Der Schrecken und die Instabilität der Macht

Groteske – Oper – Politik

Der Schrecken und die Instabilität der Macht

Zu 75 Jahre Berliner Festspiele und der Aufführung von György Ligetis Oper Le Grand Macabre als Eröffnungskonzert des Musikfestes Berlin

Die totalitäre Macht der Venus wie des Chefs der Gepopo (Sarah Aristidou) ist viel instabiler, als es das Regime aus Fürst Go-Go, Nekrotzar sowie dem Schwarzen und dem Weißen Minister etc. wahrhaben will. Die Starsopranistin Sarah Aristidou hat für die halbszenische Aufführung in der Berliner Philharmonie einen vierbeinigen Barhocker aus England mitgebracht, auf den sie steigt, um in grotesker Personalunion von Venus und Chef der Gepopo Koloraturen zu singen, während sie sich vorsichtig stehend einmal im Kreis dreht. Schwindelgefahr! Oder eben überhaupt ein großer Schwindel von totalitärer Macht, Weltuntergangsankündigung und Überlebenswunsch! Le Grand Macabre wird heute eine Donald-Trump-Operngroteske mit dem Finnish Radio Symphony Orchestra!

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Zuvor hatte der Historiker Meron Mendel in seiner Jubiläumsrede an einen „Abend, der vor 63 Jahren am Rande der Berliner Festwochen stattfand und der in der offiziellen Chronik der Berliner Festspiele nicht einmal erwähnt wird,“[1] erinnert. In seiner 3jährigen Forschungsarbeit in den Archiven der Berliner Festspiele war Meron Mendel auf die Ereignisse um den Auftritt der Sängerin Belina bei den 13. Berliner Festwochen gestoßen. „Die gesamte (jüdische, T.F.) Familie war von den Nationalsozialisten ermordet worden.“[2] Belina sollte nicht auf einer der großen Theater- oder Konzertbühnen auftreten, sondern im Hinterhof der Galerie Diogenes in einem Raum für nicht einmal hundert Gäste. Es kamen „mehr als tausend Menschen“. Wer hatte Belina eingeladen? Und wer hatte seit 1951 die Berliner Festwochen geleitet? Gab es einen Wechsel in der Intendanz, der zum Auftritt der Sängerin mit „Es brennt – Lieder aus Israel und dem Ghetto“ geführt hatte?

Finnish Radio Symphony Orchestra

Meron Mendels „Festrede“ mit der Erinnerung an Belinas Auftritt und György Ligetis Le Grand Macabre als Eröffnungkonzert des Musikfestes Berlin im Jubiläumsjahr gehören zusammen. György Ligeti hatte als ungarischer Jude das Hitler-freundliche Regime von Miklós Horty überlebt, von dem er 1944 zum Arbeitsdienst in der ungarischen Armee eingezogen worden war. Seine Mutter hatte das KZ Auschwitz-Birkenau überlebt. Sein Vater wurde im April 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet und sein jüngerer Bruder war im KZ Mauthausen ermordet worden. Wenn also die Mitglieder des Finnischen Radio Symphony Orchesters mit schwarzen T-Shirts, auf denen auf der Rückenseite in Signal-Orange „OUR GREAT LEADER“ mit einem knabenhaften Profil gedruckt ist, dann wird in der halbszenischen Opernaufführung von Frederic Wake-Walker auf groteske Weise an die „Führer“ Miklós Horty und Adolf Hitler erinnert. 

Finnish Radio Symphony Orchestra

Die genauen Gründe für den unerwarteten Besucheransturm beim Konzert Belinas lassen sich nicht mehr klären. Belina war 1963 keine Unbekannte in der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1960 hatte sie einen Vertrag bei Odeon/Polidor in Köln, wohin sie als einzige Überlebende der Shoa ihrer Familie nach einer Zeit in Paris gezogen war. Sie hatte 1960 im Kriminalfilm Die schwarze Witwe, der im November 1963 in die Kinos kam, neben O. W. Fischer und Karin Dorr eine Sängerin gespielt.[3] Belina wurde zum Star der Berliner Festwochen. Meron Mendel sieht in dem Überraschungserfolg ein Indiz dafür, dass „das Publikum Anfang der 60er-Jahre (…) sehr wohl bereit (war), sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen“. Doch die Einladung der Festwochen an Belina könnte auch „mit einem Wechsel an der Spitze der Festwochen zu tun“ gehabt haben.

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Der erste Leiter der Berliner Festwochen Gerhart von Westerman war plötzlich verstorben und Wolfgang Stresemann, Sohn von Gustav Stresemann, hatte die kommissarische Leitung übernommen. Gerhart von Westermann und Heinz Tietjen hatten die Berliner Festwochen mitbegründet. Sie hatten ihr Handwerk noch bei Goebbels gelernt. Um Mendels Forschungsergebnisse ein wenig abzukürzen, lässt sich sagen, dass man sich schon früher hätte fragen können, wo denn die Berliner Funktionäre und Propagandisten des Nazi-Regimes alle geblieben waren. Sie waren 1951 bis in die frühen 1960er Jahre alle noch da. So auch als West-Akteure bei der Gründung der Berliner Festwochen. Es wurde davon gesprochen, dass Wolfgang Stresemann allererst Belinas Auftritt ermöglicht hatte.

