Beethoven gefeiert zwischen Kombination und Ionisation

Montage – Eroica – Bildnis

Beethoven gefeiert zwischen Kombination und Ionisation

Zu Hans Otto Löwensteins restauriertem Film Beethoven (1927) und Gene Pritskers EroicAnization (2020)

Bereits zu Lebzeiten wurden Bildnisse von Ludwig van Beethoven angefertigt. Einige waren als Lithographien während der Ausstellung der Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin im Humboldt-Saal des Hauses Unter den Linden im Juli zu sehen.[1] Es sind überwiegend kleinformatige Darstellungen bis zu Miniaturen. Bildnisse des Komponisten nach Zeichnungen oder Schattenrissen, sogar eine Lebendmaske, gehörten nicht zuletzt zum neuartigen Verkaufskonzept der Musikverleger um 1800.[2] Ein Bildnis des jungen Komponisten verkaufte die Noten besser. So zeichnete Gandolph Stainhauser von Treuberg 1801 den dreißigjährigen Komponisten. Für den Druck übersetzte Johann Joseph Neidl die Zeichnung in einen Kupferstich, der von Karl Traugott Riedel noch einmal in einen Stich transformiert wurde. Der Wunsch nach einem Bild wuchs im 19. Jahrhundert mit seinem Ruhm, so dass in Kombination mit Biographien Beethoven zunächst zum Stummfilm- und bald zum Tonfilmsujet wurde. Zum 100. Todestag verlieh 1927 Fritz Kortner dem Komponisten ein Gesicht.

Zur Uraufführung von Gene Pritskers Beethoven-Stück EroicAnization als Auftragswerk des ensemble KONTRASTE und BTHVN2020 unter der Leitung von Hans Rotmann in der Tafelhalle Nürnberg am 1. Januar 2020 hatte Frieder Weiss eine Videoinstallation mit bearbeiteten Beethoven-Filmen montiert. Die Visualisierung ist genau auf die Musikbearbeitung der Eroica bzw. 3. Symphonie abgestimmt. Gut 200 Jahre Beethoven-Rezeption und -Medialisierung lassen sich nicht mehr von der Musik trennen. Die Medialisierung Beethovens und seiner Kompositionen hat ein Wissen von der Musik generiert, das von Pritsker verarbeitet und hinterfragt wird. Zugleich erscheint in diesen Tagen Hans Otto Löwensteins Beethoven-Film mit Fritz Kortner in einer restaurierten Fassung. Er wurde mit neuer Musik von Malte Giesen versehen, die ihrerseits nicht nur die Musik, sondern ebenso die Medien ihrer Verbreitung zwischen Symphonie und Stummfilmmusik reflektiert.

Die frühe Bild-Politik des Leipziger Musikverlegers Franz Anton Hoffmeister ließ 1801 das erste Bild des Klaviervirtuosen und Komponisten als junger Mann mit dessen gedruckten Noten zirkulieren.[3] Das hübsche, gepflegte Bildnis eines schwiegersohntauglichen Mannes nach einer verschollenen Zeichnung des Wiener Portraitisten Gandolph Stainhauser von Treuberg kollidiert allerdings mit Beschreibungen seiner Zeitgenossen. Sein Schüler Carl Czerny fühlte sich beim „Anblick seines Lehrers“ an eine literarische Figur aus dem Jahr 1719 erinnert, nämlich die des Abenteurers, Gestrandeten und von der Welt abgeschnittenen Romanhelden Robinson Crusoe von Daniel Defoe. Czerny beschrieb Beethoven damit, dass „das pechschwarze Haar (…) sich zottig um seinen Kopf (sträubte)“.[4] Häufig wird für die Beethoven-Bildnisse ein Schattenriss von Joseph Neesen Beethovens als 15jährigen mit Zopf als „früheste(s) überlieferte(s) Bildnis des Komponisten“ angeführt.[5] Doch Schattenriss und Zeichnung oder Lithographie sind sehr unterschiedliche Medien des Portraits.

