Wissensverarbeitung mit Konjunktiv

Wissen – Pandemie – Regeln

Wissensverarbeitung mit Konjunktiv

Über das Pandemiegeschehen und die Nachträglichkeit des Wissens sowie Kerstin Drechsels visuelle Frauenforschung

Das Paradox des Wissens lässt sich nicht auflösen. Wir müssen es aushalten. Im Unterschied zum Februar und März 2020 wissen wir aus der virologischen Forschung heute unendlich viel mehr über SARS-Cov-2. Im Vergleich mit Februar 2021 genießen Geimpfte und Geboosterte heute weitaus größere Freiheiten, als wir sie uns noch vor einem Jahr erhoffen durften. Trotzdem gelten weiterhin Quarantäne-Regeln, die für Geboosterte „möglich(e)“ Ausnahmen vorsehen. Und Christian Drosten hat in seinem jüngsten Interview mit dem „Coronavirus-Update“ des NDR ausführlich auf seine Verwendung des Konjunktivs verwiesen, der in der Sekundärberichterstattung unversehens in einen Indikativ also die Wirklichkeitsform verwandelt worden ist. Die Modi der Aussage spielen mächtig ins zirkulierende Wissen von SARS-Cov-2 und seinen Unterarten hinein.

Visuell wird die Besprechung der anhaltenden COVID-19-Pandemie mit Arbeiten von Kerstin Drechsel aus aktuellen Ausstellungen konstelliert. Die Aquarelle wie Installationen von Kerstin Drechsel kreisen um Wärmespeichersysteme (2011), E-Werke (2018) oder Dritte_Haut (2022). Es geht um visuelle Erzählungen und die Paradoxien zwischenmenschlicher Beziehungen zwischen Geborgenheit und Einschließung. Schriftzüge intervenieren häufig in die Bilder. Die Mehrdeutigkeit der Bilder, die die Installationen erzeugen, konkurriert mit Bildern von Messietum über Obdachlosigkeit bis zu intensivmedizinischer Versorgung. Sie arbeitet insofern in einem visuellen Bereich, der mit der Wahrnehmung der Pandemie korrespondiert. Chaos und Kontrollmechanismen erzeugen eine intensiv heillose Wirklichkeit. Derzeit sind Arbeiten von Kerstin Drechsel in der Galerie Zwinger und im Kunstverein Tiergarten ausgestellt, um erforscht zu werden.

Im Projektraum Zwitschermaschine an der Potsdamer Straße faszinierte mich Ende September eine Installation in Orange. Die Signalfarbe Orange lässt sich mit Rettungswesten assoziieren. Flüchtende an den südlichen Grenzen Europas tragen, wenn sie Glück haben, orange Rettungswesten beim Einsteigen in ein Boot. Orange ist stark und traumatisch. Ein Bekannter wird bei seiner Flucht von der Türkei nach Griechenland im Dezember 2015 auch eine orange Rettungsweste getragen haben, bevor das Boot mit Kindern kenterte, er ins Meer glitt und sogleich ohnmächtig wurde. Kürzlich kaufte er sich eine orange Daunenjacke, um sie dann doch gegen eine in Anthrazit umzutauschen. Erinnerung? Trauma? Die Installation in der Zwitschermaschine unter Plexiglas trägt sowohl fröhliche wie traumatische Züge von Rettung und Ruhigstellung. Orange Schirme erinnern an Sonnenschirme. Eine Sonnenbank? Oder liegt hier eine wahrscheinlich weibliche Puppe wie unter einer Beatmungsmaschine des Medizin- und Sicherheitstechnik-Herstellers Draeger?

