Von der Liebe zu Büchern und dem Hass

Lesen – Bücher – Dresden

Von der Liebe zu Büchern und dem Hass

Zur Buchpremiere von Ingo Schulzes Roman Die rechtschaffenen Mörder und dem Buchhandel in Zeiten der COVID-19-Pandemie

Als Ingo Schulze am 4. März 2020 im Plenarsaal der Akademie der Künste am Pariser Platz unterstützt von Ulrike Vedder und Thomas Rosenlöcher seinen Roman Die rechtschaffenen Mörder vorstellte, ahnte niemand, dass Angela Merkel 14 Tage später, am 18. März, nicht zuletzt die Schließung aller Antiquariate und Buchläden einleiten würde. Was würde Ingo Schulzes Protagonist, der Antiquar Norbert Paulini, zu dieser staatlichen Maßnahme sagen? Allein die Vorstellung einer „Kontaktsperre“, die Angela Merkel am 22. März in Abstimmung mit den Ministerpräsidenten der Länder verkündete, war undenkbar. Beim anschließenden Empfang unterhielt man sich noch über den Aufenthalt von Freunden in Santa Barbara wie Kalifornien überhaupt und das kontaktfreudige Leben dort. Am 20. März hat der Gouverneur von Kalifornien schon ein „stay-at-home order“ erlassen.

Die rechtschaffenen Mörder wird eröffnet als ein Bücherroman. Zu Zeiten der DDR ist das Antiquariat von Norbert Paulini ein Faszinosum und er Herrscher eines Königreichs aus Büchern. „Lesehungrige“ reisen selbst von den Ostseeinseln Rügen und Usedom an, um in das Reich der Bücher eingelassen zu werden. Paulini selbst lebt mit und von Büchern, in einer Bücherwelt, wie man sie sich zumindest noch vor dreißig Jahren oder so erträumt hat. Das Antiquariat ist eine Art Schutzraum, wenn Ingo Schulze aus dem ersten Kapitel vorliest. Und dann kommt es zu einem Medienwechsel, der sich mit einem Politikwechsel überschneidet oder umgekehrt. Ingo Schulze führt seinen Protagonisten in Dresden-Blasewitz liebevoll ein. Der Autor liebt Bücher. Thomas Rosenlöcher liebt ebenfalls Bücher und erinnert sich an das Leben in den Antiquariaten als Kulturgut. Im Plenarsaal sitzen mit u.a. Volker Braun und Ginka Steinwachs, Kerstin Hensel und anderen mehr ebenfalls nur Menschen, die gern lesen und Bücher lieben.

In Deutschland sind wegen Maßnahmen zur Abflachung der Infektionswelle – „Flatten the curve!“, wird jetzt auf Verkehrsinformationstafeln angezeigt – nicht nur Antiquariate und Buchhandlungen geschlossen, sondern auch Bibliotheken, Lesesäle und Bücherhallen. Allein in Berlin und Sachsen-Anhalt dürfen Buchhandlungen geöffnet bleiben, teilt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf seiner Website mit. Das „Kulturkaufhaus“ Dussmann am Bahnhof Friedrichstraße hat trotzdem seit dem „21.03. bis auf weiteres geschlossen“. Was gerade stattfindet im Buchhandel, könnte selbst Norbert Paulini interessieren. Die Bundesregierung wird ungeahnte Mengen Geld selbst in den deutschen Buchhandel pumpen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann veröffentlicht am Sonntag, den 29.03. um ca. 17:00 Uhr einen Post mit der Formulierung: „Wichtige Korrektur bei Anträgen auf Soforthilfe: kein Verbrauch von Privatvermögen erforderlich!“ Es ist wahrhaftig eine Zeit der Umwertung aller Werte selbst im Buchhandel. Das geht über sozialistische Zeiten in Dresden-Blasewitz weit hinaus.

