Verbote – Fußball – Gebote
Wenn der Ball rollt…
Zum Semesterthema Du sollst, du sollst nicht – Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik der Mosse-Lectures und der WM 2026
Diesmal ist alles anders bei der WM 2026, nicht aber bei den Mosse-Lectures im Sommersemester 2026 an der Humboldt-Universität zu Berlin. Auf der Flyer-Innenseite der Mosse-Lectures wird im 29. Jahr nur stärker als zuvor auf ihre „Tradition einer liberal-demokratischen Publizität, wie sie vom Berliner Tageblatt bis 1933 gepflegt und verteidigt wurde“, hingewiesen. Die Vorträge von Adrian Daub und Heike Behrend haben dafür bislang einen entschiedenen Ton gesetzt. Unterdessen hat das streng regelbasierte erste WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft stattgefunden und „Harry“ Martenstein hat in der BILD einen lobhudelnden Kommentar auf das Verhalten des ersten deutschen Torschützen, Felix Nmecha, geschrieben.

Die Dichotomie von Geboten und Verboten, „Du sollst, du sollst nicht“, lässt sich zunächst einmal prima in Algorithmen von 0 und 1 programmieren. Anders, wie im Semesterprogramm formuliert: „Verbote und Gebote stehen im Zentrum religiöser und ethischer Lebensführung, stabilisieren gesellschaftliche Ordnungen, schützen vor Gewalt und begrenzen Machtmissbrauch. Rechte, einschließlich der Grundrechte, werden durch Verbote gesichert.“[1] Im Zeitalter der Digitalität heißt das auch, dass der welterklärende Kommentator des Tagesspiegels, Stephan-Andreas Casdorff, vom redaktionellen Gremium der liberal-demokratischen Tageszeitung freigestellt wurde, weil er ohne Kennzeichnung mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Kommentare geschrieben und publiziert hatte!

Im Unterschied zur vermeintlich unumgänglichen Digitalität erinnern die Organisator*innen der Mosse Lectures daran, dass „bis ins ältere Niederhochdeutsch (…) das Verbieten [mnd. vorbēden] in enger Beziehung zum Gebot (stand), im Sinne einer nachdrücklichen Anordnung von Handlungen“.[2] Ist ein Gebot immer zugleich ein Verbot? Der etymologische Einschub eröffnet Zwischenräume für Regeln und Verbote, die in keiner Binarität aufgehen. Die sprachliche Verfasstheit von Regeln wie Verboten und die Intervention des redaktionellen Gremiums des Journalisten in zweiter Generation, Stephan-Andreas Casdorff – „Riesenfehler gemacht“ –, zwischen Humanum und Maschine steht insofern zugleich auf dem Spiel, während sie vorangetrieben wird.

Bevor auf die beiden bisherigen Vorträge der Mosse-Lectures eingegangen werden soll, möchte ich auf Praktiken der Normalisierung durch die Fußball-Weltmeisterschaft mit ihrer Kommentierung eingehen. Groß- oder Mega-Ereignisse wie die WM 2026 sind Normalisierungsmaschinen. Die vermeintliche Trennbarkeit von sportlicher Leistung, durch KI gestützte Analysen und Trainingsprogramm, persönlichen Gesten und Kommentaren sowie Politik lässt sich gerade im Spiel der strengen Regeln und deren wiederholten Überschreitung schwerl aufrechterhalten. Insofern geht es beim Fußballspiel im Rahmen der Weltmeisterschaft mit maximaler medialer Aufbereitung immer um ein Aushandeln von Verboten und Geboten, die tief in einen politischen Raum hineinspielen.