Die Bildnisse Ludwig van Beethovens, die seit dem Stummfilm eine neuartige Qualität und Funktion für die Musik erhalten haben, unterliegen visuellen Medienwechseln, die geflissentlich übersehen werden. Das Beethoven-Haus in Bonn unterscheidet zwar zwischen Bildnissen, die zu Lebzeiten bis 1827 entstanden sind, und solchen, die als „Angebliche Beethoven-Porträts“ oder gar „Fälschung“ ermittelt werden konnten. So wurde beispielsweise ein Schattenriss oder „Silhouetten-Fälschung von Josef Kundera“ von der Beethoven-Forschung gefunden. Das vermeintlich besonders authentische Bildmedium des Schattenrisses generierte eine Fälschung, die vom Sammler gern als Bild genommen und wertgeschätzt wurde. Zur Kulisse des Beethoven-Films mit Fritz Kortner gehören übrigens Schattenrisse an der Wand in der Wohnstube. Noch einen stärkeren Eindruck macht die Lebendmaske als Bildmedium von 1812, die durch die Photographie licht- und einstellungstechnisch zum Leben erweckt wurde. Die Totenmaske hat weit weniger Verbreitung gefunden. In den Portraits und Masken wird eine Spur des Denkens und Komponierens gesucht, die sich zugleich einer Präsenz entzieht.

Mit der Produktion der Beethoven-Bildnisse um 1800 geht es um eine neuartige semiologische Wissensformation: die Physiognomie. Auf dem Gesicht lässt sich seit Johann Caspar Lavaters konzeptuellen Physiognomischen Fragmenten, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe ab 1775 der Charakter und das Denken ablesen. Lavater konstruiert, liest und ordnet die Zeichen des Gesichts zu einem Wissen über den Menschen und sein Denken. Er formuliert in der Eröffnungssequenz seiner Physiognomischen Fragmente allerdings ein medienpraktisches Problem. Denn die „Zeichner und Kupferstecher“, durch die Lavater durch Vergleich sein Wissen über die Menschen generieren will, machen „Fehler“, d.h., sie generieren nach Schemata Zeichen, die Lavater im Vergleich nicht sieht.
„Ich ließ rechts und links Versuche von Zeichnungen aller Art machen; Ich betrachtete und verglich unzählige Menschen und allerley Arten menschlicher Bildnisse. Ich bat Freunde, mir behülflich zu seyn. Die häufigen täglichen Fehler meiner Zeichner und Kupferstecher waren die kräftigsten Beförderungsmittel meiner Kenntnisse. Ich mußte mich über vieles ausdrücken, vieles tadeln, vieles vergleichen lernen, was ich vorher noch zu sehr nur überhaupt bemerkt hatte. —“[6]

Die Lebendmaske Beethovens bleibt auf bedenkenswerte Weise trotz des großen Aufwandes zeichenlos oder leer. Das entspannte, flächige Gesicht mit geschlossenen Augen wirkt auf verstörend Weise wie tot. Erst durch das nachträgliche Photographieren entsteht eine zeichenhafte Dynamik aus Licht und Schatten. En face und im Profil wird die Maske photographiert immer wieder z.B. mit einem Lorbeerkranz oder Draperien abgewandelt, um Zeichen zu generieren. Beethovens Zeit ist beispielsweise für die neuartige Lithographie seit 1798 auf eine Lösung des von Lavater mit dem Kupferstich formulierten Problems auf eine Generierung von Zeichen, um nicht zu sagen eindeutigen Zeichen versessen. Es müssen sich Zeichen finden lassen. Beim Komponisten Ludwig van Beethoven wird die Suche nach den Zeichen besonders schwierig. So wird etwa überliefert: „Am 27.3.1827 wurde der Leichnam unter besonderer Berücksichtigung der Gehörorgane obduziert.“[7] Das Hören und das Nicht-Hören bzw. die Ertaubung werden u.a. im Stummfilm Beethoven (1927) mit seiner neuen Vertonung ausführlich behandelt.[8]

© ZDF/ARTE

Hans Otto Löwenstein stellt seinem Beethoven-Film ein dramatisch ausgeleuchtetes, seitenverkehrtes Photo von G. L. Manuel der künstlerischen Bearbeitung der Lebendmaske von Antoine Bourdelle voran. Die Plastik mit dynamischem Haarbusch im Stil Rodins entstand 1902. Da es sich bei der restaurierten Fassung des Films um eine Kopie für das französische Kino handelt, könnte diese Aufnahme auch nachträglich hineingeschnitten worden sein. Sie markiert allerdings jene Schnittstelle von Lebendmaske und biographischem Spielfilm, an der Beethoven mit einer gewissen Ähnlichkeit des flächigen Gesichts von Fritz Kortner sozusagen zum Leben erweckt werden soll. Die Bildnisse von Beethoven wandeln und verselbständigen sich im Maße ihrer künstlerischen Transformationen. Die Frage der Haartracht oder Frisur wird mit dem Film z.B. dadurch bedeutend, dass Joseph Haydn eine gepuderte Perücke mit Zopf nach der Mode des 18. Jahrhundert trägt, während Beethoven nie mit einer Perücke beschrieben oder dargestellt worden ist. Auf diese Weise werden Beethovens Haare zu einem Zeichen für den Bruch mit der Tradition sowie einer Praxis der Freiheit und des Genies.

