Gesang – Sprache – Stimme
Simple Songs and theatrum mundi
Zum Preisträgerin-Konzert von Meredith Monk im Rahmen von MaerzMusik 2026 und ihrem Film Book of Days (1988)
Die Akademie der Künste hat im Auftrag des Senats von Berlin den Großen Kunstpreis 2026 an Meredith Monk verliehen. Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele, und Manos Tsangaris, Präsident der Akademie der Künste, moderierten das Konzert im bis auf den allerletzten Platz besetzten Saal der Berliner Festspiele. Die Spannung flirrte durch den Raum. Manos Tsangaris arbeitet als Komponist gern mit ungewöhnlichen Instrumenten. Er hatte ein solches mitgebracht und führte es auf der Bühne vor. Einig waren sich Pees und Tsangaris darüber, dass Meredith Monk mit erweitertem Gesang (extended vocals) seit den 70er Jahren die neue Musik mitgeprägt habe. In den 80er Jahren wurde sie zur Identifikationsperson für junge Frauen.

Berühmt wurde Meredith Monk als Pionierin der menschlichen Stimme jenseits der Tonalität. Sie erkundete in Opern, Performances und Filmen z.B. mit Book of Days die Kommunikationsmöglichkeiten jenseits der Sprache mit eingeübten Worten. In der Szene und dem Lied Cave Song stellt sie die Figur der Madwoman dar, die im Film nicht spricht. Als ein Mädchen sie in ihrer Höhle besucht, kommuniziert sie nur durch Gesten, Blickkontakt, Tanzbewegungen und Zeichnungen im Sand mit ihm. Ihre Gesangstimme kommt aus dem Off. Am Ende der 4-minütigen Szene singt eine Mädchenstimme im Off mit. Die wortlose Kommunikation stiftet Gemeinschaft. In anderen Szenen werden mittelalterliche Bewohner*innen der Stadt wie von einem Fernsehreporter interviewt. Doch die Menschen verstehen die Fragen oft nicht oder antworten unverständlich.

Die Einzigartigkeit und die Gemeinschaftsbildung machen die Faszination von Meredith Monk aus. Auf der Bühne im Haus der Berliner Festspiele erscheint sie in einer einzigartig geschnittenen, karmesinroten Jacke mit Hose von threeASFOUR (Kostüme). Mich erinnert das an Einstein on the Beach von Phil Glass in der Inszenierung von Bob Wilson am gleichen Ort 2014.[1] Phil Glass‘ Minimal Music für Einstein on the Beach und Bob Wilsons minimalistisch-choreografische Gestenregie von 1976 gehören wie Meredith Monks erstes Lied im Konzert, Wa-lie-oh aus Songs from the Hill (1975/76), das sie allein auf der Bühne sang, der gleichen Epoche an. Meredith Monk ist einzigartig, indem sie ihre Vocals entwickelte. Allerdings war ihre Herkunft aus der Choreographie, der Musik und dem Gesang immer auch mit einer New Yorker Künstler*innen-Szene verknüpft.

Meredith Monk wurde von John Cage und Phil Glass wahrgenommen und für ihre Vokalkunst verehrt. Ihre Kunst wird oft auf ein ganzheitliches Körperkonzept reduziert. Doch ihre Texte wie Wa-lie-oh oder nach minutenlagen Standing Ovations als Zugabe The Tale erinnern zugelich an die Brüchigkeit von Sinn, die John Cage z.B. in Lecture on Nothing (1959) sprachlich erkundet hat.[2] Vielleicht war es Meredith Monk immer wichtiger aus einer Sprachskepsis heraus, durch ihre Kunst Gemeinschaft zu stiften und auf eine eigene Philosophie mit einem Funken Kritik zu beharren wie in The Tale:
„I still have my hands
I still have my mind
I still have my money
I still have my telephone
Hello, hello, hello?
I still have my memory
I still have my gold ring, beautiful, I love it
I still have my allergies
I still have my philosophy”[3]