Seit Sonntagabend beherrschen die Kommentare zu Felix Nmecha, der das erste Tor für die deutsche Nationalmannschaft im Turnier schoss, und seinem Gebet von Euronews über BILD bis Kirche und Leben das Medienecho. Plötzlich, durch eine Geste nach dem Spiel steht Felix Nmecha mit einem Gebetskreis im Fokus von Fußball, Nation und Religion wie Politik. Hat es seit 1954 je einen Gebetskreis nach dem Spiel bei einem deutschen Nationalspiel gegeben? Gleichzeitig weckt der Gebetskreis Assoziationen an nicht aus der deutschen, sondern jüngsten amerikanischen Politik im Oval Office des Donald Trump. Gebetskreise in der deutschen Politik und Öffentlichkeit, selbst bei der Austeilung des Abendmahls in der evangelischen Kirche in Deutschland sind eher unüblich. Trotzdem loben Kirchenvertreter in Kirche und Leben den Gebetskreis mit Felix Nmecha und Jonathan Tah sowie 4 Spielern der Mannschaft von Curaçao als ein „starkes Zeichen“.[3]

Der plötzlich allgemein verwendete Begriff Gebetskreis, weil die 6 Fußballspieler auf dem Spielfeld einen Kreis zum Gebet bildeten, ist schon deshalb bedenkenswert, weil er nicht in „gegenwartsprachlichen lexikalischen Quellen“ des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache vorhanden ist![4] In den Verwendungsbeispielen lassen sich zwei Gebrauchsweisen identifizieren. Denn der anscheinend ältere Gebrauch beschreibt offenbar netzwerkartige Kreise von Menschen, die sich in Kirchengemeinden seit den 80er Jahren beispielsweise in der DDR mehr oder weniger regelmäßig zum gemeinsamen Gebet verabredeten und treffen. Die jüngere Gebrauchsweise, bei der von Personen ein Kreis zum Beten gebildet wird, hat erst jüngst an Verbreitung gewonnen. Felix Nmecha gebrauchte als Erklärung der Handlung die Formulierung „Jesus wird durch das Spiel verherrlicht“.[5]

Praktiken der evangelikalen Verherrlichung wurden zuletzt im Oval Office mit dem White House Faith Office in Bezug auf Präsident Trump als angreifender Kriegsherr im rechtswidrigen Krieg gegen den Iran in Szene gesetzt.[6] Einerseits wird die Geste des Gebetskreises auf dem Spielfeld, wo nach den Regeln der FIFA – „Als Weltfußballverband ist die FIFA in allen Fußballbereichen auch gesetzgeberisch tätig.“[7] – keine politischen oder religiösen Statements erlaubt sind, bagatellisiert. Andererseits formuliert sie der ehemalige Kolumnist der Wochenzeitung Die Zeit nun in der BILD als Kommentator, Harald Martenstein (72), mit dem Titel Lieber Felix Nmecha, in die politische Parteipraxis:
„Nach dem Schlusspfiff in Houston versammelten sich einige Spieler von Curaçao, Sie und Ihr Mitspieler Jonathan Tah auf dem Spielfeld, gemeinsam bildeten sie einen Kreis. Tahs Vater stammt von der Elfenbeinküste (…)
Im ARD-Interview sagten Sie danach „Wir sind im Spiel Gegner, nach dem Spiel sind wir alle Christen und Brüder. Wir haben einfach ein kleines Gebet zusammen gesprochen.
Deutsche wie Sie, mit afrikanischen Wurzeln, bringen etwas Verlorenes zurück nach Deutschland, das ganz selbstverständliche Christentum unserer Eltern und Großeltern. Dessen Botschaft heißt: Gegner sind keine Feinde. Ich habe das als Kind auch noch gelernt. Ich vermisse diese Idee, wenn ich heute diese Gnadenlosigkeit sehe, in der Politik und überall.
Wenn ein CDUler und ein AfDler ein paar nette Worte wechseln, gilt das manchen schon als Skandal.“[8]