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Ingo Schulze sagt im Gespräch mit Ulrike Vedder über sein Erzählen, dass er nicht gewusst habe, wie sich sein Protagonist Norbert Paulini im Roman entwickele. Erzählen hat etwas mit Empathie zu tun, die Thomas Rosenlöcher auf dem Podium und am Rednerpult bestätigt. In einem sächsischen Idiom hält Rosenlöcher, der mittlerweile in Prenzlauer Berg lebt, eine Laudatio auf das feine erzählerische Gespür Schulzes. Selbst das Geräusch der Straßenbahn habe er beschrieben und sich unwillkürlich gefragt „Wie hieß der doch eigentlich“. Schulze sei als Erzähler ganz nah dran an der Geschichte. Man könne im Text finden, was nur er gespürt habe. Es geht Rosenlöcher anscheinend darum, eine Authentizität des Erzählten zu beschreiben. Allein schon das sächsische Idiom verleiht Rosenlöcher eine gewisse Autorität für die Einschätzung der Straßenbahnpassage.
„Plötzlich hörte er das Singen der Straßenbahn in der Kurve am Schillerplatz. Ihr Klang spannte sich tröstlich über den Nachthimmel. Seine Großmutter würde dasselbe Geräusch hören und an ihn denken. Norbert sah die Straßenbahnfahrerin, die aufrecht saß wie immer und ernst und konzentriert an den Kurbeln drehte. Sie war für alle da, die ganze Nacht. Aber nur ihm nickte sie zu. Er sollte nun einsteigen, sie würde ihn zur Großmutter bringen.“[1]

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Mich erinnert die Erzählung vom Antiquariat und den Büchern ein wenig an eines von Friedrich Kröhnke mit dem Titel Ein Geheimnisbuch[2], das Ingo Schulze sicher nicht gelesen hat. Es ist auch ganz anders geschrieben, weil Kröhnke mit den Büchern nicht vom Aufstieg und Fall des Antiquars Norbert Paulini erzählen will oder muss. Vielmehr erzählt er von seiner Büchersammelleidenschaft, die er schon in frühester Jugend mit seinem Bruder Karl entwickelte. Im Geheimnisbuch reisen Alexander und Abel gar bis nach Hamburg, um Antiquariate zu durchstöbern. Wenn ich mich hier zu einer Abschweifung und Kontextualisierung hinreißen lasse, dann wegen des Erzählens von Büchern und Antiquariaten. Das kann nämlich unterschiedlich ausfallen. Von Büchern und Antiquariaten in Büchern zu erzählen, hat fast immer Aussicht auf Erfolg, gelesen zu werden. Deshalb hier nun ein Einschub aus Ein Geheimnisbuch:  
„In Hamburg konzentriert sich die Arbeit auf gewisse Ecken der Grindelallee, aber auch auf jenen scheinbar schon immer existierenden Pavillon am U-Bahnhof Stephansplatz nahe Planten un Blomen, um den auch Hubert Fichte herumstreifte: Fundgrube für Bücherfreunde. Da gibt es eine ganze Wand von Reisebeschreibungen aus dem 20. Jahrhundert, in denen die Wüsten noch schwarz und weiß sind und die Welt wunderschön.“[3]  

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Das Antiquariat als Buchhandlung hatte – und hat es bisweilen heute noch – einen besonderen Zauber, der vom Geheimnis der Bücher ausgeht. Dabei handelt es sich nicht nur um alte Bücher, sondern um benutzte, bereits von einer oder mehreren Menschen gelesenen Büchern. Es hat fast die Intimität einer Vereinigung durch‘s Lesen. Bei neuen Büchern ist das nicht so. Die Gerüche von alten Büchern und ihr Äußeres bekommen etwas Voyeuristisches. Ingo Schulz beschreibt das Antiquariat in der Brucknerstraße von Dresden-Blasewitz nicht nur als Ort des Lesens, vielmehr als Lebensraum mit Büchern.
„Ob die Bücher in den drei schönsten Zimmern Norbert Paulinis wohnten oder ob er sich bei den Büchern niedergelassen hatte, blieb unentschieden. Die Bücher und der Antiquar lebten zusammen, am Tag und in der Nacht, und da vor den Fenstern zur Straße Ahornbäume standen und vom Hof aus eine große Kastanie das Haus beschirmte, verloren sich die Tages- und die Jahreszeiten in einem Halbdunkel, das jederzeit das Licht einer Leselampe rechtfertigte.“[4]

