Vom Rätsel der Schrift im Anbruch der Moderne

China – Berlin – Schrift

Vom Rätsel der Schrift im Anbruch der Moderne

Zum Museum für Asiatische Kunst im Humboldt Forum und China

Das Museum für Asiatische Kunst im Humboldt Forum unterscheidet sich schon dem Namen nach vom Ethnologischen Museum. Das Museumskonzept wird mit dem Namen von der Ethnologie in Richtung eines Kunstbegriffs verschoben. Die Asiatische Kunst unterscheidet sich demnach von einem ethnologischen Wissen, das die Kunst Afrikas und Ozeaniens weniger nach ästhetischen Kriterien als nach ethnischen sammelte, ordnete und ausstellte. Woher kommt diese Unterscheidung, die sich im 19. Jahrhundert mit dem Völkerkundemuseum herausbildet? Was verraten die Sammlungsbestände des Asiatischen Museums, wie sie im Humboldt Forum angeordnet und ausgestellt werden? Und welche Rolle spielen die Schriften des Konfuzius in Übersetzungen des 17. Jahrhunderts sowie das Rätsel der chinesischen Schriftzeichen und das Yi Ging für Gottfried Wilhelm Leibniz?

Als erste Besprechung im neuen Jahr möchte diese zur Debatte um das Humboldt Forum, dessen Architektur, Museen und Ausstellungen beitragen. Denn das Forum ist keine geschlossene Institution, vielmehr wird es als Platz zum Austausch von Inventionen aus Wissenschaft, Kunst und Kultur abhängig sein. Die Debatte im Feuilleton hat sich bislang darauf versteift, die Museen, Akteure und insbesondere die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf Fehler, Versäumnisse und unabgeschlossene Konzepte zu kritisieren. Das ist wenig produktiv. Bereits im Frühjahr 2020 machte während einer informellen Sitzung im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin der damalige Präsident, Physiker und Experte für Nanooptik Prof. Dr. Jürgen Mlynek darauf aufmerksam, dass es völlig offen sei, was im Berliner Schloss, das wieder aufgebaut werden sollte, stattfinden werde, und dass die Humboldt-Universität sich dort engagieren, wenn nicht gar den Namen Humboldt dort anbringen müsse. Das Humboldt-Forum verdankt seinen Namen und den Konnex zur Wissenschaft nicht zuletzt Jürgen Mlynek.

Obwohl der große, international kursierende und bekannte Name Humboldt das Forum benennt, wird es damit nicht mit einem Wissen geschlossen. Vielmehr sind Foren seit der Antike Plätze des Austausches, des Handels, der Geschichtenerzähler, der Wissensvermittlung und der Umwandlung von Wissen. Schon das Forum Romanum gilt als ältestes seiner Art und als Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens in Rom. Das Forum Fridericianum, wenige hundert Meter auf der Straße Unter den Linden entfernt, wurde als ein politischer Platz des Austausches mit Oper, katholischer St. Hedwig-Kathedrale und Bibliothek von Friedrich II. konzipiert. Im 19. Jahrhundert eröffnete die Dresdner Bank ihr Haus am Forum Fridericianum. In dieser Hinsicht hat das Museum für Asiatische Kunst im Humboldt Forum seine Funktion schon jetzt überdacht im Doppelsinn des Verbs im Perfekt von überdenken und überdachen.

Der chinesische Architekt und Künstler Wang Shu, der an der China Academy of Art in Hangzhou, Volksrepublik China, lehrt, hat im Auftrag des Museums mit Unterstützung von privaten Spendern wie Bayer, Linde, SAP etc. den Saal China und Europa mit einer traditionellen, chinesischen Holzkonstruktion überdacht. Die Sammlung dieses Saals wird vom 19. Jahrhundert und des prekären Engagements des Deutschen Kaiserreichs um 1900 in China geprägt. Kaiser Wilhelm II. kaufte das 10 Meter breite Buddhagemälde auf Seide des Hofmalers Ding Guanpeng von 1770, dessen Zentrum eine Fontäne bildet, wie sie nur in europäischen Palastgärten bekannt war. Der Kaiserthron aus dem Palast von Panchan aus der Zeit nach 1661 gelangte über den Asiatikasammler Fritz Löw-Beer in die Museumssammlung.[1] Die beiden Schnitzlack-Bilder auf Holz vom Feldzug in Taiwan von 1787 und 1789 wurden 1905 von Ludwig Glenk für das Museum für Völkerkunde und Kaiser Wilhelm II. erworben, der „Kämpfe bei Dabulin“ bei seiner Abreise ins niederländische Exil offenbar mitnehmen ließ. Denn es ist eine „Leihgabe aus Huis Doorn“.[2]

