Überleben im Warburg-Haus

Krebsforschung – Dahlem – Homosexualität

Überleben im Warburg-Haus

Zu Sam Apples Krebsforschungsgeschichtsbuch Der Kaiser von Dahlem und Otto Warburg

Sam Apple, der an der Johns Hopkins University in Baltimore, Science Writing, Creative Writing und Wissenschaftsjournalismus lehrt, ist es in seinem großangelegten Buch zur Geschichte der internationalen Krebsforschung einerseits gelungen, Otto Warburg mit der Kaiser von Dahlem wieder in Erinnerung zu rufen. Andererseits bleiben die Atmosphäre von Dahlem als Wissenschaftsstandort und Villenkolonie sowie die gelebte Homosexualität des Nobelpreisträgers Otto Warburg mit seinem Lebensgefährten Jacob Heiss unscharf. 1929 bis 1930 ließ sich Warburg in der Garystraße 18 eine eher ländlich gestaltete Villa mit Pferdestall und Uhrenturm bauen, in der er bis zu seinem Tode 1970 über nationalsozialistisch-antisemitische Verfolgung und die Gründung der Freien Universität hinaus wohnte. Die Garystraße in Dahlem wurde zur Utopie von Versprechen der Krebsforschung, des Deutschseins und persönlichen Überlebens.

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Otto Warburg ließ mit dem Geld, 655 000 Dollar, der Rockefeller-Stiftung aus New York fast gleichzeitig fußläufig ebenfalls an der Garystraße mit der Zufahrt von der Boltzmannstraße „sein“ Kaiser-Wilhelm-Institut für Zellphysiologie im Herrenhausstil des 18. Jahrhunderts bauen, das der Grundlagenforschung von Krebs gewidmet war. Das Gebäude beherbergt jetzt das Archiv der Max-Planck-Gesellschaft. Vor dem Institutsgebäude hat Warburg 1953 die Statue seines Lehrers, des Chemie-Nobelpreisträgers Emil Fischer, als Bronzereplik nach Fritz Klimsch aufstellen lassen.[1] Sam Apple verknüpft etwas flott Otto Warburgs Forschungen in Dahlem mit der „Krebsphobie“ Adolf Hitlers, „Krebs als Metapher“ in politischen Reden der Nationalsozialisten und dem aktuellen Stand der Krebsforschung in den USA. Doch wie konnte ein mehr oder weniger offen homosexuell lebender, evangelisch getaufter Spitzenforscher mit jüdischen Vorfahren im politisch aufgeputschten Dahlem überleben?

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Obwohl Judith Leister ihre Rezension von Sam Apples Der Kaiser von Dahlem – Otto Warburg oder wie ein jüdischer Wissenschaftler im Nationalsozialismus die Krebsforschung neu erfand mit dem Titel Jüdisch, homosexuell und Hoffnungsträger des NS-Staats: Der Krebsforscher Otto Warburg war ein Star der Wissenschaft und liess sich von den Nazis nichts bieten[2] versehen hat, bleiben die Lebensumstände in Dahlem vor, während und nach den 12 Jahren der auf 1.000 Jahre angelegten Herrschaft des Nationalsozialismus‘ nebelhaft. Während Otto Warburg seit 1919 – einem Schlüsseljahr – mit Jacob Heiss als seinem „langjährige(n) Gefährten“ „anfänglich()“ in einer „Diener-Herr-Beziehung“[3] in Lichterfelde und ab 1930 bis zu seinem Tod 1970 vierzig Jahre lang in der Garystraße 18 lebte, wird von Sam Apple das Klima von Dahlem kaum beachtet:
„Für die hygienebesessenen Nazis hätte es kaum eine schlimmere Beleidigung (dass der Zollbeamte »unangenehme Gerüche« verbreitet habe, TF) geben können. Während die Archivdokumente vermuten lassen, dass es sich um eine Sekretärin, also um eine »Sie« handelte, war es wahrscheinlich Warburgs männlicher Partner, Jocob Heiss, der die Zollbeamten zurechtwies. Heiss, (…), war selten weit von Warburgs Seite entfernt und hatte die Angewohnheit, Leute in dessen Namen anzuschreien.“[4]  