Meredith Monk arbeitet im Zwischen, Zwischenräumen oder Brüchen (cracks), wie sie es selbst formuliert hat. Das Zwischen wird von ihr als ein Durchbrechen der Genres und Kategorien poetisch beschrieben und praktiziert, wenn die Stimme zu tanzen und der Körper zu singen beginne und das Theater zum Film werde. Es geht vor allem um das Durchbrechen eines kanonisierten Wissens von der Stimme, dem Körper und dem Theater. Durch die Arbeit im Zwischen werden die Artikulationsmöglichkeiten von Stimme, Körper und Theater erforscht und erweitert. Marie-Anne Kohl spricht in ihrer Laudatio zur Verleihung des Großen Kunstpreises mit Referenz auf Roland Barthes‘ „Le grain de la voix“ (1981) von einem „schwer fassbare(n), körperliche(n) Moment des Klangs“ der Stimme.[4]
„I work in between the cracks,
where the voice starts dancing,
where the body starts singing,
where the theatre becomes cinema.”[5]

Die Arbeit im Zwischen brach und bricht insbesondere das Wissen von der Stimme auf. Es geht dabei nicht nur um ein Musikwissen wie der Stimmwissenschaft oder Vokologie, vielmehr geht es um eine Kunstforschung, die immer über ein festgeschriebenes Genre hinaus erweitert wird. Häufig wecken die Extensionen wie in extended vocals ein Begehren, mehr über sie wissen zu wollen, sie zum Gegenstand einer positiven Wissenschaft wie der Vokologie zu machen. Meredith Monk formuliert diesen Wunsch nicht, vielmehr stellt sie das Zwischen als einen Bereich vor, von dem man nichts wissen muss und kann. Das „in between the cracks“ lässt sich nicht bestimmen. Es hält bei Meredith Monk das Wissen in der Schwebe, ohne dass es sich in einem Wissen genießen ließe.

Zur Performance von Hips Dance aus den Volcano Songs: Duets von 1993 kommt ihre langjährige Begleiterin Katie Giesinger auf die Bühne, um mit ihr zu singen. Die Duets sind Programm und bereichern das Genre der Duette. Die Volcano Songs erschienen 1997 bei ECM Records unter exklusiver Lizenz an die Deutsche Grammophon an der Schnittstelle von klassischer und populärer Musik. Singen Meredith Monk und Katie Giesinger überhaupt? Ist das Gesang und/oder Sprechen? Zwei Stimmen machen etwas miteinander, das durchaus komponiert und strukturiert ist und sich von anderen Volcano Songs unterscheidet. Auf der Bühne wenden sich die beiden Frauen einander zu. Für Marie-Anne Kohl war es, „als lauschte ich einem Gespräch in einer mir ungekannten Sprache“.[6] Doch wenn es schon eine Sprache wäre, dann ließen sich nach einigem Einhören Wiederholungen verstehen und in einer Syntax entschlüsseln, was gesprochen wird. Vielleicht wünscht sich Meredith Monk indessen ein poetisches Nicht-Verstehen im Zwischen.

Auf ihre praxeologische Weise ist Meredith Monk eine Sprach-Forscherin oder Sprach-Philosophin. Hips Dance mit minimalistisch wechselnden, melodischen, rhythmischen Tönen eröffnet einen Horizont von Sprache im Wechsel von zwei Frauen-Stimmen. 2015 hat Meredith Monk in einem Gespräch für die Music Devision der Library of Congress in Washington DC über ihre Arbeit und Live Performances gesprochen. Für sie ist es wichtig, dass sich die Menschen in einem Raum als „connected“ empfinden. Die Verbundenheit, die sie mit ihren Auftritten Oktober 2015 herstellen möchte, formuliert sie als eine Gegenbewegung zur zunehmenden Zerstörung (destruction) in der Welt.[7] Sie arbeitet gegen die Zerstörung von Natur und Gemeinschaft. Daran hat sich 2026 kaum etwas geändert. Die Musikabteilung der Bibliothek des Kongresses unterstreicht denn auch, dass Monk mit Gefühlen, Energien und Erinnerungen im Zwischen arbeite, für die es keine Worte gebe.
„The visionary artist Meredith Monk’s groundbreaking exploration of the voice as an instrument expands the boundaries of musical composition, creating landscapes of sound that unearth feelings, energies, and memories for which there are no words.”[8]

