Mehr Li – 更禮儀 – Gèng lǐyí – Mehr Rituale

Geschenk – Leere – Teilhabe

Mehr Li – 更禮儀 – Gèng lǐyí – Mehr Rituale

Zu Lee Mingweis wegweisender, partizipatorischer Ausstellung 禮 Li – Geschenke und Rituale im Gropius Bau

An diesem Freitag, den 22. Mai 2020, wird der Berichterstatter in der Niederkirchnerstraße plötzlich mit der Leere konfrontiert. Die Straße ist leer. Es ist einer jener Momente, der anders als zum Vatertag am Vortag, an dem laut Tagesspiegel auf der Greenwichpromenade am Tegeler See „die Menschen dicht an dicht“ sitzen, keine Normalität vortäuscht. Der Vormittag nach dem Feiertag mit den Freiheiten, die sich genommen werden, lässt den Schrecken hervorspringen, dass es eben dort, wo sonst internationale Reisebusse und VIP-Shuttles aneinandergereiht stehen, leer ist. Kein einziger Reisebus. Vereinzelte Fußgänger*innen, Fahrradfahrer*innen, ein E-Roller steht verlassen auf dem Bürgersteig. Die Leere ist ein Schock, ein Geschenk und ein Auftrag.

Leere und Normalität lassen sich mit der ersten umfassenden Werkschau in Europa des in Taichung auf Taiwan geborenen und in den USA aufgewachsenen Künstlers Lee Mingwei konstellieren. Man mag sich die Normalität an der Greenwichpromenade, der Ostsee und auf Sylt malen, wie man will, die Leere auf der Niederkirchnerstraße vor dem Berliner Abgeordnetenhaus, der Gedenkstätte Topographie des Terrors und dem Gropius Bau mit der Ausstellung von Lee Mingwei, die am 27. März hätte eröffnet werden sollen, lässt sich nicht leugnen. Die Leere korrespondiert zumindest in einer globalisierten Welt mit einer Störung der kapitalistischen Normalität. Wo es leer ist, finden nicht nur keine Geschäfte statt, vielmehr muss der Mensch erst einmal einen Umgang mit der Leere finden und einüben. Diese Übungen können zu Ritualen werden, die in der Kunst abseits einer kapitalistischen Logik ausgeübt werden. Davon handelt 禮 Li – Geschenke und Rituale.  

Die ausgestellten Arbeiten von Li Mingwei reagieren oft auf ein Trauma. Sie wiederholen Handlungen als Reaktionen auf ein Trauma. Die schwere Erkrankung der Mutter, das Kriegsverbrechen der Zerstörung von Guernica, die Zerstörung der Twin Towers, die zufällige Begegnung mit einem Überlebenden der Shoah im Schlafwagenabteil, die Einsamkeit auf einem Campus einer amerikanischen Elite-Universität etc. Lee nennt es in einem Gespräch mit seiner Berliner Kuratorin und Direktorin des Gropius Baus, Stephanie Rosenthal, lieber „Zufall“. Es ist eine nicht nur zeitgemäße, ja, aktuelle Ausstellung von Kunstarbeiten, Installationen geworden, in denen Praktiken entwickelt wurden, um auf Zufall und Trauma zu reagieren, vielmehr noch werden die Besucher*innen eingeladen, dieses oder jenes Ritual fortzuführen. Die Teilnahme an der Installation, indem man z.B. ein zerrissenes Kleidungsstück in der Arbeit The Mending Project im Museum zum Flicken bringt, macht mitten in der Covid-19-Pandemie therapeutisch Sinn.  

Die Partizipation ist für Lee Mingwei die entscheidende Dimension seiner künstlerischen Arbeit. „Lee Mingwei creates participatory installations, where strangers can explore issues of trust, intimacy, and self-awareness, and one-on-one events, where visitors contemplate these issues with the artist through eating, sleeping, walking and conversation.“[1] Das Teilnehmen wie Teilhaben an den Installationen generiert Erfahrungen und Fragen von Vertrauen, Intimität und Selbsterfahrung.[2] Bereits für das Dining-Project 1997 organisierte er Ereignisse mit fremden Besuchern in seiner Wohnung, um über diese Fragen nachzudenken. 2000 kam das Sleeping Project hinzu. Beide Projekte sind durch ein Losverfahren im Gropius Bau persönlich zu erleben. Allerdings wird das Dining-Project wegen der Covid-19-Pandemie auf ein Teetrinken mit Mitarbeiter*innen des Museums begrenzt. Lee Mingwei sitzt in seinem Studio in New York fest. Deshalb wird das Sleeping Project in getrennten Betten im Museum ebenfalls von Mitarbeiter*innen übernommen.

