Der Tic am Tiefen See

Szene – Tourette – Theater

Der Tic am Tiefen See

Zum Theatertreffen-Nachspiel 20 von Chinchilla Arschloch, waswas im Hans Otto Theater

Für solche Vorstellungen wie Chinchilla Arschloch, waswas vom Rimini Protokoll beim Theatertreffen der Berliner Festspiele gibt‘s doch eh gar keine Karten. Kannste dir sparen. Und dann noch ein Stück von Helgard Haug, das sich bestimmt nicht streamen lässt. Streamen geht da gar nicht. Das Ganze ist mehr ein Experiment, bei dem das Theater als Theater auf dem Spiel steht. Aber unbedingt live. Jeden Moment könnte der Laden hochgehen, obwohl man es vorher hätte wissen können. Im Hans Otto Theater am Tiefen See in Potsdam lacht, kreischt das Publikum fast. Beim Schlussapplaus ist es kaum noch zu halten. Beifallsstürme. Bravos. Mehrfach müssen die Akteur*innen von der Hinterbühne nach vorn rennen, um den Applaus entgegen zu nehmen. Da ist sich fast jeder sicher, dass es keine Schauspieler*innen sind. Deshalb bekommen sie besonders viel Applaus. Ein Paradox, das sich nicht auflösen lässt.

Die Szene im Hans Otto Theater in Potsdam ist eine andere im Vergleich zur Schaubühne am Lehniner Platz oder noch mal anders zur Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Das Hans Otto Theater leuchtet rot am See, durch den die Havel fließt. Das Publikum ist gediegener, um es einmal so zu formulieren, als am Bertold-Brecht-Platz. Es kommt eher aus Potsdam, Babelsberg, Wannsee und Kleinmachnow oder Gross Glienicke und Kladow als aus Wedding, obwohl sich der Weg gelohnt hätte. Als Nachspiel des Theatertreffens 20 im Mai 2020 – Deutschland berappelte sich gerade aus der ersten Covid-19-Pandemie-Welle und wusste noch nichts von einem Impfstoff – wurden nun 3 Vorstellungen in Potsdam nachgeholt. Unvorhersehbare Szenen der Akteure werden an den Abenden stattgefunden haben. Sie waren einkalkuliert. Die Unberechenbarkeit der Tics dreier an Tourette erkrankter Menschen – Christian Hempel, Benjamin Jürgens und Bijan Kaffenberger – generiert das Stück selbst.

In Anknüpfung an das Semesterthema der Mosse-Lectures Theater der Gegenwart, das Juliane Vogel mit ihrem Vortrag Die Beweglichkeit der Szene eröffnet hatte, widmet sich diese Besprechung dem Stück Chinchilla Arschloch, waswas von Helgard Haug, das am 11. April 2019 im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt von Rimini Protokoll in Kooperation mit dem Westdeutschen Rundfunk und HAU am Halleschen Ufer in Berlin uraufgeführt wurde. Seither ist das Stück bis nach Basel und Aarhus getourt. Vorstellungen in München, Hannover und Düsseldorf mussten wegen der Maßnahmen zur Eingrenzung der COVID-19-Pandemie 2020 entweder abgesagt oder verschoben werden. Das ist die Theaterrealität der Gegenwart in der Covid-19-Pandemie. Am 12. Januar fand sie nun wie im Hochsicherheitstrakt einer Psychiatrie unter 2G-plus-Regeln – Genesen, Geimpft und Geboostert oder Getestet – im Hans Otto Theater statt. Und das ist ein enormer Fortschritt in den Freiheiten der Pandemie. Vor 12 Monaten war es noch undenkbar. Im Stück geht es um die Szene in Form der unberechenbaren Tics der Tourette-Erkrankten.

