Zorn zwischen Gefühlsausbruch und Lebenspraxis

Zorn – Wut – Recht

Zorn zwischen Gefühlsausbruch und Lebenspraxis

Zwischenlese zur digitalen Reihe der Mosse-Lectures zum Thema Zorn – Geschichte und Gegenwart eines politischen Affekts

Aus dem Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin wurden bisher an zwei Donnerstagabenden live via YouTube-Kanal die Mosse-Lectures von Johannes F. Lehmann und Ute Frevert gestreamt. Aaron Ben-Ze’ev bat die Organisator*innen der Mosse-Lectures, ihn nicht der rasenden Covid-19-Pandemie auszusetzen und aus seiner Heimat-Universität, University of Haifa, per „Online Learning“ seinen Vortrag halten zu dürfen. Auf drei unterschiedliche Weisen näherten sich die Vortragenden dem Thema Zorn. Lehmann betrachtete den Gefühlsausbruch des Zorns aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Sicht. Ben-Ze’ev positionierte als Philosoph den Zorn zwischen Liebe und Hass. Und die Historikerin Frevert ging dem Zorn und der Wut als mächtige Gefühle in der deutschen Geschichte nach. Was wissen wir vom Zorn?

Die aktuelle Transformation des Zorns auf Demonstrationen der sogenannten Querdenker und Corona-Leugner heißt Wut. Was unterscheidet den Zorn von der Wut? Unter evangelikalen Christen in den USA und Ralph Drollinger, Mitglied der White House Bible Study Group, kursierte schon Ende März 2020 der Glaube, dass Amerika den „consequential wrath of God“ mit der Pandemie erfahre.[1] Der „folgerichtige Zorn Gottes“ über Homosexualität und Umweltschutz trifft die USA weiterhin mit allergrößter Wucht. Während in Deutschland die Rede vom Zorn oder gar einem Zorn Gottes nahezu versiegt ist, wird von ihm im Umkreis von Donald Trump weiterhin gesprochen. Agierte Donald Trump mit seinen Entlassungen nicht immer unter Anmaßung eines Zorns über jeden Funken eines Widerspruchs? Kanalisierte und transformierte er als Präsident nicht die Wut der Angry White Men (2013) in einen selbstgerechten Zorn? Wünscht sich Wut nicht immer im Zorn eines Machthabers eingelöst zu sehen?

In meiner Zwischenlese zu den Mosse-Lectures im außergewöhnlichen Wintersemester 2020/2021, denn es steht noch eine Performance von A. L. Kennedy am 21. Januar aus, möchte ich das Verhältnis von Zorn und Wut im Horizont eines religiösen, biblischen Sprechens unter Berücksichtigung der gehaltenen Lectures analysieren. Die Mosse-Lectures von Aaron Ben-Ze’ev Anger and its Interaction with Love and Hate und Ute Frevert Edler Zorn und Wut im Bauch. Historische Metamorphosen sind wie auch die von Johannes F. Lehmann im YouTube-Kanal abrufbar. Deshalb werde ich nur auf einige wenige Aspekte referierend, zuspitzend und erweiternd eingehen. Am heimischen, antiquierten Sekretär sah und hörte der Berichterstatter mit Headset die Lectures live und fertigte Screenshots für diese Besprechung an. Über die Chat-Funktion des YouTube-Programms stellte er Fragen. Erwähnenswert ist vielleicht schon hier, dass bei ca. 100 zugeschalteten PCs kaum Fragen aus dem, wie man sagt, Netz gestellt wurden. Ein Inkognito gerierte sich im Chat als Bot und gab zweimal kontextfreie Äußerungen von sich.

Hinsichtlich des Zorns im Englischen gibt es ein anderes semantisches Umfeld, das zwischen anger, wrath und fury oszilliert. Im Englischen wird wrath häufig als Steigerung von anger gebraucht.[2] Michael Kimmel veröffentlichte 2017 seine Studie über die Angry White Men: American Masculinity at the End of an Era mit einem neuen Vorwort, in dem er schrieb, dass „Donald Trump“ im Index seines Buches nicht vorkomme, weil es ein Buch nicht über ihn, sondern seine Anhänger (followers) sei. Nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika im November 2016 erlangte die Studie weltweite Aufmerksamkeit. Denn sie schien nicht nur etwas über dessen Wähler*innen, sondern auch, wie Ute Frevert sagen würde, die „Gefühlspolitik“ des Reality-Stars und Geschäftsmannes zu verraten, der die stolze Partei der Republikaner mit Populismus[3] gekapert hatte.
„Populism is not a theory, an ideology; it’s an emotion. And the emotion is righteous indignation that the government is screwing “us.””[4] 

Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte in ihrer Schriftenreihe bereits 2016 in einer Lizenzausgabe mit der Übersetzung von Helmut Dierlamm Kimmels Buch über Männlichkeit als Angry White Men: die USA und ihre zornigen Männer veröffentlicht.[5] In dieser Übersetzung deutet sich ebenfalls eine literarische Verschiebung von der Wut zum Zorn an. Männer dürfen nicht nur wütend, sondern zornig sein. „Angry White Men“ sind geschlechtsspezifisch und erst einmal keine weißen Frauen. Mit dem Zorn wird nicht zuletzt in Bibeltexten ein unergründbarer Rechtsanspruch verknüpft. Denn Gott selbst figuriert in seinem Zorn als Gesetzgeber und Überwacher seiner Vorschriften. Die Verschränkung von Gefühl und Gesetz zeichnet den Zorn Gottes aus und macht ihn in der theologischen Einordnung durchaus problematisch, denn Gott darf nicht aus Gefühl handeln.
„Die Rede vom Zorn Gottes durchzieht das Alte und Neue Testament. Im Unterschied zum menschlichen Zorn ist dabei weniger an einen unbeherrschten Gefühlsausbruch gedacht als vielmehr an eine willentliche Reaktion Gottes, durch die er menschlichem Fehlverhalten und der Missachtung seiner Gebote entgegentritt. Deshalb ist mit dem Zorn Gottes häufig der Beschluss eines vernichtenden Gerichts verbunden, das diesem Treiben der Menschen ein Ende setzen soll.“[6]

Wut lässt sich mit einem Rechtsanspruch verknüpfen, so schwierig dessen Formulierung fallen mag. Zorn dagegen bricht aus, weil das Gesetz oder die Regeln überschritten, gebrochen, in Frage gestellt worden sind. Der zornige, weiße Mann beansprucht immer, aus seiner Männlichkeit und rassistischen, weißen Vorherrschaft das Gesetz zu sein, zu verkörpern. In gewisser Weise korrespondiert diese Unterscheidung mit den Untersuchungen von Johannes F. Lehmann in seinem Vortrag Wut als Alarmsystem. Zur historischen und politischen Dimension von Konzepten des Zorns. Denn er stellt die These auf, dass „um 1800 der Zorn vor dem Hintergrund der liberalen politischen Ökonomie zur Wut demokratisiert“ wurde. Eine „Theorie der Wut“ formuliert er damit, dass „Wut (…) als Alarmsystem energetischer Integrität“ fungiere. Und er formuliert die These, dass „wir (…) im Politischen zwischen Wut als Ausdrucksform verletzter und verweigerter energetischer Integrität unterscheiden“ können.[7] Konträr zum Zorn der „weißen Männer“ identifiziert Lehmann die berechtigte Wut in der Bewegung von Black Lives Matters. Denn Schwarzen werden von zornigen Weißen gleiche Rechte vorenthalten, ja, abgesprochen.

Johannes F. Lehmann führte drei historische Definitionen für Zorn an, die nicht nur zufällig mit dem Recht eines gebrochenen Gesetzes oder einer Gesetzmäßigkeit korrelieren. So schrieb Zenon von Citium ca. 300 vor Christus: „Zorn ist Begierde nach Rache an einem, von dem man ungebührliches Unrecht zu haben glaubt.“ Gefühl und Gesetz werden nicht etwa voneinander getrennt, sondern aufeinander bezogen. Thomas von Aquin schrieb später den Gefühlsanteil verstärkend: „Die Zornesneigung steigt nämlich nur auf wegen zugefügter Kränkung und wenn zugleich Sehnsucht und Hoffnung auf Vergeltung vorhanden ist.“ Und der barocke Dichter wie Sprachgelehrte Justus Georg Schottel, latinsiert Justus-Georgius Schottelius, formulierte mit rhetorisch-poetischer Zuspitzung: „Der Zorn ist eine begierliche Herzneigung / sich alsofort zu rächen wegen einer zugefügten Beleidigung.“ „Herzneigung“ reimt sich auf „Beleidigung“. Schottel gibt mit seinem Reim nicht zuletzt einen Wink auf die Affektenlehre in der Rhetorik des Aristoteles.