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Das Verhältnis zu den Büchern und zur Macht, vielleicht gar der Macht des Imaginären, wie es Ulrike Vedder mit Michel Foucault bei der Buchpremiere nennt, unterscheidet sich z. B. von der erotischen Begeisterung für Bücher der Gebrüder Alexander und Abel Amelung. Die andere Seite der Bibliophilie nimmt der Antiquar ein. Die alten Bücher verleihen Paulini Macht, die er genießt. Er vermag das Begehren nach den anderen Büchern, nach dem anderen Wissen jenseits der Nomenklatura zu kontrollieren. Ingo Schulze beschreibt von Anfang an Machtverhältnisse, wenn es heißt:
„Norbert Paulini ähnelte einem Kirchendiener oder Museumspförtner, wenn er den Türspalt mit seinem Körper schützend, den Besucher über die Brille hinweg musterte und sein »Sie wünschen?« in Verlegenheit brachte oder gar zum Unbefugten degradierte, der die Parole nicht wusste. Erkannte der Herrscher über die Bücher einen denn nicht? Hatte er die gemeinsamen Gespräche vergessen?“[5]

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Welches Gespür für Aktualität muss ein Autor haben, um in seinem gerade veröffentlichten Buch den vor noch ein paar Wochen gänzlich aus dem Gebrauch gekommenen, abwegigen Begriff Hamsterkäufe in seinem Roman über einen Antiquar zu verwenden? „Hamsterkäufe“ ist binnen Tagen zu einem Zeitwort geworden. Die allererste Einrichtung des Antiquariats „sah aus, als hätten die Bewohner Hamsterkäufe getätigt.“[6] Sehen Antiquariate nicht immer nach „Hamsterkäufe(n)“ aus? Plötzlich sind da die Aufnahmen der Buchhandlung Calligrammes von Fritz Picard im Film Paris Calligrammes von Ulrike Ottinger.[7] Die Genese des Antiquariats wird von Ingo Schulze in die Nähe von Hamsterkäufen gerückt. Das gibt einen Wink auf die Hamsterkäufe von Klopapier, Nudeln, Tomatensoßen und Fertiggerichten, wie sie auch am gestrigen Montag wieder ansatzweise bei Aldi zu beobachten waren. Hamsterkäufe werden nicht getätigt, weil es zu Versorgungsengpässen kommt, weil womöglich gar Hunger droht. Aber warum dann? Geht es um einen Hygienewunsch? Geht es um Kontrollwünsche im Kontrollverlust? Oder gibt das Klopapierhamstern einen Wink auf eine Regression in die anale Phase von Kleinkindern? Hamstern und eine einzigartige Ordnung, die sich auf keinen Fall verändern darf wie bei Norbert Paulini, bedingen einander.
„Was die Regale nicht fassen konnten, wuchs an den Wänden dicht an dicht in Stapeln empor. Es sah aus, als hätten die Bewohner Hamsterkäufe getätigt. Doch anstelle von Konserven, Zucker- und Mehltüten horteten sie Bücher. Die Registrierkasse thronte auf dem Nähmaschinentisch wie ein selbstherrlicher Bonze.“[8]

Es sind derartige Formulierungen, durch die nicht etwa eine ebenso imaginäre wie harmonische Welt der antiquarischen Bücher aufgebaut wird, vielmehr kontaminiert Ingo Schulze das Antiquariat und den Antiquar mit einem Begehren nach Macht, weil seine Welt eine vermeintliche Alternative zum Machtapparat bilden soll. Dorothea Paulini stirbt nach der Geburt ihres Sohnes, um ihrem Mann und ihrem Sohn ein Antiquariat in Kartons zu hinterlassen. Klaus Paulinis „Traum“ besteht nicht zuletzt darin, „als Gehilfe einer stillen und sauberen Arbeit nachzugehen, statt sich einer lärmenden Maschine zu verschreiben, die seinen Körper Tag für Tag von den Sohlen bis in die Haarwurzeln durchdrang und ihm den verbrauchten Odem einer von Schmieröl gesättigten Luft ins Gesicht blies“.[9] Das Antiquariat wird insofern als eine Gegenmaschine formuliert. Doch genau diese imaginäre Formation einer Maschine wird sich später gegen Norbert den Sohn wenden. Man kann in der Exposition des Romans also fragen, was die Maschine und ihr imaginärer Gegenentwurf ausmacht.