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Die Homosexualität als sexualwissenschaftlicher Begriff, sexuelle Orientierung und Praxis erlebte im Nachkriegsjahr 1919 insbesondere in Berlin durch die Begründung des Sexualwissenschaftlichen Instituts von Magnus Hirschfeld, die strafrechtspolitische Debatte und das, sagen wir, Dokudrama Anders als die Andern von Richard Oswald unter Beratung Hirschfelds einen nie zuvor gekannten Legalisierungsschub. Der 1. Weltkrieg war verloren. Der Kaiser war ins Huis Doorn geflohen[5] und die Monarchie abgeschafft. Doch nicht nur für Otto Warburg hatte der Dienst und eine bescheidene Karriere bei den berittenen Ulanen neue Beziehungsformen mit Männern eröffnet, die sich 1919 ins Zivilleben des durch den Kriegsdienst geprägten Spitzenwissenschaftlers als „Freiheit“ übertragen ließen. Für Magnus Hirschfeld war der Freiheitsgedanke im Zusammenbruch des Kaiserreiches der entscheidende:
„Die große Umwälzung der letzten Wochen können wir von unserem Standpunkt aus nur freudig begrüßen. Denn die neue Zeit ringt uns Freiheit in Wort und Schrift und, mit der Befreiung aller bisher Unterdrückten, wie wir mit Sicherheit annehmen dürfen, auch eine gerechte Beurteilung derjenigen, denen unsere langjährige Arbeit gilt.“[6]

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Im Register zur Wissenschaftsgeschichte der Krebsforschung Otto Warburgs und ihrer Verknüpfung mit Adolf Hitler, seiner Reichskanzlei und den Nazis insbesondere nach dem Originaltitel der „Search for the Cancer-Diet Connection“ fehlen die Lemma Homosexualität und Dahlem.[7] Stattdessen wird Christopher Marlowe mit seiner frühesten Faust-Dichtung mit 4 Mottos strukturierend aufgeführt. Fausts Pakt mit Mephistopheles, um an ein modernes Wissen zu gelangen, wird strukturierend bemüht. Allerdings führt Apple nicht weiter aus, was der Gelehrtenpakt mit dem modernen Erfahrungswissen aus Experimenten zu tun haben könnte. Stattdessen wird der Begriff „Pakt“ als anrüchige Vertragsform bemüht. Warburg habe „einen Pakt mit den Nazis“ geschlossen, indem er 1941 eine „Gleichstellung mit Deutschblütigen“ beantragt und sein Judentum verleugnet habe.[8] Es kommt zur Schlüsselszene in Adolf Hitlers Reichskanzlei:
„Brack trug aller Wahrscheinlichkeit nach seine schwarze SS-Uniform, mit Eichenblättern am Kragen, um seinen Rang zu markieren. Warburg wurde von Ernst Telschow begleitet, dem Generalsekretär der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. (Warburg glaubte, dass Telschow bei seiner Entlassung eine Rolle gespielt hatte, und weigerte sich deshalb, mit ihm im selben Wagen zu fahren.) Warburg saß nun in der Höhle des Löwen, und Brack verkündete sein Urteil.“[9]

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Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft am U-Bahnhof Thielplatz in Dahlem war für Otto Warburg ein Dreh- und Angelpunkt in seinem Wissenschaftsverständnis und seiner Wissenschaftskarriere. Markantestes Zeugnis der prägenden Kraft für die Wissenschaften in Dahlem ist heute noch das Gemeinschaftshaus und der Saalbau mit dem „Hoersaal der K. W. G.“, das sogenannte Harnack-Haus, von 1929 des Architekten Carl Sattler in der Ihnestraße, das heute von der Max-Planck-Gesellschaft als Tagungszentrum genutzt wird. Die Portalpfeiler des Gebäudes sind mit Geräten für naturwissenschaftliche Experimente ebenso wie mit Eulen als Symbol für Weisheit, Wissen und Erkenntnis als auch mit Musikinstrumenten in Formen der späten Neo-Renaissance verziert.[10] Es wird zum Gästehaus für international-hervorragende Wissenschaftler aus der akademischen Welt. Otto Warburg gehörte ab 1918 zu den Wissenschaftlichen Mitgliedern des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie. „Ins nahe Harnack-Haus lädt er die Elite der biologisch-medizinischen Forschung ein“, heißt es zur Geschichte des Hauses.[11] Es gab einen Hotelbetrieb mit Restauration. An angelsächsischen Universitäten gibt es den Common Room für die Mitarbeiter. Offenbar war das Harnack-Haus eine Mischung aus Club und Common Room, wo nicht nur Fachgespräche geführt wurden.

