Spiritualität und Trance in La Sainte Face von Yvonne Loriod

Wellen – Orgel – Bild

Spiritualität und Trance in La Sainte Face von Yvonne Loriod

Zum Konzert des WDR Sinfonieorchesters unter der Leitung von Kent Nagano beim Musikfest Berlin 2026

Mehr als 80 Jahre nach der Komposition von La Sainte Face dirigierte Kent Nagano die umjubelte Uraufführung der Contemplations für Soli und Orchester von Yvonne Loriod beim Musikfest Berlin 2026. Bereits die Entdeckung der Partitur im Nachlass von Yvonne Loriod und Olivier Messiaen in der Bibliothèque national de France in Paris durch Kent Nagano galt als eine Sensation. Yvonne Loriod (1924-2010) gilt als eine der besten Pianist*innen des 20. Jahrhunderts. Doch ihr eigenes Komponieren stellte sie hinter das ihres Ehemannes Olivier Messiaen so sehr zurück, dass niemand davon zu wissen bekam. Kent Nagano bezeichnet Yvonne und Olivier, seit er bei ihnen in Paris lebte, als seine europäischen Eltern. Nach durchdringenden Glockenläuten, als läuteten alle Glocken von Paris und Frankreich, einem dreifachen „Alléluia“ und Stille am Schluss brach ein großer Jubel aus.

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La Sainte Face ist eine durchaus abendfüllende Kontemplation, ein Nachdenken und Nachfühlen über das heilige Antlitz in 14 betitelten religiösen Modi und einer „Meditation über die Lilie“. Die Aufführung war mit 90 Minuten angesetzt und ging darüber hinaus. Das gesamte Konzert ist mit 2:04:38 auf Soundcloud in der Mediathek des Musikfestes Berlin 2026 nachzuhören.[1] Zum ersten Mal war in Berlin Ein feste Burg – Komposition für Orchester über den Choral BWV 302 von Alex Nante zu hören, die Kent Nagano mit der Dresdner Philharmonie in Auftrag gegeben hatte. Als weitere Einstimmung auf die Uraufführung von La Sainte Face spielte Henry Fairs auf der Schuke-Orgel der Philharmonie Trois pièces pour orgue von Jean-Claude Touche und Deuxième fantasie von Jehan Ariste Alain als Zeitgenossen von Yvonne Loriod.

© Fabian Schellhorn

Der junge, in Buenos Aires 1992 geborene Komponist Alex Nante erhält zur Zeit international häufiger Kompositionsaufträge. Für das auf die französische, zeitgenössische Musik ausgerichtete Konzertprogramm passte sein Ein feste Burg von 2025, insofern als er seinen Master der Musikologie an der Université Paris 8 gemacht hat. Nun war er in der Philharmonie anwesend, um der Aufführung seiner Komposition von 2025 über den ausgesprochen protestantischen, lutherischen Choral von Johann Sebastian Bach beizuwohnen. Von Kent Nagano wurde er nach der Aufführung herzlich auf der Bühne in Empfang genommen. Die spirituell-sakrale Musik ist auf den heutigen Konzertbühnen in einer Zeit der massenhaften Kirchenaustritte in Deutschland nicht mehr besonders reizvoll. Für Alex Nante ist die Spiritualität indessen die Quelle der Kreativität:
„Der Ursprung aller Kreation liegt im Mysterium. Meine Arbeit als Künstler ist also, mich diesem Mysterium, der Spiritualität, so treu wie womöglich anzunähern. Das passiert völlig natürlich, fast automatisch. Es gab eine Zeit, in der ich meinen kreativen und meinen spirituellen Weg getrennt voneinander ging, aber heute habe ich das Gefühl, sie sind ein und derselbe.“[2]  

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Spiritualität im Komponieren und der neuen Musik ist heute wahrscheinlich nicht das Hauptinteresse des Konzertpublikums. Vielleicht kündigt sich mit der Spiritualität eines jungen, erfolgreichen Komponisten wie Alex Nante damit eine neue Verzweigung an. Als Eröffnung des Konzertes mit entschieden spirituellen Kompositionen von Touche, Alain und Loriod machte Nantes Komposition Sinn. Für Nante gehen Kreativität und Spiritualität zusammen. Der Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ hat Bekenntnischarakter. Zum Reformationstag in der Evangelischen Kirche in Deutschland gehören Martin Luthers Formulierung und Melodie sowie Johann Sebastian Bachs Choral zur lutherischen Liturgie. Es war durchaus ein Kampflied, dessen Spiritualität handfeste Folgen haben konnte und sollte.
„Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind
mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.“[3] 