Rache und Vergeltung werden als Ziele des Zorns genannt, weil ein Konnex zwischen Gefühl und Gesetz hergestellt wurde. Das Gesetz und die Gesetzmäßigkeiten zeichnen sich durch eine emotionale Aufladung aus. Hinsichtlich der theologischen Auslegung des Zorns Gottes ist das bemerkenswert.  Denn in der theologischen Definition des Zorns muss das Gefühl zugunsten einer „willentliche(n) Reaktion“, die gleichwohl unergründlich bleibt, ausgeblendet werden. Durch den Zorn soll der Haushalt der Gefühle ausgeglichen werden, aber nicht so bei Gott. Er wird denn auch von Aristoteles in seiner Rhetorik zum ersten Mal im dritten Teil – „Von der gerichtlichen Rede“ – des ersten Buches angesprochen.[8] Doch der Zorn wird von Aristoteles sogleich aus dem Bereich der „gerichtlichen Rede“ zu den „Gemüthsbewegungen“ verschoben, wo er als Scharnier des Gefühlshaushaltes ausführlich behandelt wird.
„8. Vom Zorne wird nachher, wo von den Gemüthsbewegungen die Rede seyn wird, gehandelt werden.“[9]

Um 1800 erfährt die Rhetorik des Aristoteles eine Reihe von neuen Übersetzungen. Damit wird der Zorn auf auch neuartige Weise formuliert. Denn er nimmt in dem Text eine entscheidende Funktion ein. Der Zorn gilt Aristoteles als „Beispiel“ für die Verschiedenheit der Affekte. Er ist nicht nur ein Affekt unter anderen, vielmehr wird ihm eine ausführliche Diskussion zuteil. Im zweiten Buch der Rhetorik wird der Zorn bereits in der Einführung der „unangenehme(n) und angenehme(n) Empfindungen“ ausführlich verhandelt.
„Affecte sind alle die Regungen, wodurch die Menschen in wandelbarer Ansicht verschieden urtheilen, mit welchen unangenehme und angenehme Empfindungen verbunden sind: z. B. Zorn, Mitleid, Furcht und dergleichen, und derselben Gegensätze. Die Untersuchung über jeden einzelnen muß man dreifach abtheilen; ich meine z. B. die über den Zorn, in die Fragen: in welcher Verfassung man zornig ist; auf welche Menschen man zu zürnen pflegt, und über welche Dinge? Denn wenn wir eines oder zwei Stücke, nicht aber alle drei inne hätte, so wäre es unmöglich, den Zorn einzuflößen; und ebenso im Uebrigen.“[10]

Durch die neuen Übersetzungen der Rhetorik zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhält der Zorn eine strukturierende Qualität insbesondere für den männlichen Gefühlshaushalt. Aristoteles zitiert nicht nur den Zorn in der Literatur der Antike wie z.B. in der Odyssee oder Ilias – „Der weit süßer zuerst, denn sanfteingleitender Honig / Bald in der Männer Brust aufwächst“ –, er wird durch die neuen Übersetzungen auch in ein normatives Bild vom Mann eingespeist. Der Zorn wird zum Dreh- und Angelpunkt der geschlechtlichen, männlichen Identität. In Johann Gottlieb Fichtes Naturrecht findet der Zorn nur eine Erwähnung als Widerpart der Vernunft – „… aus Zorn oder Trunkenheit seiner Vernunft nicht mächtig gewesen, spricht zwar los von der Anklage des bedachten bösen Willens; …“[11] –, aber in den neuen Übersetzungen der Rhetorik erfährt er eine positive Wiederkehr:
„So sey nun der Zorn ein schmerzliches Verlangen nach Dem, was uns als Rache erscheint, wegen Dessen, was uns als Kränkung erscheint von Seiten Desjenigen, der gegen uns oder einen uns Angehörigen nicht nach Gebühr verfahren hat. Ist das der Zorn, so muß der Zürnende immer auf eine Person zürnen, z.B. auf Eseon, nicht überhaupt nur auf einen Menschen; und der Grund muß seyn, daß jener uns oder Einen der Unsern Etwas angethan hat, oder hat anthun wollen; und verbunden mit jedem Zorne muß eine gewisse Lust seyn, ausgehend von der Hoffnung des Rächens. Denn die Vorstellung, Das zu erlangen, wonach man strebt, gewährt uns Lust; und Niemand strebt nach Dingen, welche ihm unmöglich erscheinen; sondern der Zürnende strebt nach scheinbar Möglichem. Darum heißt es schon von dieser Leidenschaft […]:
          Der weit süßer zuerst, denn sanfteingleitender Honig
          Bald in der Männer Brust aufwächst –“[12]