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Die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft e. V. fand am 11. Januar 1911 im Großen Sitzungssaal der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 statt. Die Finanzierung wurde durch ihre Mitglieder geleistet, wozu neben dem Berliner Theologieprofessor und Wissenschaftsorganisator Adolf Harnack der Großindustrielle Gustav Krupp von Bohlen und Halbach ebenso wie der an der Kieler Universität forschende Chemiker Carl Dietrich Harries gehörten. Die deutsche Industrie förderte die Wissenschaft im Kaiserreich. Harries war mit Hertha von Siemens, der jüngsten Tochter Werner von Siemens‘, verheiratet. Hertha lebte zuvor mit ihren Eltern in Charlottenburg und hatte ein naturwissenschaftliches Interesse entwickelt, das durch Reisen mit ihren Eltern geweckt worden war. Sie hatte als Studierende Carl Dietrich Harries im Labor von Emil Fischer, Warburgs verehrtem Lehrer, in Berlin kennengelernt. Carl Dietrichs Aufnahmebeitrag von 20.000 Mark, der Jahresbeitrag von 1.000 Mark und 100.000 Mark für die Einrichtung eines Chemischen Instituts in Dahlem wurden von der Siemenschen Familienbesitz Vermögensverwaltung G.m.b.H. bestritten.[12]   

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Zwischen Hörsaal, Club und Common Room erfüllte das Harnack-Haus am Thielplatz ab 1929 eine wichtige Scharnierfunktion. Im Hörsaal, heute nach dem Kernphysiker Otto Hahn benannt, finden wissenschaftliche Vorträge statt, zu denen die Mitglieder aus Wissenschaft und Wirtschaft Zugang haben. Ein kleinerer Saal ist nach Otto Hahns Forschungspartnerin Lise Meitner benannt.[13] 1938 entdeckten sie in Dahlem die Kernspaltung. Im gleichen Jahr musste Lise Meitner wegen ihrer jüdischen Herkunft bzw. deren Konstruktion durch Blutslogik nach Schweden immigrieren. Die besondere Konstruktion des Harnack-Hauses an der Schnittstelle von Grundlagen- bzw. Spitzenforschung in den Kaiser-Wilhelm-Instituten und einer, wenn auch begrenzten Öffentlichkeit muss nicht zuletzt vor dem Hintergrund bedacht werden, dass es an Universitäten in Deutschland keinen gesprächsfördernden Common Room über die Institutsgrenzen hinaus gibt. Es ist ein permanentes Ärgernis z.B. selbst bei den Mosse-Lectures im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin, dass es nach den Vorträgen keinen Raum für ein nachträgliches Gespräch gibt. Das war mit dem Harnack-Haus in Dahlem anders.

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Das Harnack-Haus wurde, wenn auch nur für relativ kurze Zeit bis 1933 und dann anders bis 1945, zum „Herzstück des akademischen Betriebes“[14], anders gesagt, das Kommunikationszentrum nicht nur der deutschen, sondern internationalen Wissenschaft. Im Hörsaal erfolgte die Kommunikation überwiegend hierarchisch von vorn. In den angrenzenden Räumen wurden die Kommunikationswege gründlich vermischt und verschlungen. Naturgemäß gibt es von dieser Art der Kommunikation meistens keine Aufzeichnungen oder Überlieferungen. Doch es lässt sich gut vorstellen, dass sich Gesprächsgruppen bildeten, die sich nach 1933 entschieden separierten. In den Common Rooms zwischen Oxford und dem Senior Common Room der University of Hong Kong dürfte das noch heute so sein. Das informelle Gespräch, Blicke und Gesten entscheiden zuweilen über wissenschaftliche Karrieren, über Gruppenbildungen und ganz gewiss nach ’33 Seilschaften. Dass Lise Meitner bis 1938 in Dahlem überleben konnte, gibt auch einen Wink auf Otto Warburgs Überleben unter schwierigen, ja, lebensgefährlichen Bedingungen für einen Nobelpreisträger jüdischer Herkunft, dessen Homosexualität durch das Ausreiten und Zusammenleben mit Jacob Heiss zwar offensichtlich war, aber schwer bewiesen werden konnte.

