Fathers Hardcore – Zu Falk Richters In My Room

Vater – queer – Familie

Fathers Hardcore

Zu Falk Richters In My Room im Gorki Theater

Das ist hart. Eine schwarze, eingerüstete Säule mit einem Mannsbild in schwarzer Latexoptik auf der Bühne (Bühne: Wolfgang Menardi) ist der Überpunkt auf die Vaterverhältnisse am Bühnenboden. Am Fuß der Säule knieen, hocken latexschwarze Knabenfiguren. Falk Richter hat mit den Schauspielern Emre Aksizoğlu, Knut Berger, Benny Claessens, Jonas Dassler und Taner Şahintürk Vatergeschichten und Männerbilder zwischen Latex, Drag und Punk bearbeitet. Generationen von Vatergeschichten und Geschlechtermodellen. Die Schauspieler spielen auf einem Boden mit spielfeldartigen Markierungen zugleich immer eine Rolle und sprechen vom „Ich“, als sei das jetzt die ganz eigene, authentische Erzählung vom Vater. Bei Benny Claessens werden dann Fotos von ihm als Kind in Mädchenkleidern und -posen eingeblendet.

Die Ich-Erzählungen vom Vater verpassen ihn immer auch. Sie machen ihn immer erst zu dem, der er sein soll und verfehlen ihn. Wenn Jonas Dassler in der allerersten Szene von „seinem“ Vater erzählt, dann spricht er mit intensivster Schauspielkunst von einem Vater aus dem Jahrgang 1926. Doch der Körper des Schauspielers verrät, dass sein Vater frühestens in den 50er Jahren geboren sein kann. Das reibt, dann an der Wahrnehmung beträchtlich. Der jüngste der Schauspieler erzählt mit größter Inbrunst und theatraler Überzeugungskunst von einer John-Wayne-Vaterfigur, die nicht passen will. Verfremdung, heißt das bei Brecht. Am Ende der Erzählung schaut er ins Publikum und sagt, dass sein Vater nicht so sei, sondern in der ersten Reihe sitze und er mit ihm immer, wenn er nach Hause kommt, erst einmal in ihren Raum gehe und Musik mache. In My Room. Der Vater als Kumpel. – Eine Lösung?

Es gibt die glücklichen und die unglücklichen Vatergeschichten bei Heteros wie bei Homos. Und es gibt natürlich die klassischen wie Ödipus und Vatermord sowie die religiösen von Zeus und seinen Söhnen, aber auch Gott und Jesus. Die Erzählungen vom Vater enden niemals, ob sie von Töchtern oder Söhnen erzählt werden. Es gibt eine Art Zwang, vom Vater erzählen zu müssen oder ein Schweigen, weshalb er dann noch viel präsenter ist. Es gibt damit auch eine Erzählung von Auftrag und Schuld. Vatergeschichten sind facettenreich. Der Auftrag hieß früher einmal – und oft auch noch heute – werde, „sei ein Mann“. Das ist natürlich mehr als ein Auftrag, nämlich ein Befehl. Dieser Befehl wird als imaginäres Mannsbild formuliert. Ein Befehl zur narzisstischen Spiegelung der Geschlechterrolle im Vater. Der Vater wünscht sich seinen Sohn so männlich, wie er selbst nie gewesen ist. Vatergeschichten sind vermintes Terrain, Schlachtfeld und Heimat. Davon weiß das Ich oft selbst wenig, um dann doch mehr oder weniger zum Vater zu werden.

Falk Richter legt mit seinem Ensemble In My Room die Väter zwischen Analyse und Feldforschung an. Was ist das Vater? So stellt er die Frage zwar nicht, aber so lässt sie sich formulieren. Väter und Söhne. Wie gesagt, Väter und Töchter gibt es ebenso. Meist sind die Verhältnisse keinesfalls weniger schwierig. Töchter können ebenfalls ihre Väter zur Zwangsinstitution beispielsweise ihrer akademischen und/oder schriftstellerischen Karriere machen. Das gibt es auch! Falk Richter beginnt anders, nicht zuletzt weil er ein schwuler Mann ist. Väter und schwule Söhne haben es i.d.R. schwer miteinander. Vor allem wollen doch alle immer von ihrem Vater erzählen. Falk Richter beginnt mit Fragen:
„Mein Vater. Was hat er gelebt? Was hat er an mich weitergegeben? Waren wir Freunde? Waren wir Feinde? Gab es so etwas wie Nähe? Liebe? Kampf? Hass? War war das für ein Mann? Wie hat er seine Männlichkeit gelebt? Woran hat er geglaubt? Was hat er geliebt im Leben? Was ist mir immer an ihm fremd geblieben? Was würde ich ihm heute gerne sagen? Jetzt hier in diesem Moment? Warum ist es so schwierig manchmal, überhaupt, zu sprechen. Schweigen. Viel Schweigen. Viel Unausgesprochenes. Es gibt so wenig gemeinsam verbrachte Zeit, auf die wir zurückblicken könnten. Skizzen. Erinnerungsfetzen. In meiner Erinnerung wird alles zur Fiktion, wird zu meiner Geschichte, nicht seiner Geschichte, die ich für mich erzähle, um mich zu verstehen. Und …“[1]     