„One-on-one events“ sind im Moment durch social distancing erheblich erschwert, um es einmal so zu schreiben. Es sei denn, sie werden in den digitalen Raum des Internets verlegt. Die Ausstellung ist bereits durch den Gropius Bau digital gut aufgestellt. Es wurde eine ganze Seite mit digitalen Aktivierungen eingerichtet. Im virtuellen Interview von Anfang Mai spricht Terri Fujii von der Galerie Perrotin Tokyo mit Lee Mingwei in New York.[3] Lassen sich seine partizipatorischen Installationen ins Internet transformieren? Lee schlägt zwei Installationen vor, die er für das Internet besonders geeignet hält. Es sind das Letter Writing Project und das Sonic Blossom Project. Beide Projekte hat der Künstler für die verspätete Eröffnung ins Virtuelle transformiert. Aus dem Letter Writing Project wurde das Letter to Oneself Project und das Sonic Blossom Project wurde zum Invitation for Dawn Project, bei dem weltweit eine Sänger*in für eine Zuhörer*in ein Lied zu einer bestimmten Zeit über Zoom singt. Sie, ja, Sie als Leser*in dürfen sich bewerben.

Man kann in diesen Tagen allerdings in Berlin wieder ins Museum, in den Gropius Bau gehen. Das Letter Writing Project ist dort möglicherweise intensiver, sinnlicher, aber auf jeden Fall anders zu erleben. Genau darum geht es Lee Mingwei mit seinen Arbeiten. Stephanie Rosenthal möchte mit Lees partizipatorischen Installationen nicht zuletzt das Museum, den Gropius Bau, als Ort und Institution erforschen und überdenken.[4] Der Ausstellungsrundgang beginnt insofern mit einer Überraschung, Irritation oder einem Geschenk. Die auf Rezeption eingestellten Besucher*innen werden sogleich eingeladen, in einer der drei ähnlichen, fast transparenten, offenen Zellen einen Brief im Knien, Sitzen oder Stehen zu schreiben. Mir gefällt hier der Begriff Zelle besser als Kabine oder das englische Box, weil es an die Mönchszelle als Schreibort erinnert. Einem Ort der Kontemplation und Imagination.

Mit den Zellen zum Schreiben wird das Museum als Ort der Anschauung und des Wissens aufgebrochen. Im Museum sollte gesammelt und angeschaut werden, was wissenschaftlich – kunsthistorisch, geisteswissenschaftlich, historisch oder naturwissenschaftlich etc. – als wertvoll angesehen wurde. The Writing Project fordert dazu auf, derartige Erwartungen umzuschreiben. Die Besucher*innen dürfen sich in dem Kunstraum der Zelle mit einem anderen ihrer selbst auseinandersetzen. Zwar gab es immer auch Markplätze, wo Schreiber auf Schreibaufträge warteten, aber die Zelle als Raum für den Einzelnen zum Schreiben ist ein ebenso materieller wie virtueller Raum. Wenn man einen Brief schreibt, geht es darum seinen Dank, seine Fragen, seine Wünsche an jemanden, der imaginiert wird, zu adressieren. Es verschiebt sich der Auftrag der musealen Anschauung zur Kontemplation.  