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Der „Dreher“ Klaus Paulini imaginiert (s)eine Maschine als eine, von der er träumt, ihr zu entkommen. Wir wissen nicht, ob und wie intensiv Ingo Schulze Franz Kafkas In der Strafkolonie gelesen hat.[10] Kafkas Maschine wird genauer beschrieben. Dennoch lässt sie sich mitlesen. Die „lärmende Maschine“ ist zumindest für Klaus Paulini in den 50er Jahren in Dresden eine andere imaginäre Größe als für den Maschinisten bei Kafka. Doch das Durchdrungenwerden von der Maschine ähnelt jenem stark. Die Maschine ohne Namen und genauere Funktion „(durchdrang) seinen Körper Tag für Tag von den Sohlen bis in die Haarwurzeln und (blies) ihm den verbrauchten Odem einer von Schmieröl gesättigten Luft ins Gesicht“. Anders gesagt: die imaginäre Maschine verwandelt den Körper und das Ich in eine ebensolche oder in ihren „Gehilfe(n)“, wie es Schulze nennt. Die auslöschende Transformation des Menschen in eine Maschine gehört nicht erst seit Kafka zu den Schrecken der Moderne. In der Produktionsästhetik des Sozialismus in der Prägung der DDR wird der Schrecken in ein Heilsversprechen umgewandelt. Doch nicht der Maschinist beherrscht die Maschine, vielmehr muss er sich ihr „verschreiben“ bzw. unterwerfen.

Das Verhältnis von Antiquariat und Maschine bildet insofern eine Ausgangslage für die Erzählung, als es als Machtverhältnis formuliert wird. Norbert Paulini wird bereits als „Neugeborene(r)“ ganz dem Antiquariat verschrieben. Der 1953 geborene Norbert hatte quasi keine andere Existenzmöglichkeit, als den alten Büchern und dem wuchernden Antiquariat verschrieben zu werden. Warum setzt Ingo Schulze die Platzierung seines Protagonisten derart stark in Szene? Geht es um einen Charakter? Oder geht es um eine Schuldfrage, die von vornherein entschieden wird? Es gibt für Norbert Paulini so gut wie kein Entkommen. Er wird lesen müssen, weil er quasi gleich der Matratzen ohne Bettgestell auf den Büchern abgelagert wird. Fluch oder Segen? Macht oder Ohnmacht? Man könnte das eine Erzähllogik oder einen Determinismus durch Sozialisation unter den Randbedingungen der DDR nennen.
„Klaus Paulini verkaufte zum Leidwesen seiner Mutter die Bettgestelle. Fortan lagerten die Matratzen auf Büchern. Auch der Korb mit dem Neugeborenen ruhte auf einem Unterbau gleichen Materials.“[11]   

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Was heißt lesen für Norbert Paulini? Im fortgeschrittenen Jugendalter des VI. Kapitels will er „Leser werden“.[12] Die rechtschaffenen Mörder ist nicht zuletzt ein Roman über das Lesen, insbesondere das von Büchern. Wie liest er? Was liest er und was soll er lesen bzw. studieren? Das Lesen wird als brotlose Profession vorgeführt und von Vater und Sohn mit der Nachbarin Frau Kate diskutiert. „Frau Kate befragte die Karten.“ Auch das lässt sich als eine Art des Lesens bedenken. Vielleicht ist es die Lesepraxis, die eben die Nachbarin, aber nicht Norbert anwendet. Denn das Kartenlesen gibt keine eindeutigen Antworten, sondern zutiefst widersprüchliche, nach denen sich bei Schulze zumindest nicht entscheiden lässt. Die „Klassenlehrerin“ bietet da schon eher ein berechenbares Lesen an, das im produktionsorientierten Sozialismus der DDR Macht verspricht. Er „beugte sich der Entscheidung wie einem Urteil“, heißt es. Die höchste Macht besteht darin als „BMSR-Techniker“ die Maschinen lesen und steuern zu können. Norbert wird „als Kind eines Arbeiters und als Halbwaise das Privileg (eingeräumt), eine Ausbildung zum BMSR-Techniker mit Abitur zu beginnen“.
„»Betriebs-, Mess-, Steuer- und Regeltechnik«, klärte sie ihn auf. »Danach steht dir die Welt offen.«“[13]