Falk Richter legt von Anfang an den „Vater“ als Fiktion an. Das ist ein kluger Zug für den Ablauf des Theaterabends, während dessen sich immer wieder die Geschichten im „Ich“ verhaken werden. Spricht Knut Berger wirklich von seinem Vater, der einen Liebhaber gehabt haben soll, nach dessen Sohn er den Vornamen bekommen hat? Wollen und sollen wir als Theaterpublikum Knut Berger das glauben? Oder ist das nur eine verdrehte, queere Geschichte in der Abfolge von Vatergeschichten? Ein Wunsch? Und in gewisser Weise ein inzestuöser Wunsch nach der Liebe des Vaters, die dann fast die Figur des Verrats annimmt. Knut Berger als „Ich“, das der Stellvertreter des Wunsches seines Vaters, mit seinem Geliebten einen Sohn zu haben, benennt? Es gibt und es könnte solche Geschichten geben.
„Mein Vater hatte mal einen Liebhaber,
und dessen Sohn hieß
Knut, und deshalb heiße ich Knut,
ich wurde nach dem Sohn des Liebhabers meines Vaters
benannt, als ich mein Coming Out hatte, fing meine Mutter
plötzlich an zu weinen und sagte so
Nein, das ist doch alles schon fünfundzwanzig Jahre her
Und ich so häh, was, wer? Und damit meinte sie meinen Vater,
der hatte ihr fünfundzwanzig Jahre vor mir gesagt, dass er einen
Liebhaber hatte,
Mein Vater hatte die Idee, dass er und sein Liebhaber und dessen Frau
und meine Mutter sich einfach mal kennen lernen sollten, um dann
eventuell,
ja, was?
vielleicht hatte er so eine Ahnung, dass sich das alles verbinden ließe
seine Liebe zu diesem Mann, seine Liebe zu meiner Mutter, Kinderkriegen,
Zusammenleben,
eben irgendeine ANDERE ART VON FAMILIE“[2]

©Ute Langkafel

Klar, echt, solche Wünsche gibt es. Hat es vielleicht schon immer gegeben. Konnte man nur nicht so sagen. Knut Berger sagt das als Schauspieler nun zum ersten Mal in der fast dreitausendjährigen Geschichte des Vaters im europäischen Theater auf einer Bühne in Berlin, Deutschland.[3] Nein, ich fange jetzt nicht an zu erzählen. – 1978: er und ich und die Frau und die Zeugung, das Kind, der Sohn gar! Überraschung. Zufall. Koinzidenz. Warum nicht?! Aber nein. Dann doch nicht… Alles schon dagewesen, aber gar nicht erzählt. Oder anders erzählt, damit nicht gleich alles lesbar wird. Das Geschichtsmuster war nicht vorgesehen. Oder vielleicht doch? Christopher-Fares Köhler hat für das typische Gorki-Programmposter eine Passage aus Didier Eribons Betrachtungen zur Schwulenfragen als Theorietext unter dem Titel „Familie und Melancholie“ herausgesucht. Zwanzig Jahre nachdem der Text 1999 in Frankreich veröffentlicht worden war, hat Suhrkamp ihn 2019 als deutsche Erstausgabe veröffentlicht.[4] 
„Die Familienbeziehungen durch konstruierte, gewählte, gewollte und also intensivere Bande zu ersetzen ist eine alles andere als leichte Aufgabe […]. Ihre Lösung setzt voraus, dass zugleich eine lange und schmerzliche Trauerarbeit einsetzt – eine Arbeit, die, wie Jacques Derrida zu Recht vermerkt, niemals beendet ist. Es ist gilt ja nicht nur, auf das Leben im Familienkreis (mehr oder weniger) zu verzichten, sondern auch, diesen (mehr oder weniger aufgezwungenen) Verzicht zu akzeptieren, als konstitutiven Bestandteil in sein eigenes »Ich« zu integrieren.“[5]