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Es lässt sich nicht abstreiten, dass sakrale Weihrauchnebel zur Beförderung der Spiritualität die Philharmonie durchzogen. Während eine Kollegin nach der Uraufführung „ganz naive Musik“ raunte, ist der Berichterstatter an einem so harten Urteil nicht interessiert. Vielmehr lässt sich fragen, wie Spiritualität erzeugt oder gemacht wird in der Musik. Die Orgel als voluminöses Kirchen-Instrument mit einem meistens unsichtbaren Spieler und ihre überwältigende Farbigkeit bei einem großen Register sowie ihre Lautstärke spielen eine Rolle. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird die Orgel zu einem Instrument im Konzertsaal. Das akustische Volumen einer Kirchenorgel besonders in Kathedralen und großen Kirchen erweckte Spiritualität. Weiterhin wird die Orgel in der Kirche für die Gemeinde zu einem Taktgeber, der ein gemeinsames Singen zumindest unterstützt. Alex Nante hat Ein feste Burg für Orchester komponiert, um in seiner Komposition Effekte des Orgelspiels zu bedenken. 

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Die Konzertorgel der Philharmonie klingt anders als eine Kirchenorgel. Die Sichtbarkeit des Organisten Henry Fairs am Spieltisch auf der Konzertbühne in der Philharmonie hat ihren Anteil daran, dass das Orgelspiel weniger sakral und spirituell wahrgenommen wird. Jean-Claude Touche wurde als achtzehnjähriger von den deutschen Besatzungstruppen bei der Belagerung von Paris als freiwilliger Sanitäter des Roten Kreuzes tödlich verletzt. Er starb am 29. August 1944. Als Sohn des Professors Firmin Touche am Pariser Konservatorium und als aufstrebender Organist an der kleineren Chororgel der Pariser Großstadtkirche Saint Augustin, zwischen 1860 und1871 erbaut, sowie Kompositionsschüler von Marcel Dupré war er der 21-jährigen Yvonne Loriod bekannt. Marcel Dupré spielte die Orgel bei Touches Trauerfeier in Saint Augustin.

Église Saint Augustin (Gallica)

Der tragische Tod Jean-Claude Touches durch eine Schussverletzung am Tag der Befreiung von Paris dem 25. August 1944 setzte gewiss für die junge Yvonne Loriod starke Emotionen frei. In der Notiz zu La Sainte Face als Widmung nennt sie zwei Daten, derer sich mit der Komposition erinnert werden soll: den 29. Mai 1944, als eine Nachbildung des Heiligen Grabtuchs in der Kirche von La Garenne gezeigt wurde und „die letzten Tage im Leben Jean-Claude Touches (26.-29. August 1944)“.[4] Das Gesicht Jesus Christus auf dem Turiner Grabtuch als Reliquie ist nicht leicht zu erkennen. Es ist Teil eines 4,35 Meter langen und 1,10 Meter breiten Grabtuches. In der Widmung wird der Todeskampf Touches nach der Schussverletzung in Verbindung zum Leiden Christi gebracht. Obwohl in der Kirche von Garenne aus kriegsbedingten Sicherheitsgründen nur eine Nachbildung oder Replik gezeigt wurde, beginnt der 1. Satz von La Sainte Face mit Apparation en le Saint suaire de Turin:
„1 – Erscheinung auf dem Heiligen Grabtuch von Turin
Unregelmäßiger Rhythmus des Herzens aus Ergriffenheit von der ersten Erscheinung de Heiligen Antlitzes auf dem Grabtuch“[5]

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Die Trois pièces pour orgue von Jean-Claude Touche folgen einer christlichen Programmatik. Wie lässt sich Spiritualität erzeugen? Und wie an ihr teilhaben? Es sind spirituell-katholische Praktiken und Modi – Pastorale – Élévation – Thème et variations sur Veni Creator –, die Touche als bekannte aufruft und komponiert. Die Pastorale wird in diesem Kontext zu einem seelsorgerlichen Versprechen. Die Élévation kündigt eine spirituelle Erhöhung des Hörers an. Im dritten Teil wird der Heilige Geist erbeten oder erfleht, wobei die Nennung des Geistes (Spiritus) ausgespart wird. Doch das spirituelle Erlebnis am Heiligen Geist teilzuhaben oder von ihm eingeschlossen zu sein, muss nicht vollständig genannt werden, weil es ein bekannter Begriff ist. Das christlich-religiöse Wissen der katholischen Liturgie wird von Touche wiederholt und erweitert. Die beiden kurzen sechsminütigen Fantasien von Jehan Ariste Alain, der schon 1940 im Krieg ums Leben kam, sind ebenfalls stark von dem gemeinsamen Lehrer Marcel Dupré beeinflusst. Das volle Register der Orgel dient der Lobpreisung des christlichen Gottes.

