Circus – Silvesterkonzert – Vorhang
Seiltanz und Saitenakrobatik
Zum Silvesterkonzert 2025 des DSO mit dem Circus Roncalli im Tempodrom
War es ein Unbewusstes, das mich zum Zirkus mit Silvesterkonzert des Deutschen Symphonieorchesters (DSO) ins architektonisch an ein Zirkuszelt erinnerndes Tempodrom führte? Einerseits war es sicher die persönliche Erinnerung an meinen spontanen ersten Besuch des Silvesterkonzertes 2005: Kent Nagano kam auf einem Schimmel in die Manege geritten. Er war damals Chefdirigent des DSO. Danach habe ich mehrfach mit Begeisterung das Silvesterkonzert mit dem Winterzirkus des Circus Roncalli besucht und auch darüber geschrieben. Andererseits klingt „Zirkus“ 2025 anders, abwertend, genauer „Zirkuszelt“ hat seit Juli 2025 einen herabsetzenden Klang bekommen. Es wird darauf zurückzukommen sein.

Catherine Larsen-Maguire dirigierte im Frack einer Zirkusdirektorin das brillant aufgelegte Orchester mit Stücken u.a. von Erich Wolfgang Korngold, John Williams, Pjotr Tschaikowsky, Richard Wagner, Hans Zimmer. Eine Dirigentin eines großen Orchesters ist gewissermaßen eine Saitenbändigerin. Denn die Zeit der Schimmel und Tierdressuren ist im Circus Roncalli vorbei. Die Akrobat*innen, Illusionist*innen und Clowns sind die Hauptattraktion im Circus heute. Zwischen Hochseil, Luftperche, Hand Voltige, Luftring, Antipoden, Hand-auf-Hand, Hula Hoop auf dem schwingenden Mast, Trampolin und Todesrad wird das Zirkusprogramm zu einer atemberaubenden Show mit immer neuen Überraschungen, während Claudia Reiche gerade mit ihrem Buch O | Circus – Artisten*, Bilder, Texte an den Circus Royal und die Fahrenden der 80er Jahre erinnert.

Der Vorhang gehört existenziell zum Circus. Im Circus Roncalli ist der Vorhang rot, vermutlich aus Samt. Während sich die Orchestermitglieder schon von den Seiten auf ihre Plätze begeben haben, geht der Vorhang auf. Und ein großer Kasten wird in die Manege geschoben. Gleich einer Art Spieluhr wird er geöffnet und Catherine Larsen-Maguire entsteigt ihr im roten Direktorenkostüm. Das ist etwas Besonderes für eine Dirigentin. Denn üblicherweise bleiben Dirigent*innen im Orchestergraben fast unsichtbar oder treten auf eine Konzertbühne ohne Vorhang vor das Orchester. Der Vorhang im Circus funktioniert wie ein Zauberkunststück. Er macht geschlossen neugierig auf die nächste Attraktion und verhüllt sie nach dem Auftritt wieder wie ein wohlgehütetes Geheimnis. Er ist auf ein Spektakel angelegt.

Der Zirkus produziert weiterhin Spektakel, die wir uns wünschen. Nicht jede Zuschauer*in sieht das gleiche Spektakel. Aber die Akrobat*innen führen ihre Kunststücke auf, um gesehen zu werden. Oft geht es bei den spektakulären Kunststücken und Posen beispielsweise am Luftring mit Les Deux Plumes um todesgefährliche Übungen. Doch die zwei Federn erzeugen unter der Zirkuskuppel die Illusion der Schwerelosigkeit des Menschenkörpers. Als Begleitmusik spielt das DSO mehrere Themen aus Pjotr Tschaikowskys Schwanensee. Les Deux Plumes schweben auf jeden Fall mehr als in einer klassischen Ballettchoreografie. Auf zwei Bildschirmen links und rechts über dem Vorhang werden Wolkenformationen zur visuellen Steigerung der Atmosphäre eingespielt.

