Regeln – Obdachlosigkeit – Ausbruch
Frau zwischen Wohnungslosigkeit und Ausbruch
Zu Heike Geißlers Leipzig-Roman Michaela Kohlhaas
Kohlhaas? Kohlhaas? War da nicht was? Schullektüre Michael Kohlhaas, Erzählung. Und Kohlhaasenbrück links ab von der Königstraße nach Potsdam? 2026 kommt Michaela Kohlhaas von Heike Geißler in die Literaturhäuser und ins Deutschlandradio Kultur. Der Name Michael Kohlhaas. als Titel einer Erzählung von Heinrich von Kleist ist ungewöhnlich. Namen als Titel rücken gleichsam eine Person mit dem Namen als Versprechen, deren Geschichte zu erfahren, ins Leseinteresse. Die Marquise von O.… Gleichklingende Namen als Titel versprechen ähnlich gelagerte Geschichten. Heike Geißler schreibt in mehrfacher Weise den Namen Michael Kohlhaas an, zitiert Personal aus der Erzählung ins 21. Jahrhundert nach Leipzig und entlässt ihre Protagonistin Michaela dann doch in ein regelloses Eigenleben.

Flux ist im Feuilleton mit Literaturprofessor*innen ein Vergleich zwischen Michael und Michaela zur Hand. Vom Hörensagen weiß jede/r Feuilletonleser*in etwas von Michael Kohlhaas. War das nicht der, dem … Wiederherstellung des Rechts und ein Pferd. Da wollen wir doch wissen, wie es mit der Michaela Kohlhaas jetzt läuft. Einer „der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“. Passt das zu Michaela Kohlhaas? Ist die besonders rechtschaffen als Friedhofsangestellte in Leipzig? Oder ist sie entsetzlicher als andere Menschen, Frauen zumal? Ein Literaturprofessor der Humboldt-Universität kommt schnell zum Urteil: Kleist, nein, weil so gestrig; Geißler, ja, weil freundlicher. Handreichung für Deutschlehrer*innen. Es kommt aufs Lesen an.

Heike Geißler eröffnet ihren Romantext, indem sie ihn mit einer rhetorischen Übertreibung, einer Hyperbel erweckt: „Wenn ich ehrlich bin, wäre ich ihr lieber nicht begegnet.“[1] Was erste Sätze von Romanen anbetrifft, ist die Hyperbel eine kluge Figur. Nun wollen die Leser*innen erst recht wissen, warum die Ich-Erzählerin Michaela Kohlhaas „lieber nicht begegnet (wäre)“. Es wird ein Wissen um die Protagonistin versprochen, wovon zumindest die Erzählerin lieber nichts wüsste, weil sie darin verstrickt wird. Es muss etwas Unheimliches oder Außerordentliches sein. Der Konjunktiv – „wäre“ – zeigt an, dass sie weiß, was sie hier erzählt werden wird. So viel sich wissen lässt, ist Heike Geißler eine recht erfolgreiche, mit Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin in unterschiedlichen literarischen Genres, wie der Literaturkritiker Alexander Solloch am 1. Juni 2026 in der Veranstaltung LCB Studio am Wannsee unter anderem mit Verweis auf ihr Buch Die Woche (2022) hervorhob.

Ihre Ich-Erzählerin ist nicht sie selbst, was für Leser*innen naheliegen und zur Identifikation einladen könnte. Vielmehr ist die namenlose Ich-Erzählerin des ersten Absatzes selbst eine Fiktion und Konstruktion der Schriftstellerin Heike Geißler. Unterdessen wird das Ich mit der Hyperbel effektvoll aufgerufen und mit Michaela korrespondierend als andere Geschichte des Formats der „großer Männer“ angekündigt. Statt von einem „großen Mann“, wie es bei Kleist gerade nicht von Michael Kohlhaas heißt, aber in der Geschichtsschreibung immer wieder als Topos vorkommt, handelt der Roman ausdrücklich von einer „große(n) Frau“. Mit einem Wink auf die großen Männer der Geschichte – Friedrich der Große, Alexander der Große … – deutet Heike Geißler eine feministische Umschrift von Historiographie bereits im ersten Absatz an.
„Michaela Kohlhaas, die große Frau des Jahrhunderts, deren Lebenszeit nicht reichte, ihre volle Größe zu erreichen.“[2]

