Singularitäten und das Einmalige

Lied – Gedicht – Symphonie

Singularitäten und das Einmalige

Zum BBC Symphony Orchestra unter Sakari Oramo und Georg Nigl mit Olga Paschenko beim Musikfest Berlin 2019

Wie lässt sich Singularität musikalisch formulieren? Der finnische Chefdirigent Sakari Oramo beim BBC Symphony Orchestra bot mit seinem Programm von Modest Mussorgski, Louis Andriessen, Olga Neuwirth und Jean Sibelius gleich vier Komponist*innen, die in ihren Kompositionen Singularitäten auf besondere Weise als Ereignis und Problem in der Musik behandelt haben. Modest Mussorgskis Вечер накануне Ивана Купала, Vecher nakanune Ivana Kupala, deutsch: Johannisnacht auf dem kahlen Berge, ist so einzigartig, dass sie erst postum in der Bearbeitung von Nikolai Rimski-Korsakow zur Aufführung kam. Louis Andriessens The only one erlebte in der Philharmonie seine Europäische Erstaufführung, um am 8. September als „Prom 67“ in der Royal Albert Hall die Britische Erstaufführung zu erklingen. Das Berliner Konzert wird in der Mediathek von Deutschlandfunk Kultur vorgehalten.

In der romantischen Liedliteratur Franz Schuberts und Ludwig van Beethovens geht es nicht zuletzt darum, die Einzigartigkeit eines meist schmerzhaften Gefühls erfahrbar zu machen. Der österreichische Bariton Georg Nigl widmete sich in seinem Liederabend mit Olga Pashchenko am Érard-Flügel Franz Schubert und Ludwig van Beethoven in ihrem Ringen um das einzigartige Gefühl als Bestätigung des romantischen Subjekts. Vor allem aber brachte er Wolfgang Rihms „Gryphius-Stück für Bariton und Klavier“ Vermischter Traum zur Uraufführung. Darin passierte dann tatsächlich einzigartiges, das sich nur unzureichend damit erklären ließ, dass Georg Nigl mit Wolfgang Rihm sehr gut befreundet ist. Die barocken Gryphius-Gedichte Thränen in schwerer Krankheit und Betrachtung der Zeit bekamen vielmehr einen intensiven Eigensinn, der sich hören ließ.   

Modest Mussorgskis Johannisnacht auf dem Kahlen Berge gilt als „Zeugnis eines anti-akademischen eigenwilligen Musikdenkens“[1], was dazu führte, dass das Einzelstück zu seinen Lebzeiten nicht und vom BBC Symphony Orchestra in der postumen Fassung von Nikolai Rimski-Korsakow aufgeführt wurde. Insofern wurde vom Orchester das Einzigartige verfehlt, weil Mussorgski als 28jähriger 1867 akademische Regeln des Komponierens nicht einhielt. Der Titel spielt auf wenigstens zwei literarische Texte an. 1830 hatte Nikolai Gogol die Erzählung Johannisnacht veröffentlicht.[2] In der Erzählung geht es um Liebe, Sexualität und zotige Worte, die nicht genannt werden dürfen, wenn es etwa heißt, dass „Bassawrjuk (..) noch so ein Wörtlein hinzu(fügte), daß jeder anständige Mensch sich dabei die Ohren zugehalten hätte“.[3] Doch Gogols Erzählung spielt nicht auf einem Berg, sondern in einer „tiefe(n) Schlucht“.[4]

© Adam Janisch

Offenbar hatte Modest Mussorgski nicht nur Gogols Erzählung gelesen, vielmehr gibt die Kombinatorik des Titels im Russischen ebenso einen Wink auf Goethes Drama Faust von 1808. Die „Walpurgisnacht“ in Goethes Faust findet auf dem „kahlen Berg“, dem Blocksberg, doch nicht in der Johannisnacht vom 23. auf den 24. Juni, sondern vom 30. April auf den 1. Mai statt. Wieweit Gogol selbst bei seiner Erzählung schon an die „Walpurgisnacht“ in Goethes Faust anknüpfte und sie modifizierte, ist nicht überliefert. Doch Mussorgski machte bereits 1858 Skizzen zu einer Oper mit dem Titel Johannisnacht. Das „eigenwillige() Musikdenken()“ Mussorgskis winkt hinüber zu Hector Berlioz‘ Symphony fantastique, die wenigstens im letzten Teil mit dem Songe d’une nuit du sabbat (Traum von einer Sabbat-Nacht) an Faust und die sexuellen Ausschweifungen anknüpft.[5]  