© ZDF/ARTE

In der neuen Vertonung des Stummfilms durch Malte Giesen bricht der Ton ab und lässt eine Art Pfeifen durch Elektronik hören, wenn Beethoven (Fritz Kortner) seiner Taubheit gewahr wird. Dramaturgisch wird die Tragik des fortschreitenden Hörverlusts dargestellt, indem Beethoven auf einer Wanderungen mit einem Freund das „Lied der Schalmei“ eines Hirten nicht hört. Dem Hörverlust wird von Hans Otto Löwenstein 1927 ein größerer Raum eingeräumt, als er in vielen zeitgenössischen Biographien einnimmt. In der folgenden Einstellung hört Beethoven das Klopfen seiner Haushälterin an der Tür nicht. So wird das Komponieren der Musik als ein intellektueller Prozess in die Aufmerksamkeit gerückt. In der Schlusssequenz wird eine Wiederaufführung der 9. Symphonie angesetzt, die Beethoven selbst dirigieren soll. Doch auf der Probe stellt sich heraus, dass Beethoven nicht mehr dirigieren kann, weil er die Fehler im Orchester nicht hört. Man könnte allerdings mit gleichem Recht fragen, ob Beethoven das Orchester genau hören musste, um es zu dirigieren.  

© ZDF/ARTE

Beethovens Taubheit lässt sich als Frage nach dem Hören zuspitzen. Was heißt hören? Der überlieferte Obduktionsbericht vom 27. März 1827 zeichnet sich dadurch aus, dass dem Innenohr besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Zur Feststellung der Todesursache hätte es einer genauen Untersuchung und Extraktion des Hörorgans nicht bedurft. Im Obduktionsbericht werden die Hörorgane sorgfältig mit „Ohrknorpel“, „Gehörgang“, „Trommelfell“, „Eustachische Ohrtrompete“, „Substanz des Felsenbeins“ und „Gegend der Ohrschnecke“ „ausgesägt“, freigelegt, untersucht und beschrieben.[9] Es ist, als wollten die sezierenden Ärzte nicht die Ursache des Todes, sondern des Hörens und der Taubheit herausfinden. Doch es gibt keine Diagnose. Das Hörorgan geht sogar verloren. Nachträglich schreibt G. v. Breunig.
„Zur genaueren Untersuchung der seit so lange schon verödeten Gehörorgane des Titanen im Reiche der Töne wurden beiderseits die Felsenteile der Schläfenknochen ausgesägt und mitgenommen. Wie Hofrat Hyrtl mir kürzlich erzählte, hatte er diese Gehörorgane damals, als er selbst noch Student war, in einem zugebundenen Glas geraume Zeit hindurch bei dem langjährigen Sektionsdiener Anton Dotter stehen gesehen; später seien sie verschollen.“[10]

© Filmarchiv Austria

Die Komposition der Symphonie Nr. 3 bzw. der Eroica spielt als eines der „bekanntesten Werke()“ in Beethoven eine entscheidende Rolle.[11] 1949 wird Walter Kolm-Veltée seinen Beethoven-Film mit Ewald Balser in der Hauptrolle gar um die Eroica herum erzählen und sie zum Titel machen. Schon 1918 hatte Fritz Kortner Beethoven in dem „Lebensroman“ Der Märtyrer seines Herzens unter der Regie von Emil Justitz gespielt.[12] Das Drehbuch hatte ebenfalls Emil Kolberg geschrieben. Im Unterschied zum späteren Stummfilm wird im ersten eine fiktive Liebes- und Leidensgeschichte der Annerl nach der Stummfilmästhetik stärker ausgespielt. Das Hörproblem wird weniger stark beleuchtet. Allerdings wird der Schalmei-Spieler im Fenster einer Burgruine von 1918 neun Jahre später von anderen Gegenschnitten gerahmt wieder in den Film montiert. Der Film war 1917 in Wien gedreht worden. Die Ausstattung des Films wirkt aufwendiger.