Heike Geißler geht es um die Geschichtsschreibung einer Frau. Während es bei Heinrich von Kleist ebenfalls um Geschichtsschreibung eines Menschen geht, der gegen die existierenden Regeln kämpft, durch die ihm Unrecht geschehen ist. Das Schreiben von Geschichte als eine Erzählung von Ereignissen stößt bei Kleist indessen immer wieder an Grenzen, misslingt fast und stößt deshalb zum Nachdenken über Recht und Regeln an. Heike Geißler widersteht z.B. im ersten Kapitel mit dem Monatsnamen „Januar“, einen Grund zu nennen, weshalb Michaela Kohlhaas ihren unbefristeten Arbeitsplatz aufgibt, ihre Wohnung abschließt und beschließt fortan auf der Straße zu leben.
„Diese große Frau, die erst zu Größe kommen und der man all ihre Größe immerzu streitig machen würde, lebte in Leipzig, dicht an den Ufern der Weißen Elster in dieser frappierenden Gegenwart, die doch eigentlich allen frappierend erscheinen musste.“[3]

Das Wissen um und Befolgen von Regeln wird für Michaela Kohlhaas im „Januar“ als geradezu vorbildlich herausgestellt, wenn es bei Geißler heißt, dass sie „so etwas wie eine Magd der Regeln gewesen“ wäre. „Jahrelang war sie ganz darauf aus, es den Regeln recht zu machen, denn genau so war sie von Staat, Schul- und Elternhaus erzogen worden.“[4] Das Jahr beginnt und die Regeln, das „geregelte() Leben“, wird fragwürdig für Michaela. Heike Geißler geht es darum, die Regeln und das geregelte Leben radikal zu befragen. Regeln sind nicht nur für die Anderen da, sondern, auch das poppt bereits im „Januar“ mit dem Immobilienspekulanten „Wenzel von Tronk“ auf, der die alte „Tronkenburg“ nicht nur als Kneipe, sondern gleich den ganzen Häuserblock mit der „Tronkenburg“ gekauft hat, dienen dem kapitalistischen System und seinen Regeln.[5]

Regelt der Kapitalismus nicht das ganze Leben zwischen Pampers und Inkontinenzeinlagen? Michaela Kohlhaas spricht diese bedenkliche Verfleischlichung der Regeln nicht explizit aus, deutet sie aber an. Die „große Frau“ lebt von einer antikapitalistischen Geste, die an Nihilismus erinnert. Ein literarisches Experiment? Michaela Kohlhaas nicht nur eine späte Verwandte des Michael? Gar eine Seiltänzerin wie Nietzsches Zarathustra? Heike Geißler braucht für Michaelas Ausbruch aus den Regeln keinen „Anlass“.
„Das Erstaunliche war nicht, dass die Kohlhaas aufbrach und ausbrach, sondern dass nicht viel mehr Leute es ihr nachtaten, dass niemand ihr gleich schon in die Öffentlichkeit geschobenes Leben, ihren dann in der Öffentlichkeit handelnden, leidenden, juckenden, jubilierenden Körper zum Anlass nehmen würde, es ihr nachzutun. Befragte die Kohlhaas sich selbst, hätte sie keinen Anlass für alles Kommende nennen wollen. Das wäre dem Versuch gleichgekommen, aus einer gut vermischten Farbe einzelne Pigmente herauszulösen.“[6]

Michaela Kohlhaas geht in eine selbst gewählte, rebellische Obdachlosigkeit. Diese ist für sie „eine Absage“ an die Regeln, denen sie sich unterworfen hatte. Ist eine Absage eine Befreiung? Oder führt sie zu einem radikalen Nihilismus, an dessen Ende im Jahresverlauf der Monate der Tod stehen muss? Obdachlosigkeit als Homeliness hat einmal der postkoloniale Philosoph Homi K. Bhabha 2010 in seiner Hegel-Lecture an der Freien Universität zwischen dem Unheimlichen und dem Ohne-Heim-sein thematisiert.[7] Obdachlosigkeit ist zweifellos ein reales Problem. In Deutschland gibt es eine große Zahl wohnungsloser junger Menschen unter 25, 192.000, wie kürzlich Die Zeit berichtete.[8] Obdachlose Frauen sind in der Minderzahl, doch weit verbreitet.[9] Sterben sie innerhalb eines Jahres? Nein. Auf der Müllerstraße kenne ich eine Frau, die ich Elli für mich genannt habe, die seit Jahren, wenn nicht seit einem Jahrzehnt um die Kreuzung Müller-, Amsterdamer und Schulstraße lebt.