Unterschiedliche Wissensformen zur Pandemie kursieren und konkurrieren gerade in einer Gesellschaft, die sich um 2013 noch „Wissensgesellschaft“ nannte und 2022 durch die Bundesregierung als „Informationsgesellschaft“ formuliert worden ist.[1] Doch mehr Wissen zu SARS-Cov-2 und seinen Varianten bis zum Omikron-Subtyp BA.2 generiert derzeit keine lockereren Regeln. Christian Drosten sprach im NDR am 1. Februar von „mehr PS“ des Omikron-Subtyps BA.2[2], während die Mehrheit der Bevölkerung sich erst einmal mit Omikron überhaupt beginnt auseinanderzusetzen. Das Virus mutiert schneller, als sich das der Großteil der Bevölkerung überhaupt vorzustellen vermag. Was kann man noch glauben, wenn sich das Wissen schon morgen wieder verändert hat, fragen sich viele.
Drosten: Richtig. Das würde jetzt bedeuten, diese zwei Autos, die wir hier vergleichen, die Reifen, die sind nicht bei dem einen deutlich breiter, sodass es über den Sandweg besser drüberfahren kann, also Immunescape, also die Immunität als hindernde Maßnahme, als Schlamm auf dem Sandweg. Und das Immunescape, das in Form von breiten Reifen ausgedrückt wird, sodass man über den Schlamm besser drüberfahren kann, obwohl man den gleich schwachen Motor hat, und dann auch mit schwachem Motor besser vorankommt, das wäre Immunescape.
Während aus dieser Studie für mich eher der Eindruck erwächst, das ist nicht unbedingt so stark Immunescape, sondern mehr Fitness. Das heißt, das Auto hat fast gleich breite Reifen, aber der Motor hat schon ein paar PS mehr.“[3]

Neben dem hoch dynamischen Wissenswandel über SARS-Cov-2 durch Daten ist es nicht zuletzt die sprachliche Formulierung und Transformation der Daten in Narrative, die bedenkenswert sind. Im NDR-Podcast spricht Drosten von Autos, um die Wirkungsweise des neuen Subtyps, das „Immunescape“ zu erklären. Das ist nicht nur unterhaltend für das Medienformat Podcast, vielmehr formuliert es zugleich mit der „Studie“ ein neues Wissen – „mehr PS“ – in Abgrenzung zur Interpretation der „breiter(en) Reifen“. Der NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ wird anscheinend vor allem von interessierten Akademiker*innen und Wissenschaftsjournalist*innen gehört oder gelesen und für die Meinungsbildung wie Wissensverarbeitung genutzt. Ca. 20 Prozent der deutschen Bevölkerung, die sich in ein alternatives impfskeptisches bis impffeindliches Wissensmilieu zurückgezogen haben, werden die neuerliche Argumentation für eine Impfung bestimmt gar nicht erst hören wollen.

Die Dynamik des Wissenswandels der letzten 24 Monate oder 730 Tage konfrontiert die Menschen weltweit mit immer wieder neuen Verhaltensanpassungen. Anders formuliert: Das Virus mutiert schneller, als sich das Wissen von ihm ad hoc und mittelfristig in politische Maßnahmen umsetzen lässt. Das Wissen von der Pandemie bekommt, um Drosten zu zitieren, immer „mehr PS“. Politische Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie durch Regeln können immer nur mit einem nachträglichen Wissen, das schon wieder veraltet sein könnte, eingeleitet oder angepasst werden. Darüber entstehen politische Debatten bis zur mutwilligen Beschädigung des Präsidenten des Robert-Koch-Instituts als „zentrale(r) Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention“[4], Lothar Wieler. Natürlich können Vertreter einer Regierungspartei die Arbeit einer ihr unterstellten Institutsleitung kritisieren, aber damit die wissenschaftliche Basis politischer Entscheidungen mitten in der Pandemie zu beschädigen, ruft eher nach personellen Konsequenzen in der FDP.

