Rendezvous: Romanisches Café um Halb Vier!

Zeitung – Romanisches Café – Erinnerung

Rendezvous: Romanisches Café um Halb Vier!

Zum Erinnerungsort Romanisches Café im Europa Center anlässlich des 70. Geburtstages von Friedrich und Karl Kröhnke

Zum Romanischen Café dichtete Friedrich Hollaender einst: „Wir sitzen süß und doof ohne Portemonnaie / Vor unsern leeren Gläsern im Stammcafé / Mittags von Punkt zwölf Uhr / Bis abends um Punkt zwölf Uhr / Verkehrsinseln in dem Meere der Literatur …“ Ganz gesichert ist der Songtext von Hollaender nicht, aber er kursiert im Internet. In der Ausstellung zum Erinnerungsort Romanisches Café liegt indessen die Schellackplatte Auf der Terrasse vom Romanischen Café, Lied und Tango von F. Sonny, P. Mann – K. Schwabach, auf dem Grammophon: Luigi Bernauer singt im Tangorhythmus mit Orchesterbegleitung: „Auf der Terrasse / vom Romanischen Café,/ da lernt‘ ich kennen / eine süße kleine Fee …“

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Die eine oder andere „süße kleine Fee“ – Heidi, Denise, Martina … – war zur Feier des Zwillingsgeburtstages Kröhnke in der von Michael Bienert kuratierten Ausstellung Romanisches Café gekommen. Die Kröhnke-Zwillingsbrüder Friedrich und Karl mit nun 70 und der Kurator sind zu jung, um das Romanische Café noch zu kennen. Sie kommen von der Literatur- und Kunstgeschichte her auf den Mythos, der gegenüber der neo-romanischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Franz Schwechten in den 20er Jahren aufflackerte. Im Historismus der Hauptstadt-Bauperiode um 1900 lebte die Romanik deutlich überformt neben der elektrischen Verkehrsampel am Kurfürstendamm wieder auf. Tout le monde lebte, urlaubte oder trank wenigstens Kaffee und las Zeitung am Ku‘damm. Romanisch konnte sich das Café schon wegen seines kathedralen- oder bahnhofshallenhohen Hauptraumes nennen.

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Der Klang der großen Schriftsteller- und Verlagsnamen schwirrt durch die Ausstellung und durch Hollaenders satirisches Lied, indem nur ein „romanisch‘ Mädchen“ neben „Brecht bis Kisch“, Thomas Mann, Verlaine und Arno Holz vorkommen.[1] Arno Holz muss man heute googlen, weil er als Dichter, Dramatiker und Lyriker kaum noch bekannt ist. Er wohnte bis zu seinem Tod fußläufig zum Romanischen Café in der Stübbenstraße 5 im Bayrischen Viertel in Schöneberg. In der Ausstellung ist u.a. ein Foto mit dem italienischen Dramatiker Luigi Pirandello während seines Exils in Berlin im Romanischen Café zu sehen. Michael Bienert nannte weitere Schriftsteller*innen von Rang, die im Café oder auf dessen Terrasse verkehrten.[2] Die großen Zeitungsverlage wie der Rudolf Mosse Verlag und Ullstein hatten nach Bienert im Romanischen Café Stammtische. Denn auch Alfred Kerr, der für Zeitungen des Mosse-Verlags schrieb, lebte im Bayrischen Viertel.

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Die Ausstellung zeigt historische Zeitungen, für die es im Romanischen Café einen Zeitungskellner gab, der wusste, welcher Stammgast welche Zeitung las. Zeitunglesen im Café wird selbst von Walter Benjamin, einem Stammgast, in seinem, einer Zeitung nicht unähnlichen Buch Einbahnstraße (1927) nicht beschrieben.[3] Aber in seinem Text mit dem pfiffigen Titel Poliklinik geht es um eine Praxis des Schreibens im Café, die er möglicherweise im Romanischen erprobt hat:
„Der Autor legt den Gedanken auf den Marmortisch des Cafés. Lange Betrachtung: denn er benutzt die Zeit, da noch das Glas – die Linse, unter der er den Patienten vornimmt – nicht vor ihm steht. Dann packt er sein Besteck allmählich aus: Füllfederhalter, Bleistift und Pfeife. Die Menge der Gäste macht, amphitheatralisch angeordnet, sein klinisches Publikum. Kaffee, vorsorglich eingefüllt und ebenso genossen, setzt den Gedanken unter Chloroform. (…) Endlich näht ihm mit feinen Stichen Interpunktion das Ganze zusammen und er entlohnt den Kellner, seinen Assistenten, in bar.“[4]     