Harald Matenstein fehlt es anscheinend an Sensibilität dafür, wie das Christentum aktuell von MAGA und dem White House Faith Office politikstrategisch umgeschrieben wird. In nie dagewesener Weise suchen MAGA und Donald Trump die Konfrontation mit dem amerikanischen Pabst, Leo XIV., in Rom, um Christentum und Verherrlichung zu definieren. Welch ein Tor! Das erste Tor bzw. sein Schütze befindet sich plötzlich mitten in einer politischen Debatte, die noch länger nicht abgeschlossen sein wird. Nein, da irrt Martenstein: „Deutsche wie Sie, mit afrikanischen Wurzeln, bringen etwas Verlorenes zurück nach Deutschland“. Das kann Martenstein nur formulieren, wenn man kein praktizierender katholischer oder evangelischer Christ ist und die Praktiken und Begriffe ein wenig kennt. Darauf fallen dann kirchenferne Deutsche als erste rein, weil sie das evangelikale Christentum des White House Faith Office mit zum Beispiel einem evangelischen Gottesdienst zum CSD[9] aus tiefer Unkenntnis, ja, Ignoranz verwechseln.

Der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub eröffnete mit seiner Mosse-Lecture unter dem Titel »Noch«, »Nicht mehr«, »Endlich wieder«: Kollektive Zeitwahrnehmung und Verbotsdiskurse mit der Frage nach der Aufmerksamkeitsökonomie von Sprachregelungen das Semesterthema. Es geht ihm mit seinem Vortrag um die Debatte der Cancel Culture anhand von Beispielen aus deutschen Medien, was gesagt oder geschrieben werden darf. Obwohl er seine Analyse der Debatte vor allem in Bezug auf Deutschland bereits am 4. Juni im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin vorstellte, trifft er exakt das Spielfeld der Gesten und Formulierungen von Felix Nmecha bei höchstmöglicher medialer Aufmerksamkeit. Bezüglich Nmecha geht es nicht so sehr darum, dass etwas nicht gesagt werden darf, als vielmehr darum, dass etwas getan und gesagt wird, das bisher im „deutschen Fußball“ nicht getan und gesagt wurde und was das sprachlich narrativ auslöst.

Der junge, 2000 in Hamburg geborene Fußballspieler macht und sagt etwas im Rahmen des durch die FIFA streng geregelten Weltfußballs zum ersten Mal mit der deutschen Nationalmannschaft. Daraufhin wird leidenschaftlich debattiert, ob er das durfte oder nicht. In den Medien werden reflexartige Kommentare ausgelöst. Adrian Daub zeigt in seinem Vortrag wie eine Debatte um einzelne Begriffe, die nicht (mehr) verwendet werden sollten, sogleich Reflexe der Kollektivierung auslöst, dass „man“ etwas wie z.B. das N-Wort nicht mehr gebrauchen dürfe. Der Begriff der Cancel Culture wurde dabei selbst zu einem Kampfbegriff für ein vermeintliches Sprach- und Kulturkollektiv der Deutschen. Das Sprachkollektiv ist nach Daub nicht etwa eine Konstruktion der jüngsten Geschichte, vielmehr wurde es bereits Ende der 60er Jahre von Elisabeth Noelle-Neumann in ihrem Institut für Demoskopie in Allensbach entwickelt. Das 1947 gegründete Institut existiert noch heute in einem idyllischen Fachwerkhaus im Landkreis Konstanz.

Elisabeth Noelle-Neumann transformierte Ende der 60er Jahre Studien zu „Effects of Group Pressure“ von Salomon E. Asch unter veränderten Vorzeichen in ihre Befragungsliste zu „Heiklen Gesprächsthemen“. Sie fragte: „Welche davon sind Ihrer Ansicht nach heikle Themen, bei denen man sich leicht den Mund verbrennen kann, wenn man darüber spricht?“ Die Befragten aus „West“ und „Ost“ hatten zur Zeit der Befragung die Wahl zwischen „Über Asylanten“, „Über Juden“, „Über Hitler und das Dritte Reich“, „Über Aussiedler“, „Über Neonazis“, „Über Türken“, „Über Homosexuelle“, „Über die Republikaner“, „Über Moslems, den Islam“ etc. Die Frage nach den Republikanern als Partei „Die Republikaner“ legt nahe, dass die Befragung in der 90er Jahren stattgefunden hat, als die Partei vom Bundesverfassungsschutz von 1992 bis 2007 als rechtsextrem eingestuft wurde. Zwischenzeitlich spielt die REP keine Rolle mehr. Sie ist praktisch mehr oder weniger in der AfD aufgegangen. Die Formulierung der Befragung und ihre Auswahl verweist auf eine Art Sprachverbot, weil sich die Befragten sicher nicht „den Mund verbrennen“ wollten.