Das Verhältnis Preußens und Berlins zu China ist seit dem 17. Jahrhundert komplex und widersprüchlich. Wilhelm II. betrieb im Windschatten später kolonialer Interessen eine katastrophale, feindselige, ja demütigende China-Politik. Darüber können Kaiserthron und Prachtmalerei ebenso wie Schnitz-Lack-Arbeiten nicht hinwegtäuschen. Das Arrangement der Kunststücke hat Sprengkraft. Mit der Rede vom 27. Juli 1900 an die nach China entsendeten Soldaten, die als „Hunnenrede“ in die deutsche Geschichte eingegangen ist, formulierte Wilhelm II. eine koloniale Hybris, die in der Inszenierung der Unterwerfung durch das chinesische Kaiserhaus im Grottensaal des Neuen Palais am 4. September 1901 gipfelte. Die Hochachtung, die der Berliner Hof und Gottfried Wilhelm Leibniz im 17. und 18. Jahrhundert der Kultur Chinas entgegengebracht hatten, wurde folgenreich verhöhnt.[3] Statt Bewunderung einer anderen, hochentwickelten Kultur, wie sie Leibniz als Philosoph und Gelehrter formulierte, wurde China im 19. Jahrhundert kolonisiert und rassifiziert.

Die Farbe Gelb für kaiserliche Gewänder wie den gelben Drachen in blauen Wolken der Drachenrobe für kaiserliche Prinzen aus der Qing-Dynastie oder die Seide, in der das Kapitulationsschreiben des chinesischen Kaiserreichs an den deutschen Kaiser 1901 im Neuen Palais eingeschlagen vom Bruder des letzten Kaisers überreicht wurde, verkehrte sich bis in die 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zu einer „gelben Rasse“ in Kinderbüchern. Das koloniale Pejorativ von der „gelben Gefahr“, das der Schriftsteller Stefan von Kotze 1904 zu einer 40seitigen Broschüre verfasste und in Berlin veröffentlichte[4], verkoppelte Rassentheorie mit kolonialen Interessen. Schon 1903 hatte H. Gottwaldt als „(v)olkswirtschaftl. Studie“ in Bremen die Schrift Die überseeische Auswanderung der Chinesen und ihre Einwirkung auf die gelbe und weisse Rasse in der Grauzone von Volkswirtschaft und Rassentheorie veröffentlicht.[5] 1912 war der rassistische Begriff für die multiethnischen Chinesen so populär geworden, dass Max Mark in Berlin den Stummfilm Die gelbe Rasse inszenierte und herausbrachte.[6] Eine Räuberpistole über chinesische Opiumhöhlen in San Franciscos Chinatown.

Neben Japanern und Koreanern wurden vor allem Chinesen gelb. Noch im 17. und 18. Jahrhundert spielte die visuelle Kategorie der Hautfarbe keine Rolle für die China-Narrative. Immanuel Kant[7] geht in dem während des 18. Jahrhunderts kursierenden Rassenkonzept von 4 Rassen aus: „1. die Race der W e i s s e n, 2. die N e g e r r a c e, 3. die H u n n s c h e (Mungalische oder Kalmukische) Race, 4. die Hinduische oder H i n d i s t a n i s c h e Race“.[8] Eine chinesische oder gelbe Rasse gibt es nach Kants Rasseneinteilung nicht. Vielmehr wird China auf bedenkenswerte Weise in der Beschreibung der „Hindistanische(n) Race“ ausgespart. „Die H i n d i s t a n i s c h e  R a c e  ist in dem Lande dieses Namens sehr rein und uralt, aber von dem Volke auf der jenseitigen Halbinsel Indiens unterschieden.“ Die „Schinesen“ werden von ihm als eine „vermischte Race“ beschrieben[9], die im 19. Jahrhundert bzw. um 1900 homogenisiert wird. Statt der Hautfarbe dockt Kant an die visuellen Merkmale der „schwarze(n) Haare, das bartlose Kinn, das flache Gesicht, und langgeschlitzte wenig geöffnete Augen“ an.[10]