Das Paradox des Wissens hat allein durch sprachliche Prozesse eine Wissensstabilität längst unterminiert. Trotzdem braucht es unterschiedliche Wissensbereiche, die in Gesetzestexten konsensualisiert werden müssen. So unterliegen denn auch Gesetzestexte bzw. gesetzesförmige Beschlusstexte der Ministerpräsidentenkonferenz einem ständigen Wandel in der Pandemie. Diese Prozesse lassen sich in Deutschland transparent nachverfolgen, wobei der Konjunktiv einer prognostischen Wissenschaftsformulierung juristisch eine wichtige Rolle spielt. Die Möglichkeitsform schafft Entscheidungsspielräume, die dennoch hinsichtlich des epidemiologischen Geschehens nicht maximal ausgeschöpft werden sollten. Die Spielräume des Möglichen werden in vielen Medien allerdings weder praktiziert noch berücksichtigt.
Drosten: … Oder im Deutschlandfunk hatte ich auch mal irgendetwas gesagt, das so sehr stark Richtung „Vorsicht vor dem nächsten Winter“ ging. Also da hatte ich dann gesagt, das Virus ist durchaus noch wandlungsfähig und es könnte sein, dass Omikron auch noch mal wieder gefährlicher wird. Und dann hieß es gleich: „Drosten warnt vor der neuen gefährlichen Omikron-Variante“. Also das ist immer eine große Verwirrung, die sich da im Moment auch in den Medien vor allem einstellt, während das Fahrwasser eigentlich immer bekannter wird.“[5]

Die „Verwirrung“ durch sprachliche Prozesse in den Medien, die Christian Drosten beklagt, obwohl „das Fahrwasser eigentlich immer bekannter wird“ und sich nahezu eine Stabilisierung des Wissens über SARS-Cov-2 und seine Mutationen abzeichnet, gehört zum Modus der Pandemie selbst. Sie ist nicht einfach „nur“ eine bedauernswerte Abweichung, sondern der Verarbeitung von Wissen selbst inhärent. Verstärkt wird sie durch die sogenannten Social Media. Facebook-Posts und Tweets als Mikroblogs sind keine Medien des Konjunktiv. Sie wollen mit Aussagen Wirklichkeit herstellen oder mit der Befehlsform – Imperativ – Wirklichkeit schaffen, ohne auch nur annährend zu wissen, ob diese bestand haben könnte. Dass sich die Pandemie ihrem Ende nähern könnte, ließe sich in den Prozessen der Wissensverarbeitung ablesen. In der Phase des rudimentären Wissens über das Virus im Frühjahr 2020 zeichnete sich eine Wissenserschütterung ab, die nur geringe Handlungsspielräume zwischen Lockdown und Öffnung zuließ. Im Januar 2022 haben sich Wissenscluster herausgebildet, die „Ausnahmen möglich“ machen z.B. für Kontaktpersonen, die „geboostert“ sind. Mit den Worten des Beschlusses der Ministerpräsidentenkonferenz vom 7. und 24. Januar 2022.
„Ausnahmen von der Quarantäne:
An dieser Stelle erfolgt keine grundsätzliche Neudefinition der u.g. Personengruppen, sondern es handelt sich ausnahmslos um eine Definition, wann für diese Gruppen eine Ausnahme von der Quarantäne (Absonderung) möglich ist:“[6]

Demnach sind Ausnahmen von der Quarantäne „möglich“, werden aber nicht empfohlen. In juristischen Texten wird die Möglichkeitsform regelmäßig mit dem Verb können/kann formuliert und unterscheidet sich von soll– und muss-Formulierungen. Für einen plötzlich zur Kontaktperson gewordenen, „geboosterten“ Bundesbürger ist dieser feine Unterschied in einem gesetzesförmigen Text ausdrücklich hinsichtlich der „Omikron-Virusvariante“ beachtenswert. Denn es heißt, dass der Beschluss „für alle gegenwärtig in Deutschland zirkulierenden Virusvarianten einschließlich der Omikron-Virusvariante“[7] gültig ist. Während allenthalben Erzählungen von milden Verläufen durch Omikron bei geimpften und geboosterten Bundesbürger*innen kursieren und alles als nicht so schlimm, ja, vielleicht sogar als wünschenswert besprochen wird, gelten die „Quarantäne- und Isolierungsdauern bei SARS-Cov-2-Expositionen und -Infektionen“ weiterhin.
„1. Personen mit einer Auffrischimpfung (Boosterimpfung), insgesamt drei Impfungen erforderlich (auch bei jeglicher Kombination mit COVID-19 Vaccine Janssen (Johnson & Johnson))“.[8]