Johannes F. Lehmann zitierte in seinem Vortrag zur Verschiebung des Zorn-Begriffs um 1800 nicht zuletzt Immanuel Kants Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Das Aussetzen der Vernunft, wie es von Fichte formuliert worden ist, hatte dieser den Zorn als „Schreck“ bezeichnet, „der zugleich die Kräfte zum Widerstand gegen das Übel schnell rege“ mache. 1807 kommt nach Lehmann eine psychologische Definition durch Johann Christoph Hoffbauers Untersuchungen über die Krankheiten der Seele und die verwandten Zustände hinzu. Hoffbauer schrieb, dass „Anlässe zum Zorn (…) schon das Kind (habe), so bald es einen Widerstand empfindet, gegen welchen es seine Kräfte aufzubieten sich versucht fühlt“. Gegenüber der Aristotelischen Zorn-Definition zeichnet sich bei Hoffbauer ein, wie es Lehmann nennt, energetisches Modell des Zorns ab, das für die Politik zur Wut transformiert, wirksam wird. Als Beispiel zitierte Lehmann aus Arlie Hochschilds Studie Strangers in their own land. Anger and Mourning on the American Right von 2016. Der Zorn und die Trauer werden dort mit einem Wegschneiden von Rechten formuliert:
„Look! You see people cutting in line ahead of you! You’re following the rules. They aren’t. As they cut in, it fells like you are being moved back. How can they just do that?”
“Blacks, women, immigrants, refugees […] – all have cut ahead of you in line. But it’s people like you who have made this country great!”

Zorn kommt immer dann auf, wenn ein Verlust empfunden wird. Gilt das nicht auch für die Querdenker in der Covid-19-Pandemie? Sind Querdenker zornig oder wütend? Aaron Ben-Ze’ev fragt in seinem Vortrag danach, wie „Anger“ sogar nachhaltig werden könnte. Für ihn nimmt der englische Begriff anger eine semantische Bandbreite zwischen Zorn, Ärger und Wut u.a. bei Buddha, der die Wut zurückweise, an. Er entwickelt seinen anger-Begriff insbesondere in Opposition zu Martha Nussbaums Anger and forgiveness: Resentment, generosity and justice von 2016.[13] Sie befasste sich in ihrem Buch mit dem nationalistischen Populismus, der sich in Europa und Nordamerika verbreitete. Und stellte als zentrale These heraus: „anger is ‚normatively problematic‘ in all spheres of human lives, including the political“.[14] Ben-Ze’ev hält dagegen, dass Wut einer Hilflosigkeit (helplessness) entspringe. Die Hilflosigkeit wird von Ben-Ze’ev als entscheidendes Argument angeführt. Wenn wir wütend würden, dann sei das ein Anzeichen dafür, dass wir unsere Hilflosigkeit ändern können. Wut sei häufig assoziiert mit sozialem Verhalten wie der Pflege (caring) und nicht mit sozialer Indifferenz. Als Beispiel für Wut und romantische Liebe zitiert Ben-Ze’ev die mysteriöse Libby Fudim mit „Love me or hate me, but spare me your indifference“.