©Ute Langkafel

Die Vaterfigur findet im Familienmodell statt, weshalb sich schwer auf sie verzichten lässt. Sie wird, sagen wir ruhig, auf die eine oder andere Weise für das „Ich“ gebraucht als anwesender Vater oder abwesend. Abwesend ist sie eher noch stärker. Didier Eribon hat das „Familienmodell“ nach Derrida und Freud durchaus als Wissen argumentativ in Stellung gebracht. Dabei ist keinesfalls ein problemfreies Funktionieren des heterosexuellen oder gar heteronormativen Familienmodells garantiert. Die europäische Kleinfamilie der Spät- und Postmoderne scheint vielmehr auf eine gewisse Zeit angelegt zu sein. Vater- und Mutterrollen können von verschiedenen Personen auf Zeit angenommen werden. Dennoch gab und gibt Didier Eribon zu bedenken, dass „(n)och der den Familienmodellen feindlichste Schwule, noch die ihnen abholdeste Lesbe […] sich selbst durch eben die Verwerfung  einer Identifikation mit Modellen konstituiert (hätten), von denen angesichts ihrer sozialen Omnipräsenz stark anzunehmen ist, dass sie noch die Art und Weise bestimmen, mit der man gegen sie wütet oder sich darin gefällt, sich gegen sie zu definieren“.[6]

©Ute Langkafel

Falk Richters Text und Projekt zeichnen sich durch Vielschichtigkeit aus. Wenn es das perfekte Familienmodell gäbe, wenn es sich bis zur Perfektion verbessert hätte, dann wäre wahrscheinlich „schwul“ kein weitverbreitetes Schimpfwort mehr auf Deutschlands Schulhöfen und dann bräuchten junge Menschen und Studierende keine psychotherapeutische Beratung, wie sie heute an den meisten Universitäten angeboten wird. Das Familienmodell und die Vatergeschichte sind gleichfalls mit der Frage nach der kulturellen Herkunft verbunden. Sie lässt sich ebenso wenig leugnen wie sie zur Selbstfiktion nötig wird. Taner Şahintürks Erzählung von seinem Vater, wie er mit Siebzehn nach Deutschland kommt, um Unter Tage zu arbeiten und später Maschinenbau zu studieren, ist eine gescheiterte Geschichte, wie sie im Strauß-und-Kiesinger-Filbinger-Deutschland der 60er Jahre noch passierte oder hätte passieren können. Modellhaft heißen seine deutschen Eltern Adolf und Hannelore. Doch es gab sie wirklich. Es gibt sie noch. Kurt Adolf z.B. ist heute zweiundneunzig und mischt bei der AfD mit. Kurt Adolf spricht auch diesen AfD-Text wie er auf der Bühne zu einem Schreiausbruch eskaliert:
„… Adolf und Hannelore nimmt er zum Frühstück Ei und Käse und Brot. Die Schweinewurst nicht. Die Deutschlandmutter sagt, iss die Schweinewurst, er sagt nein, ich ess kein Schwein, iss jetzt das Schwein da! Nein! DU ISST JETZT DIE SCHWEINEWURST, ISS DAS SCHWEIN Kinder müssen SCHWEIN essen, brüllt auch Jahrzehnte später noch die BILD-Zeitung durchs ganze Land, EURE KINDER FRESSEN JETZT UNSER SCHWEIN schreien auch die rechtsbraunversyphten Wutbürger und schicken Morddrohungen an jede KITA in der KEIN SCHWEIN GEFRESSEN wird, FRESST UNSER SCHWEIN FRESST SOFORT UNSER SCHWEIN sonst fackeln wir Eure Kindergärten ab MIT EUREN KINDERN DRIN wer kein Schwein frisst, hat kein Recht hier zu sein, BEI SCHWEIN HÖRT BEI DEN DEUTSCHEN DER SPASS AUF FRESST JETZT ENDLICH UNSER SCHWEIN SONST STOPFEN WIR ES EUCH SPECKSCHWARTE FÜR SPECKSCHWARTE IN EURE AUSLÄNDERFRESSEN REIN IHR MIESEN RATTEN IHR KAKERLAKEN IHR KOPFTUCHMÄDCHENFABRIKANTEN“[7]