Zellen sind Räume der Kontemplation, wie es Lee nennt. Die Kontemplation hat mit 禮/Li zu tun. Ist 禮 eine Philosophie? Ist es eine Praxis? – Zunächst beginnt das Writing Project mit einem Verlust. So erzählt es Lee Mingwei. Als seine Großmutter mütterlicherseits starb, begann er Briefe in größeren Zahl an sie zu schreiben. Wofür schreibt man Briefe an eine Verstorbene? In der Ausstellung wird, wenn sich die Besucher*in zu fragen beginnt, wofür die aufgestellten Zellen in minimalistischem Design gedacht sind, warum hier Bleistifte mit dem Aufdruck „GROPIUS BAU LEE MINGWEI  禮 LI, GIFTS & RITUALS“ in Reis aufgestellt sind, langsam klar, dass das Writing Projekt nicht fertig oder abgeschlossen ist, sondern die aktive Partizipation erfordert. Desinfektionsflasche – „Bitte desinfizieren Sie sich hier die Hände.“ – und Bleistifte leiten bereits das Ritual ein – „Bitte nehmen Sie sich hier einen Stift“. Die Kontemplation bedarf einer genauen Vorbereitung – „BITTE ZIEHEN SIE IHRE SCHUHE AUS“. Und dann betritt die Besucher*in die Zelle und schreibt einen Dankesbrief an … – Lee Mingwei.

Die genauen Rituale, die gleich mit der ersten Installation für die Partizipation erfordert werden, geben einen Wink, worum es mit 禮 immer wieder gehen wird. Es geht um einen rücksichtsvollen Umgang miteinander, um Achtsamkeit und Höflichkeit ohne Zweck. Das konfuzianische 禮 wird der Zweck selbst.[5] Einen Brief an eine Tote schreiben. Einen Brief an sich selbst schreiben. Jemanden danken. Das könnte man auch ein Briefschreiben für nichts nennen, das leicht verschoben an ein Gebet erinnert. Auf einem Kärtchen in der Zelle steht, dass die „offenen Briefe an der Wand (…) gelesen werden“ dürfen. Wer hat schon einen Brief gelesen? Ist das nicht unfassbar intim, den Brief eines/er Fremden zu lesen? Das wissenschaftliche Regelwerk des Museums wird mit dieser Intimität wenigstens auf die Probe gestellt.
„Sie können außerdem das Briefpapier benutzen, um selbst einen Brief zu verfassen. Der Künstler lädt Sie ein, darin einen Dank, eine Einsicht oder eine Entschuldigung zu formulieren, die Sie bisher noch nicht zum Ausdruck bringen konnten.
Sie können den Umschlag entweder verschließen und adressieren oder offen lassen. Bitte befestigen Sie Ihren Brief an einer der Kabinenwände. Adressierte Umschläge werden vom Gropius Bau für Sie verschickt.“[6]   

Das Letter Writing Project lässt sich auffächern in eine ganze Bandbreite von Adressierungen. Fällt es doch im Zeitalter der Posts, Tweets, Messenges und SMS‘ etc. aus der Zeit. Wer hat wann zuletzt einen Brief mit einem Bleistift auf Briefpapier geschrieben und verschickt? Den Berichterstatter erinnert die Schreibzelle u.a. an das japanische Genre der Kopfkissenbücher bzw. Kopfkissennotizen, 枕草子, Makura no Sōshi, was ihm ein angenehmer Gedanke ist. An wen waren die Notizen, die in einem Kopfkissen aufbewahrt werden, adressiert? Schrieb sie beispielsweise Sei Shonagon für sich selbst? Ordnete sie damit ihre Welt für sich selbst? – „One would imagine that he could do without a stick.“[7] – Das Schreiben und Adressieren wird zu einem Ritual, auf das Lee Mingwei einmal einen weiteren Wink gegeben hat.
„Die unverschlossenen Briefe werden von Lee gesammelt. Er plant, sie am Ende des Projekts in einer Zeremonie zu verbrennen. Lee meint: „Diese sehr schweren und intensiven Emotionen gehören eigentlich dem Himmel oder dem Wasser. Das Feuer wird die Emotionen freisetzen.“ Bislang hat Lee über 60.000 Briefe gesammelt.“[8]     