© Filmarchiv Austria

Emil Kolberg knüpft in seinem neuen Drehbuch 1927 an Vie de Beethoven von Romain Rolland von 1903 an, das 1918 erstmals in der Übersetzung von L. Langnese-Hug in Deutsch erschienen war.[13] Somit hatten sich die Dreharbeiten mit der Veröffentlichung von Rollands Biographie überschnitten. Romain Rolland schenkt vor allem Beethovens Sympathien für Frankreich und Napoleon einen größeren Raum, so dass auch die Eroica-Erzählung als Interpretation der Komposition an Bedeutung gewinnt. Er stellt über eine Montage der Physiognomie – „Das Gesicht war breit, ziegelrot, erst gegen sein Lebensende wurde die Gesichtsfarbe kränklich gelb, besonders im Winter (…) Die Stirn war mächtig und zeigte seltsame Höcker …“[14] – mit dem Bildnis von Gandolph Stainhauser von Treuberg geradezu eine Ähnlichkeit mit Napoleon Bonaparte her:
„Eine Zeichnung, die Stainhauser um jene Zeit von ihm machte, umreißt ziemlich scharf das, was er damals war. Im Vergleich zu den spätern Beethoven-Bildern ist es ungefähr das, was Guérins Bild von Bonaparte mit dem scharfen, vom Fieber des Ehrgeizes gezeichneten Zügen, im Vergleich zu den spätern Napoleon-Bildern bedeutet. Auf jener Zeichnung scheint Beethoven jünger als er damals war, mager, aufrecht, steif in seiner hohen Krawatte steckend, mit mißtrauischem, gespanntem Blick. Er weiß, was er wert ist, er glaubt an die ihm innewohnenden Kräfte.“[15]

© Filmarchiv Austria

Beethoven (1927) montiert auf eine lange Sequenz, die die Mondscheinsonate als unglückliche Liebesgeschichte zu Julie Guiccardi inszeniert, um zugleich eine Reihe von Landschaftsgemälden mit Mond aus der Romantik als Inbegriff der melancholischen Stimmung zu visualisieren, mit der Eroica über den Zwischentitel: „Begeistert von Napoleons Siegen, vollendete Beethoven seine 3. Sinfonie und widmete sie dem großen Feldherrn.“ In der Vertonung von Malte Giesen erklingt daraufhin der eröffnende Eroica-Akkord. Bemerkenswert ist an dem visuellen Verfahren von Hans Otto Löwenstein, dass die Liebeserzählungen mit einer gleichsam kunsthistorischen Montage von Landschaftsgemälden montiert wird. Während sich in den Bildfindungen der sogenannten Romantik das Individuum einsam in der Nacht einer Landschaft im Mondschein gegenüber findet, wird in der Gefühlserzählung der Liebe ein Verlust inszeniert. Die Klaviersonate Nr. 14 op. 27 Nr. 2 in cis-Moll kann indessen auch anders gespielt werden, wie Igor Levit erst vor kurzem gezeigt hat.[16]    

© Filmarchiv Austria

Malte Giesen hat mit Fabio Matino (Klavier) und einem kleinen Orchester der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach unter der Leitung von Aurélien Bello sowie Elektronik eine qualitativ ebenso hochwertige wie zeitgenössisch reflektierte Stummfilmmusik eingespielt. Sie bringt den Stummfilm quasi zum Sprechen und bedenkt zugleich die Funktionen von Musik im Medium Film. Giesen hatte die „Idee“, „aus Beethoven-Werken eine Art ‚komponierte Interpretation‘ zu entwickeln, die den Film musikalisch in immer wieder unterschiedlicher Funktion begleitet“. Er verwendet aktuelle Techniken der Musikbearbeitung.
„Dabei möchte ich mit Techniken arbeiten, die unmittelbar an die zeitgenössische Ästhetik und Philosophie meiner Generation anknüpfen: Remix, Sampling, Shuffling, auch gerade der Mix Orchester/Elektronik soll hier zu Einsatz kommen. Auf diese Weise stelle ich mir die hypothetische Frage: Wie hätte Beethoven komponiert, wenn es schon Elektronik gegeben hätte? Elektronik kommt also in unterschiedlicher Funktion zum Einsatz, einerseits als zusätzliche Klangfarbe mit eigener Ästhetik und andererseits als bewusstes Spielen mit der „Medienfarbe“ und Historizität von elektronischen Klängen (wie durch Grammophon, Schallplatte, Spielen mit klischeebehafteter Stummfilmmusikästhetik).“[17]