© Adam Janisch

Sakari Oramo entfachte wenigstens einen regelrechten „Hexentanz“ der sexuellen Begierden mit Eine Nacht auf dem kahlen Berge. Die Verwandlung der Literatur in symphonische Dichtung erlaubt, zur Musiksprache zu bringen, das sowohl als Beben in der Natur wie als solches der Gefühle und Begierden intoniert werden kann. Was in der Literatur bei Gogol nicht gesagt bzw. nicht geschrieben werden darf, lässt sich vermutlich stärker noch als in der „Bearbeitung“ von Nikolai Rimski-Korsakow in der libidonösen Überschreitung der akademischen Regeln der Musik formulieren. Die Figuren des Teufels und der Hexe in der Musik lassen Worte und Handlungen wiederkehren, die nicht ausgesprochen werden dürfen.

© Adam Janisch

Louis Andriessen durchbricht seinerseits kompositorische Regeln eines Liedzyklus, um mit The only one für Jazzsängerin und großes Orchester mit der Amsterdamerin Nora Fischer die Genregrenzen zu erweitern. Zur Europäischen Erstaufführung in der Philharmonie war der niederländische Komponist, der 1939 in Utrecht geboren wurde, angereist. Die Uraufführung des Auftragswerks der Los Angeles Philharmonic Association, Gustavo Dudamels sowie niederländischer Radiosender und dem BBC war am 2. Mai 2019 von Esa-Pekka Salonen in Los Angeles mit Nora Fischer aufgeführt worden. Für The only one hat Andriessen Gedichte der international kaum bekannten niederländischen Dichterin Delphine Lecompte kompositorisch bearbeitet. Er stellt damit nicht zuletzt eine in gewisser Weise feministische Weiblichkeit ins Interesse seiner Komposition. Lecompte hat ihre Gedichte selbst vom Niederländischen ins Englische übersetzt.

© Adam Janisch

Nora Fischer als Interpretin von Delphine Lecompte und Louis Andriessen sowie einem Teil des BBC Symphony Orchestra setzen ein weibliches Ich in Szene, das seinerseits in der Gedichtsammlung De dieren in mij (Die Tiere in mir) von 2009 nicht nur Gendergrenzen erforscht. Die Einzige in dem Titel gebenden Gedicht The only one stellt sich im Modus der Frage im Unterschied zu einer romantischen der Selbstbehauptung her. Das kann bereits als ein feministischer Zug gelesen und gehört werden. Das Ich wird vielfältig. Nora Fischer performt das Klanggedicht zunächst in einer mädchenhaften Weise mit gelben, Sternen besetzten Socken. Sie entwickelt sich quasi über die 5 Klanggedichte und die unterschiedlichen Tiere, die schon deshalb nicht der Logik von Liedern entsprechen, weil sie eine erstaunliche Wandelbarkeit erfordern, von einem mädchenhaften Frauentyp zu einer Frau, für die die Formulierung ‚shame is a wasted emotion‘ nicht gelten will.

Die Einzige formuliert sich als Frage, ob nur sie das Kratzen der Katze an der Matratze hört, obwohl sie gar nicht zuhause ist, sondern ziellos durch die Stadt wandert und das einzige Ziel hat, eine CD zu kaufen. Was vermeintlich einzigartig vorkommt, könnte ein zum Verwechseln ähnliches Verhalten von Millionen Menschen sein. Doch das Kratzen der Katze könnte das Ich in seiner Heimatlosigkeit als ein einziges bestätigen:
Am I the only one
that hears the cat scratching
at my mattress
when I am not in bed
when I am not at home
but wander around the city
aimless
unless buying a cd is a goal
and my mother is sick with self-pity
an my father is not at home
you are too old to be an orphan
too old to keep the promise
I dig up my talents
they are yellowed and rendered obsolet.
[6]   

Die Einzige wird von Nora Fischer als Jazzsängerin nicht nur vorn auf dem Podium, sondern auf der ganzen Fläche sogar zwischen den Musikern performt. Es ist nicht unbedingt Jazz, allenfalls eine Art Free Jazz mit extended voice, was Louis Andriessen mit einer deutlichen Haltung zu dem, was er einmal „de-composition“ genannt hat[7], komponiert hat. Die Instrumentierung mit Elektrischer Gitarre und Bassgitarre zu unter anderem 6 Violinen I, 6 Violinen II, 4 Violen, 4 Violoncelli und 3 Kontrabässen, um nur die Streicher zu nennen, schafft einen Jazzsound, der bereits vielfach in sich gebrochen ist. Was an ein Jazzmusical erinnern könnte, steht im Dienst der einzelnen Gedichte wie in Grown up, wo ein Mann mit einem Reiher am Strand steht.
On the nudist beach I saw:
A man with a heron
who winked and wagged at me, and then he snared me
I also saw breasts
underfined but harshly bitten.[8]

© Adam Janisch (Zuschnitt T.F.)