Auf den meisten Fotos aus den frühen Jahren der Villen- und Institutskolonie Dahlem gibt es wenig Baumbestand. Das ist heute anders. Am Bahnhof Dahlem-Dorf gibt es die Baumschule Pluta zwar erst seit 1972, aber die Begrünung Dahlems verdankt sich heute vor allem den oft seltenen Gehölzen der Villengärten. Die Institute und das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in der Archivstraße sind noch heute wenig begrünt. Auf dem Grundstück des Warburg-Hauses sind jüngere Obstbäume angepflanzt. Die Nachkriegsbauten der Freien Universität Berlin wie der Henry-Ford-Bau von 1952-54 mit der Zentralbibliothek an der Garystraße gegenüber von Warburgs Institut glänzen noch heute durch gepflasterte, höchstens Rasen-Flächen. Lehr- und Forschungsgebäude sind heute teilweise aus Gründen des Denkmalschutzes wenig begrünt, während die Villenbesitzer wert auf seltenes Grün legten und legen. Das heißt auch, dass die Ausritte von Otto Warburg und Jacob Heiss weithin sichtbar waren. Der Herr und sein Diener? Der Professor und sein Assistent? Der Akademismus war bis 1968 maximal hierarchisch organisiert – „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“ wie die Studenten am 9. November 1967 vor dem Hauptgebäude der Universität Hamburg in der Edmund-Siemers Allee 1 mehrdeutig protestierten.

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Sam Apple verknüpft mit der literarischen Figur der Metapher in seiner Geschichte der Krebsforschung mit Otto Warburg als zentralen Akteur beispielsweise die Experimente zur „Glykose“ im Forschungslabor mit der Charakterisierung seines Protagonisten. Mehrfach wird die Metapher als Form der Übertragung eines Wissensbereichs auf einen anderen bemüht.[15] Erzählerisch lässt sich auf diese Weise ein Bereich lockerer formulieren, der sich als schwer zugänglich erweist. Wie lassen sich die Handlungsweisen Otto Warburgs unter den Bedingungen der ihn verfolgenden Rassepolitik verstehen? Mit der Übertragung des physiologischen Experimentes auf das „Denken“ Warburgs wird bei Apple vermeintlich erklärbar. Der physiologische Spaltungsvorgang der Glykose wird gar zur „Metapher (des) Lebens“ von Otto Warburg.
„Aus einem Glukosemolekül entstehen zwei andere Moleküle. Die biochemische Reaktion, die Otto Warburg so faszinierte, war nun Metapher seines Lebens geworden. Er war schon immer gespalten gewesen, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Mit einem aristokratischen Denken war er ein Mensch des 19. Jahrhunderts, aber gleichzeitig auch ein moderner naturwissenschaftlicher Visionär, ein charmanter Gesprächspartner und ein von seiner Bedeutung erfüllter Diktator. Nachdem er per Gesetz zum »Mischling ersten Grades« erklärt worden war, halb jüdisch, halb arisch, tat sich nun eine neue Verwerfungslinie in ihm auf.“[16]