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Meron Mendel skandalisiert die Verstrickung der Berliner Festwochen im Nazi-Regime nicht, sondern formuliert sie als Auftrag an die Akteur*innen der Künste, indem er an die jüngste politische Einflussnahme des Staatsministers für Kultur und Medien auf eine unabhängige Jury beim Deutschen Verlagspreis erinnerte. „Die gemütliche Zeit ist vorbei“, zitierte er Joschka Fischer. Der Kulturkampf gegen *chen ist von rechts eröffnet worden. Es gab Anweisungen an die Mitarbeiter*innen des Ministeriums, das Gender-Sternchen nicht mehr zu nutzen. Stattdessen werden von den Un-Kulturpolitikern der AfD Binarität, Patriachat und deutschtümelnde Sternen-Sonnenwendfeiern propagiert. Meron Mendel hat sich gegen die „Empörungsfalle“ positioniert. Als positives Beispiel für die Offenheit der Berliner Festwochen erwähnt er die Uraufführung eines Ballettes von Hans Werner Henze 1957. Festreden schreiben Geschichten und Treffen Entscheidungen, was erwähnt werden muss und was nicht.

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Amanda (Elisabeth Freyhoff, Sopran) und Amando (Jingjing Xu, Mezzosopran), die zu Beginn von Le Grand Macabre in der Salzburger Fassung als Liebespaar auftreten, hießen in den ersten Aufführungen nach der Uraufführung am 12. April 1978 in Stockholm und in der Deutschen Erstaufführung der Hamburgischen Staatsoper (Premiere 15. Oktober 1978) anders. Nämlich weitaus provozierender „Clitoria“ oder in Hamburg „Hymenia“ und „Spermando“.[4] Zu tristanartigen Klängen im Orchester erregte das in einer Sonntagnachmittag-Abonnement-Aufführung 1978 oder `79 den Zorn älterer Damen im Publikum, die unter Protestrufen – „So ein Schweinkram“ – mitten in der Aufführung den Zuschauerraum türenknallend verließen. Es war eines meiner ersten Opernerlebnisse in der Hamburgischen Staatsoper. Das provokative Potential der Anti-Oper wird von Ligeti erst retrospektiv überdacht. Doch die Sonntagsabo-Damen hatten das Anti nicht ganz falsch verstanden.
„Aus der »Anti-Oper« wurde allmählich eine »Anti-Anti-Oper«, also, auf einer anderen Ebene, wieder »Oper«.“[5]

Finnish Radio Symphony Orchestra

Ligeti hat die Namen seines Opernpersonals für Le Grand Macabre nicht näher erläutert. Doch schwerlich ließen sich in der Figur „Gepopo“, „Chef der Geheimen Politischen Polizei“, einerseits die Gestapo des Naziregimes und andererseits nach 1968 und dem „Radikalenerlass“ von 1972 der Verfassungsschutz überhören und übersehen. Gepopo ist mit dem doppelten Po im Deutschen ebenso lustig wie historisch erschreckend. Doch der Schrecken der Geheimpolitischen verkehrt sich durch die Verdopplung in einen kindersprachlichen Popo ins komisch Groteske. Denn der Schauplatz der Weltuntergangsoper ist das Kunst-Breughelland:
„In finster-grandiosem Pomp erscheint Nekrotzar, auf Piet reitend, Trompete blasend und die Sense schwingend. In seinem Gefolge höllische Gestalten, maskierte Musiker, groteske Monstren wie aus einem apokalyptischen Bild von Breughel oder Bosch.“[6]     

Finnish Radio Symphony Orchestra

Das Groteske wird von Ligeti allerdings im Musikalischen und in der Überschneidung der Figur der Lustgöttin Venus und des Chefs der Gepopo komponiert. Ohnehin wollte er „ja kein Sprechtheater mit Musik als Zutat, sondern die totale Verschmelzung von Handlung und Musik: Bühnengeschehen durch Musik“.[7] Sarah Aristidou sang in der Philharmonie die kaum verständlichen Höhen der Koloraturen des übermächtigen Chefs der Gepopo wie der Venus. Dabei stieg sie, wie erwähnt auf einen ca. 150 cm hohen Hocker, um zu singen, bis Fürst Go-Go (Andrew Watts, Countertenor) half, ihr hinabzuspringen. Die maßlose und zugleich lächerliche Überzeichnung der Machtausübung, indem Venus/Gepopo auf einen hochgefährlichen Hocker steigt, trifft Ligetis Intentionen: „Bühnengeschehen durch Musik“.