Lesen heißt demnach algorithmische Entscheidungen treffen. Lange bevor das Internet zugreift, hat sich Norbert Paulini auf Zeit qua seiner Ausbildung als „BMSR-Techniker“ den Algorithmen verschrieben. Die heißen noch nicht so, aber sie folgen der algorithmischen Maschinenlogik. Lesen und Algorithmen werden insofern miteinander verkoppelt. Betreiben, messen, steuern, regeln läuft immer auf binäre, Entweder-Oder-Entscheidungen hinaus. Nichts könnte dem Wunsch „Leser (zu) werden“, ferner liegen. Nichts könnte der Ambiguität des Kartenlesens ferner sein. Es gehört zu Ingo Schulzes Erzähltalent, mit wenigen Formulierungen gravierende Unterschiede aufzureißen. Norbert positioniert sich schließlich wie sein Vater gegen die Maschine. Denn ihn „bestürzte (…) die Vorstellung, sein Leben fortan zwischen Apparaten in Betrieben zu vertrödeln“. Er schmeißt die Ausbildung hin und wird Gefreiter und trifft einen Kameraden in der Bibliothek, der zwei Bücher ausleiht.
„»Wie kommen die denn hierher?«, fragte der Soldat und legte die beiden Bücher vor ihm ab. Das eine, von einem polnische Autor namens Gombrowicz, hatte einen unaussprechlichen Titel und noch nie ausgeliehen worden, das andere, das schlicht »Das Schloß/Der Prozeß« hieß und von Kafka stammte, trug zwei Ausleihstempel.“[14] 

Während der „Soldat“ dem Lesen ein geradewegs analytisches Interesse an Erzählpraktiken entgegenbringt, bleibt Norbert Paulini erstaunlich defensiv, obwohl er sich zu einer „Ausbildung zum Buchhändler“ entschlossen hat. Zum Abschied schenkt er dem Soldaten Gräbendorf nicht etwa Kafka oder Gombrowicz, sondern „ein antiquarisches Exemplar von Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg, was freilich literarisch weit zurückbleibt. Lesen, so lässt sich mit dem Zitat aus den Wanderungen sagen, heißt für Norbert Paulini vor allem ein Wiederlesen, ein Spiegeln und Kennen. Das Fontane-Zitat lässt sich durchaus als charakteristisch verfehlt beschreiben. Denn Fontane formuliert sein Lesen als kennen und „heimisch“. Fontane beschreibt und imaginiert Schloß Oranienburg als Ort seines Wissens. Die Wanderungen sind immer auch Wissensverarbeitung und Andeutung eines Gemeinwissens. Es gibt bei Fonatane häufig in den Wanderungen eine Wissensgeste des Wir.
„»Wir lieben das Stück, aber wir kennen es, und während die Sonne hinter Schloß und Park versinkt, ziehen wir es vor, in Bilder und Träume gewiegt, auf >Schloß Oranienburg< zu blicken, eine jener wirklichen Schaubühnen, auf der die Gestalten jenes Stücks mit ihrem Haß und ihrer Liebe heimisch waren.«[15]    

Das Jahr 1989 und der 9. November werden für Norbert Paulini zu einer ambivalenten Erfahrung von Ausbleiben seiner Kunden im Antiquariat und politischen Neuerungen, die er begrüßt. Plötzlich passiert ihm auf einem Spaziergang ein Ausbleiben der Sprache, das mit einer Leseerfahrung beschrieben wird. Die Leseanordnung korrespondiert durchaus mit Fontanes Wahrnehmung und Lesen als Wissen von sich selbst. Paulini nimmt sich mit einem Mal als „»Opfer«“ wahr.
„Doch plötzlich, nur für einen Augenblick, vor sich das »Blaue Wunder«, um ihn die rauchige Luft und das Gekreisch einer einzelnen Möwe, wusste Norbert Paulini nicht mehr, wer er war. Es besaß keine Sprache, keinen Wunsch, kein Ziel. Er lief weiter, er schob den Wagen mit dem Kind, ein sanftes Holpern – und schon war es wieder vorbei. Früher war ihm das nur beim Lesen widerfahren.“[16]   

