Praktiken der Moderne beim Malen

Material – Malen – Montieren

Praktiken der Moderne beim Malen

Zu Peter Grosz‘ Ausstellung ZitronenBlau in der Galerie des Kunsthauses Artes

Die Galerie Artes in der Auguststraße 19 in Berlin-Mitte zeigt aktuell bis 13. August farbintensive Arbeiten von Peter Grosz, die als abstrakte Kunst eingeordnet werden. Häufig werden Farben kontrastiv eingesetzt. Einen Wink gibt der Ausstellungstitel mit ZitronenBlau. Er wird zusammengeschrieben. Doch er kontrastiert durch die Großschreibung des B Zitronen und Blau ebenso. Die Montage macht aus einem Zitronengelb einen Blauton, der sich zugleich schwer einordnen lässt. Ein intensives Blau ruft einen ganzen Assoziationsraum auf. In den beiden letzten Jahren hat Peter Grosz eine kleinformatige – 18 x 18 cm – Serie von Acryl-Bildern produziert, die visuell ansprechen und reizen. Faszinierend. Sie sind durch unterschiedliche Praktiken, denen nachzudenken sein wird, entstanden.

Wie generiert Peter Grosz seine Bilder? Was macht seine visuellen Arbeiten zu Bildern? Beginnen wir mit der Rahmung der Serie. Der Rahmen, das wiederkehrende Format sind für die Serie wichtig, weil er den Modus der Wiederholung hervorbringt. Durch die dicken weißen Rahmen (28 x 28 cm) mit der Glasscheibe bekommen die Arbeiten aus Acryl auf Pappe eine Aufwertung. Die überpointierten Rahmen mit Glasscheibe sagen in gewisser Weise: Schaut her, dies ist ein Bild. In den Rahmen wird ein Bild erwartet. Die quadratischen Farbkompositionen sind singulär, soviel lässt sich sagen. Das Singuläre wird durch die Rahmen in den Zug einer Wiederholung gehängt. Da Peter Grosz nicht allein malt, vielmehr gleichfalls reißt, schneidet und klebt, lässt sich nicht einfach an Die Wahrheit in der Malerei andocken. Oder lässt sich die Malerei bei Grosz auf ein Reißen, Schneiden, Kleben, vielleicht gar ein Spachteln, Spritzen, Klecksen erweitern?

Das Kunsthaus Artes mit seiner Galerie in der Auguststraße liegt im Galerienkiez schräg gegenüber der Kunstwerke – Institute for Contemporary Art. Die Künstler*innen-Dichte in den Alt- wie Neubauten ist groß. Igor Levit, den weltberühmten Pianisten, kann man hier vormittags auf der Straße treffen. Die Schriftstellerinnen Ginka Steinwachs und Ilma Rakusa leben hier um die eine Ecke Richtung Tucholskystraße oder um die andere in der Großen Hamburger Straße. Die Wunderkammer Olbricht war noch direkter schräg gegenüber zwischen 2010 und 2020 im me Collectors Room zu sehen. Ein paar Schritte weiter bietet Clärchen’s Ballhaus wieder Tanzkurse im Spiegelsaal an. Der Galerienkiez ist Berlins Greenwich Village. Neuerdings schon ein bisschen overheated. Klimakrise. Eismanufaktur in der Kleinen Hamburger Straße heißt jetzt Spoonfull Berlin. In der Auguststraße 11-13 ist das Museum Frieder Burda Salon Berlin vorübergehend geschlossen. Zwischen Tor- und Oranienburger Straße spielt sich eine eigene Kunst- und Modeszene ab, zu der bis vor einigen Jahren auch Claudia Skoda in der Linienstraße gehörte.

Vor den Rahmen der Arbeiten von Peter Grosz gibt es somit weitere Rahmungen durch das Viertel und die Galerie. Das Kunsthaus Artes rahmt mit seiner Galerie und illustren Namen wie Gerhard Richter die Einraum-Ausstellung ebenso. Kunsthaus und Galerie vereinen zwei Formate in stilvollem Ambiente: Auktions- bzw. Handelshaus für Kunst und Ausstellungsraum. Das Kunsthaus Artes leistete nach eigenen Angaben seit 1978 zweimal „Pionierarbeit auf dem Kunstmarkt: als erste Versandgalerie überhaupt und später mit dem ersten Online-Shop für Kunst“.[1] ZitronenBlau erscheint insofern an einer innovativen Schnittstelle des Kunstmarktes, die wenn nicht global, zumindest international Kunst vernetzt. Der Galerienkiez in Mitte mit seinem fast dörflichen Charme ist zugleich digital und finanztechnisch international hoch verflochten.