Die Arbeit von Meredith Monk im Zwischen ist in Zeiten einer wort- und datenbasierten Künstlichen Intelligenz nicht weniger, sondern wichtiger geworden. Sie hält mit dem Preisträgerin-Konzert eine entscheidende Gegenposition zum einerseits faszinierenden wortbasierten Wissen, das fast mühelos syntagmatisch Wissen formulieren und zusammenführen kann. Andererseits wird dieses wortbasiert-codierte Wissen fragwürdig, weil es nur in Kategorien generiert werden kann. Ein Großteil der Nachrichten wird heute zwar zumindest von KI/AI ansatzweise generiert oder durch Algorithmen user-spezifisch auf sozialen Medien gefüttert. Aber User bekommen nur zu hören und zu sehen, was sie bereits zuvor sehen, hören und lesen wollten. Zwischenräume werden von Verschwörungsmythen besetzt und entwickeln einen spaltenden Sog von Wahrheiten.[9] Der Begriff Fake News lässt sich im nächsten Moment von Trump und seinen Anhängern in einen Kampfbegriff gegen investigative Medien umkehren. Eingedenk dessen ist Meredith Monks Arbeit geradezu Widerstand und Kritik an einer KI-beherrschten Wahrnehmung von Wirklichkeit.

Wenn Meredith Monk meist sehr leise spricht, wird deutlich, dass ihre Singstimme selbst mit über 80 Jahren noch zart, fast jugendlich klingt. Es kommt auf die Abstimmung mit ihren Gesangspartnerinnen an. Schließlich betritt Allison Sniffin für die wortlosen Cellular Songs die Bühne, um nun dreistimmig mit Giesinger und Monk zu singen. Man hat den Eindruck, eine alterslose Stimme zu hören. Sich nicht nach der Kategorie Alter zu richten, lässt sich nicht zuletzt als eine queere Praxis wahrnehmen. Marie-Anne Kohl verweist darauf, Monk „Queerness nie zum expliziten Thema“ gemacht habe, was vielleicht nicht ganz glücklich formuliert ist. Denn was könnte Queerness anderes sein als Zwischenpraktiken im Beziehungsgeflecht unter Menschen?! Normative Zu- und Einordnungen von Geschlecht hat Meredith Monk in ihrer Kunst- und Lebenspraxis immer abgelehnt. Ihre Erzähl- und Gesangspraktiken waren immer queer, was sich nicht zuletzt in ihrem Film Book of Days zeigt.

Book of Days entfaltet eine Erzählung zwischen Vergangenheit (Mittelalter) und Gegenwart (1988) voller Queerness. Die Eröffnungssequenz des Films zeigt Bauarbeiter, wie sie Löcher in eine Backsteinwand bohren und in die Bohrlöcher Dynamitstangen stecken. Dann wird die Wand weggesprengt und nach einem Schnitt sehen wir Menschen, die auf eine mittelalterliche, von einer Mauer auf einem Hügel umschlossene Stadt zugehen, an das Tor klopfen, von einer Art Ritter eingelassen werden und sich nach links und rechts in der Stadt getrennte Wege gehen. Die weggesprengte Wand der späten Neuzeit eröffnet ein Nachdenken über die Verwerfungen der Gegenwart. 1988 ging es um die HIV-Epidemie und das massenhafte Sterben an AIDS-bezogenen Erkrankungen insbesondere unter Männern, die gleichgeschlechtlichen Sex hatten. 1986 hatte die Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl unzählige Opfer gefordert und eine radioaktive Wolke freigesetzt, die wochenlang Europa apokalyptisch in Angst und Schrecken versetzte.