©Ute Langkafel

Die Theatertexte von Falk Richter sind äußerst präzise, was die politische Problemlage anbetrifft. Der CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger war von 1966 bis 1969 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Schon vergessen?! Das war die Gemengelage, aus der 68 hervorgegangen ist. Ein Nazijurist als vermeintlich geläuterter Bundeskanzler. „Adolf und Hannelore“ ging es wirklich um die „Schweinewurst“. Nach dem Zeit-Porträt zu Hans-Georg Maaßen von Yassin Musharbash, Der Wutbürokrat vom 16. Januar 2020, darf man auch annehmen, dass es ihm immer schon um die „Schweinewurst“ ging. Am Morgen nach der Uraufführung wird quasi Falk Richters Theatertext mit der Biografie und Karriere eines ehemaligen, langjährigen Beamten im Höheren Dienst des Bundesministeriums des Innern, der es bis zum Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz schaffte, verifiziert. Hans-Georg Maaßen kommt nicht vor im Theatertext. Doch seit geraumer Zeit liefert der Mann z.B. in Talkshows bei Markus Lanz im ZDF am 18. Dezember 2019 fremdenfeindlichen Text ab, der vom Theatertext gar nicht übertroffen werden kann. „Schweinewurst“! Über Männlichkeit und Vatergeschichten haben sich Lanz und Maaßen nicht unterhalten. Doch man wird davon ausgehen können, dass da hinter der Goldrandbrille auch etwas kompensiert werden muss.     

©Ute Langkafel

Die Frage der Männlichkeit ist unterdessen von der extremen Rechten nicht zuletzt durch The Way of Men des schwulen Autors Jack Donovan seit 2012 zum parteipolitischen Kampfraum der Rückeroberung des Geschlechts und der Geschlechtlichkeit erklärt worden.[8] – Schwule sind keine besseren politischen Menschen. – Donovan vereinnahmt für seinen neurechten Begriff von Männlichkeit wieder die »Ehre« als »Tugend« allein unter ritterlichen Männern: „Als eine männliche Tugend bezeichnet: Ehre ist die Sorge um den Ruf von Stärke, Mut und Herrschaft (mastery) im Kontext einer Ehrengruppe, die hauptsächlich aus anderen Männern besteht.“[9] Jack Donovan wird seit 2017 im neurechten Antaios Verlag für die deutsche Szene vertrieben. „Was ist Männlichkeit?“, fragt der Teaser zum Buch im „Gesamtverzeichnis 2017“, um es sogleich „[a]uf eine knappe Formel“ zu bringen: „Männlich bleibt oder wird, wer mit anderen Männern einen Bewegungsraum für die Gruppe, die Bande, die virile Atmosphäre schafft […]. Es geht also – gegen jeden Gender-Trend und gegen jede Verweichlichung des Mannes – um eine Reconquista maskuliner Ideale und um eine Re-Polarisierung der Geschlechter.“[10]

Die Männlichkeit[11] wird heiß umkämpft und verunsichert durchaus viele junge Männer. Deshalb ist es so außerordentlich wichtig, Haltung zu zeigen. Falk Richter macht das mit seinem Ensemble. Es kann sein, dass das nicht für jede und jeden, das Theater ist, das gefällt, weil man eigentlich nur dafür sein kann. Kontroverses Theater zum Nachdenken könnte aufregender sein. Aber die Zeiten haben sich tatsächlich geändert, wenn ein ziemlich hoher Beamter der Bundesrepublik Deutschland die Trennschärfe verliert zwischen seiner privaten, politischen Meinung und der dienstlichen Einschätzung einer Gefahrenlage, in der Männlichkeitsbilder eine ganz entscheidende Rolle für die Staatssicherheit spielen. In My Room ist nie nur unterhaltend, sondern immer auch Haltung. Wenn wie bei Knut Bergers Erzählung oder bei der von Benny Claessens eigentlich alles „super“ (mein Vater sagte immer supä) ist, dann ist das auch die Kunst der Dramaturgie, um im nächsten Moment mit aller Härte die Idylle aufzureißen.
„Mein Vater hat mir bei Miniplaybackshows zugejubelt bei uns auf dem Campingplatz, es gibt da Fotos von mir, da bin ich so sechs oder sieben, und ich sehe aus wie Madonna oder Cher, meine Schwestern haben mich immer so zurechtgemacht wie eine Puppe, ich fand das toll und mein Vater fand das auch toll,“[12]