Die Konstruktion unterschiedlicher Rassen und ihre visuellen Merkmale bereitet Immanuel Kant Schwierigkeiten, die die Absurdität einer „gelben Rasse“ im 19. Jahrhundert für die Völkerkunde verdeutlichen. Das Rassenkonzept wird zu einer Frage der Vererbungslehre. Die Farbe Gelb entsteht bei Kant nun aus einem vererbten Mischungsverhältnis. In der Schrift Bestimmung des Begriffs einer Menschen-Race von 1785 führt er den Begriff der Vererbung oder Anerbung ein und kommt zu einer bedenkenswerten Farbenlehre der Hautfarben, bei denen Gelb wiederum nicht den Chinesen zugeschrieben wird:
„Der Weiße mit der Negerin, und umgekehrt, geben den M u l a t t en, mit der Indianierinn, den g e l b en, und mit dem Amerikaner den r o t h en Mestizen; der Amerikaner mit dem Neger den s c h w a r z en K a r a i b en, und umgekehrt. (Die Vermischung des Indiers mit dem Neger hat man noch nicht versucht).“[11]

In der Mitte des von Wang Shu kuratierten Saales, Raum 320, werden Keramiken und Porzellane, Lackarbeiten, Artefakte aus Jade wie ein 如意 (Wunschzepter – rúyì – aus Jade) etc. der 251 Objekte gezeigt, die die Volksrepublik China 1950 der Deutschen Demokratischen Republik anlässlich des 10järhigen Bestehens der beiden kommunistischen Staaten zum Geschenk machte. Die Frage der Provenienz ist bei diesen Objekten nur teilweise geklärt, um u.a. mit der Shanghai Universität weiter erforscht zu werden.[12] Komplexer sind die Nachforschungen zum Kaiserthron oder den Schnitzlack-Bildern, die im Kunsthandel wie beim Berliner Kunsthändler Ludwig Glenk für das Museum für Völkerkunde erworben wurden. Denn dort endet die Forschung nach der Provenienz nicht. Mit dem Jahr 1900 spitzt sich vielmehr die Frage nach der Provenienz von Sammlungsstücken zu.

Die Entsendung der kaiserlichen Soldaten von Bremerhaven aus nach 青岛市, Tsingtao nach der deutschen Umschrift bzw. Qīngdǎo Shì nach der Pinyin-Umschrift, die am 6. Februar 1956 vom Staatsrat der Volksrepublik China als Alphabetisierungsprojekt beschlossen wurde, hatte Folgen, die für die Provenienz relevant werden. Bereits am 13. August 1900 erfolgte die Einnahme Pekings und des Palastmuseums in der Verbotenen Stadt durch einen westlichen Truppenverbund aus 8 Nationen, wesentlich, aber britisch-indischen, russischen, japanischen und US-Truppen. Kulturgüter wurden seit diesem Zeitpunkt im großen Umfang von Angehörigen der Truppen, auch der deutschen, geraubt. Sie erschienen wenige Zeit später im internationalen Kunsthandel in Europa wie zum Beispiel beim „Hofanitquar Sr. Majestät des Kaisers und Königs“ Ludwig Glenk Unter den Linden 31.[13] Dieser Kunsthandel hatte eine andere Qualität als jener, mit dem im 16. Jahrhundert vor allem durch die holländische Ostindienkompanie über Amsterdam in europäische Kaufmanns- und Herrscherhäuser gelangten.

Das Alphabetisierungsprojekt der chinesischen Schriftsprache mit Betonungszeichen, wie es 1956 in der Volksrepublik eingeführt wurde, um z.B. Straßenschilder zu beschriften, macht auf ein Problem der Übertragung aufmerksam, das schon die europäischen Gelehrten im 17. Jahrhundert beschäftigte. Es handelt sich nämlich um eine standardisierte Umschrift der Aussprache der Schriftzeichen nach der sogenannten Beamtensprache Mandarin. Anders als die europäischen oder selbst die arabische Schriftsprache handelt es sich um keine Lautschrift. Sie geht also von den Schriftzeichen aus, wie sie in normierter Weise ausgesprochen werden. Doch die Variabilität, der aus unterschiedlichen Strichen und Punkten generierten Zeichen, ist weitaus größer als die lautliche. Daher kommt es in Pinyin zu einer Vielzahl an Homophonen, die größer ist als in europäischen Sprachen. Das System der Schriftzeichen bringt insofern allererst einen vereinheitlichenden Machtapparat in China hervor. Deshalb setzte Leibniz bereits 1697 in die besondere Art der chinesischen Schrift große Hoffnungen und erhoffte sich von der „chinesische(n) Sprache“ eine „universale Verständigung“.[14]