Was ist ein Tic? Tics treten nicht nur bei Tourette auf. Das Nomen Tic aus dem Französischen wird selbst onomatopoetisch von einem Moment der Gegenwart abgeleitet. Tic ahmt insofern den Moment eines einzelnen Lauts oder Geräusches nach. Nach dem Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache wird der Tic bereits im 18. Jahrhundert, als Europa französisch spricht, ins Deutsche übernommen.[1]  Im Französischen benennt der Tic zunächst „eine fehlerhafte Angewohnheit von Pferden, ungewöhnliche Bewegungen zu machen“. Das Pferd soll funktionieren und keine Tics haben. Die Erstausgabe der Encyclopédie von 1751 kennt den Tic für Personen ebenso wie in der Armee für Pferde.[2] Der Tic wird von D’Alembert und Diderot vor allem mit umgangssprachlichen Redewendungen beschrieben und gehört im 18. Jahrhundert fast zur condition humaine, wenn es heißt, dass es wohl niemanden gibt, der nicht irgendeinen Tic hat:
„TIC, s. m. (Gram.) geste habituel & déplaisant : il se dit au simple & au figuré. Il a le tic de remuer toujours les piés. Il veut faire des vers, c’est sa maladie, son tic. Il n’y a peut-être personne qui, examiné de près, ne décelât quelque tic ridicule dans le corps ou dans l’esprit.”
(Tic, s. m. (Grammatik) gewohnheitsmäßige & unangenehme Geste: es wird einfach & bildlich gesagt. Er hat die Angewohnheit, seine Füße immer zu bewegen. Er will Gedichte schreiben, es ist seine Krankheit, sein Tick. Es gibt vielleicht niemanden, der bei näherer Betrachtung nicht irgendeinen lächerlichen Tick im Körper oder im Geist verraten würde.)

Der frühe Gebrauch des Tics im 18. Jahrhundert, bevor er im 19. Jahrhundert z. B. mit Gilles de la Tourette in das Wissen der Humanmedizin eingeht, sollte nicht vergessen werden. Der Tic hat von Anfang an das Potential zu stören und pendelt zwischen einer Schwäche, Gedichte zu schreiben, und einem „tic ridicule“. Wirkliche Probleme bereitet der Tic zunächst im Militärwesen, wenn Pferde einen Tic haben. Gab es im 18. Jahrhundert mehr Menschen mit Tic? Tics beim Menschen bereiten den Enzyklopädisten noch keine großen Sorgen. Es werden keine Gegenmaßnahmen beschrieben. Für Pferde wird dagegen ganz praktische Abhilfe empfohlen, um das Verhalten zu ändern, was Tierschützern und Pferdenarren heute bestimmt nicht gefallen würde.
„Es gibt mehrere Linderungsmittel für diese Unannehmlichkeiten, die nur wenige Tage anhalten, wie z. B. den Hals in der Nähe des Kopfes mit einem etwas engen Lederriemen zu umgeben, den Rand der Krippe mit Eisen- oder Kupferklingen auszukleiden, um die Krippe mit etwas sehr bitterem Gras einzureiben, oder mit Kuh- oder Hundemist, oder mit Schaffell; aber am besten und wirksamsten ist es, den Hafer in einem Ranzen zu geben, der vom Kopf des Pferdes hängt, und seine Krippe zu entfernen.“[3]