Die Wolken auf den Bildschirmen wiederholen den Bühnennebel in der Manege, der die Akrobatinnen umspielt. Während die Federn im schwarzen und weißen Trikot wie der weiße Schwan, Odette, und der schwarze Schwan, Odil, in der Luft tanzen, verschiebt sich die Erzählung ein wenig. Denn in der Luft sind die beiden Akrobatinnen aufeinander angewiesen und können sich keine Konkurrenz leisten. Das unheilvolle Doppelgängerin-Motiv von Odette und Odil aus der Schwanensee-Erzählung lässt sich einerseits vor allem seit den Erzählungen von E.T.A. Hofmann zu Beginn des 19. Jahrhunderts finden, andererseits könnten heute Odette und Odil Avatare sein, die von Gamer*innen gegeneinander online ausgespielt werden. Circus ist selbst im Zeitalter digitaler Medien welthaltig.

Geht es in der Akrobatik nicht immer um Formen des Tanzes? Eliza Khachatryan tanzt Spitze auf dem Hochseil zu Turtle Shoes mit den CelloFellows. Die Szene erinnert allerdings auch an die spieluhrenartige Musik von Karel Svoboda für Drei Haselnüsse für Aschenbrödel und winkt hinüber zum märchenhaften Doppelgänger-Motiv. Eine Spieluhr wiederholt nicht nur eine Melodie, vielmehr erinnert das aus der Mode gekommene Spielzeug auch an Balletttänzerinnen, die sich auf Uhren im Kreise drehten. Wenn Eliza Khachatryan sich auf dem Hochseil dreht oder hoch oben von der Spitze in einen Spagat geht, dann soll das atemberaubende Spektakel zwar eine Einmaligkeit darstellen, die allerdings von der Akrobatin sehr oft wiederholt worden sein muss, damit sie während der Vorstellung funktioniert.

Eliza Khachatryan kommt aus einer Artistenfamilie lässt sich aus dem Programmheft erfahren. Bereits ihr Vater war preisgekrönter Hochseilartist. Sind Artistenfamilien noch „Fahrende“[1] wie in den 80er Jahren als Claudia Reiche für kurze Zeit mit der Familie des Circus Royal zusammengelebt und sie so genannt hat? – „Wer kennt noch Fahrende, die in alter Tradition die Kunst des Zirkus betreiben?“[2] – Eliza Khachatryan hat nicht nur in der Moscow Circus School von Kindesbeinen an trainiert, sie hat auch Psychologie an der Academy of Education studiert. Das Hochseil hat viel mit guten Nerven und Psychologie zu tun. Befinden wir uns nicht gerade weltpolitisch auf dem Hochseil? Und ist es nicht immer mit dem Hochseil wie mit dem Seil in Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrunde.“[3]

Zirkus ist immer auch abgründig. Es wird im Zirkus alles getan, um mit dem Abgrund zu spielen. Ein wenig zielt der Zirkus mit seinen Akrobaten* immer auf den „Übermensch“. Übermenschliches wird von Akrobaten* geleistet, sei es im Luftring, auf dem Hochseil oder im rasend schnellen Todesrad der Brüder Tito und José Alejandro Vanegas aus Kolumbien. Hätte Nietzsche vom Todesrad gehört, wäre es für ihn ebenso inspirierend wie das Seil über dem Abgrund gewesen. Wieviel Poesie und wieviel Maschine steckt in der Illusion vom „Übermensch“? Nietzsche und die Maschinen! Im „Buch für Alle und Keinen“ kommt der Begriff der Maschine nicht vor. Doch „intelligente Maschinen“ spielen in Nietzsches Denken eine prominente Rolle.[4] Das Todesrad, zweifelsohne eine Maschine, lässt sich beherrschen. Das Duo Vanegas zeigt es.