Nora Fischer und Louis Andriessen bekamen für ihren eigenwilligen Liedzyklus enthusiastischen Beifall. Der Liedzyklus setzt das weibliche Ich abseits der Liedtradition und selbst Alban Bergs Orchesterliedern nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg, wie sie die Mezzosopranistin Anne Sophie von Otter mit den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbado 2012 interpretiert hat[9], in Szene. Sie unterlaufen zugleich eine Erwartung von Einheit und Geschlossenheit. Nach der Pause setzte der schwedische Trompeter Håkan Hardenberger mit Olga Neuwirths … miramondo multiplo … das Konzert fort. Mit dieser Komposition setzt die Komponistin ebenfalls auf eine Vielfältigkeit und Einzigartigkeit, nicht zuletzt indem sie das Stück 2006 für Håkan Hardenberger komponiert hat. Womöglich kann niemand sonst wie er dies Trompetenkonzert spielen. Es erfordert nicht nur einen Wechsel zwischen hoher und regulärer Trompete, vielmehr wird der Trompetenklang mit einer Vielzahl unterschiedlicher Dämpfer und Spieltechniken verändert, modifiziert, ja, verfremdet.

Die spielpraktische Verfremdung des Genres Trompetenkonzert korreliert mit den Zitaten populärer Trompetenmusik wie Stephen Sondheims Send in the Clowns und der geradezu klassischen Händel-Arie Lascia la spina. Die Form des ebenfalls klassischen Trompetenkonzert in 5 Sätzen wird von Olga Neuwirth in eigensinnige Arien zwischen Engeln, Erinnerung, kaltem Blut, Frieden und Vergnügen – Aria dell’angelo, della memoria, del sangue freddo, del pace, del piacere – zitiert und transformiert. Vielleicht ist eben das verschachtelte Trompetenkonzert zu nicht mehr und nicht weniger als dem Vergnügen komponiert. Dafür wird dann allerdings der Trompeter Håkan Hardenberger extrem gefordert. Die erweiterten Spielweisen als entschiedene Grenzüberschreitungen erfordern nicht zuletzt ein Vergnügen an der einmaligen Invention. Die Uraufführung hatte der Trompeter übrigens mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Pierre Boulez bestritten. Das BBC Symphony Orchestra reichte in den Korrelationen mit dem Solisten nach einhelligem Eindruck mit Sakari Oramo durchaus an diese heran.

Als Abschluss dirigierte Sakari Oramo das brillante BBC Symphony Orchestra aus dem Kopf Sibelius‘ Symphonie Nr. 5 von 1919 als ein einziges Crescendo. Wieviel Naturbeschreibung der finnischen Landschaft, wieviel vermeintlich majestätisch dahingleitende Schwäne gibt es in der Symphonie Nr. 5 noch? Der apokalyptische Erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution 1917 hatten für Finnland zur Erklärung der Unabhängigkeit am 6. Dezember 1917 geführt. 1919 erhielt Finnland seine erste Verfassung als unabhängige Republik Finnland. Man kann nun Oramos Interpretation von 5. Symphonie als eine besondere Verwandtschaft in der Wahrnehmung der finnischen Natur hören. Drohnenflug über die Landschaft eher schneelos, viel Wasser mit Felsen und Wälder. Oder man hört Sakari Oramos 5. Symphonie von Jean Sibelius eher musikhistorisch, dann kann das Crescendo gegen Schluss kaum noch beruhigen. Es lässt sich vielmehr als eine gewisse, eigentümliche Verzweiflung hören, die sich durchaus in der finnischen Mentalität finden lässt. Es wäre eine fast romantische Verzweiflung im Ringen, der Landschaft, der Natur, dem Leben, der Kunst trotzdem Sinn abzugewinnen. Keine Schwäne, sondern eher das Gegenteil.   