In dem virtuellen Interview mit Terri Fujii nimmt Lee Mingwei in einem traditionellen chinesischen Hemd eine Gestik des Lehrers an. Was lehrt er? Er lehrt Kontemplation als Praxis des Fragens nach sich selbst: „Ausgehend vom bereits existierenden The Letter Writing Project reagiert die neu entwickelte Arbeit Letter to Oneself auf die aktuelle Krise und lädt die Öffentlichkeit ein, Briefe an sich selbst zu schreiben, die sich mit folgenden Fragen beschäftigen: Wie gestaltet sich die aktuelle Situation für Sie? Was beunruhigt Sie am meisten? Was gibt Ihnen Hoffnung?“[9] Sich die drei Fragen zu stellen und sie in einem Brief an sich selbst zu formulieren, darf als eine der größtmöglichen Herausforderungen in der „aktuelle(n) Krise“ bedacht werden. Es sind die drei Fragen, vor denen sich viele, wenn nicht die meisten Menschen an die Greenwichpromenade, die Ost- oder Nordsee etc. flüchten. Anders gesagt: Die Greenwichpromenade am Tegeler See erinnert eben an jenen Breitgrad 0, von dem aus bei London die Welt und das Wissen über sie eingeteilt, gemessen wird. Doch dieses Wissen wird vom epidemiologischen Geschehen des Sars-COV-2 heimgesucht.

Die aktuelle Krise, das lehrt Lee Mingwei, wirft jede/n auf sich selbst zurück. Er selbst formuliert die Fragen mit großer Ruhe und einem Lächeln. Schließlich war er als Starkünstler der Olympischen Spiele in Tokyo vorgesehen. Die Vernissage am 27. März hätte ein großes Fest nicht zuletzt mit den anderen mitwirkenden Künstler*innen werden sollen. Nun haben sie sich zu einem Zoom-Meeting getroffen. Doch was ist ein Zoom-Meeting mit Lee Mingwei gegen ein Treffen mit ihm im Gropius Bau? Im virtuellen Interview spricht er nicht von seiner Situation in New York, das seit Wochen eines der, wie man sagt, Epizentren der Pandemie ist. Am 24. Mai 2020 hat die New York Times die interaktive Seite US Coronavirus Deaths 100.000 veröffentlicht, um mit 1.000 Namen, das sind 1%, daran zu erinnern, dass hinter der (über)großen Zahl[10] von nahezu 100.000 Toten durch Sars-COV-2 einzelne Menschen und die Trauer um sie verborgen wird. Beunruhigt Sie das am meisten? Wie lässt sich das als Wissen aushalten?

Der Letter to Oneself kann unter einem gewissen Aufwand der Normalverdrängung oder der Verdrängung von Wissen zur Herstellung von Normalität einfach niedergeschrieben werden. Es sind ganz simple Fragen, die Lee Mingwei formuliert hat. Doch sie sind, wenn man sich ihnen aussetzt, wenn man sie aushält, am schwierigsten zu beantworten. Werden sie beispielsweise derzeit in der Volksrepublik China oder in Taiwan bedacht oder bearbeitet? Wahrscheinlich nicht. Welche Rolle spielt 禮 für das Verhalten während der Krise? In ihrem Wuhan Diary zwischen dem 17. Januar und 1. Februar 2020 hat die Dokumentarfilmerin Ai Xiaoming beschrieben, wie sie reagierte. Stellt sie Fragen an sich selbst? Oder projiziert sie eher ihre Fragen nach außen und stürzt sich in eine Hilfsaktion, um sich nicht selbst fragen zu müssen? Sie fasst schließlich ihre Erfahrungen mit den jungen Freiwilligen zusammen, um dies als eine positive Erfahrung der geteilten Werte für die Öffentlichkeit zu bewerten. Doch das war, wie wir heute nur allzu gut einschätzen können, der Beginn der Pandemie.
„On a positive note, I’ve been really moved by the young volunteers. They are ordinary people who have stepped forward, making an effort to save a city on the verge of collapse. The young people have taken on the responsibilities voluntarily, sacrificing their own safety for the benefit of the public good. In so doing, they have also formed a link among themselves based on shared values. In this regard, I think this is also an opportunity for new social forces to grow.“[11]