Salomon E. Asch hatte, wie Adrian Daub ausführt, 1955 seine Opinions and Group Pressure zur Sozialpsychologie veröffentlicht[10], die aus Experimenten mit einer überschaubaren Teilnehmerzahl am Swarthmore College hervorgingen. Asch leitete aus dem Experiment „the fragility of the person in a mass society when he is confronted with the contrary opinion of a majority” ab.[11] Die im Experiment mit Schauspielern und Studierenden an einem überschaubar großen College in der Nähe von Philadelphia erhobene Studie und ihr Ergebnis zur „mass society“ musste bei der 1916 in Berlin geborenen Wissenschaftlerin Elisabeth Nölle-Neumann, die zeitweise eine Zelle der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen leitete und Adolf Hitler auf dem Obersalzberg persönlich begegnen durfte, nach der Katastrophe der zwölfjährigen Herrschaft des Nationalsozialismus auf offene Ohren stoßen, weil die Fragilität der Meinung einer Person damit von der Mehrheitsmeinung hinweggerissen wurde. Das von ihr gegründete Nachkriegsinstitut veröffentlicht nicht zuletzt weiterhin regelmäßig die sogenannte „Sonntagsfrage“.[12] Statistisch modelliert wird insofern weiterhin ein „man“, das sich Meinungen anschließt.

Vermeintliche Sprachverbote erzeugen im Handumdrehen ganze Lexika als Genre mit Worten, die nicht mehr gebraucht werden sollten, wie Adrian Daub aufzeigte. Denn es ist vor allem eine hochelastische und keinesfalls argumentative Redeweise, die im Protest von Markus Söder bis Donald Trump ins politische Spielfeld der Sprache geführt wird. Politisch verfängt sich vor allem die Rede, dass „man“ oder auf einer Wahlkampfrede 2014 von Donald Trump ein „you“ nicht mehr sagen dürfe, was es immer gesagt hat. Durch bloße Wiederholung hämmert Trump seinen Hörern ein, dass ihnen in einer unbestimmten Zeit des Es-war-einmal – „There was a time“ – nicht erlaubt gewesen wäre, einen Begriff zu gebrauchen.
„There was a time when you weren’t allowed to say law and order. You werent’t allowed to use the term law and order. You weren’t allowed to use the term. Christmas. Merry Christmas, everybody.”[13]

Heike Behrend rückte Frageverbote und ethnografische Fragenkataloge als Methode ins Interesse der Aufmerksamkeit mit Schrecknisse des Wissenswollens: Frageverbot und die Fraglichkeit von Fragen in der ethnografischen Feldforschung. Sie knüpft dafür an die Dissertation der Berliner Religionsphilosophen Klaus Heinrich, der an der Freien Universität in Dahlem lehrte, an. Klaus Heinrich habe ein Gespür für das Fragenstellen gehabt. In seiner ersten Vorlesung im Wintersemester 1970/71 eröffnet er gleich mehrere Fragen zum Thema Anthropomorphismus:
„Jetzt spitze sich die Spannung im Begriff Anthropomorphismus zum Widerspruch zwischen >Mensch< und >Form< zu: wieweit sind >Mensch< und >Form< überhaupt in Übereinstimmung zu bringen? Zum einen könne man also die universalisierende Frage stellen: was nicht Menschen->Form< ist? gibt es überhaupt etwas, das nicht menschen->förmig< ist?; zum anderen könne man, diese Frage umdrehend, sagen: ist überhaupt das, was eigentlich >menschlich< ist, Form? kann man überhaupt von >Menschen< in Begriffen der Form reden? (…) Nun könne man eine Gegenposition dazu einnehmen und die Frage stellen: ist das, was eigentlich >menschlich< ist – und das könne jetzt bestimmt werden als Freiheit, als Spontaneität, als Vermögen, alle Zwänge, alle Gehäuse durchbrechen zu können –, nicht eigentlich zureichend nur mit Begriffen der >Gegenform< zu fassen, mit Begriffen, die sich gegen >Form< als tot, als eben nicht menschlich wehren?“[14]