Die Möglichkeit stellt unterdessen keine Regel, sondern eine Art Spielraum oder auch Wissensunschärfe her. Der Apell eines Facharztes, die Möglichkeit trotzdem nicht in Anspruch zu nehmen, bis ein zweiter PCR-Test nach 7 Tagen ebenfalls negativ ausfällt, sollte nicht nur, sondern muss ernst genommen werden. Denn die sehr hohen Inzidenzen z.B. im eher bürgerlichen Berliner Bezirk Wilmersdorf-Charlottenburg von 3.592,7 am 6. Februar 2022[9] generieren sich derzeit aus diesem Spielraum des Möglichen für Kontaktpersonen. Vor fast genau einem Jahr wurde der Kontaktperson als Schnittstelle der Pandemie[10] mit einer kurzen Begriffsgeschichte nachgedacht. Angesichts der hohen Inzidenzen haben die Gesundheitsämter in den letzten Wochen unterdessen eine Kontaktpersonen-Nachverfolgung eingestellt. Dennoch gelten in sensiblen Bereichen wie z.B. an Arbeitsplätzen und in KITAs und Schulen weiterhin die Quarantäne- und Isolierungsregeln. Es wird allerdings immer schwieriger, die Ausnahmen als Ausnahmen durchzusetzen. Vielmehr hat die „Auffrischimpfung“ zu einem Versprechen der Befreiung aus den Quarantäneregeln geführt.

Das Versprechen der Freiheit durch eine Auffrischimpfung erweist sich gerade als äußerst prekär. Schon werden Forderungen nach einer Aufhebung der Regeln wie der Maskenpflicht nach dem Beispiel Dänemarks laut. Doch niemand kann genau sagen, wohin ein freies Zirkulieren der Virusvarianten führen und möglicherweise doch verheerend für den gut durchgeimpften Staat Dänemark sein wird. Dänemark und Spanien erhalten Beifall, ohne dass die Folgen der vermeintlichen Freiheiten bekannt wären. Das Risiko als Form eines definitiven Nicht-Wissens erhält Zustimmung, weil es sich an Freiheits- und Normalitätsversprechen andocken lässt. Insbesondere die Freie Demokratische Partei (FDP) als Akteurin eines neuen Liberalismus in der Pandemie versucht den Freiheitsbegriff in Konkurrenz zur AfD neu zu besetzen. Parteipolitisch mag sich die Begriffsbesetzung empfehlen, klug ist sie derzeit trotzdem nicht.

Neue oder neu gebrauchte Begriffe als Neologismen spielen für das Wissen von der Pandemie weiterhin eine herausragende Rolle. Das Institut für Deutsche Sprache verzeichnete schon im Dezember 2021 für das Neologismenwörterbuch „mehr als 2.000 Begriffe allein im Corona-Bereich“ wie „Corona-Koller, Corona-Clausur, coronakonform“.[11] Der Titel des SWR – Corona hat auch unsere Sprache infiziert – fällt eher unbeholfen und irreführend aus. Denn die Sprache versucht das Virus eher einzuholen, als dass es sie veränderte. Der Neue() Wortschatz rund um die Coronapandemie hat mittlerweile höchst beeindruckende Ausmaße angenommen. Unter O finden sich zwar heute am 7. Februar sogar „Omikron“, „Omikrongipfel“, „Omikronmutante“, „Omikronmutation“, „Omikronregel“ und „Omikronvariante“[12], aber noch kein „Omikron-Subtyp BA.2“. Die Wörter lassen sich in der Liste des Wortschatzes anklicken, so dass man in einem Fenster z.B. bei Omikron sogleich die Information zur Bedeutung und Ersterfassung bekommt:
„Omicron
(vermutlich) hoch ansteckende Mutation des SARS-CoV-2-Virus, die zum ersten Mal in Südafrika nachgewiesen wurde

Die als »besorgniserregend« eingestufte Coronavariante Omikron wurde inzwischen in 24 Ländern nachgewiesen. Neue Zahlen aus Südafrika deuten darauf hin, dass die Mutation die vorherrschende Deltavariante regional verdrängen könnte. (www.spiegel.de; datiert vom 02.12.2021)“[13]