© Filmarchiv Austria

Das Verhältnis der Musik zum visuellen Medium Film hat sich bei Malte Giesens Komposition regelrecht umgedreht. Denn schon der erste Stummfilm 1909 mit dem Titel Beethoven von Victorin Jasset, der am 6. Dezember 1909 in Paris ins Kino kam, sollte die Musik über das visuelle Medium Stummfilm zugänglich machen.[18] Die Titelrolle spielte übrigens der 29jährige Harry Bauer, der damit zur französischen Verkörperung des Komponisten wurde und 1936 für Abel Gance in Un grand amour de Beethoven ihn noch einmal im Tonfilm „plus vrai que la nature“ spielen sollte.[19] Die Darstellung Beethovens im Film konstruiert ein biographisches Wissen als Zugang oder gar Entschlüsselung der Musik. Malte Giesen dagegen erprobt und kombiniert unterschiedliche akustische Medien, um dem Stummfilm eine eigene Komposition zu unterlegen. Er orientiert sich dabei sehr wohl am Filmmaterial, um es kreativ zu interpretieren.

© Filmarchiv Austria

Der New Yorker Komponist, Di.J. und E-Gitarrist Gene Pritsker hat mit EroicAnization und der Visualisierung durch Frieder Weiss den wahrscheinlich ambitioniertesten Beitrag zum Beethoven-Jahr 2020 als Music on demand veröffentlicht. Ohne Visualisierung geht es heute in der populären Beethoven-Rezeption kaum noch. Andererseits hat Maurizo Kagel vor 50 Jahren zum 200. Geburtstag mit dem Film Ludwig van und dessen Musik einen nachhaltigen Bruch mit der Visualisierung von Beethoven und seiner Musik vollzogen. Helmut Loos schrieb dazu 1986, dass der Film „eine aggressive Kritik an allem, was sich bis dahin an Beethovenkult entwickelt hat“ sei. Der Film hatte mit 91 Minuten Spielfilmlänge. Derzeit kursieren auf YouTube mehrere kurze Sequenzen. Nicht nur die musikalische Bearbeitung und Verzerrung der Kompositionen von Beethoven spielt eine Rolle, vielmehr fand sich das Publikum visuell verletzt.
„Dabei nimmt der Film weder auf Empfindlichkeiten des Publikums Rücksicht noch auf dessen Ermüdungstoleranz: wenn etwa in Dieter Rots ‚Badezimmer‘ eine zerbröckelnde Fettbüste Beethovens nach der anderen aus der Badewanne geholt und der Kamera vorgehalten wird … Mag manche Kritik an ‚Ludwig van‘ durchaus berechtigt sein, so bestätigt eine Äußerung wie die von Hilde Spiel in der FAZ ‚zwei- bis dreitausend Jahre mühsamen Aufstiegs in eine Begriffswelt, der Beethovens Musik Ausdruck gegeben hat, werden geleugnet‘ genau jenen Beethovenkult, den Kagel angreift.“[20]

© Filmarchiv Austria

Der Beethovenkult war vermutlich 1969/70 größer und konservativer als heute. Denn er basierte auf einem Mythos vom Genie und romantischen Komponisten, wie er seit der postumen Biographie von Anton Schindler aus dem Jahr 1840 entwickelt und immer wieder beispielsweise von Romain Rolland sowie in ca. 30 Beethoven-Filmen und Beethoven als Filmmusik modifiziert worden war. Eine genaue Textanalyse des Briefes an die „Unsterbliche Geliebte“[21] oder Erforschung der Kompositionen wurde dabei teilweise regelrecht verdrängt. Was heißt Komponieren? Hörte Beethoven die Musik, bevor er sie in Notenschrift zu Papier brachte? Das zumindest behaupten und inszenieren viele Beethoven-Filme. Oder geht es um ein Kombinieren und Improvisieren, wie es beispielsweise die 32 Klaviersonaten nahelegen könnten? Die Sonatenform wird bei Joseph Haydn aufgegriffen und immer weiter aus- und umgebaut, gar zerlegt.[22] – Wir wissen es nicht.