Wenn sich das Rad des Todes wie das des Lebens beherrschen lässt durch das Duo Vanegas, dann gibt es ein Kalkül, das sich auf das Leben übertragen ließe. Gemessen an dem publizistischen Gebrauch des Begriffs Kalkül, bestand in den 1990er Jahren mehr Kalkül als nach 2000.[5] Der niedrigste Gebrauchswert der jüngeren Zeit wurde 2019 erreicht. Seit 2020 glaubt man wieder mehr an die Berechenbarkeit des Lebens – oder auch nicht. Denn schließlich galt das Leben bei Einbruch der Pandemie 2020 als weniger kalkulierbar. Die Brüder Vanegas setzen das Todesrad mit ihrer Körperkraft in Gang. Sie laufen in den Rädern und bald über ihnen. Der menschliche Körper kann alles. Wie zum Scherz springen sie bald auf dem Todesrad Seil. Ja! Sie springen Seil (!) auf dem Todesrad, das, wenn sie sich in ihrem Timing verkalkulierten, sie auch töten könnte. Dazu passt dann Lalo Schifrins Filmmusik aus Mission Impossible und/oder John Williams – Achtung: Übermensch – Superman Marsh.

Die Fallhöhe im Zirkus zum Musikprogramm des Deutschen Symphonieorchesters unter der Leitung von Catherine Larsen-Maguire ist beträchtlich und so hoch wie die des Lebens. Nein, das Repertoire für ein Silvesterkonzert mit Zirkus ist heute keinesfalls mehr auf die Strauß-Dynastie und deren Polka Unter Donner und Blitz beschränkt. Es gibt längst Filmmusikkonzerte, in denen nur John Williams von einem Symphonieorchester gespielt wird. 2021 spielten die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Wayne Marshall mit Martin Grubinger als Weltklassesolist in der Waldbühne John Williams.[6] Die klassische Musik tauscht sich immer auch mit dem Populären aus und umgekehrt. Die CelloFellows, Leonard Disselhorst und Bryan Cheng, als Solisten verbinden gar Herbie Hancock mit dem Cellospiel.

Leonard Disselhorst und Bryan Cheng sind ganz besondere Saitenakrobaten. Bei ihrem Spiel fliegen die Pferdehaare(!) der Bögen über die Cellosaiten und von den Bögen. Leonhard Disselhorst hat sowohl Herbie Hancocks und Bobbie McFerrins Turtle Shoes bearbeitet als auch Kingfisher für zwei Violoncelli und Orchester komponiert. Wie gesagt: das Pferdehaar fliegt auf diese Weise dann doch noch durch die Manege. CelloFellows definieren das Cello neu. Leonard Disselhorsts Bearbeitung und Komposition holen ganz neuartige Klänge aus dem Cello. Alles ist möglich im Zirkus. Im Zirkus zählen die erweiternden und abweichenden Spielweisen. Ganz abgesehen einmal von den internationalen Akteur*innen. Russland und China mit der Shandong Acrobatic Troupe spielen neben Kolumbien, Peru (Duo Vitalys) und Großbritannien (Professor Wacko) sowie Deutschland in der Zirkuswelt mit.

Doch die Zirkuswelt ist heute gefährdet. Statt Übermenschliches werden böse Clownerien im Stile des angelsächsischen Punch geboten. In der Zirkuswelt ist es womöglich die Figur des Clowns, die es sich leisten kann, nichts Waghalsiges zu bieten. Doch Professor Wacko nimmt die Figur des Clowns im Circus Roncalli ernst. Die Akrobatik von Professor Wacko wird durch ihre kalkuliert unbeholfene Ausführung mit Trampolin oder Stierattrappe komisch. Er mimt einen zerstreuten, englischen Professor mit Vollbart und Brille und wurde in Russland geboren. Punch schlägt. Man könnte ihn auch einen Schläger nennen. Professor Wacko ist kein böser Clown, vielmehr führt er eine gewisse Tollpatschigkeit vor, mit der sich das Publikum identifizieren kann. Dazu hat Bauke Lievens einmal formuliert:
„Der Zirkus versucht uns glauben zu machen, dass etwas unmöglich ist, und erhöht damit den Status des Zirkusartisten, der es dennoch schafft, und ermöglicht so ein magisches Erlebnis. […] Die körperliche Gefahr, der sich der Zirkusartist aussetzt, verstärkt nur den Eindruck von Authentizität, aber in Wirklichkeit wird ein Zirkusartist niemals einen Trick ausführen, den er oder sie nicht vollständig beherrscht.“[7]