Für Book of Days müssen die historischen Ereignisse so konkret benannt werden, weil Meredith Monk im Film wiederholt Bildmaterial aus deren Kontext kontrastiv, kurz in das mittelalterliche Szenario hineinschneiden lässt. Ein mittelalterlicher Medikus wird nach einer Seuche (plague und desease) von einem neuzeitlichen Reporter im Off befragt: Schnitt: bewegte Bilder von Blut: Schnitt: Gesicht des Medikus. Das Verfehlen der Sprache und Bilder wird vorgeführt. In einer Sequenz wird ein bewegtes Bild mit zwei Schauspielern als Löwen, zwei gestisch Betenden, einem Neptun, drei mehrgesichtigen Wesen, einem König, einem Leierspieler etc. vor einer alten Wand aus Felssteinen aufgeführt: ein Tableau vivant: die Kamera zoomt aus dem Bild raus und wird Film, könnte man sagen. Das Tableau vivant wird zu Film im Film. An der Schwelle zu digitalen Bildern aus Pixeln wurde Ende der 80er Jahre das Tableau vivant in der Medientheorie engagiert diskutiert.[10]

Meredith Monk lässt ihr theatrum mundi in einer mittelalterlichen Stadt in Frankreich spielen. Die Kombination aus Cave Song und anderen, Fernsehinterviews, Tableau vivant, Medizinbildern etc. wird zu einer Kritik an der Sprache wie am Bild. Das ist wichtiger, als an eine zyklische Wiederkehr von Katastrophen und Ängsten zu glauben. Zu Beginn der 80er Jahre hatte der Nato-Doppelbeschluss die Angst vor einer atomaren Auslöschung der Menschheit geschürt. In Deutschland kam es zu zahlreichen großen Demonstrationen der Friedensbewegung, die schließlich zu Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und der UdSSR führten. Das alte Narrativ der Apokalypse hat bei evangelikalen Christen in den USA gerade Konjunktur und wird finanztechnisch von evangelikalen Kirchenunternehmen genutzt.

Auf einer weiteren Ebene wird in Book of Days das Verhältnis von Juden und Christen inszeniert und verhandelt. Doch Meredith Monk positioniert sich in einem Zwischen als Madwoman, die nicht in Worten spricht.
Torsten Flüh
MaerzMusik 2026
bis 29.03.2026
[1] Siehe Torsten Flüh: The Moon, the Shooting Star and the Happening. Einstein on the Beach von Robert Wilson im Haus der Berliner Festspiele. In: NIGHT OUT @ BERLIN 14. März 2014.
[2] Siehe Torsten Flüh: Nicht Nichts – wenn sich Sinn verfängt. Robert Wilson inszeniert und spricht John Cages Lecture on Nothing in der Akademie der Künste. In: NIGHT OUT @ BERLIN 9. September 2012.
[3] Liedtext von Meredith Monk zitiert nach Programmzettel: MaerzMusik: Meredith Monk in Concert. 21.3.26, 19:00, S. 3.
[4] Marie-Anne Kohl: Laudatio auf Meredith Monk. In: Kamila Metwaly/Matthias Pees: MaerzMusik 2026: No Strings Attached. Essays Gespräche Perspektiven. Berlin: Berliner Festspiele 2026, S. 18.
[5] Meredith Monk zitiert nach ebenda S. 20.
[6] Ebenda S. 18.
[7] Library of Congress: Nightcap Conversation with Meredith Monk. 2015-10-30.
[8] Ebenda: Summary.
[9] Siehe: Torsten Flüh: Der lange Sommer der Verschwörungstheorien. Einige Beobachtungen zur politischen Ökonomie und Dynamik von Verschwörungstheorien in Zeiten der Covid-19-Pandemie. In: NIGHT OUT @ BERLIN 17. November 2020.
[10] Siehe Torsten Flüh: Lebens/wissen/schaft. Von der Lebenden Photographie zum VOXEL-MAN Tempo zu Claudia Reiches „Digitale Körper, geschlechtlicher Raum – Das medizinisch Imaginäre des »Visible Human Project«“. In: NIGHT OUT @ BERLIN 23. Juli 2011.