Die Materialität der Arbeiten von Peter Grosz kommt visuell auf vielfache Weise zum Zuge. In der Serie von 2020 bis 2021 werden bei den meist titellosen Arbeiten Schnittkanten sichtbar. Er sagt, dass er frühere Arbeiten zerschnitten und neu zu gleichformatigen Quadraten kombiniert habe. Bei einem in Rottönen wird das kleine Quadrat an den Rändern überschritten oder aufgelöst. Die Einzelteile sind so aneinander und übereinander montiert, dass sie einen plastischen Eindruck bekommen. Farblinien und -felder brechen an den Kanten ab. Hier tritt das Material Pappe auf einzigartige Weise hervor. Die Pappe wird nicht nur zum Untergrund der Farbe, sie wird selbst zum Material für das Bild. Die Praxis, die zum Motiv führt, erweitert und hinterfragt die Malerei in ihrer Abstraktion. Wann kippt das Abstrakte ins Figurale? Die Farblinien und -felder werden fragmentiert, um den Malprozess selbst zu befragen. – Zumindest lässt sich das Ergebnis des Arbeitsprozesses eines ausgewiesenen Malers als Befragung denken.

Was verrät Paul Cezanne über die Wahrheit in der Malerei? Er schrieb am 23. Oktober 1905 an seinen Freund Émile Bernard: „Je vous dois la vérité en peinture.“ Also legen wir los! War Cezanne ein schlechter Maler, „lent, lourd et stupide“? Ein tollpatschiger Kleckser, der unter dem Einfluss von Delirium tremens „au pistolet“ malte, fragt Rafik Zénine für sein Feature auf Radio France.[2] Jacques Derrida zitierte Cezannes aufgeschobene Antwort als Titel für sein Buch über Malerei 1978. Derrida nennt es eine „befremdliche Aussage“. „Derjenige, der spricht ist ein Maler. Er spricht, er schreibt vielmehr, es ist ein Brief, und dieses „bon mot“ schreibt sich leichter, als daß es sich spricht. Er schreibt in einer Sprache, die nichts zeigt. Er läßt nichts sehen, beschreibt nichts und stellt noch weniger dar.“[3] Man kann sagen, dass das Cezanne-Zitat mit dem Maler Peter Grosz, besser mit seiner Malpraxis korrespondiert. Der Farbauftrag ist eher selten mit einem Pinsel gemalt worden. Ein Pinselduktus lässt sich bei Zitronenblau von Grosz nicht identifizieren. Vielmehr malt er oft sehr nass, so dass Fließspuren entstehen. Das wäre fast das Gegenteil von einem Duktus in der Malerei. Kleckse werden Kalkül – oder auch nicht.

Der Pinselduktus als sichtbares Merkmal in der Malerei ist ein elastischer Begriff, der in der deutschsprachigen Beschreibung von Malerei häufiger gebraucht wird. Einerseits bleibt er in seiner Definition auf de.wikipedia.org unscharf und ohne Quelle, was darauf hinweist, dass er akademisch eher selten gebraucht worden ist.[4] Der Eintrag bleibt zugleich auf den deutschen Sprachraum begrenzt, was ungewöhnlich ist. Andererseits kennt das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) den Duktus seit dem 18. Jahrhundert. Hanns Friedrich von Fleming gebraucht ductus in seiner „Jagd-Wissenschaft“ Der Vollkommene Teutsche Jäger[5] 1719 extensiv teilweise synonym für Röhre.[6] Im 20. Jahrhundert steigt der Gebrauch des Duktus‘ in Kopula wie „Sprachduktus“ bis 2000 steil an, um nach der Jahrtausendwende deutlich abzufallen.[7] Der Duktus als visueller Wissensträger wird weniger gebraucht. Denn mit dem Duktus geht es um eine Praxis des Führens von ducere im Lateinischen.[8]

Wer führt den Pinsel oder die Linie? „Linienführung“ und „Strich“  ebenso wie „Ausdruck“ und „Stil“ werden als Synonyme für Duktus genannt.[9] Führt ein Subjekt den Pinsel auf eine individuelle Weise? Und welche Implikationen hält das Führen bereit? Es geht um die Hand und den Menschen. Mit Handhabung ist vielleicht schon zu viel gesagt. Die Menschenhand, die für ZitronenBlau zerschneidet und montiert. Insofern ist der Duktus mit dem ganzen Bereich der Graphologie und Psychologie verknüpft, wenn behauptet wird, „dass die Handschrift des Menschen immer den gleichen Duktus“ aufweise.[10] Es wird spürbar, wie sehr Peter Grosz mit seinen Praktiken die Malerei unterläuft – und bestätigt. Nichts als Gemaltes, das zerschnitten neu kombiniert werden kann.