Im Raum 319 gleich neben dem von Wang Shu kuratierten wird vom Museum für Asiatische Kunst die chinesische Schrift mit Beiträgen zeitgenössischer Künstler*innen wie Gu Gan oder Chen Guangwu und einem historischen Schrifträtsel inszeniert. Aus dem Magazin der Staatsbibliothek Preußische Kulturbesitz hat jene, einzigartige Schranktruhe Eingang ins Humboldt Forum gefunden, mit der der Probst von St. Nikolai in Berlin Andreas Müller (1630-1694) versprach, das Rätsel der chinesischen Schrift zu lösen. Müller war neben seiner Tätigkeit als evangelischer Geistlicher ein früher Orientalist und Sinologe. Er kaufte für die Bibliothek des Brandenburgischen Kurfürsten die Schranktruhe mit 3.287 einzeln in Holzwürfel geschnittenen Zeichen, damit sie entschlüsselt und für die Kommunikation mit dem Hof in Peking verwendet werden könnten.

Chen Guangwus 2.772 Schriftzeichen in Tusche auf Holzklötzchen, die das Vorwort zur Gedichtsammlung von der Zusammenkunft im Orchideenpavillon von Wang Xizhi (307-365) bilden, korrespondieren mit denen der Typographia Sinica, die Andreas Müller ca. 1680 ankaufte. Einerseits wird die Schranktruhe zu Recht als „Geschichte des Ortes“ und „Spur 32“ in Bezug auf das Humboldt Forum im Berliner Schloss kommentiert und ausgestellt. Andererseits wird mit dieser Einordnung die Funktion der Typographia Sinica für Brandenburg und die europäische Aufklärung mit Leibniz als Korrespondent und Philosoph sträflich verkleinert. Über die Mathematik als Leitwissenschaft der Aufklärung werden für Leibniz die chinesische Schrift und ihre Struktur zu einer Schnittstelle des Leibnizschen Denkens und seiner Korrespondenzen mit der Schrift Erklärung der Binärarithmetik, die nur die Zeichen 0 & 1 verwendet; mit Bemerkungen zu seiner Nützlichkeit und zur Bedeutung der alten chinesischen Figur Fuxi (Explication de L’Arithmetique Binaire, qui se ser des seuls caracteres 0 & 1; avec des Remarques sur son utilité, & sur ce qu’elle donne le sens des anciennes figures Chinoises de Fohy):
„Or comme l’on croit à la Chine que Fohy est encore Auteure des Characteres Chinois, quoique fort altérés par la suite de tems, son Essais d’Arithmétique fait juger qu’il pourroit bien s’y trouver encore quelque chose de considérable par rapport aux nombres & aux idées, si l’on pouvoit déterrer se fondement de l’Ecriture Chinoise, d’autant plus qu’on croit à la Chine, qu’il a eu égard aux nombres en l’établissant …“[15]     
(Da jedoch in China angenommen wird, dass (Fuxi) immer schon Autor der chinesischen Schriftzeichen ist, auch wenn diese im Laufe der Zeit stark verändert wurden, lassen seine Essays of Arithmetic den Schluss zu, dass es im Vergleich zu Zahlen und Ideen durchaus noch etwas Bemerkenswertes geben könnte, wenn wir die Grundlage der Chinesischen Schrift ausgraben könnten, zumal wir an China glauben, da es sich um Zahlen handelte, indem wir es begründeten …)[16]