Anger ist mit dem Buch von Martha Nussbaum zu einem umstrittenen Thema in der Politischen Theorie geworden. Die Elastizität des Begriffs anger im Englischen erlaubt es Aaron Ben-Ze’ev in seinem Vortrag auf fast schon phänomenologische Weise, mit wutverzerrten Gesichtern auch in Paarbeziehungen eine produktive Kraft zu visualisieren und konzipieren. Insofern knüpft er an Libby Fudim an, die vor allem keine Indifferenz der Emotionen erfahren will. Er argumentiert damit, dass Gefühle extrem wichtig für das Überleben sind: „Feeling physical pain is vital for survival! Lacking the ability to do so is an extremely dangerous condition.” Wenn er darlegt, dass anger bei Aristoteles auf eine Balance des anger hinauslaufe – nicht zu viel anger und nicht zu wenig anger -, dann wird deutlich, wie dagegen im Deutschen das lateinische ira in die Übersetzung mit Zorn im 19. Jahrhundert eine folgenreiche Festlegung des Begriffs zeitigte. Im Englischen und den Classics wird anger zu einem komplexen Begriff, der stärker auf eine existentielle Balance ausgerichtet ist, wie sie weder Zorn noch Wut im Deutschen vermögen:
“Aristotle’s position on anger is that it is one of the most complex and distinctive of the human emotions, that it involves bodily, psychological, social, and moral dimensions, and that anger can and ought to be felt and acted upon in a number of right ways.”[15]

Einerseits erfährt das lateinische ira, im Griechischen θυμός thymos, Englischen als anger eine diätetische Aufwertung zur Lebenspraxis wie sie von Aaron Ben-Ze’ev entfaltet wird. Denn Aristoteles‘ θυμός kann auch mit Lebenskraft übersetzt werden. Andererseits ist ira im Englischen so anschlussfähig, dass die IRA – Irish Republican Army – das Homonym durchaus einkalkuliert haben dürfte. Ira und anger korrespondieren auf eine im Deutschen durch die Normalisierung zu Zorn undenkbare Weise. Das wurde denn auch mit Ute Freverts Vortrag zum Gebrauch der Begriffe Zorn und Wut in der deutschen Geschichte deutlich. Hier soll noch einmal erinnert werden an die Diskursivierung des Zorns durch die frühen Übersetzungen der Rhetorik im 19. Jahrhundert. Demnach regelt der Zorn eine hierarchisch strukturierte Gesellschaft, wenn es heißt:
„Ferner den unbedeutenden Leuten um so mehr, wenn sie Geringschätzung zeigen; denn der Zorn ist angenommen als Aufreizung über die Geringschätzung gegen Solche, denen sie nicht zusteht;“[16]

Ute Frevert eröffnete ihren Vortrag mit dem Gebrauch der Wut im Kontext der Fußball-Berichterstattung. Da nimmt vor allem die „Fan-Wut“ eine entscheidende Funktion im nicht nur alltäglichen deutschen Fußballgeschehen ein, vielmehr fand Frevert die Schlagzeile: „Die Wut ist echt – Flutlicht an: In Halle demonstrieren aktive Fußballfans erstmals gegen »Geisterspiele«“. Das Politische der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie trifft auf den Unterhaltungssektor der systemrelevanten Fußballmedienindustrie zwischen 11 Freunde, Sportschau, sport1 und dem Streamingdienst DAZN. Während Kultureinrichtungen von Museum bis zur Oper geschlossen sind, finden aktuell weiterhin Fußballspiele ohne Fans im Stadion statt. Die „Fan-Wut“, darf man daraus schließen, ist eine hoch relevante für das politische System. Ob sie ebenso berechtigt ist, wie die Wut beispielsweise von Greta Thunberg über die Versäumnisse der Klimapolitik kann einmal dahingestellt bleiben.

Die Begriffsgeschichte von Zorn und Wut entfaltete Frevert anhand von Enzyklopädien und Universallexika vom 18. bis ins 21. Jahrhundert. In der Literaturform der Enzyklopädien wird weiterhin um eine Unterscheidung von Zorn und Wut gerungen. So heißt es 2006 in der Brockhaus Enzyklopädie zum Zorn in der Psychologie: „elementarer Affekt mit unterschiedlich starker aggressiver Tendenz, z. T. mit vegetativen Begleiterscheinungen (Erblassen, Erröten u.a.) verknüpft; im Normalfall Reaktion auf Beeinträchtigungen durch die Umwelt, v.a. durch fremde Verhaltensweisen, die eine persönlich empfundene oder objektive Sollens- oder Rechtsnorm verletzen. Durch den Gehalt an rationalen und im weitesten Sinn eth. Komponenten unterscheidet sich der Z. von der Wut; er ist eine spezifisch menschl. Reaktion.“ Seit den Übersetzungen der Rhetorik Anfang des 19. Jahrhunderts hat sich anscheinend im deutschsprachigen Wissen vom Zorn wenig geändert. Im Unterschied zu ira und anger geht es immer noch nicht um einen diätetischen Gebrauch des Zorns, wohl aber um ein affektives Merkmal des Menschen.

