Gedenken als fortschreitender Prozess

Auschwitz – Gedenken – Gedächtnis

Gedenken als fortschreitender Prozess

Über das Benefizkonzert Zum Gedenken an den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in der Staatsoper Unter den Linden

Gestern Abend, am 27. Januar, gedachten Konzertbesucher*innen in der Staatsoper Unter den Linden nicht nur der „Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz“, wie es auf dem Programmheft des Konzertes und in den Geschichtsbüchern landläufig formuliert wird, vielmehr der ermordeten und befreiten Menschen. Angela Merkel besuchte als Bundeskanzlerin in Begleitung mehrerer Minister*innen, Botschafter*innen, Abgeordneten, des Bürgermeisters und Senators für Kultur und Europa, Klaus Lederer, ihres Ehemanns und der Überlebenden Margot Friedländer, zusammen mit dem Ministerpräsidenten der Republik Polen Mateusz Morawiecki und seiner Delegation das Konzert der Staatskapelle Berlin, der Herren des Staatsopernchores und Thomas Quasthoffs unter der Leitung von Daniel Barenboim. Daniel Barenboim rückte auf engagierte Weise mit Arnold Schönbergs A Survivor from Warsaw (1947) und Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 3 Es-Dur, der »Eroica«, weniger das Heroische als das Menschliche in die Aufmerksamkeit der Hörer*innen. Das war ein brillanter Zug seiner Interpretation.

Die Formulierung „Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz“ wird allgemein gebraucht. Doch sie rückt stärker den Akt der Befreiung durch die Rote Armee als heldische Tat in die Aufmerksamkeit als die Menschen, die nach unendlichem Leiden von entmenschlichenden Praktiken befreit wurden. (Erst) 1996 wurde der 27. Januar zum offiziellen „Gedenktag für Opfer des Nationalsozialismus“ auf Initiative von Bundespräsident Roman Herzog erklärt. 2005 ernannten die Vereinten Nationen den Tag zum „International Day to Commemorate Victims of the Holocaust“. Der Gedenktag wird differierend benannt und das Gedenken verschieden formuliert. Die Grußworte der Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel, und des Ministerpräsidenten, Mateuz Morawiecki, vor dem Benefizkonzert sind offiziell veröffentlicht worden. Sie fielen sehr unterschiedlich aus und bezogen sich auf verschiedene Weise auf das Menschliche.

© Peter Adamik

Diese Besprechung ist ein redaktioneller Einschub in der Abfolge der Posts auf NIGHT OUT @ BERLIN. Mehrere Besprechungen zu aktuellen Ereignissen wie dem ultraschall festival oder dem Salon Sophie Charlotte in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt sowie einem Passagen Gespräch mit Chantal Mouffe im Roten Salon der Volksbühne wollen und sollen ausführlicher als im Kurzmitteilungsformat Blog üblich besprochen werden. Das Benefizkonzert und seine Rahmung kommen nun dazwischen, während bereits die Besprechung des Passagen Gesprächs weiter fortgeschritten, aber noch nicht veröffentlichungsreif geschrieben ist. Das „Grußwort“ der Bundeskanzlerin wurde heute Morgen um ca. 10:00 Uhr vom Presse- und Informationsamt veröffentlicht.[1]

© Peter Adamik

Mit großer Genauigkeit thematisiert Angela Merkel in ihrer Rede die Frage, ob man im Gedenken an die Shoa überhaupt Musik spielen, gar ein herausragendes Konzert veranstalten sollte. Muss das Spielen von Musik zum Gedenken an die Shoa nicht immer unangemessen bleiben, weil die „Auschwitzer Häftlinge“ auf Befehl und unter Todesangst „zu den furchtbarsten Dingen“ Musik machen mussten? Hat nicht die klassisch genannte Musik z. B. Ludwig van Beethovens durch den erschütternden Missbrauch in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern ihre Schönheit und Unschuld verloren? Die Bundeskanzlerin – und wahrscheinlich hat das noch nie ein Bundeskanzler in einer Rede zum 27. Januar 1945 so genau formuliert – sagte:    
„Wie, meine Damen und Herren, konnte es an einem solchen Ort des Grauens Musik geben? Eine zutiefst verstörende Ambivalenz. 73 Jahre später, am 31. Januar 2018, fand Anita Lasker-Wallfisch, inzwischen 92 Jahre alt, für diese Ambivalenz in ihrer Rede vor dem Deutschen Bundestag folgende Worte: „Für viele war Musik in dieser Hölle eine absolute Beleidigung, für manche vielleicht eine Möglichkeit, sich für Momente in eine andere Welt zu träumen.“ Diese Worte geben Zeugnis von dem Grauen des von Deutschland begangenen Zivilisationsbruchs der Shoa. Für Anita Lasker-Wallfisch waren die Musik und ihr Cello-Spiel in der Lagerkapelle Birkenau eine Geschichte des Überlebens.“[2]