Es gibt eine Zirkussprache, in der Begriffe anders gebraucht werden. Beispielsweise werden Einlagen der Shandong Acrobatic Troupe „Antipoden“ genannt. Das ist merkwürdig. Denn Antipoden sind seit der griechischen Mythologie eigentlich Gegenfüßler. Die Vorstellung der Erde als Scheibe oder Teller nährte die Vermutung, das auf der anderen Seite des Tellers Menschen umgekehrt leben müssten. Die Füße spielten eine entscheidende Rolle für den Menschen in der griechischen Mythologie. Der Mensch läuft auf Füßen. Heute werden die Füße des Menschen oft unterschätzt. Nicht so bei der Antipoden- und Tellerakrobatik der 13 Artistinnen der Shandong Acrobatic Troupe. Sie balancieren mit ihren Füßen Rollen, runde Kissen und Teller, indem sie „Fußspitzengefühl“ beweisen. Sie benutzen ihre Füße ganz gegensätzlich zum Publikum. Ihre Jonglage mit Rollen, Kissen und Tellern erfordert höchste Körperbeherrschung. Doch zugleich vermittelte der Zirkus immer „den Traum von einem befreiten Leben“, dem auch Claudia Reiche in ihrem Buch nachspürt, während sie zugleich dessen Verschwinden thematisiert:
„,Zirkus‘ steht heute weniger für fliegende Menschen und den Traum von einem befreiten Leben. Stattdessen ,fliegen Steine‘ auf einen Zirkus, der als Symbol eines unergründlich Anderen populär geworden ist: seien es diffamierte queere Sexualitäten, sei es ein gefürchtetes und gefeiertes ,Böses‘ in der Maske des Clowns. Anders gesagt: ,Zirkus‘ ist überall und Zirkus verschwindet mehr und mehr. Wo also ist die Manege?“[8]

Es lässt sich bedenken, dass das Duo Vitalys, Joel Yaicate Saavedra und Pablo Nonato Panduro, mit ihrer Adagio-Akrobatik zu Hans Zimmers The Man of Steel das älteste artistische Genre der Menschheitsgeschichte aufführen, wie es im Programm heißt. Im Circus Roncalli führen sie ihre Kraftakrobatik auf und mit einem Podest in der Manege auf. Allein durch Muskelkraft werden Körper getragen. Doch in der Frühgeschichte der Menschheit gab es keine Manege, vielmehr wurden auf der Straße Kunststücke vollführt. Heute ist es kaum noch die Straße oder die Manege, sondern der Gamingsessel aus dem heraus agiert wird. Datenströme, Joysticks, Headphones und Bildschirme schaffen neue Arenen, in denen es auf Leben und Tod geht.
„Auf den Bildschirmen ,artistischer‘ Mensch-Maschine Kopplungen beim Gaming, in den Algorithmen sogenannter Social Media, in künftiger Umzirklung durch ,revolutionäre‘ autonome KI-Waffensysteme? Wenn im Englischen von ,theater‘ oder ,arena of war‘ gesprochen wird, so würde ich den ungeheuren, disruptiv tödlichen ,Zirkus‘ der Jetztzeit dort suchen.“[9]

Herrscht im Zirkus Frieden? Während der Aufführung muss ein friedvoller Umgang der Artisten untereinander herrschen. Anders könnte das Duo Fosset an der „Luftperche“ (Zirkussprache) gar nicht seine Akrobatik vollführen. Das Duo Fosset bietet gar eine „Aerial Lovestory“ auf buchstäblich höchstem Niveau. Da können sich weder Noémi Amanda Krich noch John Laszló Fossett einen Rosenkrieg leisten. Am Schluss verstreut Noémi gleich einer Fee im schwindelerregenden Drehen Glitter. „Glitter and be gay.“ Walter Benjamin machte den Zirkus gar zu einem Ort des Weltfriedens.
„Walter Benjamin schrieb: der „wahre Völkerfriede werde einst in einem großen Zirkus besiegelt werden.“ Bisher ist dies bekanntlich nicht geschehen, das Publikum ist dem Zirkus gegenüber sogar überheblich und misstrauisch geworden. Wilde Tiere werden ihm mehr und mehr entrissen – in gläsernen Zoos stattdessen zur Zucht gezwungen – und vor geschminkten Clowns fürchten sich heute schon die Kleinsten, den Aliens von nebenan. Niemals genug Vorsicht, heißt es. Sicherheit und Spaß.“[10]

