Erinnerungslandschaft und animiertes Drehbuch

Erinnerung – Transformation – Drehbuch

Erinnerungslandschaft und animiertes Drehbuch

Zu Ulrike Ottingers Ausstellung Paris Calligrammes im Haus der Kulturen der Welt

Erinnerung ist mehr als das, was sich sagen und zeigen lässt. Entsprechend üppig wuchern die Bilder und Texte in Ulrike Ottingers Ausstellung Paris Calligrammes. Eine Erinnerungslandschaft. Sie ist bunt und wird durch ein rotes Tor mit blauen Schriftzügen eröffnet, die sich wie folgt lesen lassen: Paris Lieux De Memoire Calligrammes. Durch dieses Tor gelangen die Besucher*innen in die Erinnerungslandschaft mit ihren durchaus multimedialen Erinnerungsorten: eine Art enge Pariser Altstadtgasse mit in Stoffapplikationen transformierte Gemälde von Ulrike Ottinger aus den 60er Jahren, drei thematischen Räumen und einem sicherheitstechnisch relevanten Notausgang, der sich dank Filmprojektion in die Passage du Grand-Cerf verwandelt.

Die Stoffapplikationen nach den zwischen 1962 und 1969 in Paris oft kleinformatig gemalten Bildern von Ulrike Ottinger erzeugen durch die satten Farben und die Dreidimensionalität einen Traumeffekt. Das Plastische der Bilder verstärkt die Farben wie Strukturen in der Malerei der französischen Pop Art als „figuration narrative“. Gleichzeitig sind die Wände und Böden mit fast nachtblauem Velours ausgekleidet. Das dämpft die Akustik in den Räumen. Die Erinnerungslandschaft findet in einem traumartigen Setting statt, in dem alle Bilder und Texte miteinander verwoben sind. Film- und Tondokumente verstärken das Traumartige der Erinnerungslandschaft. Stimmen aus den sechziger Jahren überschneiden sich mit der Akustik eines Frisiersalons am Gare du Nord, wo die Haare kunstvoll geflochten und mit Kunsthaar zu dramatischen Frisuren des frankophonen Afrika verlängert werden.

Die Erinnerung, zumal wenn sie einen dezidiert traumartigen Zug der Darstellung annimmt, wird von ambigen Gefühlen und widersprüchlichen Diskursen durchzogen. Zunächst einmal war da eine Faszination der jungen Frau von 20 Jahren, die immerhin mit einer poppig selbst bemalten Isetta von Koblenz nach Paris fahren wollte. Doch ganz bis nach Paris schaffte es die Isetta nicht. Fasziniert war Ulrike Ottinger nicht nur von der mondänen Großstadt Paris, die immer noch Hauptstadt einer Kolonialmacht war, vielmehr gelangte sie schnell in den kulturellen Umkreis der deutschsprachigen Buchhandlung Calligrammes von Fritz Picard und seiner Frau Ruth Fabian. Im Film erzählt sie laut Drehbuch:

Als ich Fritz Picard das erste Mal in der Librairie Calligrammes besuchte, betrat ich ein Büchergewölbe, einen expressionistischen kleinen Tempel, in dem die aufgestapelten Bücher wie schräge Säulen, nur von guten Geistern festgehalten bis unter die Decke reichten.

Fritz Picard hatte schon 1951 die Buchhandlung in Paris eröffnet, die vor allem für deutschsprachige Juden und politische Aktivisten z.B. bei der Internationalen Hilfe oder bei den Internationalen Brigaden ein Anlaufpunkt war. Die deutschsprachigen Bücher sammelte Fritz Picard in Antiquariaten, wo sie gestrandet waren, nachdem sie von jüdischen und politischen Geflüchteten zurückgelassen worden waren. Calligrammes nannte schon 1918 Guillaume Apolinnaire seine graphisch-poetologische Gedichtsammlung, so dass der Name der Buchhandlung eine Anknüpfung an von den Nationalsozialisten inkriminierte Literaturen signalisierte. Gleichzeitig lässt sich das Kaligramm als eine Art Bild-Text-Rätsel verstehen. Der Text wir zum Bild geordnet wie in Apolinaires:

S
A
L U T
M
O N
D  E
DONT
JE SUIS
LA   LAN
G U E     É
L O Q U E N
T E   Q U E S A
B  O   U C  H   E
O            P  A  R I S
T I R E  E T  T I R E R A
T  O  U              J O U R S
A U X                       A      L
L  E  M                       A N D S

(Eine Übersetzungsmöglichkeit: Sei gegrüßt Welt, deren sprachgewandte Zunge ich bin, die dein Mund, oh Paris, den Deutschen herausstreckt und immer herausstrecken wird.)

