Liebe, Lust und Ratgeber anders

Widmung – Barock – Stimmung

Liebe, Lust und Ratgeber anders

Zum Ensemble Resonanz mit Anna Prohaska und der Uraufführung von Enno Poppes Kreis beim Musikfest Berlin 2026

Welch ein faszinierendes Programm des Ensembles Resonanz mit Anna Prohaska zwischen barocker und zeitgenössischer Liedkompositionen! Konzertbesucher*innen sind eher Herdenmenschen. Das Konzert im Kammermusiksaal der Philharmonie am Sonntag, den 13. September, um 17:00 Uhr war gut besucht, aber nicht ausverkauft, obwohl die Weltklasse-Sopranistin Anna Prohaska mit dem beeindruckenden Ensemble Resonanz aus Hamburg beim Musikfest Berlin auftrat. Eine Sternstunde des Liedgesangs zwischen Benjamin Brittens Les Illuminations, Jean Philippe Rameaus Les Indes galantes und Enno Poppes Kreis für Sopran und Kammerorchester auf Texte von Angelus Silesius. Zugleich erlebte Sky limited für Streichorchester von Milica Djordejević seine Aufführung.

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Les Illuminations von Bejamin Britten tragen heute als Liederzyklus nach Gedichten von Arthur Rimbaud wesentlich zur Verbreitung und Ruhm der vielschichtigen und mehrdeutigen, ich möchte gar sagen, queeren Gedichte des kaum zwanzigjährigen Dichters bei. Wie kam Benjamin Britten als Mitte-Zwanzigjähriger auf den Gedanken, Gedichte auf Französisch von Rimbaud zu Liedern für Sopran zu komponieren? Die französisch-schweizerische Sopranistin Sophie Wyss war mit ihrem Ehemann Captain Arnold Glyde nach London gekommen, um u.a. Britten zur Komposition von französischen Texten anzuregen. Sie sang am 30. Januar 1940 die Uraufführung von Les Illuminations mit dem Boyd Neel Orchestra in London. Doch Britten sah zugleich eine Möglichkeit, sich mit den Sammlungstexten zu identifizieren und Unaussprechliches zu artikulieren.

© Fabian Schellhorn

Die Widmung von Les Illuminations an Sophie Wyss ist ebenso treffend wie irreführend, wenn man davon ausgehen wollte, dass die Liedtexte binär an eine Frau adressiert wären. Der heute berühmte Liedzyklus, den Anna Prohaska für sich entdeckt hat und seit 15 Jahren immer wieder neu mit ihrer Stimme auslotet[1], wurde in einem eher avantgardistischen Zirkel junger Künstler*innen Ende der 1930er in London aufgeführt als im Establishment der royalen Konzert-Institutionen. Der Chirurg und Arzt am Londoner King Edward VII’s Hospital Boyd Neel spielte mit seinem Streichorchester die Uraufführung und wurde später ein bekannter Dirigent in London und Kanada. Anders formuliert: Les Illuminations von Benjamin Britten werden in einem besonderen Londoner Milieu komponiert. Peter Pears, Brittens Partner, schrieb 1985 das Vorwort zu Boyd Neels Autobiographie My Orchestras and Other Adventures.[2]

© Fabian Schellhorn

Benjamin Britten trifft mit seiner vielschichtigen Musik und barocken Anklängen die Mehrdeutigkeit der Texte Rimbauds. Er komponierte 10 Texte von den 40 der Illuminations im April 1939, als er mit dem Tenor, seinem Partner Peter Pears als Pazifist vor dem Krieg in Europa nach Kanada flüchtet. Die eröffnende Fanfare mit der Formulierung „J’ai seul la clef de cette parade sauvage“ formuliert ein wissendes Ich, das allein weiß, um was es bei der wilden Parade mit Zärtlichkeit und Furor geht. Deutlicher lässt sich kaum eine Leidenschaft in Streicherakkorde und Worte setzen, die Britten empfindet. Er liest und komponiert Rimbaud, um sich ihm in seinem Begehren anzuverwandeln. Die vermeintlichen Großstadtimpressionen Rimbauds spielen sich als Bacchanal ab: „Les Bacchantes des banlieues sanglotent et la lune brûle et hurle…“ Zwar sind die Bacchanten weiblich wie der Mond im Französischen, aber das Personal und die Handlungen in Villes formulieren eine ekstatische Lust.[3]
„… Das sind Städte! Welche guten Arme, welch schöne Stunde werden mich wieder in jene Region versetzen, woher mein Schlummer und meine leisesten Regungen kommen?“[4]   

© Fabian Schellhorn

Drogenrausch und Leiberlust (bons bras – gute Arme und gute Arbeitskräfte) spielen in der Vieldeutigkeit der Illuminations von Beleuchtung, Belichtung, Ausleuchtung, Illuminierung, Feuerwerk, Festbeleuchtung und ihrer Kombination in einer „Parade“ eine Rolle. Es kommt, wie sollte es anders sein, auf die Phrasierung an, woran Phrases erinnert: „J’ai tendu des cordes de clocher à clocher“. Denn es lassen sich Saiten, Seile oder Verknüpfungen von Wort zu Wort oder phallischem Turm zu Turm spannen. Die Sätze oder Phrasierungen schaffen allererst die Verbindungen in der Literatur wie in der Musik. Die barocke Liedhaftigkeit der Illuminations als kompositorisches Ordnungsprinzip wird von Britten auf Texte appliziert, die keinen barocken Reimschemata folgen. Deshalb klingen sie vielleicht wie im Drogenrausch und können dennoch ziemlich handfest, körperlich gemeint sein.
„Promène-toi, la nuit, en mouvant doucement cette cuisse, cette seconde cuisse et cette jambe de gauche.”[5]