© Peter Adamik

Es ist unter Politiker*innen und Staatsmännern üblich, dass sie für sie geschriebene Reden verlesen. Doch man kann von Angela Merkel auch wissen, dass sie gern in einem Konzert klassische Musik hört. Beim Salon Sophie Charlotte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hörte sie 2017 einer längeren Diskussion zwischen Nike Wagner und Gerhard R. Koch über Revolution und Reformation in der Musik zu, die das Akademiemitglied Ernst Osterkamp moderierte.[3] Dafür nimmt sie sich Zeit. Sie kann diese Art Musik hören, was keinesfalls selbstverständlich ist. Gerade in Benefiz- und Gedenkkonzerten sitzen überdurchschnittlich viele Menschen, die die Musik kaum hören. In dem Spielen klassischer Musik zum Gedenken allerdings eine „verstörende Ambivalenz“ zu erkennen, setzt, sagen wir, ein gewisses Verständnis von Musik und historisch einmaligen Verbrechen voraus. Das Gedenken der Befreiung ist nicht zuletzt eines der Überlebenden, die es wie Primo Levi, dem Autor von Ist das ein Mensch? (1947), bisweilen oft nicht aushalten konnten, überlebt zu haben.[4] Andere wie Margot Friedländer haben bis heute überlebt.
„Liebe Frau Friedländer, ich freue mich außerordentlich, dass Sie heute Abend hier sind. Das berührt mich sehr.“

© Peter Adamik

Die Bundeskanzlerin erinnerte mit entschlossener Haltung daran, dass „unfassbar viele Lebensgeschichten (…) mit dem Tod (endeten), der systematischen Ermordung“. Ausdrücklich nannte sie neben „sechs Millionen Juden“, denen es zu gedenken gelte, „Sinti und Roma, der Menschen mit Behinderungen, der politischen Gefangenen, der Homosexuellen, der Zwangsarbeiter“. Diese inklusive Benennung der Ermordeten ist keinesfalls selbstverständlich. Doch Angela Merkel hat in ihrer Rede ausdrücklich die Homosexuellen benannt, wofür die Homosexuellen in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik allzu lange ringen mussten. Unmissverständlich gegen den Geschichtsrevisionismus der AfD, ohne diese zu nennen, sagte sie:
„Wir gedenken aller Opfer der Shoa, die mit sämtlichen Werten der Zivilisation gebrochen hatte.“[5]

© Peter Adamik

Das Gedenken bezog sich nicht nur auf Abwesende, Ermordete und Verstorbene, vielmehr noch auf eine Anwesende. Die Bundeskanzlerin und die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, hatten die im November 1921 in Berlin geborene Margot Friedländer eingeladen, mit ihnen und dem Ministerpräsidenten der Republik Polens aus der ersten Reihe im ersten Rang der Staatsoper Unter den Linden dem Benefizkonzert beizuwohnen. Deshalb zitierte Angela Merkel aus deren Erinnerungen: „Sie mussten erst wieder lernen, dass sie Menschen waren. Menschen, die einen Namen hatten.“ Die Juden und andere Häftlinge von Auschwitz sowie anderer Konzentrationslager waren durch die Behandlung der Wärter*innen und das Konzept der Vernichtung durch Konzentrationslager systematisch entmenschlicht worden. Die Tätowierung der Lagernummer ersetzte den Eigennamen. Sie machte die Menschen namenlos zur Nummer in der Liste der zur Ausbeutung und Ermordung Inhaftierten.