Die Ernsthaftigkeit der Erkrankung an Tourette bzw. das von Gilles de la Tourette für die Neurologie 1885 gebildete Syndrom – „affection nerveuse characterisée par de l’incoordination motrice accompagnée d’écholalie et de coprolalie“ – soll durch den kurzen Exkurs auf den Tic nicht geschmälert werden.[4] Der Tic hat die Dynamik und Macht, die Betroffenen durch Zuckungen, Echolalie und Koprolalie, wenn schmutzige und skatologische Wörter ausgestoßen werden, aus der Gesellschaft zu katapultieren. Dennoch gibt die Herkunft des Begriffs Tic aus dem Französischen des 18. Jahrhunderts einen Wink. Er wird nämlich erstmals 1751 im Umfeld einer Wissenschaft vom Menschen – nach d’Alemberts Vorwort zur Encyclopédie: „science humaine“[5] – systematisch eingeführt, als die Aufklärung, sozusagen, Fahrt aufnimmt. Um das Jahr 1751 hat sich die Mathematik bereits als Leitwissenschaft etabliert[6] und Julien Offray de la Mettrie hatte 1748 anonym seine Schrift L’Homme Machine veröffentlicht.[7] Das Modell für die Menschmaschine ist die Uhr. Im Französischen wird denn auch der Uhrmacher, der das Uhrwerk konstruiert, „machiniste“ genannt.[8] Die Uhrmacherei wird in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer Art Schlüsselindustrie.[9] Mit anderen Worten: Der Tic betritt in dem Moment die Bühne der Sprache, als der Mensch aus sich selbst mehr und mehr wie eine Maschine nach dem Modell des Uhrwerks funktionieren soll.

Bevor der Tic mit nervösem Zucken, Echolalien und Koprolalie durch Tourette pathologisch wird, bildet sich ein Menschenbild heraus, das diese Symptome nicht mehr akzeptieren kann. Eine entscheidende Rolle spielt die Echolalie als Symptom und Sprachstörung. Die Echolalie als sinnfreies Sprechen und Kombinieren von Worten wie eben „Chinchilla Arschloch, waswas“ greift die Subjektbindung des Sprechens selbst an. „Chinchilla Arschloch“ macht keinen Sinn und kann doch durch die Kombination des Schimpfwortes Arschloch mit der Edelwolle des Chinchilla als massive Beleidigung verstanden werden. An Tourette erkrankte Menschen können unterdessen nicht kontrollieren, in welchem sozialen Kontext sie plötzlich unter Zwang eine derartige Beschimpfung und Drohung – „waswas“ – ausstoßen. Auf dem Theater und in der Theatermaschinerie wird allerdings erwartet, dass jede Formulierung mit schauspielerischer Absicht artikuliert wird. Jedes Zucken einer Augenbraue wird zur Performance. Jedes Sprechen eine Message. Jede Koprolalie zwischen „Scheiße“ und „Kackwurst“ – „Ich schmier dir gleich Scheiße in dein Maul.“ – wird als Absicht aufgenommen. – Es ist durchaus schwierig, so etwas in einem Blog zu schreiben, weil man annehmen muss, dass es nicht nur als Beispiel für eine Koprolalie verstanden wird. Darum geht’s.

Jetzt, seit der Uraufführung von Chinchilla Arschloch, waswas, steht Tourette in aller Öffentlichkeit auf der Bühne. Das hat nicht zuletzt mit der Eigeninitiative bzw. einer erst in den letzten Jahren entwickelten zivilgesellschaftlichen Selbsthilfe-Bewegung zu tun. Eine „Krankheit“, wie sie schon in der Encyclopédie mit dem Tic zur Sprache kommt, wird öffentlich gemacht. Christian Hempel, Benjamin Jürgens und Bijan Kaffenberger haben ihre Tourette-Erkrankungen öffentlich gemacht. Das hat viel mit den gesellschaftspolitischen Veränderungen in Deutschland der vielleicht letzten 30 Jahre zu tun. Als ich meinem Nachbarn aus dem Irak die Spiegel-Reportage über Bijan Kaffenberger auf YouTube zeige[10], sagt er, dass Bijan im Irak sofort gesellschaftlich marginalisiert werden würde. Seine Eltern hätten ihn vermutlich einfach weggeschlossen. Doch Bijan Kaffenberger ist seit 2019 der erste deutsche Abgeordnete im Hessischen Landtag und in der deutschen Politik überhaupt, der seine Erkrankung 2018 öffentlich gemacht hatte. Dass sich 2021 das ZDF-Magazin 37 Grad mit Bijan Kaffenbergers Tourette in einer Dokumentation – Karriere mit Tourette: So tickt Bijan – zugewandt hat, zeigt, dass das Theaterprojekt zu einer weiteren öffentlichen Diskussion von Tourette beiträgt. Dabei hat eine sprachliche Verschiebung stattgefunden. Das „Syndrom“ als Krankheitsbild aus mehreren Krankheitszeichen wird fast nicht mehr gebraucht.