Als studentischer Chauffeure verschlug es den Berichterstatter Ende der 80er Jahre in das Landhaus von Fritz Picard und Ruth Fabian in Pacy-sur-Eure. Fritz Picard war bereits 1973 verstorben. Madame Fabian verbrachte die Sommer mit ihren Freundinnen dort. So erlebte ich ein fernes Echo des Calligrammes, als vor allem die Freundinnen ihre Geschichten zu erzählen begannen. Gerhard Gallus, den ich fuhr, hatte das Calligrammes in den 50er und 60er Jahren durch die Schillergesellschaft mit Literatur aus der Bundesrepublik Deutschland versorgt. Die Freundinnen von Ruth Fabian hatten sich in der Resistance engagiert. Lebensgeschichten zwischen verschütteten Traditionen und bislang Unerzähltem. Ulrike Ottinger lässt vor allem im „Calligrammes-Haus“, wie sie den Ausstellungsraum nennt, das intellektuelle Leben mit seinen charismatischen Akteuren aufleben.

Die Fassade der Librairie Calligrammes in der Rue du Dragon ist für die Ausstellung liebevoll nachgebaut worden. Legendär und beziehungsreich trug das Zifferblatt der Uhr keine Zahlen, sondern die 12 Buchstaben des Namens, als sei die Uhr selbst ein Kaligramm. Die Nähe des Kaligramms zur Kaligraphie eröffnet mehr Lektüren[1] als das einfache Zeilenschema durch die Tendenz zum Bild. Die Archivalien – Fotos, Texte, Portraits, Zeichnung, Notizzettel, Briefe – aus dem persönlichen Archiv von Ulrike Ottinger lassen wie Warholsche Zeitkapseln die Erinnerungen aufblitzen. Mehr erklärender Text hätte die Landschaft stark musealisiert. Doch Ottingers „lieux“ sollen lebendig bleiben in den zahlreichen eher losen Verknüpfungen. In einer Nische werden Seiten mit Widmungen von Georges Braque, Lil Picard, Victor Vasarely, Valeska Gert, Eugène Ionesco etc. für Fritz Picard aus seinem Gästebuch projiziert.

Im Vorwort zur Ausstellung und der begleitenden Publikation nennt der Intendant des Hauses der Kulturen der Welt, Bernd Scherer, sie „eine(n) sehr persönliche(n) Rückblick“. Zugleich transformiert die Ausstellung den gleichnamigen Film in eine „Flanerie“ durch Paris, wie es nicht mehr bzw. nur für die Künstlerin und die Besucherinnen existiert. Die Drehbücher für die Filme von Ulrike Ottinger sind wiederum eine eigene ästhetische Transformation, wie sie bereits in der Ausstellung und dem Katalog Floating Food 2011 im HKW zu sehen waren.[2] Paris ist für Ottinger sozusagen die Schnittstelle der Erinnerungen und Archivalien. Scherer schreibt:

Die Stadt ist die Protagonistin des Films von Ulrike Ottinger, ihre Straßen, ihre Stadtviertel, ihre Buchläden, ihre Kinos, aber auch ihre Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Intellektuellen. Es ist wie ein Sehnsuchtsort, ein künstlerisches Biotop, aber auch ein Ort, an dem uns die Dämonen des 20. Jahrhunderts begegnen.[3]      

Kolonialismus ist ein Dämon. Scherer benennt die vielfältigen Paradoxien, die Ottinger nicht versteckt oder beschönigt, sondern zur Sprache bringt bzw. ins Bild setzt. So ist ein ganzer Raum der französischen Ethnologie gewidmet. Die Faszination der Ethnologie gehört für Ottinger seither zu ihren Themen, die immer wiederkehren. Doch die Filmemacherin und Künstlerin hat auch das ethnologische Wissen in ganz eigene Bilder und Erzählungen gewendet. Poesie und Wissenschaft überschnitten sich beispielsweise auch im Film und der Ausstellung Weltreise in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz an der Potsdamer Straße 2016. In Paris faszinierten Ottinger die Ethnologen wie Levi Strauss oder Jacques Lanzmann, dem Bruder von Claude Lanzmann, der 1970 in Vingt Quatre Heures Sur La Deux über die Umstände der Wiederauflage von Edgar Rice Burroughs Tarzan auf die Einheimischen sprach. Doch war und ist die ausgeprägte Ethnologie in Frankreich zugleich mit den Verbrechen der Kolonialmacht Frankreich verknüpft.