© Fabian Schellhorn

Im Unterschied zu Touche und Alain sind nun die Contemplations oder Betrachtungen von Yvonne Loriod in 15 Einzelbetrachtungen von einer Verknüpfung des Visuellen mit religiösen Beschreibungen und dem Akustischen geprägt. „2 – La bouche tordue douleur“ „Der schmerzverzerrte Mund – Die Lippen – zwei warme, schlichte melodische Linien. Schmerzhafte Verkrampfung einer Lippe über der anderen.“ Das sehr groß besetzte Orchester kommt zunächst gar nicht zum Einsatz. Denn vor dem ersten „Bild“ setzt schon die Solistengruppe aus Sarah Aristidou (Sopran), Wendy Vo Cong Tri (Flöte) und Emily Hoile (Harfe) ein. Loriod knüpft 1944 nicht nur nicht an europäische oder katholische Musikformen an, vielmehr nennt sie den ersten Teil einen „unendlich, reinen, zarten Raga, der sich frei entfaltet“.[6] Der Raga kommt aus der klassischen indischen Musikkultur und wird als eine „Klangpersönlichkeit“ verstanden. Doch dieser Trance freundliche Raga wird als ein fortwährender Klang ohne Anfang gedacht. 

© Fabian Schellhorn

Yvonne Loriod erweitert und verschiebt mit dem indischen Raga die sakrale und spirituelle Musik in Europa. Der Raga ist ein Modus der Wiederholung in der Musik, der das Bewusstsein erweitern kann durch tranceartige Zustände. Die Spiritualität wird verschoben. Die Verschiebung zur Trance bedarf eines Zeitfaktors.[7] Die lange Dauer von La Sainte Face, während der in der Solistengruppe fast nichts passiert außer der formelhaften, diskreten Wiederholung von Sarah Aristidous „Mon Père, pourquoi m’avez-vous abandonné? Mon Père, pourquoi m’avoir abandonné?“ als letzte Worte Christi am Kreuz, aber im Orchester immer wieder neue Ereignisse bis hin zu orchestralen Ausbrüchen in unterschiedlich großer Instrumentierung geschehen, unterstützen die tranceartige Spiritualität. Heutzutage gibt es beispielsweise Rave-Veranstaltungen in Berliner Kirchen, bei denen über eine lange Zeit tranceartig getanzt wird. La Sainte Face ist auch eine Trauermusik, die nach europäischen Modi keinesfalls traurig klingt.

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Der Modus der Betrachtung lässt sich als ein Zwischen Außen und Innen beschreiben. Das Antlitz ist nicht einfach außen auf einem Grabtuch, vielmehr erscheint es nur mit Hilfe eines Innen, einer Introspektion oder eines Glaubens. „3 – Le nez brutalise“ „Die misshandelte Nase – Heftige Faustschläge in unregelmäßigen Abständen auf die Nase, unterbrochen von kurzen anakrusisch anlautenden Pausen (Es scheint, als sei der untere Teil der Nase nicht deformiert?)“[8] Schaute sich Yvonne das Grabtuch so genau an? Wo fand sie eine Abbildung? Wie sehr macht der biblische Text des Neuen Testaments das Antlitz sichtbar für Yvonne Loriod? Die 14 Bilder des ersten Teils bleiben ohne Text, haben aber sehr wohl einen beschreibenden Modus. Sie werden von Kent Nagano überwiegend attaca dirigiert. Dabei lässt sich einerseits die Modi des Raga denken, andererseits fehlen der Musikkomposition die konkreten Bezüge. Vielleicht sollten bei weiteren Aufführungen die Titel wie Libretto-Texte eingeblendet werden. Erst beim Zwischen-den-Seiten-des-Programmhefts-hin-und-her-schlagenden-Mitlesen stellte sich eine Art Folgenkönnen ein. Für Yvonn Loriod gehörten die Angaben indessen zu ihrem Glaubenswissen.