Das Format Liederabend war einst womöglich der Inbegriff intimer Begegnungen mit der Interpretin oder dem Interpreten und einer bürgerlichen Kennerschaft. Zum Liederabend gehört der Liedzyklus, der oft erst im Nachhinein z.B. die Lieder von Franz Schubert in einen sinnlichen und sinnhaften Kontext brachte. In einer erstaunlich kurzen Zeit komponierte Schubert 600 Lieder, bevor er mit 31 Jahren an einer Infektion und der Geschlechtskrankheit Syphilis starb. Am 9. September brachte nun der österreichische Bariton Georg Nigl Lieder von Franz Schubert, den Liederzyklus An die ferne Geliebte von Ludwig van Beethoven und die Uraufführung von Wolfgang Rihms Vermischter Traum im Kammermusiksaal zu Gehör. Im Januar sang Georg Nigl die Rolle des Peter in der Uraufführung von Beat Furrers Oper Violetter Schnee an der Staatsoper Unter den Linden, worüber berichtet wurde. Im Juli 2017 brillierte er als Lenz in der Uraufführung von Wolfgang Rihms Oper Jacob Lenz in der Staatsoper.[10] Georg Nigl gehört zu den ausgezeichnetsten Interpreten des Liedes und zeitgenössischer Opern in seinem Fach.

Der Liedinterpret singt nicht nur. Er bzw. sie soll im Gesang Gefühle und Sinn vermitteln. Die Gedichte oft weniger bekannter Poeten werden mit der Musik zu Miniaturen eines Ich, das der oder die Interpret*in in Stimme und Gestik möglichst genau verkörpern sollte. Die Autorität eines Dietrich Fischer-Dieskau (1925-2012) bestand in der Artikulation und Verständlichkeit einer Übereinstimmung von Form und Sinn. Es werden nicht nur Lieder der Romantik mit Sinn und Ausdruck aufgeladen, vielmehr werden Subjektmodelle entwickelt und vorgestellt. Denn das Lied wird nicht unpersönlich gesungen, vielmehr soll es dem Ich im Text eine Persönlichkeit geben, an dem das Publikum teilhaben darf. Georg Nigl eröffnete seinen Liederabend mit dem Ich in Die Taubenpost von Franz Schubert mit dem Text von Johann Gabriel Seidl. Darin formuliert das einsetzende Ich exemplarisch seine Weltsicht wie Gefühlswelt mit einer Brieftaube.
Ich hab‘ eine Brieftaub‘ in meinem Sold,

Drum heg‘ ich sie auch so treu an meiner Brust,
Versichert des schönsten Gewinns;
Sie heißt – die Sehnsucht! Kennt ihr sie? – kennt ihr sie?
Die Botin treuen Sinns.[11]

Das Gedicht und Lied der Romantik insbesondere bei Franz Schubert ringt um die Sprache als Ausdruck der Wahrnehmung und des Wissens von der Welt. Die taubenzüchterische Taubenpost lässt einen alltagsweltlichen Bereich nicht nur zum Hobby, sondern zum Drama des Sehnens und Begehrens werden. Das Ich verknüpft sich aufs Innigste mit der Brieftaube als Sehnsucht nach Sinn und Gemeinschaft, die ihm vorenthalten werden. Entsprechend hat Franz Schubert das lebensweltliche Ensemble zur Gefühls- und Sinnkrise in Gemeinschaft – „Kennt ihr sie?“ – modifiziert. Erstaunlicher Weise oder auch nicht lässt sich an dieser Sinnfrage heute schwerer als noch in der Hochzeit des Liederabends in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts teilhaben. Der Vortrag der Liedromantik von Georg Nigl und Olga Pashchenko ist makellos und intensiv. Doch wirklich ergreifend wird der Abend erst mit Wolfgang Rihms Vermischter Traum.

Wolfgang Rihm hat in seinem „Gryphius-Stück“ für Bariton und Klavier die Barockgedichte Thränen in schwerer Kranckheit und Betrachtung der Zeit montiert und komponiert. Das Barockgedicht zeichnet sich durch eine starke Regelhaftigkeit und Emblematik aus, wie sie beispielsweise in der geometrischen Gartenarchitektur des Barock sichtbar werden. Diese Regelhaftigkeit und Berechenbarkeit generiert quasi Sinn aus sich selbst und wird, um es einmal so zu formulieren, dem christlichen Gott zugeschrieben. Das Leben wird bzw. ist sinnvoll, weil es bestimmten Wenn-Dann-Modi entspricht. Insofern figuriert das Barockgedicht geradewegs als Gegensatz zum Gedicht und Lied der Romantik. Das Ich unterwirft sich bei Andreas Gryphius dieser Regelhaftigkeit, die sich als Bescheidenheit lesen lässt. Es sind die langsamen Tempi wie das dreimalige Andante auf „Mir sind die Jahre nicht mir die Zeit genommen …“, die das „Gryphius-Stück“ strukturieren. Die „Betrachtung der Zeit“ nach Andreas Gryphus wird mit den „Thränen“ streng alternierend kombiniert.
Majestoso sostenuto
Was ist diß Leben doch / was sind wir / ich und ihr?
Was bilden wir uns ein! Was wünschen wir zu haben?[12]    