© Peter Adamik

Das Grußwort des Ministerpräsidenten der Republik Polen fiel allein schon deshalb etwas prekär aus, weil er unbedingt die „Nazi-Konzentrationslager“ an die Seite des „Gulag“ stellen wollte. Das muss man selbst dann als fatale Verkennung verstehen, wenn man die unmenschliche und oft willkürliche Verfolgung sogenannter politischer Feinde in der Sowjetunion und Polen anerkennt. Der vorherrschende politische Diskurs in Polen zeigt da ganz offensichtliche Differenzierungsschwächen. Es gab keine der „Wannsee-Konferenz“ vergleichbare Planung der Ermordung von rassisch-definierten Millionen von Menschen aus wirtschaftlich-kriegstechnischer Strategie. Die Verbrechen des „Gulag“ haben andere Ursprünge in der Moderne.[6] Auch und gerade deshalb war das Benefizkonzert zugunsten der Stiftung Auschwitz-Birkenau für Jugendprojekte von wegweisender Bedeutung. Denn der Schreiber dieser Zeilen spendete als Jugendlicher auf dem 17. Deutschen Evangelischen Kirchentag in West-Berlin 1977 einen Baustein für die Internationale Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz. Der Präsident der Foundation Auschwitz-Birkenau, Dr. Piotr M.A. Cywiński, formuliert die Aufgabe als eine für die Zukunft:
„If the world we would like to build is to be safer, peaceful and more welcoming, it is imperative that we keep the authenticity of the Auschwitz-Birkenau Memorial viable and palpable.“ 

Arnold Schönbergs A Survivor From Warsaw für Sprecher, Männerchor und Orchester von 1947 gehört unbedingt zu den bekanntesten musikalisch-narrativen Werken zum Holocaust. Detlef Giese nennt es „Ein musikalisches Denkmal“ und erinnert daran, dass Arnold Schönberg angesichts der Machtübernahme der Nationalsozialisten, der ersten Repressionen und verbrecherischen Enteignungen der jüdischen Bürger*innen in Deutschland, seiner Enthebung der Lehrämter sowie der Bücherverbrennung im Mai 1933 im Juli des gleichen Jahres „in einer Pariser Synagoge unter Zeugen seine Rückkehr zum Judentum“ erklärte.[7] 1947 beendet der Männerchor das Melodrama Ein Überlebender aus Warschau mit dem „Schema Israel“, Deuteronomium 6, 4-7 „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einiges, ewiges Wesen! …“. Wie für Primo Levi stellt 1947 auch für den unbekannten Überlebenden aus Warschau das Erzählen eine schier unüberwindbare Herausforderung dar.

Für Primo Levi war Scham ein wichtiger Begriff im Erzählen über Auschwitz.[8] Am Ende eines Tages in Auschwitz unter der Überschrift Das Letzte wird „die Scham“ benannt: „Wir haben die Menuschka aufs Bett gehoben, wir haben geteilt, wir haben die Wut des täglichen Hungers befriedigt, und jetzt bedrückt uns die Scham.“ Die bedrückende Scham des bzw. der Überlebenden wird vorher mit einer Szene des Schweigens und Nicht-Berichten-könnens erzählt. „Könnte ich doch berichten, daß sich aus uns elender Herde eine Stimme erhoben hätte, ein Murmeln, eine Äußerung von Einverständnis. Nichts geschah. Wir blieben stehen, gebeugt und grau und gesenkten Hauptes, und wir nahmen unsere Kopfbedeckung erst ab, als der Deutsche es uns befahl. Die Falltür öffnete sich, der Körper zuckte furchtbar; die Kapelle setzte ein, und wir, von neuem zur Marschkolonne geordnet, zogen am letzten Beben des Sterbenden vorbei.“[9] Das ohnmächtige Ausbleiben der „Äußerung“ wiegt schwer. Es kommt insofern in einer Aufführung des Melodramas A Suvivor from Warsaw immer darauf an, auch das Versagen der Sprache zu bedenken.

Für mich hörte sich die Aufführung des Textes in englischer Sprache mit Befehlen in Deutsch durch Thomas Quasthoff mit großer Klarheit und Verständlichkeit vorgetragen zugleich nach eben jenem Versagen der Sprache an. Der Erzähler kann sich „an das meiste … nicht mehr erinnern“, weil er dafür auch keine Sprache findet, müsste man sagen. Doch er erinnert sich „an den großen Moment, als alle wie auf Verabredung das alte, so lange Jahre vernachlässigte Gebet anstimmten – das vergessene Glaubensbekenntnis!“ Die Wiederkehr der Sprache findet als formelhaftes und vereinendes Glaubensbekenntnis statt. Diesem auf paradoxe Weise „großen Moment“ geht eine kurze Erzählung voraus, in der wie in einer Montage die Befehle eines namenlosen „Feldwebel(s)“ auf Deutsch herausgeschleudert werden. Die Erzählung konzentriert sich auf einen Moment, der der Kontrolle und Erzählbarkeit entgleitet. Denn plötzlich oder wie es in dem Text heißt „and all of a sudden, in the middle of it, they began singing the „Shema Yisroel““. Die Plötzlichkeit markiert den Moment des Umschlags jenseits einer Erklärbarkeit.