Klaus Heinrichs Entwicklung der Fragen für das Semester zum Anthropomorphismus lässt sich als ebenso konsequent wie radikal beschreiben. Denn, während der Begriff als klassisches Wissen vom Menschen seit der griechischen Antike eingeführt wird, verkehren die Fragen dieses zu einer grundsätzlichen Frage des Wissens vom Menschen. Hätten die Zuhörer*innen zunächst denken können, dass sie durch die Form etwas vom Menschen wissen könnten, so läuft es nun für Heinrich auf eine „>Gegenform<“ hinaus, weil die „>Form<“ den Menschen in seiner „Freiheit, (…) Spontaneität, (…) Vermögen“ tötet. Das vermeintlich Anthropomorphe als Menschliches lässt sich nicht fassen. Derartige Formulierungen von Fragen müssen Heike Behrend in ihrem ethnografischen Forschen fasziniert haben. Die Dahlemer Vorlesungen von Klaus Heinrich, die in die hochschulpolitischen Debatten um 1970 hineinragte, was im Band 2 deutlich nachzulesen ist, genossen fast schon einen Kultcharakter bei den Studierenden. Als Religionsphilosoph bearbeitete er das Feld zwischen Religion und Philosophie. Das Wissen vom Menschen in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen und Texten wird von ihm mit dem Anthropomorphismus entschieden befragt.[15]

Heike Behrends Karriere als Forschende der Ethnografie erhielt gleich bei ihrem ersten Projekt in Kenia einen schockartigen Dämpfer. Die alten Männer und Frauen, die sie befragen wollte, erteilten ihr ein Frageverbot. Wie konnte eine junge Frau es wagen, die Alten nach ihrem Wissen zu fragen?! Doch das Frageverbot, das ihre Arbeit unmöglich machte, war insofern ein heilsamer Schock, als sie über das Fragen selbst nachdenken musste. Denn wie konstituieren Fragen das Subjekt, das befragt wird? Unter welchen Bedingungen können der Fragende und die Befragten ein Bündnis eingehen? Fragen können als ein Eindringen und asymmetrisches Verhältnis empfunden werden. In ihrem Vortrag entwickelt Behrend eine Geschichte des Fragens in der Ethnologie. Sie geht dafür auf eine Geschichte der Fragebögen ein, die seit 1851 als Manual of an Ethnological Inquiry von der Geographical Society angewendet wurden.

Die Gebrauchsanweisung für die ethnologische Abfrage als Fragebogen der Ethnological Society of London rühmt sich beispielsweise 1854, dass er viel umfangreicher sei als jener der Paris Ethnological Society. Es geht um die Erfassung der „human race“ in 102 Fragen, teilweise mit Unterfragen, in vielzähligen Bereichen von „Physical Characters“ bis zu „Religion, Superstitions, etc.“.[16] Der Fragebogen wurde im Denken des Kolonialismus entworfen. Obwohl die letzte Ausgabe des Fragebogens 1892/1893 bereits einforderte, dass sich Kulturen nur durch längere Aufenthalte verstehen ließen und „native terms“ aufzunehmen seien, damit die Befragten frei sprechen könnten, wurden doch auch eine Reihe von „Tricks“ empfohlen, um an das Wissen der Befragten zu gelangen, wie Heike Behrend ausführt. Ebenfalls kritisch wurden von ihr die Arbeiten des Begründers der modernen Anthropologie Bronisław Kasper Malinowski berücksichtigt, der die „teilnehmende Beobachtung“ als Methode einführte.