Georg Nigl konnte nach dem Applaus für seinen Liedvortrag nicht anders, als sich vor dem nächsten Block mit Liedern von Franz Schubert an das Publikum zu wenden, um diesem zu sagen, wie sehr ihn das „Gryphius-Stück“ von seinem wirklich guten Freund Rihm berührt habe. Und genau das konnte der, sagen wir, empathische Zuhörer gehört haben. Im Unterschied zur Ausdruckslogik des Romantikliedes und seinem sehnenden Ich hatte die Schlichtheit des „Gryphius-Stück“ wirklich hinhören lassen. Wolfgang Rihm eröffnet mit Vermischter Traum eine andere Logik des Subjekts. Wie wäre es anstatt seine Existenz ständig auf das Begehren auszurichten, sich in Bescheidenheit zu üben? Abgesehen vom Unterschied zum Subjekt des Begehrens in der Romantik, könnten wir über unsere Wünsche nachdenken und diese auf ihre Relevanz z.B. hinsichtlich des Konsums und eines SUV überprüfen. Das Barocksubjekt in Andreas Gryphius‘ Thränen in schwerer Krankheit könnte zumindest daran erinnern, dass eine schwere Krankheit alle Wünsche auf den Kopf stellen kann.

Itzt sind wir hoch und groß / und morgen schon vergraben:
Itzt Blumen morgen Kot / wir sind ein Wind / ein Schaum /
Ein Nebel / eine Bach / ein Reiff / ein Tau‘ im Schatten
Itzt was und morgen nichts / und was sind unser Thaten?
Als ein mit herber Angst durchaus vermischter Traum.[13]    

Torsten Flüh

Deutschlandfunk Kultur
Mediathek
BBC Symphony Orchestra
Sakari Orano
5.9.2019 20:03 Uhr


[1] Marin Wilkening: Musikalische Evokationen: Symphonische Dichtung, Lieder-Zyklus, Solo-Konzert und Symphonie. In: Berliner Festspiele: 5.9.2019 BBC Symphony Orchestra Sakari Oramo. Berlin 2019, S. 9. (Digital)

[2] Nikolai Gogol: Johannisnacht. (Gutenberg)

[3] Ebenda.

[4] Ebenda.

[5] Vgl. dazu Torsten Flüh: Extrem engagierte Pianisten. Pierre-Laurent Aimard und Alexander Melnikov rahmen das Eröffnungskonzert des Musikfestes Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. September 2019.

[6] Louis Andriessen: The only one … In: Berliner Festspiel: 5.9.2019 … [wie Anm. 1] S. 14.

[7] Siehe z.B. Louis Andriessen: The Hague Hacking (2008) Anmerkungen des Komponisten

[8] Louis Andriessen: The … [wie Anm. 5] S. 15.

[9] Siehe: Torsten Flüh: Von der Tiefe der Musik. Claudio Abbado dirigiert Robert Schumann und Alban Berg mit den Berliner Philharmonikern. In: NIGHT OUT @ BERLIN Mai 13, 2012 21:51.

[10] Zu Georg Büchners Text Lenz vergleiche: Torsten Flüh: Dem Manuskript verschrieben. Das verschwundene Manuskript von Heidi von Plato und Lenz von Büchner. In: NIGHT OUT @ BERLIN März 8, 2014 20:04.
Zu Reinhold Michael Jacob Lenz‘ Die Soldaten als Oper von Bernd Alois Zimmermann: Torsten Flüh: Echte Nervensache. Gefeierte Berlin-Premiere von Bernd Alois Zimmermanns Die Soldaten in der Komischen Oper. In: NIGHT OUT @ BERLIN Juni 22, 2014 21:23.

[11] Franz Schubert: Die Taubenpost. In: Berliner Festspiele: 9.9.2019 Georg Nigle und Olga Pashchenko. Berlin 2019. Abendprogramm S. 11.

[12] Ebenda S. 16.

[13] Ebenda.

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