Chinchilla Arschloch, waswasNachrichten aus dem Zwischenhirn spielt auf zwei Bereiche an: Die Behinderung durch Tourette und das Theater als öffentlicher Raum, der weder für Behinderte zugänglich gemacht wird noch Behinderung auf der Bühne thematisiert. Die Theatermaschinerie marginalisiert Behinderung effektvoll. Die meisten Theaterinszenierungen sind für Menschen ohne Behinderung gemacht. Schauspieler*innen sollen vielmehr fit und hyperaktiv sein. Im Programmheft für das Stück wurde ein Interview mit der Theaterwissenschaftlerin und Access-Expertin Noa Winter abgedruckt. Bijan Kaffenberger wird mit der Aussage zitiert: „Für mich wäre ein Erfolg, wenn ich mal eine Headline über den Inhalt meiner Rede bekäme und nicht über die Tatsache, dass ich zucke, wenn ich rede.“[11] Und Noa Winter fordert: „Weg mit den Barrieren, her mit der Freiheit.“ Denn: „Auch zehn Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention, die die rechtliche Gleichberechtigung behinderter Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen gewährleisten soll, sehen wir in Deutschland kaum Veränderungen – dies spiegelt sich natürlich auch im Theater wider.“ Koprolalie als unbeherrschbarer Tic wird höchstens erst nach einem Outing als Tourette-Betroffener als Behinderung wahrgenommen und respektiert.

Wenn das Publikum in den Zuschauerraum kommt, dann sitzt im Halbdunkel Barbara Morgenstern schon auf der Bühne an einem Flügel und spielt Jazziges. Ein schmaler Mann bewegt sich auf der in Einzelteile zerstückelten Bühnenbühne (Bühne: Mascha Mazur). Was gehört hier wie zusammen. Im Laufe des Abends werden die Einzelteile mit Bühnenarbeitern mehr und mehr zusammengesetzt. Im Halbdunkel steht ein Clubsessel so futuristisch wie in den 80er Jahren. Ein Standaschenbecher wird von dem Mann vom Halbrundsofa benutzt, als er sich kurz eine Zigarette anzündet. Er steht unter Strom. Es vergeht Zeit mit Musik. Zuschauer*innen kommen herein. Der Mann von der Bühne verlässt sie und macht für ein älteres Paar den Platzanweiser. Eine Grenzüberschreitung. Vielleicht ist er etwas unruhig. Vielleicht spielt er einen Tic, indem er den Bühnenraum verlässt. Eine Skala im Halbrund über der Bühne steht auf 0. Oder hat der Mann einen Tic? Bei Schauspielern weiß man es nie genau. Irgendwann werden die Saaltüren geschlossen. Die Scheinwerfer gehen an und Barbara Morgenstern geht an ein Standmikrophon. Sie fragt sich, welche Art Publikum wohl jetzt in Potsdam im Theater sitzt. Will es sich passiv stellend bedienen lassen oder mitmachen? Sie spielt das mit Gesten. Zuschauer mussten auch erst einmal Zuschauer*innen im Stadt- und Staatstheater werden, die den Akteur*innen auf der Bühne keine Unflätigkeit entgegenrufen.

