Swing – Show – Tap dance
Mitreißende Arrangements bis Hollywood
Zur Swing-Show AHOI mit David Hermlin und dem Swing Dance Orchestra im Varieté Wintergarten
Welch ein Glück! Welch eine Professionalität und Begabung strahlt da gerade en suite von mittwochs bis sonntags von der Bühne des Varieté Wintergarten! Das kann man hören und sehen. Man muss es! Der gerade einmal 25jährige David Hermlin bringt das Swing Dance Orchestra – na wat denn – zum S_w_i_n_g_e_n. Er singt, steppt, moderiert, arbeitet an den Drums so ausgelassen und versiert, dass es zur eigenen, akrobatischen Shownummer auf einem fahrenden und drehenden Podest wird. Einen Grammophontrichter verwandelt dieser junge Mann in ein staunenswertes Blasinstrument. David Hermlin leitet als Kreuzfahrtkapitän das Orchester ebenso wie er durch eine Reihe von Destinations bis nach Hollywood führt.

Der Swing als Musikrichtung ist in AHOI eine Einladung zum geselligen Tanzen, während die Bandinstrumente als Klangkörper zugleich immer wieder in artistische Soli ausbrechen. Da ist die Trommelshow ganz beim Swing. Überhaupt werden hier nicht nur bekannte Swingsongs und -nummern reproduziert, vielmehr werden sie als Arrangements von David Hermlin original montiert. Die 13 internationalen Musiker, unter ihnen der Vater, Andrej Hermlin, mit ihren swing-typischen Posaunen, Saxofonen und Trompeten sitzen auf einer Showtreppe und machen Musik. Dazu und dazwischen rahmen sie die Nummern und Shortstories der Akrobaten. Mit AHOI wird Swing zu einem Sehnsuchtsamerika, wie es in den USA nie wieder sein wird. AHOI in der Regie von Rodigue Funke macht Berlin zur Swing-Hauptstadt.

Swing war und ist nicht nur Unterhaltung, vielmehr ging es beim Swing immer auch um Politik und ein Statement zum Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Duke Ellington, Count Basie, Jimmie Lunceford, Cab Calloway, Earl Hines, Lionel Hampton waren farbige Musiker des Jazz, die zusammen mit Jimmy Dorsey, Bunny Berigan, Glenn Miller und Arti Shaw den Bigband-Swing prägten. Das war in den 30er Jahren in den USA revolutionär. Jazz wurde durch Swing zum Mainstream. Die Bandleader zu Stars. Im Kontext der Swing-Rezeption in Deutschland wird die inklusive Kraft des Swing geflissentlich übersehen. In einer Gegenwart, in der Narrative von Rasse, Herkunft und Heimat auf der Bühne der Politik wiederkehren, wird der swingend dahingeworfene Gruß AHOI zum Statement.

Kennen Sie das Brausepulver AHOI, mit dem Oskar Matzerat in der Blechtrommel am Strand auf dem Bauchnabel von Katharina Thalbach experimentiert? Ahoi schäumt auf und prickelt auf der Haut. Es ist nicht nur Seemannssprache für Bühnen-Kreuzfahrtkapitäne wie David Hermlin. Es ist ein Versprechen auf Freude an Unterhaltung with a message bei allerhöchster Disziplin. Das macht AHOI zu einer besonderen Show mit exzellenter Akrobatik. Das Politische am Swing wird keinesfalls propagiert, es wird als Praxis vorgeführt. Das hat seine Gründe, auf die später noch einzugehen sein wird. Zunächst einmal geht es um schäumend prickelnde, hochprofessionelle Unterhaltung unter den Rahmenbedingungen eines privatwirtschaftlichen Unternehmens. Und das ist dann selbst und erst recht in Berlin bei allen Kürzungen der Kulturförderung einmalig.