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Michael Bienert, Berlinologe und Freund der berlinophilen Zwillinge, gab bei Orangensaft, Wasser und Kaffee eine kurze Einführung zum Erinnerungsort Romanisches Café. Erinnerung braucht einen Ort. Vor der Café-Ausstellung ist ein virtueller Stolperstein verlegt: „John Höxter JG. 1884 Gedemütigt/Entrechtet Flucht in den Tod 15.11.1938“ Schon der Schriftsteller Wolfgang Koeppen erinnerte sich 1964 in Ein Kaffeehaus daran, was nach 1933 mit dem Staatsstreich der NSDAP durch den Totalitarismus an diesem Ort verschwunden war, lange bevor das Haus weggebombt wurde:
„[…] wir sahen die Terrasse und das Kaffeehaus wegwehen, verschwinden mit seiner Geistesfracht, sich in nichts auflösen […] und die Gäste des Cafés zerstreuten sich in alle Welt oder wurden gefangen oder wurden getötet oder brachten sich um oder duckten sich und saßen noch im Café bei mäßiger Lektüre und schämten sich der geduldeten Presse und des großen Verrates […]“[5]

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Der erinnernde Stolperstein für John Höxter wurde in der Hardenbergstraße 28 in Charlottenburg verlegt. Friedrich Hollaender beschrieb Höxter im Couplet Bei uns um die Gedächtniskirche rum als homosexuellen „Schnorrer“ im Romanischen Café: „Ich pendle langsam zwischen allen Tischen. / Ab zwanzig Uhr beherrsch ich dieses Reich. / Ich will mir einen edlen Gönner fischen. / Vor mir sind Rassen und Parteien gleich. / Irrenärzte, Komödianten, / Junge Boxer, alte Tanten, / Jeder kommt mal an die Reihe / Jeder kriegt von mir die Weihe: / Könnse mir fünfzig Pfennige borgen? / Nur bis morgen? / Ehrenwort!“[6] Das Ich, Höxter, spricht gezielt ein homosexuelles Publikum an: „edle() Gönner“, „(j)unge Boxer, alte Tanten“[7]. Er gehörte schon früh zu den Stammgästen des Cafés. Als „alter“ homosexueller Schnorrer geriet Höxter ab 1933 in mehrfacher Hinsicht unter Druck des nationalsozialistischen Regimes. Homosexuelle wurden verhaftet und ins KZ Sachsenhausen bei Oranienburg gebracht.[8] Deshalb ist die Ausstellungseinordnung –  „Der Maler, Dichter und Morphinist John Höxter verdiente seinen Lebensunterhalt als Schnorrer im Romanischen Café. Die Vertreibung der meisten Stammgäste durch die Nationalsozialisten entzog ihm die Existenzgrundlage.“[9] – kaum komplex genug.

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Die Novemberpogrome am 9. November 1938 müssen John Höxter derart verschreckt haben, dass er als erwerbsloser Mann jüdischen Glaubens und Homosexueller keinen anderen Ausweg mehr sah als den Suizid. Die Couplets von Friedrich Hollaender und anderen geben einen Wink auf Prostitution (romansche Mädchen, junge Boxer) und homosexuelle Gäste im Romanischen Café, die im totalitären Regime ab Januar 1933 um ihr Leben fürchten mussten. Else Lasker-Schüler, Stammgästin, war schon 1933 in die Schweiz geflüchtet. Ihre bunten Bilder von vielgeschlechtlichen Akteur*innen in der Berliner Kultur und Literatur könnten von Nachmittagen auf der Terrasse entstanden sein.[10] Selbst Hugo Hamid Marcus, der als Aktivist des Wissenschaftlich-humanitärem Komitees von Magnus Hirschfeld in Charlottenburg und Mitbegründer der ersten Berliner Moschee bis 1937 in Berlin überleben konnte, möglicherweise ebenfalls das Romanische frequentierte, musste Ende der 30er Jahre Deutschland ins Schweizer Exil verlassen.[11]