Die Leibniz-Forschung hat in den letzten Jahren wiederholt China in ein philosophiehistorisches Interesse gerückt. 2011 hat der damalige Präsident der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft und ehemalige Kultusminister in Niedersachsen Prof. Rolf Wernstedt den Vortrag Zum Unterschied des Interesses an China bei Leibniz und im heutigen Europa/Deutschland an der Tongji Universität in Shanghai, der Universität Hefei wie auch am 25. November in der Leibnizgesellschaft in Hannover gehalten.[17] 2015 hat der Leibniz-Professor Li Wenchao seine Forschungsergebnisse mit Konfuzius in der deutschen Frühaufklärung veröffentlicht.[18] Beide philosophiehistorisch angelegten Schriften gehen weniger detailliert auf das Quellenmaterial von und zu Leibniz ein. Die Akademie-Ausgabe der Leibniz-Edition an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in Potsdam, Münster und Hannover ist nicht abgeschlossen. Die Edition ist in 8 Reihen unterteilt, die die Komplexität der Korrespondenz von Leibniz zwischen Allgemeiner, politischer und historischer Briefwechsel (Hannover) und Naturwissenschaftliche, medizinische und technische Schriften (Berlin) auffächert.

Die Leibniz-Edition macht nicht zuletzt die Wissensproduktion in der Frühaufklärung aus einem internationalen, wenn nicht gar globalen Korrespondentennetzwerk bis nach China systematisch zugänglich. Latein, Französisch, Englisch und Deutsch werden von Leibniz anscheinend mühelos in der handschriftlichen Korrespondenz verwendet. Arabisch und Übersetzungen aus dem Arabischen spielten um 1700 bereits eine Rolle u. a. für die Mathematik. Gottfried Wilhelm Leibniz war eine, wenn nicht die international wichtigste Schnitt- und Schaltstelle der Korrespondenzen und Wissenszirkulation um 1700. Denn er war Mitglied der wichtigsten Akademien der sich herausbildenden Wissenschaften und Präsident der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Durch die Mehrsprachigkeit der handschriftlichen Korrespondenzen entziehen sie sich seit geraumer auch eines populären Zugriffs. Doch das Leibnizsche Wissen und Denken entsteht aus den ständigen Übersetzungsprozessen, die wie oben beispielsweise den mythologischen Kulturstifter 伏戲 als „Fohy“ bei Leibniz oder Fuxi wie auch Fu Hsi umschreiben lassen.

Die Funktion der Mathematik für die Philosophie der Aufklärung bei Leibniz ist nicht nur zentral, vielmehr zitiert er in diesem Kontext die chinesische Wissensfigur 伏戲. Wie sehr sich die Wissensfigur historisch als „Autor“ personalisieren lässt, bleibt völlig offen. Das ist selbst Leibniz in seiner Schrift klar. Aber es zirkuliert in Europa bereits der Essay of Arithmetic von „Fohy“.[19] Die „Grundlagen (fondement) der Chinesischen Schrift“ sind für Leibniz als Form des Denkens nicht mit, sondern im Unterschied zu „Zahlen und Ideen“ denkbar. Er kann es nur nicht formulieren. Was sind Zahlen? Und was sind Ideen? Ideen müssen sprachlich formuliert werden, könnte man mit Leibniz sagen. Sind Zahlen eine eigene Sprache? Leibniz hat sich zu jener Zeit mehrfach mit Andreas Müller in Berlin schriftlich und möglicherweise auch mündlich ausgetauscht. Doch mit dem Todesjahr 1694 ist Andreas Müller bereits verstorben, als die Berliner Akademie gegründet wird. Andreas Müller hatte versprochen, gleichsam mathematisch-geometrisch mit einem „Schlüssel“ das Rätsel der Chinesischen Schrift gelöst zu haben.

Nicht Konfuzius ist für Gottfried Wilhelm Leibniz der entscheidende Anknüpfungspunkt für die Aufklärung, sondern die Wissensfigur, die er mir „Fohy“ übersetzt. Nach dem Rekurs auf ein Drittes, das Grundlage der chinesischen Schriftzeichen sein könnte, schließt Leibniz seine akademische „Mémoire“ mit der Formulierung: „Es ist so, dass jede Schlussfolgerung, die aus Begriffen gezogen werden kann, durch ein Kalkül aus ihren Grundlagen gezogen werden könnte, was eines der wichtigsten Mittel wäre, dem menschlichen Geist (l’ésprit humain) zu helfen.“[20] Damit werden allerdings bei einer altertümlichen Syntax die Begriffe und ihr Gebrauch zu einer Frage des Kalküls bzw. der Berechnung oder Abwägung. Sinn oder Ideen generierten sich erst nachträglich. Der „l’ésprit humain“ emanzipierte sie demnach bei Leibniz ganz entschieden von einem göttlichen. Darum geht es Leibniz mit dem Rätsel der chinesischen Schrift. Sie ermöglicht ihm über die Mathematik und chinesische Schriftzeichen, das mit Europa Undenkbare zu denken. Die Typographia Sinica ist dafür das ebenso sichtbare wie rätselhafte Anschauungsobjekt, ein Artefakt.  