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Die Übertragung der Experimente und ihrer Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung zu Krebserkrankungen wird von Sam Apple als Erzähl- und Schreibverfahren angewendet, um Warburgs Verhalten – „ein von seiner Bedeutung erfüllter Diktator“ – nicht zuletzt in moral-politischer Weise zu verurteilen. Die Experimente werden auf diese Weise zu Wahrheitsgeneratoren. Einerseits sind es tatsächlich die Experimente im Labor[17] des Warburg-Institutes, an die der Forscher und Nobelpreisträger seine Existenz und sein politisches Handeln knüpft.[18] Andererseits ist es die im Nationalsozialismus vor allem durch Experimente und Vermessungen des Humanum zentral in Dahlem sich ins Verbrecherische wendende Wissenschaftspraxis nicht zuletzt in den Laboratorien der Kaiser-Wilhelm-Institute wie dem für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in der Ihnestraße 22[19], die ein Kollektiv als Volk und empirische Wahrheit konstruierten. Wer zum deutschen Volk oder „Volkskörper“ gehört und wer aus ihm entfernt werden musste, wird durch Menschenexperimente in Dahlem entschieden. Deutschsein wird nicht mehr wie im Kaiserreich durch Konversion, Militärdienst wie schon bei Ottos Vater Emil, der 1870/71 am Krieg gegen Frankreich teilgenommen hatte, naturwissenschaftliche Laufbahn, Leistung und höchste Anerkennung durch Institutsleitung und Nobelpreis erworben, sondern Vererbung, Rasse und Blut entscheiden nun auch in Dahlem, wer Deutscher ist und wer nicht. Selbst dann, wenn Otto Warburg diese Problematik von Wissenschaft und Deutschsein nur unterschwellig empfinden konnte, wird sie zu einem schweren Unbehagen geführt haben.

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In Dahlem herrschte insbesondere bis zum Ende des sogenannten Dritten Reiches ein ebenso schwer zu fassendes wie offensichtliches Klima von wissenschaftlichem Aufbruch und Terror. Das vermeintliche Idyll eines deutschen Spitzenwissenschaftlers mit eigenem, fast unabhängigen Institut in der gleichen Straße wie seiner „privaten“ Villa verkehrte sich in einen Albtraum, der nur schwer auszublenden und zu überleben war. Dahlem war zwischen Thielplatz und Dahlem-Dorf Otto Warburgs Existenz, die er nur so dort gestalten und leben konnte. Bis 1933 hatte diese Existenz utopische Züge. Im Garten der Villa zeigte die Uhr über dem Pferdestall die eigene Zeitrechnung an! Das Beziehungsmodell Herr und Diener für das Zusammenleben eines gleichgeschlechtlichen Paares wurde noch nach 1933 bis in die 40er Jahre akzeptiert, weil es, wie die jüngere Forschung zeigen konnte, z. B. in der SS erst spät zum Gegenstand der machtpolitischen Verfolgung wurde, als es innerhalb des Machtapparates zu Problemen kam.[20] Nicht zuletzt wurde der allgemein wenigstens in Berlin als homosexuell hinlänglich bekannte Schauspieler Gustav Gründgens nicht nur geduldet, sondern protegiert. Gustav Gründgens wurde 1936 zum Staatsrat ernannt. 1939 erhielt er im Bellevuepark des Tiergartens, im Zentrum der Macht, ein Privatwohnhaus, das noch am 15. März 1942 in einer „Baubestandszeichnung“ durch die Schlossverwaltung der Preussischen Bau- und Finanzdirektion erfasst wurde.[21]

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Sam Apple berücksichtigt insbesondere im Dilemma der 12 katastrophalen Jahre der Herrschaft der NSDAP, in die „alle“ eintreten wollten, wie die kürzliche Veröffentlichung der Akten zeigt, die systemischen Widersprüche der NS-Politik nicht. Gründgens verfügte über ein intimes Machtwissen, das er zu nutzen wusste. Indem Apple die Macht allerdings vereinfachend auf die Person Adolf Hitler fokussiert, verdeckt er die Komplexität der Machtstrukturen und der Not Otto Warburgs. Er lässt die Prominenz des Herrschaftsapparates auftreten, indem er die Terminpläne der Reichskanzler abgleicht und einen hollywoodreifen Showdown inszeniert. Das mag narrativ wirkungsvoll sein, macht Otto Warburg in der einzigartigen Verknüpfung von Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und Rockefeller-Foundation ebenfalls zum Star, verdeckt aber im Erzählfluss der Übertragungen kaum auszuhaltende Dilemmata mit strukturierenden Mottos des Faust-Dramas als Erzählung vom Wissen der Wissenschaft in der Moderne.

