Gemeinsam Haltung zeigen

Grundgesetz – Antisemitismus – Gewalt

Gemeinsam Haltung zeigen

Zum Konzert „Künstler stehen zusammen“ im Berliner Dom

Gestern Abend fand im Berliner Dom in Gedenken an die Opfer des Anschlags auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur auf Initiative von Avitall Gerstetter ein besonderes Konzert mit der Berliner Domkantorei, Domprediger Thomas C. Müller und dem Tenor Björn Casapietra unter der Leitung von Marie-Louise Schneider statt. Mehrere Hundert Menschen waren kurzfristig gekommen. Der Domkantor Tobias Brommann und die erste jüdische Kantorin an der Synagoge Oranienburger Straße und in der Bundesrepublik Deutschland können sich nicht nur von ihren Gotteshäusern über die Spree zuwinken, sie sind auch befreundet, wie Avitall in einer kurzen Ansprache sagte. Sie möchte sich mit befreundeten Künstler*innen mit „dem Thema Hass und Gewalt in der Gesellschaft und Wegen zu ihrer Überwindung auseinandersetzen“. Lesungen, Schauspiele, Vorträge, Ausstellungen und Konzerte sollen auch außerhalb von Berlin stattfinden. Das Konzert im Berliner Dom war dafür der Auftakt.

Ausgerechnet der Berliner Dom …, möchte man sagen. Gerade im Berliner Dom, den Kaiser Wilhelm II. noch als Thronfolger und landeskirchlicher Kirchenregent 1894 in Auftrag gab, ihn 1905 einweihte und der spätestens im Exil ausgesprochen antisemitische Briefe verfasste, muss man sagen. Denn die Geschichte des Berliner Doms und seiner Akteure ist heute vielfältig. Domprediger Thomas C. Müller erinnerte in seiner Ansprache daran, dass die Evangelische Kirche Deutschlands sich eigener antisemitischer Redeweisen erst seit geraumer Zeit kritisch stelle. Die jüdisch-christlichen Gemeinsamkeiten prägten deshalb programmatisch das Konzert. Dafür ist der Berliner Dom ein guter Ort. Als Projektionsfläche für das Festival of Lights lässt sich seine eklektizistische Bonbonnieren-Architektur als frühe Pop Art sehen.

Während in vielen evangelischen Kirchen heute die Psalmen kaum noch gesungen werden, gehört das Singen der Psalmen in der Synagoge zur eigentlichen musikalischen Ausgestaltung des Gottesdienstes. Avitall, die sich in mehreren Projekten nur mit ihrem Vornamen nennt, eröffnete das Konzert mit dem Psalm 23 Adonai Ro‘i Lo Echsar (Der Herr ist mein Hirte) in der Komposition von Gerald Cohen mit Tobias Brommann am Klavier. Das war eine ohne Kommentar vorgeführte Praxis der Gemeinsamkeit. Später sang die Domkantorei Psalm 25 Deine Wege, o Ewiger in der Setzung von Louis Lewandowski, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Berlin und von hier aus die synagogale Liturgie reformiert hat. In der Neuen Synagoge gab es seit ihrer Eröffnung 1866 im Obergeschoss die größte Synagogenorgel der Welt, an der Louis Lewandowski ein umfangreiches Werk für synagogalen Gesang entwickelte. Eine kleinere Synagogenorgel gab es in der Jüdischen Reformgemeinde, Johannisstraße 16, die von Rudolf Mosse gestiftet wurde.[1] Die 1905 hochmoderne, elektrische Sauer-Orgel mit ebenfalls zeitgenössischer Glühbirnenbeleuchtung stiftete der Fürst von Donnersmarck, d. i. Guido Henckel von Donnersmark, der in Paris 1871 in erster Ehe La Paiva geheiratet hatte. Einer der reichsten Adeligen und Industriellen des Kaiserreichs.  

Gerade der Berliner Dom und die Hauptkirche St. Marien haben in den letzten Jahren ihre Vorbildfunktion an der Schnittstelle von Religion, Gesellschaft und Politik erkannt und gestaltet. Der Berliner Dom in seiner durchaus fragwürdigen Architektursprache aus Elementen der Renaissance und des Barock ist zum touristischen Highlight geworden. Hunderte und Tausende Menschen aus Nah und Fern stolpern sozusagen in das pompöse Gotteshaus mit der zu ihrer Zeit größten Orgel in Deutschland von Wilhelm Sauer auf der Suche nach architektonischen Attraktionen – nach Besinnung eher selten. Kurz bevor das Konzert beginnt, kommen zwei junge Koreanerinnen mit ihren fotografierenden und übersetzenden Smartphones, um sich neben mich in die erste Reihe zu setzen. Sie sprechen kein Deutsch, etwas Englisch geht. Ich flüstere ihnen den Anlass des Konzerts zu, mache auf den Wechsel von Deutsch und Hebräisch aufmerksam. Sie sind fasziniert und beeindruckt. Am Schluss stimmt Avitall mit Björn Casapietra den Protestsong We shall overcome von Pete Seeger an. Das passt. Dafür steht „man“ auf und nimmt die Hände der Nachbar*innen.