Torsten Flüh

Humboldt Forum
Ethnologisches Museum und Museum für Asiatische Kunst
Schlossplatz
10187 Berlin   


[1] Siehe: Elke Linda Buchholz: Die Pfirsiche der Unsterblichkeit. In: Der Tagesspiegel 12.01.2016, 08:55 Uhr.

[2] Zitiert nach Legende im Wang Shu-Saal

[3] Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg: Neues Palais/1901.

[4] Siehe Katalog der Staatsbibliothek zu Berlin: Die gelbe Gefahr.

[5] Ebenda: Die überseeische Auswanderung der Chinesen und ihre Einwirkung auf die gelbe und weisse Rasse (Kriegsverlust)

[6] Wikipedia: Die gelbe Rasse.

[7] Zu Immanuel Kant siehe: Torsten Flüh: Cancel Kant? – Cancel Culture und Kants Begriff der „Menschenrace“. Zu Kants bevorstehendem 300. Geburtstag und der Reihe „Kant – Ein Rassist?“ im Livestream und in der Mediathek. In: NIGHT OUT @ BERLIN 4. Februar 2021.

[8] Immanuel Kant: Von den verschiedenen Racen der Menschen. In: Immanuel Kant’s vermischte Schriften. Zweiter Band. Halle: Rengersche Buchhandlung, 1799, S. 613. (Digitalisat)

[9] Ebenda S. 614.

[10] Ebenda S. 615.

[11] Immanuel Kant: Bestimmung des Begriffs einer Menschen-Race. In: Ebenda S. 642. (Digitalisat)

[12] Siehe: Humboldt Forum: Staatsgeschenk der Volksrepublik China an die DDR, Deutschland. 29.09.2021. (YouTube)

[13] Siehe: Humboldt Forum: Offiziersportrait. 29.09.2021. (YouTube)

[14] Siehe Torsten Flüh: Anders denken in der Moderne. Wang Huis Mosse-Lecture zum Thema Europa im Blick der »Anderen«. In: NIGHT OUT @ BERLIN November 14, 2013 22:10.

[15] Godefroy-Guillaume Leibnitz: Explication de L’Arithmetique Binaire, qui se ser des seuls caracteres 0 & 1; ave des Remarques sur son utilité, & sur ce qu’elle donne le sens des anciennes figures Chinoises de Fohy. Mémoires de mathématique et de physique de l’Académie royale des sciences, Académie royale des sciences. (Paris) 5. Mai 1703, S. 89. (PDF Hal) Der Ort der Veröffentlichung wird nicht angegeben. Leibniz war zu jener Zeit sowohl Präsident der in Berlin neu gegründeten Akademie der Wissenschaft, in der man nach dem Vorbild der Pariser Akademie französisch sprach und publizierte, als auch Mitglied eben dieser. Aus dem Digitalisat der französischen Datenbank hal.archives-ouverts.fr geht das nicht hervor.

[16] Mit Fohy ist der legendäre chinesische Gelehrte Fuxi oder Fu Hsi 伏戲, der 2.600 vor christlicher Zeitrechnung gelebt haben soll.

[17] Rolf Wernstedt: Zum Unterschied des Interesses an China bei Leibniz und im heutigen Europa/Deutschland. Hannover, 2011. (Word.doc)

[18] Li Wenchao: Konfuzius in der der deutschen Frühaufklärung. Hannover/Potsdam, 2015. (PDF)

[19] Zur binären Arithmetik wird Leibniz‘ Schrift immer wieder als Fachwissen oder als Geschichte des Algorithmus zitiert. Z.B.: Jean-Luc Chabert: A History of Algotithms: From the Pebble to the Microchip. Berin/Heidelberg: Springer, S. 41 (Google)

[20] Übersetzung T.F., Original: “C’est que tout raisonnement qu’on peut tirer des notions, pourroit être tire de leurs Carackteres par une manière de calcul, qui feroit un des plus importans moyens d’aider l’esprit humain.” (S. 89)

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