Begeben Sie sich mit David Hermlin durch Wetter und Sturm, über Russland und Japan ebenso wie Hollywood auf die Kreuzfahrt mit einem Art Deco-Dampfer! David und Rachel Hermlin verdanken ihre Swing-Prägung ihrem Vater Andrej, der schon 1986 den Swing nicht nur als seine Musikrichtung für seine erste Band, sondern als Lebensform in Berlin (Ost) für sich entdeckte. Da war er noch jünger als sein Sohn jetzt. Swing war nicht zuletzt nach der nationalsozialistischen Ideologie Widerstand und verboten. Swing im realexistierenden Sozialismus der späten DDR könnte nicht zuletzt den Einheitsstaat mit einer Einheitskultur in Frage gestellt haben.

Swing gehört in den USA zu jenen Musikrichtungen, die immer wieder soziale Rebellionen anstießen. Wahrscheinlich ließe sich eine Geschichte der Stilerfindungen nicht nur in der populären Musik als eine von Rebellionen schreiben. Der Swing entstand aus dem Jazz und Joel Dinerstein hat ihn 2003 in swinging the machine nicht nur mit der industriellen Revolution, vielmehr noch mit dem Taylorismus und den neuen Klängen der Maschinen, wie sie beispielsweise schon bei Edgar Varéses Amériques (1918-1922, rev. 1927) vorkommen[1], in Verbindung gebracht. Die sozialen Rebellionen gehen mit neuen Energien und Technologien einher.

Die Elektrizität und ihre Nutzung seit der Zeit um 1900 für die Beleuchtung der Städte und Arbeitsplätze wie Fabrikhallen veränderte die Produktion und das Leben. 1883 hatte Emil Rathenau die Glühbirne und damit das elektrische Licht in Paris kennengelernt. Die elektrische Illumination der Städte verändert alles. Die Elektrizität wird nach Dinerstein in den 1930er Jahren in den USA und Europa im Swing wichtig.
„When Louis Armstrong, Duke Ellington, and Coleman Hawkins Toured Europe in the early 1930s, Europeans perceived in the music the electrical energy of the age, the controlled power of the propulsive rhythms, the advent of innovative techniques and aesthetics, the virtuosic control of musical dynamics, and the renewal of individualism generated by “dissociat[ing]” the performer’s interpretation for the written score and the conductor’s orders.”[2]

Die Musik und der Tap dance (Stepptanz) verwandeln mit dem Swing die Körper in reibungslos, akrobatische Maschinen. Anders gesagt: die immer schneller werdenden Maschinen werden mit dem Tap dance auf die Körper der Tänzer übertragen. Dabei ist zu bedenken, dass to tap im Englischen eine andere und größere Gebrauchsvielfalt aufweist als das Deutsche steppen. Denn to tap wird ebenso verwendet für einen Rhythmus schlagen, wie dass es mit einem auf eine Taste drücken auf das mechanische Schreiben auf Schreibmaschinen verweisen kann. In den 1930er Jahren tap/tippen Garnisonen von meist jungen Frauen auf Schreibmaschinen und liefern sich klackernde Wettbewerbe mit Männern auf Theaterbühnen im Schnellschreiben, wie in einem Film der British Pathé von einem internationalen Wettbewerb in Den Hague von 1938 zu sehen ist.[3]

Obwohl Dinerstein mehrfach und ausführlich auf das Tempo der Maschinen eingeht, das auf die Körper der Arbeiter übergeht und sie verändert, bedenkt er leider nicht die weltweiten, internationalen Wettbewerbe im Schreibmaschinentippen mit hohem Unterhaltungswert. Diese Wettbewerbe in Schnelligkeit und Körperbeherrschung, vor allem Fingerfertigkeit der in der industriellen Produktion wichtigen menschlichen Hand bilden eine Schnittstelle von Maschine und Mensch, die auf Theaterbühnen oder in Vortragssälen Wettbewerb mit Unterhaltung verknüpfen.