Finnish Radio Symphony Orchestra

Wie das gesamte Programm des Musikfestes Berlin ist es seinem Leiter Winrich Hopp zu verdanken, dass das Finnish Radio Symphony Orchestra mit seiner zuvor in Helsinki finnischen Erstaufführung von Le Grand Macabre zur Eröffnung des Jubiläums von den Berliner Philharmonikern und den Berliner Festspielen eingeladen wurde. György Ligeti lässt in der Ankündigung des Weltuntergangs durch Nekrotzar (Leigh Melrose), der Angst und Schrecken als Machtmittel verbreitet, nicht nur den Totalitarismus des Naziregimes durchschimmern, vielmehr spielt er zugleich auf die Ängste vor dem atomaren Overkill der 60er bis 80er Jahre an, die fast in Vergessenheit geraten sind. Heute beherrschen Ängste vor einer Verselbständigung der Künstlichen Intelligenz und apokalyptische Narrative vor allem in den USA bis zum Tech-Milliardär Peter Thiel[8] Verhaltensweisen und Investments in beispielhaft SpaceX-Aktien. Doch wie endet Le Grand Macabre?

Finnish Radio Symphony Orchestra

Der Angstverbreiter Nekrotzar wird von Piet vom Fass (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) und Astradamors (Karl Huml) schließlich mit der Zerlegung seines Namens in „bloß Zar“ verspottet. Der prophezeite Weltuntergang hat nicht stattgefunden. Oder Ligeti lässt am Schluss offen, wer im Modus des „Bühnengeschehens durch Musik“ recht hatte. Das signalartige Hupkonzert zu Anfang hatte für die Aufregung und Angst gesorgt, um sich bis zum Heulen einer Endzeit-Sirene hochzuschaukeln. Am Schluss singen und tanzen alle bis auf Nekrotzar eine Passacaglia:
„Amanda und Amando wissen nichts vom vermeintlichen Weltuntergang. »Für uns ging die Welt auch unter, doch gleich war’n wir wieder munter … Die Todesangst ist eine Qual für andere: Uns ist’s egal!« Die Schlussverse singen alle außer Nekrotzar: »Fürchtet den Tod nicht, gute Leut’! Irgendwann kommt er, doch nicht heut’. Und wenn er kommt, dann ist’s soweit … Lebt wohl so lang in Heiterkeit!« Die gesamte Passacaglia wird gemessen-elegant von allen Beteiligten getanzt. Das Sonnenlicht wird fahler und geht in ein überirdisches Licht über. Dann fällt langsam Schnee und bedeckt die Personen auf der Bühne.“[9]  

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Zwischen Hedonismus – „Die Todesangst ist eine Qual für andere: Uns ist’s egal!“ – und Atombunkerbau oder SpaceX-Shuttle zum Mars spielt sich in Ligetis Bühnengeschehen durch Musik eine Post-Oper nach der Anti-Oper ab. In der Philharmonie fiel kein Schnee. Der nackte Oberkörper des furchteinflößenden Nekrotzar konnte mit seinen Streifen an Janoschs Tigerente erinnern. In der Philharmonie wurde das knabenhafte Profil des Gepopo an die obersten Wände projeziert. Kindersoldaten postierten sich im Parkett vor das Publikum. Geradezu immersiv erfüllte das Geschehen in der Musik visuell und akustisch den Musikraum. Nach enthusiastischem Applaus für das Orchester, den Helsinki Chamber Choir, die Solisten und den Dirigenten Nicholas Collon verließ das Publikum die Philharmonie nicht nur amüsiert, vielleicht ein wenig nachdenklich in die Berliner Nacht am Potsdamer Platz.  

Torsten Flüh

75 Jahre Berliner Festspiele
Musikfest Berlin
bis 23. September 2026


[1] Meron Mendel: Wenn die Kunst der Spiegel der Zeit ist, was sehen wir darin? (29.08.2026) Zitiert nach Presseverteiler 75 Jahre Berliner Festspiele: Festrede. Auch in Süddeutsche Zeitung 28. August 2026, 20:30 Uhr.

[2] Ebenda.

[3] Siehe Wikipedia: Belina.

[4] Siehe Wikipedia: Le Grand Macabre (Englisch)

[5] György Ligeti: Le Gand Macabre. Geschrieben Anfang 1978 anlässlich der Uraufführung in Stockholm am 12. April 1978. Erstveröffentlichung in: Melos/NZ, 4 (1978), Nr. 2, S. 91–93. (Website)

[6] Ebenda Einführungstext für das Begleitheft zur CD-Edition bei Sony Classical (György Ligeti Edition 8, »Opera – Le Grand Macabre [1997 Version]«, SK 62312), 1999.

[7] György Ligeti: Le … wie Anm. 5.

[8] Zu Peter Thiel siehe auch: Torsten Flüh: Die Revolution mit dem Regenbogen. Zu Thomas Sparrs brillanten Essay Come Out – Wie der Aufstand in der Christopher Street die Welt veränderte. In: NIGHT OUT @ BERLIN 21. Mai 2026.

[9] György Ligeti: Le … wie Anm. 5.

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