Für die Malerei werden seit Jacques Derridas Lektüre mit Die Wahrheit in der Malerei Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft (1788) und das „Ideal der Einbildungskraft“ diskutiert.[11] Im ersten Teil heißt es bei Kant unter „§ 2. Wohlgefallen, welches das Geschmacksurtheil bestimmt, ist ohne alles Interesse.“ und als „§ 6 Das Schöne ist das, was ohne Begriff als Object eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird.“[12] Derrida macht besonders auf das „ohne“ in beiden Formulierungen aufmerksam: „ohne alles Interesse“ und „ohne Begriff als Object“. Denn das „ohne“ könne nur „vom freien Spiel“ verstanden werden.
„Gleichermaßen wie man das Vermögen der Einbildungskraft nur (…) ausgehend vom ohne und vom freien Spiel verstehen kann, erlangt man keinen Zugang mehr zu ihm ohne diesen Darstellungswert: das freie Spiel des ohne im Gegenwärtig-Machen (mise en présence).
(…) Reine Schönheit und ideale Schönheit sind inkompatibel. Das ohne des reinen Einschnitts scheint hier folglich den Idealisierungsprozeß zu unterbrechen. Das Aufklaffen in der Idealisierung läuft auf die umherirrende Schönheit und das Ereignis eines reinen ästhetischen Urteils hinaus.“[13]  

Die Schönheit der Arbeiten von Peter Grosz entspringt ihrem Produktionsprozess, lässt sich mit Derrida formulieren, insofern er „ohne alles Interesse“ ist. Grosz schneidet nicht aus, er zerschneidet und montiert. Damit unterläuft er zugleich Praktiken in der Geschichte der Malerei, die etwas darstellen wollen. Insbesondere in der Serie, die wir nach der Erstpräsentation in der Ausstellung ZitronenBlau nennen, arbeitet der Maler an den Rändern der Malerei. Er befreit sich und das Sujet von einer kunsthistorischen wie malpraktischen Einengung. Abstraktion bzw. „Abstrakte Kunst“ als ein kunsthistorisches Wissen bekommt durch die praxeologische Überschreitung eine ganz andere, radikalere Wendung.

Unter den sonst titellosen Arbeiten sticht eines mit dem Titel „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen“ (2021) hervor. Was macht der Titel mit dem Motiv von 18 x 18 cm? Bilden die tintenblauen Linien, die genauso gut von sich aus auf der Pappe verlaufen sein könnten, eine spitzige Figur? Könnten diese Linien als ein Berggipfel sichtbar werden? Der Titel ist ein Zitat des Anfangs von Psalm 121, der als Wallfahrtslied gesungen wird: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Die Hilfe kommt in den Psalmen von dem Herren. Doch wir wissen nicht, ob Peter Grosz ein Gläubiger ist. Vielmehr ist die Eröffnungsformulierung des Psalm 121 schön und untrennbar mit der Frage verknüpft: „Woher kommt mir Hilfe?“ Ist das ein Wink auf die Pandemie? Wir wissen nicht, ob die radikale Schönheit der Jahre 2020 bis 2021, in der sogar blaue Blumen sichtbar werden können, ein Effekt der Covid-19-Pandemie und ihrer Verwerfungen ist. Wenn Peter Grosz davon sprechen könnte, hätte er die Arbeiten nicht gemacht. Er ist kein Erzähler, vielmehr ein Produzent.

Torsten Flüh

Peter Grosz
ZitronenBlau
bis 13. August 2022
Kunsthaus ARTES
Auguststraße 19
10117 Berlin


[1] Kunsthaus Artes: Über Kunsthaus Artes.

[2] FranceCulture: La vérité en peinture. Podcast : Mercredi 19 juillet 2017.

[3] Jacques Derrida: Die Wahrheit in der Malerei. Wien: Passagen, 1992, S. 17.

[4] Wikipedia: Pinselduktus.

[5] Hans Friedrich von Fleming: Der Vollkommene Teutsche Jäger. Bd. 1. Leipzig, 1719, ohne Seitenzahl. (Deutsches Textarchiv)

[6] Ebenda Suchergebnis zu Duktus.

[7] DWDS: Duktus.

[8] Wiktionary: Duktus.

[9] Ebenda.

[10] Dr. Henning Ploog: Berufsverband gepr. Graphologen/Psychologen e.V.: Graphologie.

[11] Ebenda S. 135.

[12] Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft. Akademie-Ausgabe online.

[13] Jacques Derrida: Die … [wie Anm. 2] S. 135-136.

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