Das Theater der Gegenwart befindet sich in einer Selbstanalyse nicht erst seit und mit Chinchilla Arschloch, waswas. Das hat auch der Vortrag von Juliane Vogel zur Szene im Theater und in der Theatertheorie gezeigt. Das Team von Rimini Protokoll holt nicht nur Gegenwart auf die Bühne. Vielmehr befragt es seine Rahmungen von Gegenwart. Das war schon so bei Uncanny Valley von Thomas Melle im Januar 2020[12], bevor es dann mit der Covid-Pandemie, den Virusgraphiken, den Algorithmen und Inzidenzen unheimlicher wurde, als sich das ein Theaterautor hätte ausdenken können. Tics sind auch unheimlich. Kontrolle und Kontrollverlust spielen auf jeweils verschiedene Art in den beiden Stücken von Stefan Kaegi und Helgard Haug eine entscheidende Rolle. Theater ist mit seinem Timing, seinen Gesten, dem Text und dem Sprechen auf der Bühne eine Darstellung von Leben unter Kontrolle und absichtlich, wie es Barbara Morgenstern formuliert:
„AUF DER BÜHNE GESCHIEHT ALLES MIT ABSICHT.
DAS LICHT GEHT AN, MIT ABSICHT.
DIE STIMME WIRD EINGESETZT, MIT ABSICHT.
DER KÖRPER BEWEGT SICH, MIT ABSICHT.
DIE ÜBERRASCHUNGEN FINDEN STATT, MIT ABSICHT.“[13]

Überhaupt passiert heute fast alles mit Absicht im Leben wie auf der Bühne, insofern es sich kaum mehr irgendwelchen Algorithmen oder Modellierungen entziehen lässt. Millionen Kontakte geschahen mit Absicht im Frühjahr 2020 und im Winter wie Frühjahr 2021, obwohl sie nicht hätten stattfinden sollen. Und bei Galeria wurde heute etwas lascher auf 2G kontrolliert, wobei man nicht weiß, ob eh alle Kontrollen bei einer Inzidenz von weit über 2.000 in Berlin-Mitte egal sind oder die Geschäftsleitung des Kaufhauskonzerns verzweifelt. – Einmal ganz abgesehen davon, dass die Kontrollen von irgendwelchen Security-Mitarbeiter*innen durchgeführt werden, die vor Kurzem noch recht unkontrolliert ihre Tage verbrachten. – Benjamin Jürgens, der Mann, der absichtlich zunächst im Halbdunkel auf der Bühne ist, hat schon im Juni 2016 seinen Tourette-Song Cavacasey Immer wenn du austicst mit Unterstützung der Kaufmännischen Krankenkasse und dem Interessenverband Tic und Tourette Syndrom e.V. auf YouTube veröffentlicht.[14] Hilfe zur Selbsthilfe mit dem Ziel, möglichst ohne Psychopharmaka mit Tourette zu leben. Tourette-Tics ereignen sich nach seiner Erfahrung in einem Paradox von Verboten:
„An sich hat man weniger Tourette-Tics, wenn es erlaubt ist. Aber die Aufregung und die äußeren Reize befördern Tourette wiederum. So ist das Publikum ein Trigger, wenn es hustet und raschelt. Man steht durch Tourette ständig unter Strom. Und so eine Theateraufführung ist an sich schon sehr kraftraubend. Ein Arzt sagte mir mal, ich solle darauf achten, täglich ca. 5000 Kalorien zu mir zu nehmen, da ich durch Tourette einfach extrem viel Energie verbrauche. Nach drei Aufführungen am Stück falle ich komplett ausgepowert ins Bett.“[15]

Tics sind nicht nur auf der Bühne angekommen, vielmehr sieht Bijan Kaffenberger sie auch in der Politik bei der AfD. „AfD-Sprech“ und AfD-Tic funktionieren so zielsicher auf Verbote hin, dass sie sich ebenso als Tourette-Syndrom lesen ließen. Wird zum Impfen aufgerufen, lassen sich AfD-Politiker*innen extra nicht impfen. Der Tic wird mit zunehmender Verbotsschwelle lauter und obszöner, Echolalien und Koprolalie stellen sich, wo Anspruch auf Werte erhoben wird. Je feiner die Gesellschaft – Chinchilla –, desto stärker das Schimpfwort – Arschloch. Im Theater in Potsdam erhält Bijan Kaffenberger viel Beifall für seinen AfD-Vergleich. Dabei sind weder die AfD-Tics nur lächerlich noch ist es lustig, mit Tourette zu leben. Schließlich ist die Skala bei 28 angelangt und das Stück ist aus. – Aber was misst die Skala über der Bühne? Es sind nicht nur die 28 abgemessene Szenen, sondern auch Zuschauer, die in ihrer Zustimmung gemessen werden. Beifallsstürme. Tourette ist vielschichtiger geworden, als es vorher denkbar war.