Die Wohnungslosigkeit der Romanheldin wird von Heike Gerißler mit einer gewissen Ambivalenz erzählt. Denn Michaela kündigt weder ihre Arbeitsstelle im März noch gibt sie ihre Wohnung zunächst ganz und gar auf. Im März zieht sie sich gar in eine Pension am Stadtrand zurück. Doch das Verlassen der Wohnung wie der Arbeitsstelle, die sie sich sozusagen telefonisch in Absprache mit ihrem Kollegen warmhält, wird vor allem als „Absage“ von den Regeln, die das Leben ausmachen, formuliert.
„Äußerlich würde Michaela Kohlhaas in den kommenden, den letzten Monaten ihres Lebens keine frohe Botschaft, sondern eine Absage sein. Eine grölende, manchmal tirilierende Absage. Sie würde sich in neuen Zuständen, in neuen Gewohnheiten und Gegenden ausbreiten und immer wissen, warum sie erst so spät damit begonnen hatte, schroff, schorfig, unumwunden, klar und forsch zugegen zu sein. Nichts, so würde es ihr dann vorkommen, war einfacher als das: absagen, aufgeben, was für immer Bestand zu haben schien, was angeblich nicht befragt werden durfte, wenn man erst einmal damit begonnen hatte.“[10]

Obwohl Michaela Kohlhaas noch um ihre Wohnung schleicht, als hätte sie mit ihren früheren Lebensweisen noch nicht ganz abgeschlossen, schlüpft sie in die Rolle der Obdach- oder Wohnungslosen. Sie hatte im Rathaus eher hilflos gegen die Kungelei des Oberbürgermeisters mit dem Immobilienspekulanten Tronka protestiert, um dann von Security-Mitarbeitern vor die Tür gesetzt zu werden. In Heike Geißlers poetischer Erzählweise nimmt das Haus, in dem sie immer noch Wohnung hat, menschliche Züge an. – „Ihr Haus stand jedes Mal pikierter und schien sie nicht mehr zu kennen oder nichts mehr mit ihr zu tun zu haben.“ – Über ihren körperlichen Zustand nach mehreren Wochen auf der Straße wird wenig mitgeteilt.
„Sie hatte ganz in der Nähe der Wohnung Unterschlupf in einem Pavillon gefunden. Für gewöhnlich schlief dort ein Obdachloser, grölte, schimpfte sich durch Tag und Nacht. Den aber hatte sie seit Wochen nicht gesehen. Sie übernahm seinen Platz und fand keinen Schlaf. Die ersten Tage außerhalb der Wohnung waren rastlose, die sie ermüdeten und allmählich aus der Wachsamkeit schoben.“[11]

Heike Geißler dekonstruiert die Regeln für eine Frau in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Figur nach und nach, könnte man sagen. Mit zwischenzeitlich 49 geht es ihr darum, die „Konstruktion“ Frau abfallen zu lassen. Das ist ein ebenso geschlechtlich-feministisches wie gesellschaftskritisches Ansinnen, das sie wiederholt explizit formuliert. Michaela unterscheidet sich von der Erzählerin, die weiterhin die Konstruktion aushält, weil sie Kinder hat. Der Austausch von Emojis funktioniert trotz Wohnungslosigkeit, weil das Smartphone heute noch wichtiger ist als eine Wohnung. Die Tragik des Verlusts als „Stürze“ wird zu „Flügen“ gewendet. Mit großer Präzision in ihrer Sprache wird der Verlust als Fortschritt in einer Loslösung angeschrieben.
„Die Konstruktion, die von ihr fiel, war gewaltig und zog sie mit sich. Sie konnte hier im Liegen, im Nichtstun den Sog des Zerfallens, des Abfallens verdauen. Sie würde Monat für Monat tiefer stürzen, aber die künftigen Stürze glichen Flügen, das waren dann schon Fortbewegungen einer Fortgeschrittenen, einer Losgelösten, einer, die zugleich Mensch und Wind war.“[12]