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Was ist Ionisation? Gene Pritsker komponiert und montiert mit E-Gitarre, D.J.ing und Elektronik sowie Kammermusikensemble nicht nur die Eroica neu, vielmehr führt er an den Titeln der 6 Stücke von EroicAnization bereits eine Art Sprachspiel vor: Eroica Erupted, Eroica Extracted, Erotic Eroica, Eulogy Eroica, Erroneous Eroica, Eka Tala Eroica. Das Heroische wird transformiert und nach Edgar Varèses Komposition Ionization von 1931 gleichsam verarbeitet. Die bahnbrechende Komposition von Varèse für 13 Schlagzeuger spielt mit ihrem Titel auf den physikalischen Vorgang der Ionisierung an. Damit wird ein physikalisches Wissen modellhaft auf die akustische Produktion angewendet. Der britische Physiker John Joseph Thomson beschrieb am 27. Februar 1896 zum ersten Mal eine elektrische Aufladung der Luft durch Röntgenstrahlen mit der Formulierung „the air is ionised“.[23] Aus dieser Formulierung generierte sich das physikalische Wissen der Ionisierung oder Ionisation. Von einem Atom oder Molekül werden Elektronen entfernt, so dass positiv aufgeladene Molekülreste oder Ionen zurückbleiben. Anders gesagt: ein Prozess der Zerlegung generiert durch Reste eine Energie und Dynamik. Edgar Varèse überträgt diesen Prozess in ein ca. sechseinhalb Minuten langes Musikstück, das unter den 43 Instrumenten auch eine Sirene vorsieht.[24]

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Komponieren heißt für Gene Pritsker zerlegen, forschen, bearbeiten und neu kombinieren, würde ich sagen. In Eroica Erupted spielt er den die 3. Symphonie eröffnenden, markanten Eb Akkord vom Laptop als Digital Jockey mit zusätzlichen Effekten wie Verzögerungen und Nachhall ein sowie vom Orchester. Zum Komponieren gehört für ihn auch die Internetrecherche, die ihn die chronologische Studie zu den Eröffnungsakkorden der Eroica von Erik Carlson auf YouTube finden ließ. Er stellte die Aufnahmen der Eröffnungsakkorde von 1924 mit der Staatskapelle Berlin unter Oskar Fried bis 2011 mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Riccardo Chailly zusammen.[25] Die Eroica beginnt insofern mit einem Ausbruch oder einer Eruption, die sich durch die technischen Mittel heute beliebig oft wiederholen lässt. Es wäre wohl ein wenig redundant jetzt jedes Stück genauer zu beschreiben. Doch Erotic Eroica nimmt nicht zuletzt auf die Rezeption der Romantik Bezug, wie sie im Film vielfach bemüht worden ist. Pritsker kombiniert dafür die Hauptmelodie aus dem ersten Satz der Symphonie mit Musik aus Pornofilmen der 70er Jahre und dem Stöhnen aus Sexfilmen. Frieder Weiss montiert dazu die bearbeiteten Liebesszenen aus dem Beethoven-Film mit Fritz Kortner von 1918.[26]

© Filmarchiv Austria

Anders als bei der Aufführung von Eulogy Eroica des VKKO lässt sich in der Aufnahme der Uraufführung von EroicAnization der von Chanda Rule gesungene Text gut verstehen.[27] Eulogy Eroica erinnert mich an Summertime aus Porgy and Bess von George Gershwin. Pritsker hat die Hauptmelodie des zweiten Satzes in einen „pop song“ transformiert. Auf durchaus subtile Weise dreht Pritsker die „Trauermarsch“ genannte Melodie in einen jazzigen Popsong und damit in eine romantische Stimmung. Mit aktuellen technischen Verfahren wie Di.J.ing lässt sich in der Musik ein genau gegensätzlicher Effekt zum Ausgangsmaterial erreichen. Das könnte eine ungeheure Neuerung in der Musik und ihren Kompositionsverfahren sein. Oder es könnte genau das als Komponieren vorführen, was Ludwig van Beethoven auf virtuose Weise sogar ertaubt beherrschte.

Torsten Flüh

Beethoven (1927)
Regie: Hans Otto Löwenstein
Länge: 71
Bild: PAL, S/W, 4:3
Ton: Dolby Stereo
Sprache: Deutsch
Regionalcode: codefree
Label: ARTE edition
€ 9,90

Gene Pritsker
EroicAnization
ensemble KONTRASTE
Gene Pritsker – guitar, Di.J., rap
Naxos, Spotify, Apple 


[1] Siehe zur Ausstellung: Torsten Flüh: Beethovens göttlichste Komposition. Zur Ausstellung der Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 8. Juli 2020.