Torsten Flüh

Rimini Protokoll
Chinchilla Arschloch, waswas
weitere Nachholtermine


[1] Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache: Tic, der.

[2] D’Alembert, Diderot: L’Encyclopédie, 1re éd. 1751 (Tome 16, p. 318): TIC (Wikisource).

[3] Ebenda.

[4] G. Gilles de la Tourette: Étude sur une affection nerveuse characterisée par de l’incoordination motrice accompagnée d’écholalie et de coprolalie. (Jumping, Latah, Myriachit, maladie des tics convulsifs, maladie de Gilles de la Tourette). Paris, Delahaye et Lecrosnier 1885.

[5] Jean le Rond d’Alembert: Discours Préliminaire des Éditeurs. Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers Texte établi par D’Alembert, Diderot, 1751 (Tome 1, p. i-xlv). (Wikisource)

[6] Vgl. zur Mathematik als Leitwissenschaft für Leibniz: Torsten Flüh: Vom Rätsel der Schrift im Anbruch der Moderne. Zum Museum für Asiatische Kunst im Humboldt Forum und China. In: NIGHT OUT @ BERLIN 13. Januar 2022.

[7] Vgl. Torsten Flüh: Müssen wir Menschlichkeit neu bestimmen? Zur Konferenz Humanity Defined: Politics and Ehtics in the AI Age des Aspen Institute Germany. In: NIGHT OUT @ BERLIN 13. April 2019.

[8] D’Alembert, Diderot: L’Encyclopédie … [wie Anm. 2] MACHINISTE.

[9] Friedrich II. kauft nicht nur prächtige Uhren aus Paris an, vielmehr wirbt er 1765 den Uhrmacher Abraham-Louis Huguein aus La Chaux-de-Fonds als „Inspecteur Général d’Horolgerie á Berlin“ für die Königliche Uhrenmanufaktur an. Die Uhr wird bei noch lokal völlig unterschiedlichen Zeiten zu einer Schlüsselindustrie, die einen europäischen Machtanspruch verkörpert. Siehe: Silke Kiesant: Prunkuhren im Neuen Palais. In: Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hg.): Friederisiko – Friedrich der Große. Ausstellung. München: Hirmer, 2012, S. 386. 

[10] Der Spiegel: SPD-Politiker mit Tourette-Syndrom: Warum Bijan Kaffenberger anders tickt. 29.04.2019. (YouTube)

[11] Schauspiel Frankfurt / Künstlerhaus Mousonturm: Chinchilla Arschloch, waswas – Nachrichten aus dem Zwischenhirn. SPIELZEIT 2018/19, Frankfurt 2019. (PDF)

[12] Torsten Flüh: Shakespeare’s Machines. Zu UNCANNY VALLEY von Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) und Thomas Melle auf der Seitenbühne der Berliner Festspiele. In: NIGHT OUT @ BERLIN 5. Januar 2020.

[13] Zitiert nach Schauspiel Frankfurt / Künstlerhaus Mousonturm: Chinchilla … [wie Anm. 11].

[14] IVTS e.V. – Tourette-Song, Musik und Text von Benjamin Jürgens: Cavacasy – Immer wenn du austicst. YoutTube 05.06.2016. Siehe auch IVTS.

[15] Benjamin Jürgens im Interview mit Lea Matika: „Ich darf nicht, also muss ich“ In: TTBlog 2020.

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