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Die material- und detailreiche Ausstellung an dem Ort, wo das Romanische Haus wie die Kirche von Franz Schwechten 1901 erbaut wurde, lässt das Café, das zunächst die Conditorei Kaiserhof beherbergte, aufleben. Schwechten wurde schon vor der Jahrhundertwende zum Hausarchitekten der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft, AEG von Emil Rathenau, der mit der Berliner Elektrizitätswerke AG die Infrastruktur für das Berliner Elektrizitätsnetz aufbaute. Vom verschnörkelten Firmenlogo 1896 bis zum Fabrikgebäude und historistischen Beamtentor zum Fabrikgelände wurde Franz Schwechten in Anspruch genommen. Die neue Energie verpackte er in alte Geschichten, an die das Kaiserreich zu seiner Legitimierung anknüpfte. In der Ausstellung wie auf deren Homepage ist ein 3D-Modell unter der Beratung von Michael Bienert und Steffen Obermann durch Jan Schneider entstanden.[12] Die Decken (wahrscheinlich aus Beton) waren mit neo-romanischen Mustern und Frauenfiguren bemalt.     

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Die Jubilare und promovierten Literaturhistoriker, Friedrich und Karl Kröhnke, wurden im Darmstädter Echo 2001 als „Darmstadts rebellische Zwillinge“ portraitiert. Karl las zum Vergnügen der Feen, Kobolde und Schriftsteller*innen einen literarisch-humoristischen Text, wie ihm einst eine Autorschaft zugeschrieben wurde, derer er sich nicht erinnern konnte. Die verpasste Autorschaft könnte sich bei dem Literaturhistoriker aus dem Forschungskontext ins Fabulieren aufgedrängt haben.[13] Karl Kröhnke hat nicht zuletzt an dem Geheimnisbuch von Friedrich virtuell mitgeschrieben, das er mir vor Jahren bei einem Kaffee in der Humboldt-Universität überreichte. Im Geheimnisbuch erzählt Friedrich von der bibliophil-editorischen Leidenschaft der Zwillingsbrüder. Doch in der Ausstellung las er aus dem berlinophilen Buch Diebsgeschichten eine Passage, die im Café Kleist in Schöneberg spielt. Überhaupt ist Friedrich wohl noch mehr als Karl ein passionierter Kaffeehausgänger, wo er die Gäste wie einst im R. C. beobachtet und sie zu literarischen Figuren werden.[14]

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Das Zwillingsleben in den Literaturen von Karl und Friedrich Kröhnke spielt sich nach Exkursionen in viele Städte wie Paris oder Mexiko-Stadt vor allem in Berlin ab. Jeder forscht indessen auf seine Weise anders in Berlin. Karl engagiert sich in der Topographie des Terrors als Vortragender und Forschender. Friedrich streift lieber durch die Stadt z.B. auf den Spuren Erich Kästners. Mehr als die Hälfte ihres Lebens haben sie wohl Berlin als Stadt und Ort der Literaturen erkundet. Sie gehören zu einer seltenen Art der Berlin-Führer, recherchieren und schreiben immer neue Berlin-Literaturen. Deshalb war das Romanische Café mit Michael Bienert genau der richtige Ort, um gemeinsame und doch unterschiedliche Erinnerungen zu teilen. Sie waren nicht nur rebellisch, vielmehr sind sie hoch produktiv in den historischen und literarischen Zirkeln zwischen Topographie des Terrors und der queeren Buchhandlung Prinz Eisenherz in Schöneberg.

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Als zweiten Teil der Feierlichkeiten luden Friedrich und Karl Kröhnke zum Kino ein. Wo sie genau den Film Katz und Maus nach der Novelle von Günter Grass gesehen hatten, ob im Fernsehen oder Programmkino oder auf einer schulischen oder studentischen Kinoveranstaltung, konnten sie sich nicht mehr erinnern. Karl behauptete gar, er habe den Film noch nie gesehen, musste sich bei der Vorführung im KLICK Kino eingestehen, dass er ihn doch schon einmal gesehen haben muss. Katz und Maus (1967) also von Hans-Jürgen Pohland mit den Brüdern Lars und Peter Brandt als Jugendliche. Dazu wäre viel zu schreiben. Beispielsweise gibt es in der Filmfassung der Novelle einige bedenkenswerte Einstellungen: ein Junge schlägt eine Trommel, der junge Mahlke (Lars Brandt) taucht in ein gestrandetes U-Boot-Wrack vor der Küste von Danzig und ein Mädchen taucht ihm hinterher, um mit ihm – mehrere Schnitte – lange unter Wasser im dunklen Loch zu bleiben … Volker Schlöndorff dürfte den Film gesehen haben, als er 12 Jahre später, 1979, Die Blechtrommel verfilmte.   