In den Gedichten Ferdinand Freiligraths kommt der Begriff des Zorns häufig vor. 1846 veröffentlicht er sechs Gedichte auf Deutsch unter dem französischen Titel ÇA IRA!, das den Zorn für die Politik und den Kommunismus mit dem Gedicht Von unten auf! ins Spiel bringt: „Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat, / Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat!“[17] Das „Proletariat“ reimt sich durch den Zorn auf „Staat“. In dem Fragment gebliebenen Gedicht Schiffbruch naturalisiert Freiligrath den Zorn geradewegs mit der Formulierung: „Und hat es sie gefaßt, dann hält es sie den Schlägen / Der Stürzflut und dem Zorn des Tropensturms entgegen“. Der Wirbelsturm wird im Schiffbruch von ihm als „zürnende() Gewalt des Trombengeists“ verdichtet. Und in dem Gedicht Aus Spanien hat das „Volk“ „(i)m Auge Zorn“. Im Gedicht Vor der Fahrt, ebenfalls aus ÇA IRA!, das nach der „Melodie der Marseillaise“ gelesen oder gesungen werden sollte, befährt das Fahrzeug „die zorn’ge Flut“. Der Zorn wird so wiederholt im Naturbild politisch, proletarisch und patriotisch.

Der Zorn wird bei Freiligrath zur Signatur des deutschen Patriotismus. Sein Zorn findet 1887 in der Novelle Der Doppelgänger von Theodor Fontane eine literarische Verarbeitung. Dort denkt ein Erzähler über ein Lied nach: „Ich kannte zwar das Lied – hatte nicht auch Freiligrath seinen patriotischen Zorn an dem harmlosen Dinge ausgelassen?“[18] Der Zorn bei Freiligrath changierte daher zwischen einem kommunistischen und patriotischen. Das schwierige Verhältnis der Deutschen zum Zorn gipfelt denn wohl am 10. November 1938 in Joseph Goebbels Tagebuch-Formulierung eines „Volkszorn(s)“, der nachweislich ein gefälschter, neudeutsch Fake war:
„Wagner ist noch immer etwas lau. Aber ich lasse nicht locker. Wächter meldet mir, Befehl ausgeführt. Wir gehen mit Schaub in den Künstlerklub, um weitere Meldungen abzuwarten. In Berlin brennen 5, dann 15 Synagogen ab. Jetzt rast der Volkszorn. Man kann für die Nacht nichts mehr dagegen machen. Und ich will auch nichts machen. Laufen lassen.“[19]

Der „Volkszorn“ verdankte sich der antisemitischen Propaganda von Goebbels selbst. Der siebzehnjährige Herschel Grynspan, geboren in Hannover, hatte am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris den homosexuellen Diplomaten Ernst vom Rath angeschossen, der am 9. November im Krankenhaus verstarb. Die Umstände der Tat wurden nie genau geklärt. Die nationalsozialistische Propaganda nutzte die Tat, um sie in Zeitungen und Rundfunk als Attentat einer jüdischen Verschwörung auszuschlachten und so allererst den „Volkszorn“ zu generieren. – Ute Frevert erinnerte daran, dass Peter Sloterdijk 2006 mit seinem Buch Zorn und Zeit – psychologischer Versuch und dessen Abschnitt Die thymotische Revolution – Von der kommunistischen Weltbank in unbeabsichtiger Weise der Wut von Rechts eine argumentative Vorlage gegeben haben könnte. Der „Wutbürger“ sei allerdings ein Neologismus des Spiegel-Journalisten Dirk Kurbjuweit vom 11.10.2010 auf die Proteste gegen Stuttgart 21 und die Sarazin-Debatte. Mit dem Graffito „ZU VIEL ÄRGER ZU WENIG WUT“ auf steigende Mieten und Gentrifizierung in Berlin von 2017 schloss Ute Frevert ihren Vortrag.