OWID ausgesprochen hört sich fast an wie Ovid, dem römischen Dichter, ist jedoch die Abkürzung für „Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS), Mannheim“. Anders gesagt OWID spielt mit seinem Namen auch auf ein zumindest literarisches Wissen des Ovid und von ihm an. OWID versteht sich als „wissenschaftliche, korpusbasierte Lexikografie des Deutschen“.[14] Diese Lexikografie ist hinsichtlich der COVID-19-Pandemie hoch komplex und äußerst dynamisch. Sie erfasst beispielsweise die Verzögerung bei der Erfassung von „Omikron“ und der Einführung neuer Regeln für die Virusvariante unter dem Lemma „Omikronregel“. Es dauerte kaum einen Monat vom Bekanntwerden von „Omikron“ bis zur Ausarbeitung von entsprechenden Regeln. Das ist für die Politik Hochgeschwindigkeit.
„Omikron-Regel, Omicron-Regel, Omicronregel,

aufgrund der in der COVID-19-Pandemie aufgekommenen Virusvariante B.1.1.529 des Coronavirus SARS-CoV-2 erlassene Regelung, die die Ausbreitung des Virus verlangsamen soll

Corona: Holetschek für bundesweite Omikron-Regeln [Überschrift] Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) fordert von der für Freitag angesetzten Ministerpräsidentenkonferenz bundeseinheitliche Regelungen, um die Omikron-Variante einzudämmen. (www.br.de; datiert vom 04.01.2022)“[15]

Es ist die Frage einer wissenschaftlichen Haltung, ob man den rasanten Begriffswandel mit einem Wissenswandel korreliert oder die Neologismen „nur“ als neue Wörter einschätzt, als ob in der Sprache etwas Nebensächliches passierte. Mit OWID zeichnet sich allerdings ab, dass es nie zuvor in der Geschichte der deutschen Sprache einen vergleichbaren Veränderungsschub gegeben hat. Man weiß nicht, ob diese Corona-Sprache mit dem Ende der Pandemie einfach verschwinden, untergehen wird oder ob sie das Deutsche nachhaltig verändern wird. Doch worum geht es mit all diesen Wörtern, die bereits unter der Wahrnehmungsschwelle zirkulierten, bevor sie dann zum ersten Mal nachweislich z.B. von einem Gesundheitsminister gebraucht werden? Geht es um ein bereits vorhandenes Wissen? Um eine neue Kombinatorik z.B. von Omikron und Regel? Oder geht es darum, ein „Zeichen“ zu setzen?

© Kerstin Drechsel

In dem ein wenig erzählseligen Roman Der Trafikant von Robert Seethaler geht es in mehrfacher Hinsicht um das Wissen der Psychoanalyse und Sigmund Freud. Seethaler erzählt davon als eine nicht zuletzt politische Geschichte eines jungen Mannes um 1938 in Wien. Franz Huchel kommt als 17jährger aus dem ländlichen Salzkammergut nach Wien, wird Lehrling in einem Zeitungskiosk, der in Wien Trafik heißt, trifft den über 80jährigen Sigmund Freud, wird dessen Freund und lernt die Liebe kennen. Gegen Ende der Erzählung und als eine Art Höhepunkt kommt es zu einem letzten Gespräch mit Freud.
„Freud seufzte: »Immerhin kommen mir die meisten Wege schon irgendwie bekannt vor. Aber eigentlich ist es ja gar nicht unsere Bestimmung, die Wege zu kennen. Es ist gerade unsere Bestimmung, sie nicht zu kennen. Wir kommen nicht auf die Welt, um Antworten zu finden, sondern um Fragen zu stellen. Man tapst sozusagen in einer immerwährenden Dunkelheit herum, und nur mit viel Glück sieht man manchmal ein Lichtlein aufflammen. Und nur mit viel Mut oder Beharrlichkeit oder Dummheit oder am besten mit allem zusammen kann man hie und da selber ein Zeichen setzen!«“[16]