Beschreibt Ai Xiaoming eine Praxis des 禮 Li? Die Aufopferung der eigenen Sicherheit zum Wohl der Öffentlichkeit durch die jungen Freiwilligen könnte als neue soziale Kraft den Regeln des Li entsprechen. Doch im Vergleich mit den Geschenken und Ritualen bei Lee Mingwei wirken sie eher aktionistisch. Ai wie die Freiwilligen umgehen geradezu den Letter to Oneself. Das macht einen Unterschied und gibt zugleich einen Wink auf seine partizipatorische Kunst. 禮 hat nicht zuletzt einen vielfältigen Bedeutungswandel erfahren. Es wird mit dem Konfuzianismus ebenso wie mit dem Taoismus und dem postkonfuzianischen 禮記Liji, dem Buch der Riten, Sitten und Gebräuche (Richard Wilhelm) in Verbindung gebracht. Der Anteil des Übersetzers bei der Zuspitzung äußerst elastischer und poetischer Lehren sollte nicht zu gering geschätzt werden. Unter Maß und Mitte wird eine ganze Reihe von Aussprüchen gesammelt.
„Dschung Ni sprach: Der Edle hält sich an Maß und Mitte, der Gemeine widerstrebt Maß und Mitte. Maß und Mitte des Edlen bestehen darin, daß er ein Edler ist und allezeit in der Mitte weilt. Die Mittelmäßigkeit des Gemeinen besteht darin, daß er ein Gemeiner ist und vor nichts zurückscheut.
Der Meister sprach: Maß und Mitte sind das Höchste, aber selten sind die Menschen, die lange dabei verweilen können.
Der Meister sprach: Warum der Weg nicht begangen wird, das weiß ich: Die Klugen gehen (mit ihren Meinungen) darüber hinaus, und die Törichten erreichen ihn nicht. Warum der Weg nicht erkannt wird, das weiß ich: Die Tüchtigen gehen (in ihren Handlungen) darüber hinaus, und die Untüchtigen erreichen ihn nicht. Unter den Menschen gibt es keinen, der nicht ißt und trinkt, aber selten sind die, die den Geschmack unterscheiden können.
Der Meister sprach: Ach, daß der Weg nicht begangen wird!“[12]

Der Gelehrtenname des Konfuzius, Dschung Ni, gibt einen Wink auf die anonyme Herkunft des Textes im Modus von Aussprüchen, der nicht nur postum geschrieben worden ist. Die Herkunft der Bücher des Konfuzius und seiner Philosophie, die in Tempeln tradiert wurde, ist insofern auch vage. Durch die literarische Transformation in Gespräche erweist sich das Li auch besonders anschlussfähig für Transformationen. In einer Fußnote merkt Richard Wilhelm zum „Untüchtigen“ an, dass „(h)ier (…) das Thema von der Überkreuzung von Wissen und Handeln zum erstenmal angeschlagen“ werde, das „weiterhin eine große Rolle“ spiele.[13] Die „Überkreuzung von Wissen und Handeln“ wird von Richard Wilhelm als ein Unwissen der Untüchtigen angeschrieben. Doch zugleich geht es mehrdeutig um das Wissen von „Maß und Mitte“, die als „das Höchste“ insofern aufgeschoben werden, als sie nur „selten“ oder fast nie erreicht werden. Das Wissen wird insofern von den Tüchtigen wie den Untüchtigen kaum in Praktiken umgesetzt. Doch das eher taoistische Machen generiert mit Umsicht nachträglich Wissen.
„曲禮上: 曲禮》曰:「毋不敬,儼若思,安定辭。」安民哉!
Qu Li I: The Summary of the Rules of Propriety says: Always and in everything let there be reverence; with the deportment grave as when one is thinking (deeply), and with speech composed and definite. This will make the people tranquil.“[14]
(Die Zusammenfassung der Regeln des Anstands sagt: Immer und in allem soll es Ehrfurcht geben; mit einem Verhalten, das bis in die Grabestiefe gedacht, und mit Sprache gefasst und bestimmt wird. Dies wird die Menschen ruhig machen.)