© Peter Adamik

Die Sinfonie Nr. 3 von Ludwig van Beethoven dirigierte Daniel Barenboim aus dem Gedächtnis und für mich auf bislang nicht gehörte Weise. Mit größter Präzision dirigierte er aus dem Kopf. Das Musikgedächtnis und seine Aktualisierung faszinierten ungemein. Daniel Barenboim leuchtete sozusagen jeden Winkel der Partitur im Gedächtnis aus, um nicht das klassisch Formelhafte, sondern das Individuelle, das Einzigartige des musikalischen Denkens von Ludwig van Beethoven hörbar werden zu lassen. Das Heroische wird häufig zu einem formelhaften Verhalten verdichtet. Doch Barenboim sucht den „hochgradig individuellen Zuschnitt“[10] der Partitur auf. Mit dem Individuellen wird nicht zuletzt ein Konzept des Menschlichen herausgearbeitet. Zwar bietet die viersätzige Sinfonie noch eine Geschlossenheit in der Komposition, doch die, sagen wir, Betonung des Ideenreichtums in der Orchestrierung und Ausformung der einzelnen Themen rücken den Moment viel stärker in den Vordergrund. – Was heißt das für die Sprache und das Erzählen?

In der Geschichte der Interpretationen der Sinfonie Nr. 3 sind oft historische Persönlichkeiten ins Spiel gebracht worden, als habe Ludwig van Beethoven ein Portrait oder eine Biographie Napoleons oder Prinz Louis Ferdinands von Preußen schreiben wollen. Doch mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin hört sich für mich die 3. Sinfonie vielmehr an, als habe der Komponist ausprobieren wollen, wohin sich das Einzigartige des Menschen als ein neuartiges Klangbild seiner selbst ausloten und treiben lässt. Das beinhaltet vor allem zuvor nicht praktizierte Abweichungen als Überraschungen. Leicht könnte bei einer derartig „neue(n) Manier“[11] alles auseinanderfliegen. Doch Daniel Barenboim und Detlef Giese beachten viel stärker, wie die Partitur gemacht, gebaut und geschrieben worden ist, als dass ein geschlossenes Bild irgendwie als Idee eines Namens von vornherein festgestanden hätte. Daniel Barenboim bietet uns nicht das Immer-schon-gehörte nach dem Motto „Erkennen Sie die Melodie“, sondern zutiefst menschliche Musik des Suchens und Machens von Neuem durch Abweichungen.

Torsten Flüh  

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[1] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Gedenkkonzert zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 2020 in Berlin. (online)

[2] Ebenda.

[3] Siehe Torsten Flüh: Salon in revolutionären Zeiten. Rebellionen, Revolutionen oder Reformen im Salon Sophie Charlotte in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. In: NIGHT OUT @ BERLIN Januar 26, 2017 16:31.

[4] Siehe Torsten Flüh: Schreiben, was sich nicht erzählen lässt. Primo Levis Ist das ein Mensch? in der Jüdischen Gemeinde Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN Januar 28, 2012 21:47.

[5] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Rede … [wie Anm. 1].

[6] Vgl. dazu u. a. Torsten Flüh: Kontroverse Erinnerungskünste der Sowjetmacht. Zu Karl Schlögels Schmöker Das sowjetische Jahrhundert und einer Ausstellung im Haus Zukunft. In: NIGHT OUT @ BERLIN November 6, 2017 17:55.

[7] Staatsoper Unter den Linden (Hg.): Benefizkonzert zum Gedenken an den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Berlin 2020, S. ohne Seitenzahl.

[8] Primo Levi: Ist das ein Mensch? München: Hanser, 2001, S. 186.

[9] Ebenda S. 184.

[10] Detlef Giese: Eine neue Sinfonik für das neue Jahrhundert. In: Staatsoper Unter den Linden (Hg.): Benefizkonzert … [wie Anm. 7]

[11] Zitiert nach ebenda.

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