Das Problem der Frage bzw. Abfrage (inquiry) oder Befragung, um an ein unerschlossenes Wissen zu gelangen, hatte Malinowski mit der „teilnehmenden Beobachtung“ keinesfalls gelöst. Vielmehr kam 1967 bei der postumen Veröffentlichung seiner Tagebücher zum Skandal, weil er selbst einen Fragenkatalog verwendet hatte und sich seine Beobachtung auf eine vermeintliche Wahrheit seines „ethnografischen Auges“ mit dem Medium der Fotografie bezog. Er sah sich als Kamera, sagt Behrend. Doch in seinem Tagebuch wird er nach seiner Formulierung zum Schöpfer der Befragten mit der Formulierung „ich bin es, der sie erschaffen hat“. Als dritten Text zur Ethnografie analysierte Heike Behrend einen Roman, der in der Verbotenen Stadt in Peking spielt, bei dem es um ein Eindringen in ein verborgenes Wissen geht. Die Fraglichkeit von Fragen ist für Heike Behrend, die sich im Nachgespräch mit Ethel Matala de Mazza glücklich schätzte nicht mehr im akademischen Betrieb der Universitäten arbeiten zu müssen, eine grundsätzliche.
Torsten Flüh
Adrian Daub
»›Noch‹, ›Nicht mehr‹, ›Endlich wieder‹:
Kollektive Zeitwahrnehmung und Verbotsdiskurse« (Youtube)
Nächste Mosse-Lecture:
Jule Govrin
Verbotene Körper?
Demokratische Sorge und körperliche Selbstbestimmung
in Zeiten autoritärer Austerität
mit Martina Wernli
Donnerstag, den 2. Juli 2026 | 19.15 Uhr
Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin
Unter den Linden 6
10117 Berlin
[1] Mosse-Lectures: Programm: Sommersemester 2026.
[2] Ebenda.
[3] Evangelischer Pressedienst: Nach DFB-Sieg: Gebet von Nmecha sorgt für Aufsehen – was Kirchen sagen. In: Kirche und Leben 15. Juni 2026.
[4] Siehe DWDS: Gebetskreis.
[5] Charlotte Bruch: „Jesus wird durch das Spiel verherrlicht“. In: Der Tagesspiegel 15. Juni 2026.
[6] Siehe Torsten Flüh: Das Homogenität-Versprechen des Staatsstreichs. Ein Schlaglicht auf drei Mosse Lectures zum Semesterthema Staatsstreiche. Zwischen Putsch und Verfassungscoup. In: NIGHT OUT @ BERLIN 14, März 2026.
[7] FIFA: Legal Regeln und Vorschriften.
[8] Felix Martenstein: Lieber Felix Nmecha, In: Bild 16.06.2026, 07:01 Uhr.
[9] Siehe u.a. Torsten Flüh: Redet freundlich miteinander. Zur Predigt von Bischof Dr. Christian Stäblein und der „Erklärung der EKBO zur Schuld an queeren Menschen“. In: NIGHT OUT @ BERLIN 29. Juli 2021.
[10] Salomon E. Asch: Opinions and Group Pressure. (1955) on Panarchy.
[11] Ebenda.
[12] IfD Allensbach: Sonntagsfrage.
[13] Zitiert nach Projektion im Vortrag. (Siehe Video)
[14] Klaus Heinrich: Erste Vorlesung gehalten am 22. Oktober 1970. In: ders.: Dahlemer Vorlesungen 2. Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern, 1986, S. 13.
[15] Die Schriftstellerin Ginka Steinwachs hat bei Klaus Heinrich promoviert. Siehe u.a.: Torsten Flüh: Generationenwechsel per Gong im LCB. Zu XYZ-Casino: Drei Generationen Erbe im Literarischen Colloquium Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 7. April 2023.
[16] Manual of an Ethnological Inquiry. In: Journal of the Ethnological Society of London 1854. P, 193 – p. 208. (Archive.org)