© Kerstin Drechsel

Robert Seethaler bringt mit dieser Formulierung über Freuds oder auch das Wissen der Methode der Psychoanalyse als Wissenschaft und ihrem Wert für die Wissenschaft sehr nah. Das Nicht vor kennen markiert er gar kursiv. Freud weist die Frage nach seinem Wissen zurück, um die Gebrechlichkeit des Wissens selbst zu erklären. Eingedenk der nicht enden wollenden Erzählungen seiner Patient*innen, geht es immer auch um die Produktion von Wissen der Triebe. Doch Freud sagt: „Und nur mit viel Mut oder Beharrlichkeit oder Dummheit oder am besten mit allem zusammen kann man hie und da selber ein Zeichen setzen!“ Weniger geht nicht mehr. Es bleiben nur Zeichen in ihrer Ambiguität. Für die überwältigende Wörterproduktion in der COVID-19-Pandemie, der unfassbar vielen Interviews, Talkshows, Reportagen, Reden etc. heißt das auch, dass es darum geht, immer auch mit einem Nicht-Wissen umzugehen oder eben damit nicht umgehen zu können. Niemand weiß etwas über zukünftige Mutationen, ganz zu schweigen über, was als einfachstes und wirksamstes Mittel gegen die Pandemie erschien, das Verhalten der Menschen.

© Kerstin Drechsel

Kerstin Drechsel baut mit ihren E-Werken verschachtelte Schaltschränke aus Bildern und Schriftzügen, aus denen Leitungen auf dem Boden liegen. Es sind zweifelsohne Wissensprozesse, die in den Schaltschränken stattfinden. Aber sie lassen sich nicht fassen oder stillstellen. Allenfalls lässt sich sagen, dass sie einen feministischen Wink geben. Frauen, Frauenkörper, Frauennamen, Frauengeschichten spielen eine exponierte Rolle. Es ist nicht zuletzt eine visuelle Frauenforschung. In den Iglus oder Zelten mit der Benennung Dritte_Haut geht es um deren Schutzfunktion. Zugleich erinnern sie an Flüchtende und Obdachlose. Schriftzüge wie „DEINE SCHEISS ANGST SICH ZU HÄUFIG ZU SEHEN“ oder „DEINE SCHEISSANGST VOR MEINER UNMÄSSIGKEIT“ geben einen Wink, wie sich der Schutz in eine Bedrohung verkehren kann. Gerade in der Pandemie sind sowohl die Wünsche wie die Ängste intensiver geworden.

Torsten Flüh

Kerstin Drechsel

Gruppenausstellung
Scheitere an einem anderen Tag
bis Mittwoch 23.2.2022
Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten
Dienstag – Samstag 12 – 19 Uhr
Turmstraße 75
10551 Berlin

Einzelausstellung
Dritte_Haut
bis 19. März 2022
Zwinger Galerie
Mansteinstrasse 5
10783 Berlin          


[1] Die Bundesregierung: Informationsgesellschaft. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 2022.

[2] NDR: (109) Coronavirus-Update: Omikron-Subtyp BA.2 mit mehr PS. Stand: 01.02.2022 17:00 Uhr.

[3] Ebenda.

[4] Robert-Koch-Institut: Institut. Stand 06.05.2020.

[5] NDR: (109) … [wie Anm. 2].

[6] Robert-Koch-Institut: Quarantäne- und Isolierungsdauern bei SARS-CoV-2-Expositionen und -Infektionen; entsprechend Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz vom 7. und 24. Januar 2022. Stand: 03.02.2022.

[7] Ebenda.

[8] Ebenda.

[9] Die Regierende Bürgermeisterin von Berlin – Senatskanzlei: Lagebericht 07.02.2022.

[10] Torsten Flüh: Die Kontaktperson als Schnittstelle der Pandemie. Zu Thomas Oberenders Text Die Liste eines Jahres im Lichte einer kurzen Begriffsgeschichte. In: NIGHT OUT @ BERLIN 20. Februar 2021.

[11] SWR Aktuell: Corona hat auch unsere Sprache infiziert. STAND: 7.12.2021, 9:18 UHR.

[12] OWID: Neologismenwörterbuch. Neuer Wortschatz rund um die Coronapandemie. (07.02.2022).        

[13] Siehe ebenda O>Omikron.

[14] OWID: Über OWID.

[15] OWID: Neologismenwörterbuch … [wie Anm. 12] Omikronregel.

[16] Robert Seethaler: Der Trafikant. Zürich – Berlin: Kein & Aber, 2012, S.223-224.

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