Das Wissen des 禮 lässt sich als eine Praxis sozialen Verhaltens formulieren. Es wird durch Rituale gerahmt. Mit anderen Worten: Wenn sich wie aktuell, soziale Distanz in Kombination mit dem Wunsch, etwas flicken zu lassen, wie im Mending Project praktiziert werden sollte, dann lässt sich eine Plexiglasscheibe zwischen den Akteur*innen einbauen. Lee Mingwei hat als New Yorker 2001 nach dem Anschlag auf die Twin Towers begonnen zu flicken. The Mending Project setzt dieses Ritual der Reparatur im Gropius jeden Nachmittag fort. Seit 2009 ist daraus eine ästhetisch komplexe Installation entstanden. Von geflickten Kleidungsstücken auf einem Tisch sind unzählige Fäden zu bunten Garnrollen gespannt. Allein schon die Buntheit der Garne im Raum und Garnrollen an der Wand bringt zur eher traurigen Arbeit des Flickens eine, soll man sagen, Fröhlichkeit zurück. – Fortsetzung folgt.

Torsten Flüh

PS: Am 22. Mai 2020 war auch das Restaurant Beba im Gropius Bau mit seinem unglaublich freundlichen Service, selbstgemachten Limonaden und leckeren Gerichten, einem sehr empfehlenswerten Lunch für 12 € wieder geöffnet. Einen Tisch kann und sollte man über open table reservieren. Ansonsten gelten die Rituale, die zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie empfohlen werden.

Lee Mingwei
禮 Li – Geschenke und Rituale
bis 12. Juli 2020
Zeitfenster-Ticket
Samstag bis Mittwoch 10:00 bis 19:00
Donnerstag und Freitag 10:00 bis 21:00
Dienstag geschlossen
Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin



[1] Lee Mingwei: Artist Statement. http://www.leemingwei.com/artist.php

[2] Vergleiche zur partizipatorischen Kunst auch: The Team Interviewed by Torsten Flüh. In: Barbara Lüneburg: TransCoding – From `Highbrow Art‘ to Participatory Culture

Social Media – Art – Research. Bielefeld: transcript, 2018, S. 28-50. (Open Access)

[3] GaleriePerrotin: A Virtual Interview with Lee Mingwei, uploaded 17.05.2020. (Das Interview muss allerdings früher stattgefunden haben, weil Lee Mingwei sagt, dass seine Berliner Ausstellung noch geschlossen sei. Es öffnete aber bereits am 11. Mai wieder.) 

[4] Siehe zur Frage des Museums und der Ausstellung auch: Torsten Flüh: I am not an artist. Philippe Parreno fasziniert im Gropius Bau mit einem Organismus als Ausstellung. In: NIGHT OUT @ BERLIN Mai 28, 2018 21:12.

[5] Vgl. zum Zweck bei Hegel: Torsten Flüh: Der Geist der Maschine. Zu Georg Wilhelm Friedrich Hegels Kunstphilosophie und der Granitschale vor dem Alten Museum. In: NIGHT OUT @ BERLIN 17. Mai 2020.

[6] Zitiert nach Zettel in der Ausstellung.

[7] The pillow book of Sei Shonagon (Records of civilization: sources and studies, no.77 / UNESCO collection of representative works: Japanese series). Translated and edited by Ivan Morris. New York, Columbia University Press, 1967. (archive.org)

[8] Zitiert nach Texttafel in der Ausstellung.

[9] Siehe Lee Mingwei: Letter to Oneself (2020).

[10] Zur großen Zahl siehe: Torsten Flüh: Der Geist der Zahl. Über Zahlen in Zeiten der Pandemie und im Roman Die Pest von Albert Camus. In: NIGHT OUT @ Berlin 29. April 2020.

[11] Ai Xiaoming: Wuhan Diary. In: New Left Review 122 Mar/Apr 2020: A Planetary Pandemic. London 2020. (Artikel online)

[12] Anonym: Li Gi – Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche. Übersetzt von Richard Wilhelm Jena 1930. (Zeno)

[13] Ebenda.

[14] Chinese Text Project: Qu Li I, 1. (Englisch translation: James Legge) (ctext.org)

1 Kommentar

  1. Lieber Torsten,
    Dein Bericht kommt zur rechten Zeit.
    – lese z.Zt. Das wahre Buch vom südlichen Blütenland
    – lese zur Z.Zt. Francois Jullien
    – bin am Pfingstmontagabend in Berlin: Zeit für ein schönes Abendessen?
    – Habe schon Karten für Mittwoch Gropiusbau, 12.30 Uhr
    Liebe Grüße
    Roland

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