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Der Kaiser von Dahlem ist nicht zuletzt ein Echoraum aktueller Wissenschaftsgeschichtsschreibung, umso mehr als sich die Erkrankung an Krebsarten heute zwar weitgehend prophylaktisch und therapeutisch behandeln lässt, aber die Ursache nicht ausgeschlossen werden kann. Das unkontrollierte Zellwachstum des Krebs‘ ist weiterhin nicht nur eine Metapher, vielmehr ein starkes Narrativ an der Schnittstelle von Leben und Tod. Siddhartha Mukherjee nannte 2010 seine „Biography of Cancer“ The Emperor of All Maladies, mit der er den Pullitzer Prize für Nonfiction 2011 gewann.[22] In der Originalausgabe dockt Apple mit dem Titel Ravenous als Schlüsselwort an die Gier der Ernährung bei Krebszellen wie an das Problem des Übergewichts in der amerikanischen Bevölkerung an. Mukherjee erwähnt wohl den „War on Cancer“, aber nicht Warburg in seiner Wissenschaftserzählung. Und es gibt nicht zuletzt in der Erzählung vom Nationalsozialismus mit Gustav Gründgens eine Pointe bezüglich Apples Faust-Struktur: Die bedeutendste Interpretation einer Theaterrolle von Gustav Gründgens war die des Mephistos, die schon 1936 in Klaus Manns im Exil veröffentlichten Romans Mephisto verhandelt wird.

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Otto Warburg stieß in seinem weltberühmten, ihn an Deutschland fesselnden und nach 1945 noch legendären Institut in Dahlem, demgegenüber ab 1954 die Zentralbibliothek der Freien Universität Wissen speicherte, ein folgenschweres Unglück zu. „Im November 1968 stieg Otto Warburg in seiner Bibliothek auf eine Leiter, um ein Buch aus dem hohen Regal zu holen. (…) Aber auf der dritten Stufe der Leiter rutschte er aus. Er fiel hintenüber und schlug auf dem Boden seiner Bibliothek auf, wo er unter dem kalten Blick Pasteurs mit einer gebrochenen Hüfte hilflos liegen blieb. Da die Tür zur Bibliothek geschlossen war (…), kam ihm niemand sofort zur Hilfe.“[23] Am 1. August 1970 verstarb er. Er wurde beigesetzt auf dem evangelischen St.-Annen-Kirchhof unweit der U-Bahnstation Dahlem-Dorf in einem Ehrengrab der Stadt Berlin. Als Grabmal hatte entweder er selbst oder Jacob Heiss ein christliches, weißes Marmorkreuz bestimmt. Am 2. Oktober 1984 verstarb Jacob Heiss, wurde auf der gleichen Grabstelle beigesetzt und erhielt einen kleinen Gedenkstein mit seinem Namen unter dem großen Marmorkreuz. Man könnte auch sagen, dass es die Nationalsozialisten nicht geschafft hatten, Otto Heinrich Warburg zum Juden zu machen und er auf seine Zugehörigkeit zur Evangelischen Kirche beharrte. – Mehr wissen wir zur Zeit nicht.

Torsten Flüh

Sam Apple
Der Kaiser von Dahlem
Otto Warburg

oder wie ein jüdischer Wissenschaftler im Nationalsozialismus die Krebsforschung neu erfand.
Übersetzt aus dem Englischen von Heike Schlatterer, Henning Dedekind
München, Hanser 2026
28,00 EURO


[1] Petra Werner: Ein Genie irrt seltener… Otto Heinrich Warburg. Ein Lebensbild in Dokumenten. Berlin: Akademie Verlag, 1991, S. 23.

[2] Judith Leister: Jüdisch, homosexuell und Hoffnungsträger des NS-Staats: Der Krebsforscher Otto Warburg war ein Star der Wissenschaft und liess sich von den Nazis nichts bieten. In: Neue Zürcher Zeitung 30.04.2026.

[3] Hans Krebs: Otto Warburg. Zellphysiologe – Biochemiker – Mediziner 1883-1970. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1979, S. 110.

[4] Sam Apple: Der Kaiser von Dahlem – Otto Warburg oder wie ein jüdischer Wissenschaftler im Nationalsozialismus die Krebsforschung neu erfand. München: Hanser, 2026, S. 11.