Die Damen und Herren der Domkantorei, die sich zu einem beeindruckenden, erstklassigen Laienensemble mit 160 Mitgliedern zusammengefunden haben, engagieren sich mit ihrem Auftritt für Avitalls Initiative. Sie zeigen wie alle anderen ihre Haltung und singen zusammen mit Avitall auf Hebräisch L´dor vador von Meir Finkelstein, der über 200 zeitgenössische, liturgische Kompositionen geschrieben hat. Das ist außergewöhnlich. Möglicherweise erklingt das Lied zum ersten Mal in einer evangelischen Kirche überhaupt. Avitall und Tobias Brommann machen hier etwas Neues. Die Kommunikation sucht und stiftet Gemeinschaft. Eine gemeinsame Feier für die Opfer der unfassbaren Gewalttat in Halle aus einem rechtsextremen Hintergrund. Eines zum Terroristen herangewachsenen Gamers, der die ultimative Grenzerfahrung suchte, weil er mit anderen Menschen nicht mehr kommunizieren, sondern im Chatjargon nur noch Befehle erteilen konnte. – Das soll keine Erklärung sein, eher eine gesellschaftliche Verwerfungen andeuten.

Avitall erwähnt in ihrer Rede, dass es um das Grundrecht der Religionsausübung geht. Die Grundrechte sind verfassungsrechtlich durch den Staat gegenüber der Bevölkerung garantiert. Sie stehen im Grundgesetz in den ersten Artikeln. Vermutlich wird es wenig nutzen, gegen eine radikalisierte, rechte Szene mit Grundrechten aus dem Grundgesetz zu argumentieren. Es ist auch davon auszugehen, dass 95-jährige Altnazis, die es durchaus noch vereinzelt in Deutschland gibt, seit 70 Jahren das Grundgesetz mehr anzweifeln, als ihm eine Verfassungstreue entgegenzubringen.[2] Das gibt es. Gustav Seibt brachte vor Kurzem in einer Besprechung des Briefwechsels von Hannah Arendt und Dolf Sternberger mit dem Zitat „Muss ich Ihnen erzählen, dass Deutschland noch nie so antisemitisch war wie gerade jetzt?“ dessen Begriff „Verfassungspatriotismus“ wieder in Erinnerung.[3] Im Artikel 4 des Grundgesetzes steht:
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Die Gewährleistung der „ungestörte(n) Religionsausübung“ gehört zu den Grundrechten nach dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland seit dem 23. Mai 1949. Es gehört somit zu den Grundpflichten des Staates gegenüber seinen Bürgern, dass Stätten der Religionsausübung vom staatlichen Instrument der Polizei geschützt werden müssen. Es sind in Deutschland keine christlichen Kirchen oder Moscheen oder Hindutempel, die vorrangig geschützt werden müssen, sondern vor allem Synagogen. Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee und Seyran Ates bekommen selbstverständlich Polizeischutz in Berlin. Doch offenbar war es ein langwieriger Prozess, dass das von den Rabbinern Walter Jacob und Walter Homolka an der Universität Potsdam gegründete liberale Abraham Geiger Kolleg Polizeischutz erhält. Das könnte man wenigstens als eine Verfassungsschwäche zuständiger Einrichtungen und Politiker formulieren. In Zeiten, in denen das Grundgesetz für die Integration herangezogen wird, ist es oft viel wichtiger, die verbürgte Vielfalt der Grundrechte allen Bürgern klar zu machen.