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Dann kam schließlich wie einst im Romanischen Café ein Kellner, wahrscheinlich weißes Hemd, schwarze Weste, ebensolche Hose und einer weißen Schürze darüber, an den Tisch im KLICK Café der eine Art Visitenkarte an das Wasserglas steckte. Im Zeitunglesen hatte ich über die Gedanken auf dem Tisch ein wenig Zeit und Ort vergessen. Auf der Karte war Romanisches Café gedruckt und in Sütterlin geschrieben:
„Sie werden gebeten, (Neue Zeile) unser Etablissement nach Bezahlung der Zeche zu verlassen und nicht wieder zu kommen. (Neue Zeile) Bei Nichtbeachtung der Aufforderung werden Sie mit Maßnahmen wegen Hausfriedensbruchs zu rechnen haben…“

Torsten Flüh

Das Romanische Café im Berlin der 20er Jahre.
Eine Ausstellung am Originalschauplatz im Europa Center.
Freitag & Samstag
13:00 bis 18:00 Uhr
(Sonntag bis Do geschlossen)

KLICK Kino
KLICK Café

Windscheidstraße 19
10627 Berlin


[1] Siehe Lyrix: Duett im Romanischen Café.

[2] Zu Michael Bienert siehe auch: Geheimnisvolle Schauplätze der Literatur. Zum 100. Todestag von Max Dauthendey und der Buchpremiere Brechts Berlin von Michael Bienert (28. Oktober 2018)

[3] Zur Zeitung bei Walter Benjamin im Kontext der EINBAHNSTRASSE siehe: Torsten Flüh: Zeitung – Walter Benjamin. In: Flugblatt – Zeitung – Blog. Materialität und Medialität als Literaturen. Wien: Passagen Philosophie, 2017, S. 155-168.

[4] Walter Benjamin: Einbahnstraße. Leipzig: Ernst Rowohlt Verlag, 1927, S. 62 (Internet Archive)

[5] Ein Kaffeehaus. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Atlas. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2004, S. 94 (1. Auflage 1965).

[6] Zitiert nach Wikipedia: John Höxter.

[7] „alte Tanten“ lässt sich auch als alte, sichtbare Homosexuelle lesen.

[8] Zu KZ-Häftlingen wegen Homosexualität in Sachsenhausen siehe: Torsten Flüh: Verbrechen und Politik mit Homosexualität. Götz Wienold liest aus seinem Stück Planet Grynszpan im Gesprächskreis Homosexualität der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeine und besucht das KZ Sachsenhausen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 12. Mai 2018. (PDF)

[9] „Stolperstein“ vor der Ausstellung im Europa Center.

[10] Siehe Torsten Flüh: Der Glanz der Bilder. Else Lasker-Schüler – Die Bilder – im Hamburger Bahnhof. In: NIGHT OUT @ BERLIN 21. Januar 2011. (PDF)

[11] Siehe Torsten Flüh: Eine deutsche Utopie des Islam. Zum 100jährigen Jubiläum der „Berliner Moschee“ In: NIGHT OUT @ BERLIN 9. Juni 2024.

[12] Romanisches-cafe.berlin: Virtuell Reality.

[13] Zu Karl Kröhnke siehe auch: Das Treppenhaus als Schnittstelle des Verbrechens. Zu Karl Kröhnkes Vortrag über Hans Falladas Roman Jeder stirbt für sich allein und das Ehepaar Hampel in der Gedenkstätte Stiftung Topographie des Terrors. In: NIGHT OUT @ BERLIN 27. September 2019.

[14] Siehe auch: Torsten Flüh: Der Mythograph. Ein Werkaufriss zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Friedrich Kröhnke. In: NIGHT OUT @ BERLIN 9. März 2016.
Torsten Flüh: Im Netz der Literaturen. Über die kaum sommerliche Veranstaltung Kleine Verlage am Großen Wannsee und Friedrich Kröhnkes politischen Jugendroman Spinnentempel. In: NIGHT OUT @ BERLIN 20. Juli 2023.

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