Zorn und Wut lassen sich als emotionale Kippfiguren des Politischen beschreiben. Einerseits werden sie immer wieder als Wissensformationen gebraucht. Andererseits geben sie einen Wink auf ihre Herkunft vom griechischen θυμός bzw. lateinischen IRA, die sich als derart ambig erweisen können, dass daraus eine Lebenskraft und Lebenspraxis abgeleitet werden kann. Im 19. Jahrhundert spielte der Zorn eine große Rolle in der sozialen Frage und bei der Herausbildung von Patriotismus und Nationalismus. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird in Deutschland die Wut zunächst von Links und aktuell eher von Rechts für den politischen Diskurs wichtig. Der Gebrauch des Zorns als Gefühl in der Politik bleibt wechselhaft und vielfältig.

Torsten Flüh

Mosse-Lectures
ZORN
Geschichte und Gegenwart eines politischen Affekts
A. L. Kennedy – >>The Second Thing<<
21. Januar 2021 19 Uhr c.t.
YouTube-Kanal


[1] Eugene Scott: A White House faith adviser is under fire for appearing to suggest coronavirus is due to God’s wrath over homosexuality, evnvironmentalism. In: The Washington Post March 27, 2020 at 1:27 p.m. EDT.

[2] Vgl. wrath in Wiktionary.

[3] Bereits im Wintersemester 2016/17 hatten die Mosse-Lectures unter der Leitung von Elisabeth Wagner den Populismus zum Semesterthema gemacht. Am 27. Oktober 2016 eröffnete Slavoj Žižek im überfüllten Audimax die Reihe der Lectures: Torsten Flüh: Die Katastrophe akzeptieren. Slavoj Žižek eröffnet mit Rage, Rebellion, New Power die Vorlesungsreihe Populismus und Politik der Mosse-Lectures. In: NIGHT OUT @ BERLIN  Oktober 30, 2016 21:29. Siehe auch: ders.: Vom Wandel der Verfassung und der Schrecken des Populismus. Christoph Möllers‘ Mosse-Lecture zu Autokratien, Philip Manows Die Politische Ökonomie des Populismus und ein Wetterbericht. In: ebenda November 14, 2018 17:09.

[4] Michael Kimmel: Angry White Men: American Masculinity at the End of an Era. (E-Book) 2017, Preface.

[5] Michael Kimmel: Angry White Men: die USA und ihre zornigen Männer. Bonn: bpb, Bundeszentrale für Politische Bildung, 2016.

[6] Deutsche Bibelgesellschaft: Stichwort: Zorn Gottes. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft (ohne Jahr).

[7] Zitate nach Screenshots während der Lecture vom 12.11.2020.

[8] Aristoteles: Rhetorik. (Übersetzt von Michael Wenzel Voigt) Prag: Karl Barth, 1803, S. 118-192.

[9] Ebenda S. 162.

[10] Aristoteles: Rhetorik. (Übersetzt von Karl Ludwig Roth) Suttgart: J. B. Metzler’sch Buchhandlung, 1833, S. 112-113.

[11] Johann Gottlieb Fichte: Grundlage des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre. Jena und Leipzig: Christian Ernst Gabler, 1796-1797, S. 106-107.

[12] Aristoteles: Rhetorik … [wie Anm. 10] S. 114.

[13] Martha Nussbaum: Anger and forgiveness: Resentment, generosity, and justice. Oxford: Oxford University Press, 2016.

[14] Siehe auch: Dan Degerman: Review. Anger and forgiveness: Resentment,generosity, and justice Martha Nussbaum Oxford University Press, Oxford, 2016. In: Contemporary Political Theory (2017).

[15] Gregory B. Sadler: One Sentence Summary on Aristotle and Anger. Aristotle has a lot to say about anger, so how can we sum up his theory? In: medium May 11, 2018.

[16] Aristoteles: Rhetorik … [wie Anm. 10] S. 118.

[17] Ferdinand Freiligrath: Ça ira! Herisau, 1846, S. 28. (DTA)

[18] Theodor Fontane: Der Doppelgänger. Berlin: Gebrüder Paetel, 1887, S. 10. (DTA)

[19] Zitiert nach Frevert.

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