Jonas Dassler in Drag* auf Highheels mit dem In My Room-Song ist eben nicht nur eine szeneübliche Drag Queen, vielmehr eine aggressive Punk Queen mit melancholischem Männlichkeit-Zerstörungspotential. „Outside the window they’re laughing/Inside the doorway I weep/Constantly thinking and working/In my room/In my room“. Zur „Familienaufstellung“ hat sich Benny Claessens in Drag mit Montezuma-Federhaube (Kostüme: Andy Besuch) geschmissen. Er verteilt die Rollen. Emre Akiszoğlu spricht das Kriegstrauma und die Angst, um schließlich darauf zu kommen, dass selbst eine Familienaufstellung nicht an das Problem rankommt, dass es immer schon um Fiktion geht.
„Ich bin das Unausgesprochene und ich denke, dein Vater ist jetzt zu alt, er hat keine Kraft mehr, er weiß nicht mehr, was er tatsächlich erlebt hat und was er vielleicht erfunden hat, er kann dir keine lineare Geschichte erzählen, nur Fetzen von Erinnerung und niemand weiß, was sich wirklich zugetragen hat.“[13]

Selbst die Familienaufstellung und die Psychoanalyse können bei der Vaterfrage nicht helfen. Und der Tod des Vaters in Demenz oder an Krebs kann alles ändern oder auch nichts. Am Schluss tanzen (Choreographie Denis »Kooné« Kuhnert) die maskenhaften alten Väter auf der Bühne. Sie wollen auch raus aus ihrer eigenen Haut, könnte man sagen. Doch sie bleiben oft als Gespenster. Der Vater nimmt die Position des Gesetzes ein, mit dem es sich abzustimmen gilt. Wenn er vergessen wird oder einfach nie anwesend war, steigt er nur um so stärker als Macht des Imaginären auf. Ein großer Teil der rechten Ideologie dürfte aus dem kulturellen Unbehagen kommen, auf ein „unfreiwilliges Zölibat“ mit einer „Re-Polarisierung der Geschlechter“ antworten zu wollen. Dagegen zeigt In My Room Haltung. – Langanhaltender Jubel!

Torsten Flüh   

PS: Wie wird man zum Vater gemacht? Mir ist das als schwuler Mann bei Bilal A. passiert, der an meinem Laufprojekt im Wedding nicht wirklich regelmäßig teilgenommen hatte. Jahre später traf ich ihn beim Döner Imbiss wieder und er erzählte mir stolz, dass er für die sportliche Aufnahmeprüfung zur Ausbildung bei der Polizei trainiert hatte. Er adressierte sich an mich wie an (s)einen Vater. Als er die Ausbildung begonnen hatte, trafen wir uns noch einmal zufällig und die Vaterszene wiederholte sich. Das war für mich durchaus sehr beglückend und nicht gerade toxisch.

* drag heißt soviel wie ziehen oder schleifen. Im Jargon der Schwulen und Lesben nimmt drag die Funktion an, von sich so als jemand zu sprechen, der oder die sich als das andere Geschlecht in überzeichneter Form als Frau oder Mann kleidet, schminkt und gestisch verhält. Männer werden zu Drag Queens und Frauen zu Kings.

Falk Richter
In My Room
Gorki
19.01.2020 18:00 Uhr
23.01.2020 19:30 Uhr
01.02.2020 19:30 Uhr
und weitere Termine


[1] Falk Richter: In My Room. Ein Projekt von Falk Richter & Ensemble. Gorki: In My Room. (Programmposter) Berlin, 2020.

[2] Falk Richter: In My Room. (Unveröffentlichte Fassung vom 13.01.2020).

[3] Vgl. zum Theater als Maschine und Maschine der pädagogischen Einübungen um 1600 bei William Shakespeare insbesondere in The Two Kinsmen: Torsten Flüh: Shakespeare’s Machines. Zu UNCANNY VALLEY von Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) und Thomas Melle auf der Seitenbühne der Berliner Festspiele. In: NIGHT OUT @ BERLIN 5. Januar 2020.

[4] Didier Eribon: Betrachtungen zur Schwulenfrage. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2019.

[5] Ebenda S. 55.

[6] Ebenda S. 56.

[7] Falk Richter: In … [wie Anm. 2].

[8] Jack Donovan: The Way of Men. Milwaukie, OR [im Eigenverlag] 2012.

[9] Ebenda. S. 57.

[10] Antaios Verlag: Gesamtverzeichnis 2017. Steigra 2017, S. 8.

[11] Siehe dazu auch: Torsten Flüh: Zurück zur Männlichkeit? George L. Mosses Kritik des Männlichkeitsbildes nach Johann Joachim Winckelmann und die Rückeroberung der Geschlechter durch die Neue Rechte. In: Janin Afken, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen, Benedikt Wolf (Hrsg.): Jahrbuch Sexualitäten 2019. Göttingen: Wallstein, 2019, S. 43-70.

[12] Falk Richter: In … [wie Anm. 2].

[13] Ebenda.

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