[5] Siehe auch Torsten Flüh: Schloß Berlin Zimmer Nr. 669 und der private Kolonialismus des Kaisers. Zum ORTS-Termin Die koloniale Weltsicht Wilhelm II. mit Gästen des Museums Huis Doorn. In: NIGHT OUT @ BERLIN 20. Dezember 2024.

[6] Neujahrsschreiben Magnus Hirschfeld an die Mitglieder und Förderer des Wissenschaftlich humanitären Komitees. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 20. Berlin 1918, S. 159 f. Zitiert nach: Manfred Baumgardt: Das Institut für Sexualwissenschaft und die Homosexuellenbewegung in der Weimarer Republik. In: Berlin Museum (Hg.): Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950. Geschichte, Alltag und Kultur. Berlin: Fröhlich & Kaufmann, 1984, S. 31.

[7] Titel der Originalausgabe: Ravenous. Otto Warburg, the Nazis, and the Search for the Cancer-Diet Connection. New York: Liveright Publishing Corporation, 2021.

[8] Sam Apple: Der Kaiser … [wie Anm. 4] S. 201.

[9] Ebenda S. 204.

[10] Zum Labor und Experiment als Wissensquelle seit der Aufklärung nicht zuletzt bei dem Faust-Autor Johann Wolfgang Goethe siehe: Torsten Flüh: Aufklärung als Wissenschaftsprojekt und die Erfindung des Labors. Zur allzu didaktischen Ausstellung Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert im Deutschen Historischen Museum. In NIGHT OUT @ BERLIN 16. November 2024.

[11] Max-Planck-Gesellschaft: Harnack-Haus: Geschichte: Otto Heinrich Warburg.

[12] Hertha Harries, geb. von Siemens ist erst kürzlich ins Interesse geraten. 13 Jahre älter als Otto Warburg beschreitet sie als eine der ersten Frauen ähnliche Forschungswege wie er. Werner Siemens-Stiftung (Hg.): Anna Siemens und Hertha Siemens. Schwerin: Thomas Helms Verlag, 2020, S. 174.

[13] Max-Planck-Gesellschaft: Wissenschaft im Hörsaal.

[14] Ebenda.

[15] Siehe u.a. in Bezug auf Hitlers Mein Kampf und mangelnde Unterscheidung „zwischen Juden und körperlichen Wucherungen“ (S. 177). Oder „Krebs als Metapher“ (S. 205),

[16] Sam Apple: Der Kaiser … [wie Anm. 4] S. 164.

[17] Zum Experiment im Labor siehe auch: Torsten Flüh: Architektonische Wissensmaschinen und die Lebenswissenschaften. Zum Brutalismus der ehemaligen Zentralen Tierlaboratorien und des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie der Freien Universität Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 1. November 2024.

[18] Siehe besonders Otto Warburgs vorausschauende Formulierung zum Exil „wenn ein König ein Königreich finden muss“ mit über 50 Jahren. Mit seinem Alter, das in einer akademischen Karriere eine unerbittliche Rolle spielt, war er zu alt, um nach 1933 im Exil neu beginnen zu können. Ebenda S. 160.

[19] „Der Erinnerungsort Ihnestraße beschäftigt sich mit einer Wissenschaft, die von Entgrenzung, Rassismus und Entmenschlichung geprägt war.“ Siehe: Erinnerungsort Ihnestraße.

[20] Siehe Torsten Flüh: Wie Homosexualität zum Feind des Staates gemacht wurde. Zum Vortrag von Ralf Kempe, Erster Polizeihauptkommissar Polizei Berlin, über die Ermordung von 4 schwulen Polizisten auf dem Polizeiübungsgelände in Spandau. In: NIGHT OUT @ BERLIN 30. Juli 2023.

[21] Siehe: Neubau eines Wohnhauses für Staatsrat Gründgens im Bellevuepark, Berlin: Lageplan des Bellevuepark mit Wohnhaus Gründgens mit Garage 1:1000 (Deutsche Digitale Bibliothek).

[22] Siddartha Mukherjee: The Emperor of All Maladies. Biogrphy of Cancer. New York: Scribner, 2010.

[23] Sam Apple: Der Kaiser … [wie Anm. 4] S. 388.

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