – aufgetragen, einen schwarzen mit Holzkohle, einen roten mit Lippenstift.“ (S. 162)  

Der Begriff der Angst kommt im Roman häufig vor. Die Angst grassiert in Weequahic durch das Wissen um die Epidemie, das ein höchst ungenaues ist. Wiederholt und drängend wird nach der Ordnungsmacht des Gesundheitsamtes und der „Gesundheitspolizei“ gerufen.(S. 33) Anders als in der Covid-19-Pandemie gibt es keine Bilder vom Virus. Auf Bilder lässt sich reagieren. Sie machen das Virus in gewisser Weise vertraut und angreifbar. Diese grafisch-rechnerisch generierte Bildlichkeit fehlte der Poliomyelitis komplett. Corona in seiner Vieldeutigkeit generierte sofort Sprach- und Bildspiele mit Biermarken, Kronenkorken und Kopfbedeckungen. Yoko Tawada hat mit ihrem Corona-Roman Paul Celan und der chinesische Engel die Sprachlichkeit der Covid-19-Pandemie erforscht. Die Angst vor Polio hatte vor allem mit den kursierenden Bildern versehrter Körper und dem lebenslangen Gefängnis der Eisernen Lunge zu tun. Die Kinderlähmung war das Bild für den Virus, während es für Sars-Cov-2 zunächst vor allem Bilder von Menschen unter Beatmungsmasken und -geräten gab. In Newark bricht denn auch nach dem Telefonat der Großmutter „Hass“ gegen die Juden in Weequahic aus. Das alte Narrativ des Antisemitismus bricht sich Bahn.
„Die Antisemiten sagen, dass ich die Polio ausbreitet, kommt daher, dass hier so viele Juden leben. Wegen alle der Juden – darum geht die Polio von Weequahic aus, und darum muss man die Juden isolieren. Manche von denen hören sich an, als würden sie denken, die beste Methode, die Polio loszuwerden, bestehe darin, Weequhic mit allen Juden, die dort leben, niederzubrennen. Es gibt viel Feindseligkeit, weil die Leute aus lauter Angst verrückte Sachen sagen. Aus Angst und Hass.“ (S. 152)

Die „Indianernacht“ mit Mr. Blomback trägt nicht nur folkloristische Züge, vielmehr wird sie voller Ironie als faschistisch beschrieben. Karl May lässt grüßen, wenn Mr. Blomback als „Indianerhäuptling“ auftritt und Bucky darüber erstaunt ist. Der Camp-Gründer und -Geschäftsführer imitiert und installiert ein respektgebietendes System, das die jüdischen Jungen (und Mädchen) schwer fasziniert. Die Dunkelheit der Nacht am See im Gebirge generiert ihr eigenes, groteskes Verhalten unter Knaben und jungen Erwachsenen, die von einem falschen „Indianerhäuptling“ in das obskure Wissen von der Männlichkeit und Gemeinschaft der Indianer eingeführt werden. Er legt ein „kakaofarbenes Make-up“ an und zelebriert eine Show der Macht, die von einer Art Versprecher begleitet wird bzw. wurde. Doch dieser Versprecher wurde rechtzeitig erkannt, um dann auf dem Heimweg in die nach Indianerstämmen benannten Unterkünfte von den Jungen kameradschaftlich ausgesprochen zu werden, weil sich die Jungen „nach Indianerart“ verständigen wollen.
„Früher hatte er die Jungen nach Indianerart begrüßt, mit erhobenem rechtem Arm, die Handfläche nach vorn gekehrt, und alle hatten den Gruß auf dieselbe Weise erwidert und dabei ein befriedigtes »Hugh!« gegrunzt. Doch diesen Teil der Zeremonie hatte man gestrichen, seit die Nazis auf der Weltbühne erschienen waren, denn die benutzten dieselbe Geste, die bei ihnen »Heil Hitler« bedeutete.“ (S. 163)