© Fabian Schellhorn

Dafür, was in der Musik passiert, fanden die Autoren des Programmheftes wenig Worte. Einerseits gibt es die Solist*innen-Gruppe, die mit Wiederholung der Sterbeworte, Kantilenen, Flötenspiel und Harfen eine Art permanenten Grundklang erzeugt. Dann gibt es die dramatisch und expressiv komponierten Einzelteile mit einem starken Schlagzeug und der Ondes Martenot, die aber nicht immer eingesetzt wird. Die Ondes Martenot, die an Radiowellen anknüpfen und zu den Anfängen der elektronischen Musik gehören, sind gewiss eine französische Signatur der Zeit des Rundfunks. Doch im 12. Stück wechselt gar ein Solo der Ondes Martenot (Nathalie Forget) mit einem der Violine. Das 12. Stück ist „Abandon de Dieu“ „Gottverlassenheit – Die Stille der Dunkelheit – ein hohes, kaum wahrnehmbares Pfeifen, das man (in winzigen, schnellen Kreisen) im Kopf spürt.“[9] Die Violine und die Radiowellen[10] der Ondes Martenot werden insofern für eine negative Erfahrung eingesetzt.

© Fabian Schellhorn

Es gibt in der Komposition von La Sainte Face keinen Anfang und kein Ende, weil sie als ein Klang der Ewigkeit gedacht wird. Vielmehr wird nach dem 14. Bild die „Musik der Solistengruppe (…) ganz allmählich leiser und verklingt (ohne den Eindruck eines Endes zu vermitteln)“.[11] Bewusstseinserweiternde Praktiken und eine sehr präzise, mehrschichtige Komposition, in der die unterschiedlichen Ebenen und Sinneswahrnehmungen von Loriod als vernetzt gedacht werden, zeichnen La Sainte Face aus. Im zweiten Teil wechselt Loriod mit der Meditation über die Lilie in einen anderen Modus, weil nun der gesungene Text dominiert. Die Verherrlichung des Heiligen, des Gottes steht nun im Vordergrund. „Hosanna au plus hautdes cieux! / Hosiannna dem Höchsten des Himmels!“ Kirchenglockenläuten und ein dreifaches „Halleluja“ der Sopranistin Sarah Aristidou nach über 90 Minuten. – Mehr geht nicht.

Torsten Flüh

Musikfest Berlin 2026
bis 23. September 2026

Zum Nachhören bis 30. Oktober:
Yvonne Loriod
La Sainte Face (Uraufführung)
WDR Sinfonieorchester
Leitung: Kent Nagano   


[1] Nachzuhören bis 30. Oktober 2026 Mediathek: WDR Sinfonieorchester.

[2] Alex Nante: Die Augen und der Wein. Der Komponist Alex Nante im Gespräch mit Olivia Atner über die Bedeutung von Spiritualität und das Komponieren als meditative Übung. In: Musikfest Berliner 2026: WDR Sinfonieorchester I: Alex Nante / Jean-Claude Touche / Jehan Alain / Yvonne Loriod (UA). 5.9.2026.

[3] Gesangbuch Online: 362 Ein feste Burg ist unser Gott

[4] Patrick Hahn, Winrich Hopp: La Sainte Face von Yvonne Loriod. In : Musikfest Berlin 2026 : WDR … [wie Anm. 2] S. 14.

[5] Ebenda S. 24.

[6] Zitiert nach ebenda S. 16.

[7] Zur Trance siehe auch : Torsten Flüh: Luitpoldsprudel schäumend, Kadenzen im Regentenbau und Trance im Kurtheater. Zum internationalen Musikfestival 40 Jahre Kissinger Sommer und Bad Kissingen zwischen Industrialisierung und Heilkur. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. Juli 2026.

[8] Alle Zitate nach der Partitur La Sainte Face, Éditions Durand, 2026. Aus dem Französischen von PANTHEA Paris/Berlin.

[9] Ebenda S. 25.

[10] Zur Faszination der Radiowellen in der Musik siehe: Torsten Flüh: Das Schicksal der Wellen. Zur Erforschung der Electronic Works von Éliane Radique bei MaerzMusik 2022. In: NIGHT OUT @ BERLIN 25. März 2022.

[11] Alle Zitate nach … [wie Anm. 7] S. 25.

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