[2] Vgl. dazu Ludwig van Beethoven – Stich von Karl Traugott Riedel nach einem Stich von Johann Joseph Neidl, der nach der Zeichnung von Gandolph Stainhauser von Treuberg von 1801 entstand, Leipzig, 1801. In: Beethoven-Haus Bonn Beethoven Darstellungen. Beethoven-Haus Bonn, B 23.

[3] Ebenda.

[4] Zitiert nach ebenda.

[5] Siehe Zeittafel in: Friederike Heinze, Martina Rethmann, Nancy Tanneberger (Hrsg): »Diesen Kuß der ganzen Welt!« Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin. Berlin: Michael Imhof Verlag, 2020, S. 204.

[6] Johann Caspar Lavater: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 1. Leipzig u. a., 1775, S. 11. In: Deutsches Textarchiv.

[7] Totenmaske Ludwig van Beethovens – Fotografie von Dietrich Andrear nach der von Josef Danhauser im Jahr 1827 angefertigten Maske. Beethoven-Haus, B 2529.

[8] Siehe auch ausführliches Datenblatt zu Beethoven (1927) auf absolutMEDIEN.

[9] Deutsche Übersetzung zitiert nach: Reinhard Ludewig unter Mitarbeit von Susanna Seufert: Beethoven und das Gift im Wein. In: Ärzteblatt Sachsen 11/2002, S. 546.

[10] Ebenda.

[11] Siehe auch: Beethoven (1927) absolutMEDIEN.

[12] Der vorangestellte Zwischentitel des Österreichischen Filmarchivs lautet: „Der nachfolgende Film ist keine Beethoven-Biographie im Sinner eines Dokumentarspiels, sondern ein verfilmter „Lebensroman“ in Episodenform mit zum Teil fiktiven Figuren.“ Siehe: Beethoven, el mártir de su corazón (1918 Austria) auf YouTube.

[13] Romain Rolland: Ludwig van Beethoven. (Deutsch von L. Langnese-Hug) Zürich: Max Rascher, 1918. (PDF)

[14] Die Formulierung „seltsame Höcker“ bei Rolland könnte dem Umstand geschuldet sein, dass er ein Photo oder die Plastik selbst von Antoine Bourdelle nach der Lebendmaske, nicht aber diese selbst gesehen hatte. Ebenda S. 11.

[15] Ebenda S. 20 – 21.

[16] Siehe dazu: Torsten Flüh: Igor Levits umjubelter Beethoven-Feier nachdenken. Über die 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven gespielt von Igor Levit beim Musikfest Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 19. September 2020.

[17] Zitiert nach Datenblatt zu Beethoven (1927) wie Anm. 8.

[18] Wikipédia: Beethoven (film, 1909). Registerkarte. Und: Stummfilm-Magazin: Beethoven Jubiläumsjahr. (Artikel)

[19] Wikipédia: Un grand amour de Beethoven. (1937) Registerkarte.

[20] Zitiert nach nach Datenblatt zu Beethoven (1927) wie Anm. 8.

[21] Siehe zum Brief: Torsten Flüh: Beethovens … (wie Anm. 1).

[22] Siehe auch: Torsten Flüh: Igor Levits intensive Sonate Nr. 32 in C-Moll  op. 111. Eine Nachlese zu Igor Levits Spiel der 32 Sonaten von Ludwig van Beethoven beim Musikfest Berlin und Thomas Manns Roman Doktor Faustus. In: NIGHT OUT @ BERLIN 30. September 2020.

[23] Ionisierende Strahlung. In: Wikipedia.

[24] Varèse: Ionisation (Pascal Rophé, Franz Michel (piano) et les percussionnistes de l’Orchestre philharmonique de Radio France) France Music.

[25] Beethoven’s Eroica: opening chords. 30.05.2013. (YouTube)

[26] Frieder Weiss für Gene Pritsker und ensemble KONTRASTE auf Vimeo.

[27] Vgl. zu Eulogy Eroica im Konzert Orbiting: Torsten Flüh: Ekstasen zwischen Beethoven und Dubtechno. Zum Orbiting – Enter the Void-Konzert von VKKO im Prince Charles Club beim Impuls Festival 2020. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. November 2020.

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