Das Tempo der neuen Maschinen von der Lokomotive bis zum Ozeanliner, die nicht nur für Kreuzfahrten, sondern als immer schneller werdende Massen-Verkehrsmittel zwischen den Kontinenten genutzt wurden, treibt den Swing und den Tap dance an. Die Menschen nutzen nicht mehr nur Maschinen, vielmehr wird die menschliche Arbeit von Maschinen beherrscht.
„Yet human work directed by a machine threatened something essentially human and offended workers across class, gender, ethnicity and epoch. The Lowell “factory girls” of the 1840s desised the “ceasless din” of the belts, wheels and springs in constant motion; the skilled machinists of the 1840s loathed the stopwatch of the Taylorist consultant; the striking General Motors workers of the 1930s resented the tranny of “the line.””[4]

AHOI wird zu einer höchst unterhaltsamen Swing Show zum Nachdenken über das Verhältnis von Maschinen und menschlicher Arbeit. Dinerstein knüpft an den Taylorismus und die großen Autohersteller wie Ford und General Motors an, was sicher seine Berechtigung hat, aber auch im Büro an der Schreibmaschine herrschen längst die Stoppuhren der Zeiterfassung, die den menschlichen Körper verändern.
„First, as machines speeded up hands, hearts, and minds, individuals had to engage these new aesthetics on the body. Second, take the loud, harsh, repetitive rhythms and mix them down into groove centered in the torso, hips and thights; get your ass into it (as in the turkey trot), get your shoulders (shimmy), neck, your feet (tap) into it. Now slide across the floor, release your partner, strut your stuff, and show the world who you are.”[5]

Swing kommt mit neuen Maschinen auf, die einen fundamentalen Umbruch für die menschliche Arbeit, Arbeitsweisen und Organisationsformen mit sich bringen. Könnte Swing jetzt also aktueller sein, wenn das schnellste Tippen der Fräuleins schon längst nicht mehr reicht und sie sich in Konkurrenz zu KI und ChatGPT geschlagen geben müssen?! Die extreme Körperlichkeit des Swing mit seinen Ausbrüchen in die artistische Improvisation könnte heute noch dringlicher sein, als Dinerstein es schon 2003 sah. David Hermlin als neuer All-Round-Swing-Band-Leader könnte mit AHOI einen Nerv getroffen haben, der vielen noch gar nicht klar ist. Hier und da gab es in der Jugendtanzszene in Europa schon ein Gespür für den Lindy Hop, der mit dem Swing zusammen aufkam. Geht und ging es nur um Maschinen im Swing?

Dinerstein führt Duke Ellington als farbigen Swing-Bigband-Leader an, der sich nicht auf die befreienden oder kräftezehrenden Effekte der Maschinen bezieht, sondern die sozialen und kulturellen Kräfte der Musik berücksichtigt hat. Für die African-Americans als Industriearbeiter wurde das Tanzen als soziale Praxis entscheidend, wobei Edward Kennedy Ellington aus keiner Arbeiterfamilie, sondern aus einer kleinbürgerlichen Dienstleistungsfamilie in Washington, D.C., stammte, die sich an den Umgangsformen der gehobenen Mittelschicht orientierte.
„Duke Ellington, for example, never mentioned the liberating or debilitating effects of the machine; he did, however, write often about music’s role in social relations and about the necessity of reflecting social and cultural forces. When Ellington stylized train sounds and rhythms in musical compositions, his approach derived not from machine-driven modernism but from functional imperatives of African-derived musical practice: the music is (functionally) for dance, and that it must aesthetically render the common environment in sound.”[6]

David Hermlin, dessen Initialen DH, nun für die Swing Dance Band stehen, während sein Vater sich diskret als Pianist an den Flügel zurückgezogen hat, beherrscht die Akrobatik des Swing mit den Tanz-, Soloinstrument- und Moderationseinlagen. Denn Swing als eine Weiterentwicklung des Jazz hat immer auch mit der individuellen und witzigen Improvisation zu tun. Das hat er von Kindesbeinen an durch seinen Vater in die Wiege gelegt bekommen. Die Akrobatik des Swings performt die andere Seite der Maschine. Während ein Ausbruch aus der Regelmäßigkeit der Maschine zur Unterbrechung und gar Katastrophe führen kann, wird sie im Swing zum Höhepunkt individueller Fähigkeit und Leistung, die zu Begeisterungsstürmen im Publikum führen kann. Der improvisierende Swing-Musiker wird zum Akrobaten und Versprechen von Individualität.