Die besondere Atmosphäre der Librairie Calligrammes, die kein kommerziell besonders erfolgreiches Unternehmen war, hatte zugleich ihren Ursprung in den Verbrechen der Nationalsozialisten und des Vichy Regimes. In der Sommerhitze von Pacy-sur-Eure wurde noch Ende der 80er Jahre neben dem sprühenden Geist der Damen und der Gastfreundschaft der ungeheure Schmerz und Verlust spürbar. Eine Freundin hatte bis zu jenem Abend kein Deutsch mehr gesprochen. Seither hat sich viel geändert. Einerseits entdeckte die junge Ulrike Ottinger die verschüttete Literatur der Weimarer Republik wie z. B. Else Lasker-Schüler wieder. Andererseits fand der Algerienkrieg zwischen 1954 und 1962 statt, so dass die Gewalt der Kolonialmacht Frankreich präsent war. Die Postkartenidyllen aus den Kolonien hatten wenig mit der politischen Wirklichkeit und den Machtverhältnissen gemein. Doch die Postkarten aus Indochina oder die Fotografien von Ré Soupault faszinierten Ottinger ungemein.

Ulrike Ottinger nimmt mit Paris Calligrammes eine ganz einzigartige Haltung zu den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts ein. Die Einzigartigkeit, zumal im Modus der Erinnerungslandschaft als künstlerische Darstellungsweise lässt sich nicht einfach sehen oder erfassen. Vielmehr entzieht sie sich auch in der Fülle. Dass Ulrike Ottinger das Gästebuch von Fritz Picard erworben hat und für die Ausstellung als Projektionen aufschlägt, gibt nur einen Wink, wie sehr sie sich zugleich gar als Archäologin für eine fast verschwundene Welt einsetzt.

Die einzigartige Kombination aus wissenschaftlicher Strenge und Reflexion mit künstlerischer Kreativität macht Paris Calligrammes zu einer wichtigen Ausstellung, auf die sich die Besucher*innen einlassen sollten. „Die Präsenz des Kolonialen – mein ethonografischer Blick in die Welt“, im Drehbuch überdenkt die Verstrickung in den Kolonialismus als eigene Wahrnehmung durch die Kombination von Postkarten mit den Notizen auf deren Rückseite. Kurz mit den Worten Ulrike Ottingers:
„Treten Sie also ein in mein Paris der 1960er Jahre, das mir damals zu einem ersten Haus der Kulturen der Welt wurde.“

Torsten Flüh

Paris Calligrammes
Eine Erinnerungslandschaft von Ulrike Ottinger
bis So. 13. Oktober 2019
Haus der Kulturen der Welt

Publikation
Haus der Kulturen der Welt (Hrsg.):
Paris Calligrammes.
Eine Erinnerungslandschaft – Ulrike Ottinger.
Berlin: HKW/Hatje Cantz, 2019
192 Seiten, Deutsch, Englisch, Französisch
300 Abbildungen, davon zahlreiche in Farbe, gebunden
ISBN 978-3-7757-4637-3
Preis: 24 €


[1] Vgl. auch zur Kaligraphie: Torsten Flüh: Arabische Monster in der Präventionsgesellschaft. Sinan Antoon, Allen Feldman und Joseph Vogl sprechen mit Bernd Scherer über Angst. In: NIGHT OUT @ BERLIN Juni 26, 2017 19:44.

[2] Siehe: Torsten Flüh: Die Magie der Archive. Floating Food und Unter Schnee von Ulrike Ottinger. In: NIGHT OUT @ BERLIN September 13, 2011 12:37. (Durch ein Microsoft-Update im März 2019 wurde die Besprechung beschädigt.)

[3] Bernd Scherer: Vorwort. In: ders., Haus der Kulturen der Welt (Hrsg.): Paris Calligrammes. Eine Erinnerungslandschaft – Ulrike Ottinger. Berlin: HKW/Hatje Cantz, 2019, S. 4.

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