Avitall erinnerte in ihrer Rede an Jana und Kevin, indem sie versprach, dass wir sie niemals vergessen werden, weil sie zum Opfer des Terroristen wurden, nachdem er nicht in die Synagoge gelangte, um die feiernden Juden zu ermorden. Die Opfer sind nicht namenlos. Ob Herkunft, Glaube und Geschlecht der Opfer noch irgendetwas mit der Mordtat zu tun hatten, lässt sich schwer einschätzen. Doch die Frau auf der Straße und der junge Mann im Döner Imbiss scheinen in ein Hassschema des Mörders gepasst zu haben, selbst dann, wenn es auf die Opfer gar nicht passen sollte. Das fanatische Hassschema passt niemals auf individuelle Opfer. Gerade das macht das Verfehlende der antisemitischen, rassistischen, sexistischen und homophoben Gewalt aus. Sie konstruieren sich Hassziele, die den/die Einzelne/n verfehlen müssen. Man muss es vielleicht noch einmal zuspitzend formulieren: Es gibt Antisemitismus nicht, weil es Juden und Israeli in großer Vielfalt gibt, sondern weil zwanghaft ein Hassobjekt konstruiert wird. Max Czollek hat in seinem Beitrag für die Anthologie Eure Heimat ist unser Abtraum (2019) engagiert auf die Funktion der Juden für die deutsche Gesellschaft hingewiesen:
Im Theater der deutschen Selbsterzeugung spielen aber nicht nur Juden mit, auch Migrant_innen bekommen eine bestimmte Rolle zugewiesen. […] Die Rollenverteilung ermöglicht eine doppelte Bestätigung des deutschen Selbstbildes: dass Deutschland eine offene Gesellschaft ist und dass diese offene Gesellschaft zugleich von denjenigen bedroht wird, die in ihr auch leben sollen, also den Migrant_innen.[4]

Björn Casapietra sang zunächst Hallelujah von Leonard Cohen und erinnerte mit dem heute meistens in der Vorweihnachtszeit und am Heiligabend in vielen evangelischen Kirchen gesungenen Lied Tochter Zion daran, dass das Lied im Nationalsozialismus aus Opportunismus gegenüber den antisemitischen Machthabern in den meisten Kirchen nicht gesungen wurde. Sicher vermied man es auch im Berliner Dom. Zur Geschichte der Religionsausübung in der Domgemeinde und ihrer Domprediger während des Nationalsozialismus läuft ein Forschungsprojekt an der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin, das noch nicht abgeschlossen ist. Natürlich befand sich der Dom in einem Spannungsfeld zwischen Politik und Kirche. So heiratete Hermann Göring am 11. April 1935 die Schauspielerin Emmy Sonnemann im Berliner Dom in Anwesenheit von Adolf Hitler, wie ein Foto vom salutierenden General der Flieger und seiner in weiß gekleideten, den Hitlergruß zeigenden Ehefrau überliefert. Der Nationalsozialismus und sein mörderischer Antisemitismus fanden bestimmt nicht nur außerhalb des Doms statt.

Die zerstörten Gemeinsamkeiten und Transfers gerade in Berlin im 19. Jahrhundert wurden von der Domkantorei mit drei Liedern aus dem Oratorium Elias von Felix Mendelssohn Batholdy erinnert. Es wurde am 26. August 1846 im viktorianischen Vereinigten Königreich in Brimingham uraufgeführt. Das Oratorium zum Propheten Elias aus dem Alten Testament kann sowohl als jüdische wie christliche Musikerzählung oder gar Oper gelesen und gehört werden, denn nicht zuletzt entstammte der Komponist der weit verzweigten jüdischen Kaufmanns- und Künstlerfamilie Mendelssohn. Deshalb waren dessen Aufführungen wie auch sonst sämtliche Werke des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy im Nationalsozialismus verboten. Wohl dem, der den Herrn fürchtet; Sieh, der Hüter Israels und Denn er hat seinen Engeln befohlen erklangen schon als Vorgeschmack auf die Aufführung des gesamten Oratoriums durch Solisten und die Domkantorei unter Leitung von Domkantor Tobias Grommann am 2. November um 18:00 Uhr. Es ist zu einer Frage politischer Haltung geworden, derartige Musikprojekte aufzuführen und zu unterstützen.

Torsten Flüh

Felix Mendelssohn Bartholdy
Elias 
2. November 2019, 18:00 bis 20:30 Uh            
Domkantorei
Berliner Dom

Avitall
Salon Avitall
weitere Projekte


[1] Vgl. zur Jüdischen Reformgemeinde und Rudolf Mosse: Torsten Flüh: George L. Mosses Erinnerung an den Klippen Europas und 50 Jahre Stonewall. Zur Konferenz Mosse’s Europe im Deutschen Historischen Museum und in der W. Michael Blumenthal Akademie. In: NIGHT OUT @ BERLIN 28. Juni 2019.

[2] Siehe dazu Torsten Flüh: Verkehrte Sicherheit und die Rückkehr der Rasse. Eine kleine Nachlese zum Tag der Deutschen Einheit, Bündnis Berlin und zur Aktion Deutschland spricht. In: NIGHT OUT @ BERLIN Oktober 7, 2018 18:41.

[3] Gustav Seibt: Angst vor Deutschland. In: Süddeutsche Zeitung. 14. Oktober 2019, 17:34 Uhr Zeitgeschichte.

[4]Max Czollek: Gegenwartsbewältigung. In: Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.): Eure Heimat ist unser Albtraum. Berlin: Ullstein 2019, S. 171.

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