Die Koinzidenz der Ereignisse und Diskurse, von denen sich zwischen Quarantäne und Händewaschen sicher noch eine ganze Reihe mehr lesen und analysieren ließen, ist faszinierend. Was geschieht während einer Epidemie, wie sie Philip Roth mit Nemsis gleichsam täuschend echt und doch fiktional durchspielt? So einzigartig und unvergleichlich die Covid-19-Pandemie in den Medien besprochen wird, erweist sich z.B. die Rede von den Zahlen in „Rekordhöhe“ als ein viel geübtes, sich ständig selbst überholendes Wissen vom Messen in der Moderne. Was noch während der „ersten Welle“ als absolute Zahlen galt, ist längst um ein Vielfaches übertroffen worden, wofür irgendjemand verantwortlich(!) gemacht werden muss und seien es Regierungs- und Gesundheitspolitiker, die heutzutage immerhin enorm viel, doch keinesfalls alles von der Pandemie und ihrem Erreger wissen. Die Schlagzeilen der Zeitungen heute und morgen gleichen sich mit der fiktiven Schlagzeile von 1944: „»Zahl der Poliofälle auf Rekordhöhe. Bürgermeister schließt öffentliche Einrichtungen.«“ (S. 153) Es bedarf allerdings eines sehr feinen Gespürs für bereits kursierende Diskurse, um sie wie Philip Roth so zu kombinieren und zu verknüpfen, dass sie eines Tages als vorher gewusst gelesen werden.

Torsten Flüh

PS: Um Bildmaterial für diesen Blog zu generieren, habe ich heute Morgen drei „Bolzplätze“ (für Jungen) in Berlin-Wedding besucht. Den „Bolzplatz“ auf dem Sparrplatz, auf dem Leopoldplatz an der Schulstraße und den sogenannten „Käfig“ an der Panke neben der Bibliothek am Luisenbad, wo Jerome, George und Kevin-Prince Boateng gebolzt haben sollen, bevor sie von Hertha-Scouts entdeckt wurden und ihre internationalen Karrieren als Fußballer starteten.


[1] RKI-Ratgeber: Poliomyelitis. (2015) Online.

[2] Siehe RKI: Epidemiologisches Bulletin 14/2019.

[3] Siehe „Therapie“ in RKI-Ratgeber: Poliomyelitis … [wie Anm. 1].

[4] Ebenda „Erreger“.

[5] Ebenda „Hygienemaßnahmen”. (Maßnahmen bei Einzelerkrankung).

[6] Philip Roth: Nemesis. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2012 (8. Auflage November 2020), S. 180.

[7] Vgl. dazu: Torsten Flüh: Davoser Sonnenumläufe – Eine Revue 2020. Wie die Kombucha-Brauerei in den Georg-Knorr-Gewerbepark kam und was das mit Thomas Manns Roman Der Zauberberg zu tun hat. In: NIGHT OUT @ BERLIN 23. Dezember 2020.

[8] Philip Roth: Nemesis … [wie Anm. 6] S. 192.

[9] Ulrich Greiner: Gott ist böse. Bewegend, radikal und meisterhaft: „Nemesis“ von Philip Roth. In: Text und Zeit ohne Datum.

[10] Ulrich Greiner: Das Leben im Ausnahmezustand. Was die Literatur über Epidemien zu erzählen hat. In: 18. März 2020DIE ZEIT Nr. 13/2020, 19. März 2020.

[11] Sam Lipsyte: Philip Roth’s ‘Toxic Masculinity’. In: New York Times May 23, 2018.

[12] Vgl. zu George Mosses The Image of Man/Das Bild des Mannes auch: Torsten Flüh: Über die verheißungsvolle Geschichte von Bildung und Liberalismus. Zur Mosse-Lecture „Bildungsliberalismus“ und zum Jubiläumsvortrag über den deutsch-jüdischen Liberalismus der Familie Mosse. In: NIGHT OUT @ BERLIN Juni 14, 2017 11:30.

[13] George L. Mosse: The Image of Man: The Creation of Modern Masculinity. Oxford: Oxford University Press, 1996, S. 155-180.

[14] Vgl. auch Torsten Flüh: Zurück zur Männlichkeit? George L. Mosses Kritik des Männlichkeitsbildes nach Johann Joachim Winckelmann und die Rückeroberung der Geschlechter durch die Neue Rechte. In: Jahrbuch Sexualitäten 2019. Herausgegeben im Auftrag der Initiative Queer Nations von Janin Afken, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen und Benedikt Wolf. Göttingen: Wallstein, 2019, S. 43-70.

[15] Jack Donovan: The Way of Men. Milwaukie, OR [im Eigenverlag] 2012.

[16] George L. Mosse: Die Politik gegen Lesben und Schwule im Kontext nationalsozialistischer Machtausübung. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Der homosexuellen NS-Opfer gedenken. Berlin 1999, S. 29.

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