Die Obdachlosigkeit entwickelt sich im Roman zu einem Erzähl- und Reflexionsmodus. Sie schärf, anders formuliert, gar die Sinne, während sie im Stadtbild oft dumpf und sprachlos bleibt. Darin liegt eine Stärke Heike Geißlers. In verschiedenen Situationen wird die Obdachlosigkeit weniger zur Tragödie als vielmehr zum kritischen Potential für Menschen, die sich den Regeln aus Schwäche oder Kleinheit weiterhin unterwerfen, während Michaela an Größe gewinnt.
„(…) Ich will doch hier keine Wirklichkeit mehr bedienen, verstehen Sie das denn nicht?
Die Kohlhaas zog die Hose mit den rotbraunen Flecken hoch, richtete den Helm, sortierte sich kurz und schaute dann herausfordernd fragend, ob er, der sie da angesprochen hatte, auch wieder nur einer war, der nicht damit leben konnte, dass sie herumzog, dass sie verstanden hatte, wie sie leben konnte und wie eben nicht. Ob er auch einer von denen war, der es nicht aushalten konnte, dass sie ihm seine Ängste und Enge aufzeigte, sein Leben am stressgespannten Schnürchen.“[13]

Ein Ausbruchsversuch der Erzählerin scheitert früh. Über weitere Erzählstrecken wird der Unterschied zwischen Michaela und der Erzählerin ein wenig ermüdend. Schließlich bricht die Erzählerin doch noch zu einer Italienreise auf. Michaelas Aufbruch bleibt für sie nicht folgenlos. Über das Smartphone wird eine merkwürdige Verbindung gehalten und doch auch nicht. Michaela stirbt. Funktionieren Auf- und Ausbrüche oder müssen sie teuer bezahlt werden. Die Obdachlosigkeit Michaelas als Absage ist Fiktion an den Grenzen der Lebenspraktiken. Mit einer gewissen erzählerischen Strenge arbeitet Heike Geißler, sagen wir, 12 Monate ihrer Protagonistin als eine radikale Gesellschaftskritik durch. Es ist nur der Name, der wie Michaela am Schluss des Romans verschwindet. Letztlich ich der Roman Michaela Kohlhaas irgendwo zwischen Literarischem Colloquium am Wannsee, Leipzig und prekärem Leopoldplatz an der Müllerstraße angesiedelt.
Torsten Füh
Heike Geißler
Michaela Kohlhaas
Ersterscheinungstermin: 19.05.2026
Erscheinungstermin (aktuelle Auflage): 01.07.2026
Fester Einband, 253 Seiten, dekoratives Vorsatzpapier, Sprachen: Deutsch
978-3-518-43280-8
Fester Einband 24,00 €
[1] Heike Geißler: Michaela Kohlhaas. Roman. Berlin: Suhrkamp, 2026, S. 7.
[2] Ebenda.
[3] Ebenda S. 10.
[4] Ebenda S. 8.
[5] Ebenda S. 32.
[6] Ebenda S. 35.
[7] Siehe: Torsten Flüh: Survival – Überleben. Homi K. Bhabhas Hegel-Lecture in der Freien Universität Berlin. In NIGHT OUT @ BERLIN 28. Januar 2010.
[8] Die Zeit: »Im Polizeiwagen wurde mir klar, wie sehr ich abgerutscht war« Zu Hause rausgeworfen, Drogen, psychische Probleme: Immer mehr junge Menschen sind wohnungslos. In: Die Zeit 2. August 2026.
[9] Siehe zur Obdachlosigkeit auch: Torsten Flüh: Klassenfragen, Intelligenz und Obdachlosigkeit, Zu Mike Savages Mosse-Lecture über das Semesterthema Klassenfragen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 13. Januar 2020.
[10] Heike Geißler: Michaela … [wie Anm. 1] S. 43.
[11] Ebenda S. 53.
[12] Ebenda S. 67.
[13] Ebenda S. 223.