Es steht Anfang 2026 schlecht um den Zirkus und den Weltfrieden. Das muss bei allem Glitter und Silvesterkonzertüberschwang einmal nüchtern zur Kenntnis genommen werden. Das liegt keinesfalls an den „(w)ilde(n) Tiere(n)“, die dem Zirkus entrissen worden sind. Es liegt vielmehr an den MAGA-Clowns, die sich nun im Plural an den Schalthebeln der Macht neue alte Doktrinen gegeben haben. Offenbar wissen sie nicht einmal genau, wie sie was in Venezuela anstellen wollen. Darin erweisen sie sich als Dilettanten ganz anders als The Accidential Illusionists Scott & Muriel sie beherrschen das zufällige Verschwinden und Wiederkehren. Der Zirkus – seine Leichtigkeit, seine Perfektion, seine Tricks und Verspechen – ist in Gefahr. Das kann man wohl im Kontrast zum Silvesterkonzert mit dem DSO unter Leitung von Catherine Larsen-Maguire und dem Circus Roncalli sagen. Der andere Zirkus von Weltformat macht Angst.
„Die Zähne klappern schrecklich, denn die Brandstifter haben sich schon als Clowns maskiert. Terror ohne Revolution, das ist die Blutspur der Gegenwart.“[11]

Und damit zurückzukommen zum abwertenden Gebrauch des Zirkuszeltes und des Zirkus. Leider haben sich die sprachlichen Aussetzer des Bundeskanzlers, der gewiss kein Heinrich Lübke ist, aber doch wiederholt in seiner Wortwahl auffällig geworden ist, nicht vermeiden lassen. Das ist wiederum für einen Bundeskanzler keine Lappalie, sondern lässt befürchten, dass ihm dies nicht nur vor laufenden Fernsehkameras, sondern auch in transnationalen Konferenzen passiert. Also: „Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt, auf das man mal beliebig die Fahnen…“ – Bitte?! Friedrich Merz brach den Satz im TV-Talk maischberger ab. Was war ihm in der Satzbildung dazwischengekommen? Die Formulierung bleibt unpräzise z.B. hinsichtlich des Bundestags. Denn der Bundestag ist nicht das Gebäude, auf dem die Regenbogenfahne der LGBTQI*-Community jahrelang gehisst worden war, sondern das verfassungsrechtliche Organ der demokratischen Grundordnung. Aber der Bundestag hat seinen Sitz im Reichstagsgebäude, auf dem die Regenbogenfahne hätte gehisst werden sollen.

Wer das Reichstagsgebäude für den Bundestag nimmt, liegt schon einmal daneben. Das haben leider Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und Bundeskanzler Merz nicht beachtet. Ferner funktioniert die Verächtlichmachung des Zirkuszeltes als Ort abweichender Lebensentwürfe nur bedingt. Im Stadtbild von Berlin ist das Tempodrom ein herausragendes Zirkuszelt. Und drittens kann die Kuppel über dem Plenarsaal des Bundestages von Sir Norman Foster an ein begehbares Zelt wenn nicht gar Zirkuszelt erinnern. Friede und Freiheit könnten insofern mit dem Zirkuszelt in Verbindung gebracht werden.
„Ein wunderbarer vieldimensionaler Raum, ohne Ausdehnung und unermesslich, oben und unten jonglierend, innen und außen schon aus Prinzip verwechselnd. Es ist Zirkus eine Kunst, sogenannten niedrigen Lüsten gewidmet (die nur mit höchster Klugheit euphorisierend wirken), den Fähigkeiten der Körper, die schier Unglaubliches vollbringen, deswegen ein gefürchtetes Außer- und Übermenschliches. Lächerliches kommt von Lachen. Ängstliches von Angst machen? Und Freiheit? (Käme von Zirkus.)“[12]