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In gewisser Weise erodiert der Roman als Erzählung gegen Ende des zweiten Teils. Während zunächst vom Antiquariat und dem Lesen erzählt wird, wechselt Ingo Schulze nun die Perspektive auf (s)eine Auseinandersetzung mit Norbert Paulini. Es geht nun mehr um das Schreiben eines Romans in Auseinandersetzung mit dem Antiquar und seinem apodiktischen Wissen von den Büchern und der Literatur. Ingo Schulze blendet den Medienwechsel weitgehend aus. Was sich noch im ersten Teil als Frage des Lesens ankündigte, wird im zweiten Teil kaum noch komponiert, sondern in einer Art Bericht erzählt. Dabei ist Pegida zutiefst in einem Medienwechsel verstrickt, der nicht thematisiert wird. Bei Pegida und AfD geht es ausschließlich ums Erzählen, um Erzählungen und Gegenerzählungen, ums Imaginäre, um die Anderen und Wir, ums Internet und Apps. Doch das findet bei Ingo Schulze enttäuschender Weise keine Berücksichtigung.
„Ich hatte diesem Dresdner ein Denkmal setzen wollen, den Westlern zeigen, wo wahre Bildung lebte, und nebenbei auch meine Herkunft adeln. Ich hatte uns Ostlern die eigene Geschichte bewusst machen wollen. Aber ich hatte Paulini verkannt, verkannt, wozu ihn das, was wir an ihm bewundert hatten, prädestinierte: zum Herrschaftswahn, zur Überhebung, zum Blick von oben herab. Ich hatte ein Manuskript in den Sand gesetzt, aus Liebe zu Lisa, aus der Hoffnung auf eine Kontinuität meines Lebens. Aber auch ich war der Hybris erlegen. Denn was sonst als Selbstüberhebung und Anmaßung war meine Hoffnung gewesen, mein Schreiben für etwas einsetzen, für etwas benutzen zu können, auch wenn dieses Etwas die Liebe war. Was für ein Irrtum, was für ein Verrat!“[17]  

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Ist die Frage, ob Norbert Paulini zu einem Reaktionär oder Revoluzzer geworden war, eine Medienfrage? „Die Medien, also die regionalen“, werden im Dritten Teil mit Nachrufen auf Norbert Paulini erwähnt. Doch das Lesen wird nicht im Kontext der Medien bedacht. Es gibt Über-Neunzigjährige, die fröhliche Urständ im Internet feiern. Das wird weniger beachtet und thematisiert. Man bekommt es eher nur vom Hörensagen mit. Doch eben diese Über-Neunzigjährigen oder etwas Jüngeren genießen im Netz eine hohe Glaubwürdigkeit mit Erzählungen aus ihrer Kindheit von Adolf und ich. Meistens haben diese Menschen ihre Meinungen und Ansichten seit 70 und mehr Jahren nicht verändert. Aber sie sind im Internet auf eine andere Plattform getroffen, auf der sie bereitwillig und begierig gehört und gelesen werden. Der Medienwechsel, die Aufmerksamkeitswünsche und Leseweisen hätten insofern in einem Roman mit dem Anspruch auf Darstellung eines Dresdner Bildungsmilieus wie auch immer erzählt werden müssen. Es ist eben ganz und gar eine Herausforderung des Erzählens und der Erzählweisen. Selbst Bücher und gerade der Buchmarkt existiert heute insbesondere über das Internet.

Torsten Flüh

Ingo Schulze
Die rechtschaffenen Mörder


[1] Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2020, S. 58.

[2] Friedrich Kröhnke: Ein Geheimnisbuch. Zürich: Ammann, 2009. (Siehe auch: Torsten Flüh: Der Mythograph. Ein Werkaufriss zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Friedrich Kröhnke. In: NIGHT OUT @ BERLIN März 9, 2016 17:31.)  

[3] Ebenda S. 137.

[4] Ingo Schulze: Die … [wie Anm. 1] S. 12.

[5] Ebenda S. 10.

[6] Kapitel II hier ohne Seitenzahl, weil ein dummer EPUB-Reader ohne Seitenzahlen benutzt wird. EPUB-Reader, stellt der Blogger fest, sind nichts für ihn. Bücher kann und will er nicht ohne Seitenzahl lesen.

[7] Siehe: Torsten Flüh: Une Éducation sentimentale et imaginaire. Ulrike Ottinger erhält die Berlinale Kamera und zeigt Paris Calligrammes als Weltpremiere auf der Berlinale 2020. In: NIGHT OUT @ BERLIN 25. Februar 2020.

[8] Ingo Schulze: Die … [wie Anm. 6] Ebenda.

[9] Ebenda.

[10] Vgl. zur Maschine: Torsten Flüh: Kafkas Schreibmaschine. Die Oliver 5-Schreibmaschine und Franz Kafkas In der Strafkolonie. In: NIGHT OUT @ BERLIN 15. August 2019.

[11] Ingo Schulze: Die … [wie Anm. 6] Ebenda.

[12] Ebenda Kapitel VI.

[13] Ebenda.

[14] Ebenda Kapitel VII.

[15] Ebenda.

[16] Ebenda Kapitel XIX.

[17] Ebenda Teil II.

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