Der Jazz und seine Spuren im Mainstream des Swing zielen auf das Versprechen, dass Individualität in einer automatisierten Welt möglich ist. Das könnte heute nicht nur in Europa für junge Menschen mit dem Wunsch nach Geselligkeit wieder äußerst wichtig sein. David Hermlin hat mit der Swing Dance Band eigene Songs arrangiert und eingespielt wie Swing is the thing! (mit Ausrufezeichen), LET’S FALL IN LOVE, FASCINATING RHYTHM und DERBY HOP mit einem eröffnenden und wiederholten Trommelsolo eingespielt.[7] An den Stücken, die ebenso in AHOI gespielt werden, lässt sich das kompositorische Prinzip aus Solopassagen verschiedener Instrumente wie dem Piano und dem Band-Sound auf höchstem Niveau erkennen. LET’S FALL IN LOVE ist ein langsamer Walzer mit dominierenden Bläsern und schmeichelnden Streichern von David Hermlin gesungen.

Die internationalen Akrobaten wie Vlada Naraieva, Sergey Gussar, Dasha & Vadym, Markian Strotsiakl. Sofiya, Misha und Ethio Brothers sind von beeindruckender Perfektion, wie sie sonst selten zu sehen. Sergey Gussar mit seiner Glasbalance in mehrdeutiger Hinsicht, weil er nicht nur Gläser auf eines Messers Schneide balanciert, sondern auch ein dinosaurierartiges Holzskelett zusammensetzt, dass mit einem Stups zerbricht, kommt beispielsweise aus Moldau. Die Ethio Brothers aus dem äthiopischen Zirkus reißen zu Bravorufen hin, wenn der jüngere und kleinere vom größeren durch die Luft gewirbelt wird. Das Duo Enominne aus Ecuador fasziniert mit ihrer Haarakrobatik auf ebenso spielerische wie unerklärliche Weise. Haarausfall wäre bei ihnen tödlich. Andererseits werden sie sicher für die Tragkraft ihrer Frisuren von den meisten Menschen beneidet.

Die Swing Dance Band hat auch in der zurückhaltenden Begleitung der Akrobaten große Qualitäten. Andererseits hat die Band selbst vor allem mit den abgestimmten Improvisationen große Showqualitäten. David Hermlin schmeißt die große Maschine des Swing und der Akrobatik an. Denn die Show selbst mit ihrer hochmodernen LED-Technik, die sich von Song zu Song verändert, die auf die ornamentalen Linien des Art Decos anspielt und die Bühne filmisch in ein Schiff im Unwetter verwandelt, funktioniert als Maschine mit Highlights und Ruhephasen wie dem Duett von David mit Rachel Hermlin am Bechstein-Flügel.

Die Kombination aus Swing und Akrobatik ist auf Perfektion angelegt. Fehler können auf einer Kreuzfahrt tödlich enden. Überhaupt gehört heutzutage die Show mit Akrobatik zum Unterhaltungsprogramm auf großen Kreuzfahrtschiffen. Das Theater auf der Mein Schiff 7 ist beispielsweise auf bis zu 1.000 Besucher angelegt. Dagegen bietet das Varieté Wintergarten eine eher persönliche Atmosphäre mit exzellenten Menüs zu einem angemessenen Preis. Damit bietet AHOI ebenfalls die perfekten Voraussetzungen für einen unvergesslichen Abend oder gar Brunch am Sonntag um 13:00 Uhr.
Torsten Flüh

Varieté Wintergarten
AHOI
Swing – Dinner – Acrobatics
nur noch bis 19. Juli 2026
[1] Siehe zu Amérique: Torsten Flüh: Brasiliens Mythen der Moderne. Zum Eröffnungskonzert des Musikfestes Berlin mit dem São Paulo Symphony Orchestra und der São Paulo Big Band. In: NIGHT OUT @ BERLIN 27. August 2024.
[2] Joel Dinerstein: swinging the machine. Modernity. Technology & African American Culture between the World Wars. Amherst: University of Massachusetts Press, 2003, S.6.
[3] Siehe: Typewriting Speed Contest (1938) British Pathé, The Hague, Netherlands. (YouTube)
[4] Joel Dinerstein: swinging … [wie Anm. 2] S. 11.
[5] Ebenda S. 13.
[6] Ebenda S. 14.