Claudia Reiche feiert in ihrem Buch O | CIRCUS den Zirkus mit Artisten*, Bildern und Texten. Im Silvesterkonzert mit dem Circus Roncalli kann man die Ambiguität von Zirkus heute fast vergessen. In seinem Buch Aisthesis schreibt Jacques Rancière von Szenen, die unter anderem aus dem Zirkus kommen. Meine Besprechung hat daran angeknüpft, indem ich Szenen und Artisten aus dem Circus Roncalli besprochen und mit dem Buch von Claudia Reiche kombiniert habe.
„Eine Szene ist nicht die Veranschaulichung einer Idee. Sie ist eine kleine optische Maschine, die uns zeigt, wie das Denken damit beschäftigt ist, die Verknüpfungen zwischen den Wahrnehmungen, den Affekten, den Namen und Ideen herzustellen und die sinnliche Gemeinschaft, zu der sich diese Verbindungen verweben, und die intellektuelle Gemeinschaft, die das Verweben denkbar macht, zu errichten.“[13]

Eine Szene: Nach dem großen Finale, bei dem sich auch die Zirkusarbeiter, die sonst im Hintergrund geblieben sind, in ihren Zirkusuniformen verbeugt haben, nach den Luftballonen, die das Zirkusvolk ins Publikum geschnippt hat, nach all dem Verbeugen und den Gesten professionellen Dankens, verlässt Catherine Larsen-Maguire ihr Dirigentenpult, geht an der Hand von Professor Wacko quer durch die Manege auf den roten Zirkusvorhang zu und verschwindet im gleißenden Licht.

Torsten Flüh
Nächstes Konzert des DSO:
Mi 14.01.26
Festival ultraschall – Musik der Gegenwart
Haus des Rundfunks (Großer Sendesaal)
20.00 Uhr

Claudia Reiche
O | Circus, Artists*, Images, Words.
Preis: 20,00 €
zu bestellen bei thealit
oder im Buchhandel
thealit Bremen, 2026
ISBN: 978-3-930924-26-4
Deutsch/English
188 Seiten im s/w und 4Farb-Digitaldruck.
[1] Claudia Reiche: O | Circus, C | Circus. Zauberformeln gegen die Sterblichkeit. In: dies.: O | Circus, Artisten*, Bilder, Texte. Bremen: thealit, 2026, S. 16.
[2] Ebenda.
[3] Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Chemnitz: Ernst Schmeitzer, 1883, S. 12. (Deutsches Textarchiv)
[4] Siehe: Torsten Flüh: Nietzsches „intelligente Maschinen“. Zur Intelligenz und Maschine bei Nietzsche, dem Technikmuseum Berlin und dem Riesen-Dampfhammer. In: NIGHT OUT @ BERLIN 19. Juli 2019.
[5] Siehe Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Kalkül: Verlaufskurven.
[6] Siehe Torsten Flüh: BärCODE für die Berliner Luft. Zum Saisonabschlusskonzert der Berliner Philharmoniker in der Waldbühne. In: NIGHT OUT @ BERLIN 29. Juni 2021.
[7] Bauke Lievens, The myth called circus, in: Open Letters do the Circus, 7.12.2016 zitiert nach Claudia Reiche: O … [wie Anm. 1] S. 18.
[8] Claudia Reiche: O … [wie Anm. 1] S. 17.
[9] Ebenda.
[10] Claudia Reiche: FUNNYSORRYANGRYANONYMOUS. Variante eines Manifests. Ebenda S. 150.
[11] Ebenda S. 154.
[12] Claudia Reiche: ,Zirkus‘ und Lächerliches. In: Ebenda S. 178.
[13] Jacques Rancière: Aisthesis. Vierzehn Szenen. Wien: Passagen, S. 14.