© Fabian Schellhorn

Anna Prohaska weiß um die Mehrdeutigkeit in Les Illuminations, die in den Streichern anklingt und im Gesang als Kunst der Phrasierung gestaltet werden kann. Das Ensemble Resonanz ist kammermusikalisch so versiert, dass es keinen Dirigenten braucht. In den Phrasierungen springen die „wilden“ Gebrauchsmöglichkeiten heraus. Wenn Boyd Neel von den „finest achievements“ Brittens in Les Illuminations schreibt, dann sind das eben diese haarfeinen Ausführungen der Mehrdeutigkeiten, die den Künstler*innen und Hörer*innen ermöglichen in einer Art Schweben hier und da einen Eigensinn herausspringen zu lassen. Les Illuminations lassen sich als eine Parade sexueller Anspielungen lesen und hören, in denen „le double sexe“ u.a. von weiblich und männlich in einem Körper oder einen queeren Körper durch Praktiken zum Zuge kommt.
„Ta poitrine ressemble à une cithare, des tintements circulent dan tes bras blonds. Ton cœur bat dans ce ventre où dort le double sexe.”
(Dein Brustkorb gleicht einer Zither, Geläut kreist in deinen hellen Armen. Dein Herz schlägt in diesem Leib, wo das Zweifach-Geschlecht schläft.)

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Die Poesie der Prosatexte von Rimbaud lässt sich in ihrer Mehrdeutigkeit hinsichtlich des Sexuellen schwerlich übersetzen. Das gilt ebenso für Antique, in dem es um den grazilen Sohn des Pan, mit anderem Wort einem flötenspielenden, jungen Liebesgott geht wie Being Beauteous. Prohaska betont den rauschhaften Moment in den Prosatexten, das sich erschließt, wenn man hinhört. Absinthrausch? Drogenrausch? Oder Liebesrausch? Bestimmt aber den Rausch der Vieldeutigkeit in der Sprache. Der Gebrauch der Sprache lässt durch die Streichmusik als Form der Phrasierung einen Sog der Bedeutungen entstehen. In dem Peter Pears gewidmetem Lied Being Beauteous geht es ebenso zärtlich wie handfest um die Körper und körperliche Liebespraktiken. Das Adjektiv beauteous wird als eine poetische Steigerung von beautiful gebraucht, das sich auf die „corps amoureux“ bezieht. Was hörbar wird, lässt sich, wenn man nachhört und die Szene imaginiert kaum begrenzen: „os“ werden zu „verges“ (Knochen zu männlichen Gliedern):
„Oh! Nos os sont revêtus d’un nouveau corps amoureux.“
(Oh! Unsere Knochen sind wieder mit dem Fleisch eines neuen Liebeskörpers bekleidet.)[6]

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Als eine Art Zwischenspiel dirigierte Enno Poppe Sky limited für Streichorchester von Milica Djordjević. Während Benjamin Britten sich mit seinen Illuminations im Bereich der Normalstimmung bewegt, erzielt Djordjevi mit einer Viertelton höheren oder niedrigeren Stimmung einiger Streichinstrumente einen breiteren Klang. Erweiterte Spielweisen wie dem Kratzen mit dem Bogengriff auf den Violinsaiten erzeugen einen ebenso subtilen wie vielfältigen Klang. Die Komponistin hat 2024 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik für eine Auswahl ihrer Werke mit dem Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks unter der Leitung von Peter Rundel gewonnen. Bereits 2020 wurden Werke von ihr zusammen mit solchen von Enno Poppe und Rebekka Saunders im Rahmen des Musikfestes Berlin aufgeführt. Sky limited besticht durch die Farbigkeit, die Djordjević im Streichorchester durch vielfältige Spielpraktiken erzeugt. Sie generiert dadurch offene Klangflächen, die durch beherrschte Kontraste effektvoll eingegrenzt werden.

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Das Ensemble Resonanz bewies nach der Pause nicht zuletzt mit der Suite aus dem Ballett Les Indes galantes von Jean-Philippe Rameau mit Anna Proaska als Solistin seine epochenübergreifende Kompetenz zwischen Barock und zeitgenössischer Musik. Mit Rameau verändert sich in Paris nach 1700 das barocke Ballett mit Gesang und Dialogen. Die Windmaschine wird von Rameau als Instrument gern und häufig als Natur- und Gefühlsmaschine eingesetzt.[7] Denn in Les Indes galantes spielen die personifizierten Winde Borée und Zéphir eine strukturierende Rolle als scharfer, nördlicher Windgott Boreas und als milder, östlicher Zephir. Die Suite wird vom Ensemble Resonanz mit dem Air pour Borée eröffnet und beendet den dritten Teil mit einem persischen Fest durch das 2e Air pour Zéphire. Obwohl das Ensemble auf eine Windmaschine verzichtet, lassen sich die Winde vor allem in der Flöte hören. Mit dem Sujet des neuartigen Balletts knüpft Rameau an Jean-Baptiste Lullys Hofballette an und erweitert sie vom Höfischen ins Bürgerliche.

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Die mit griechischem Götterpersonal und einer barock-kolonialen Topografie von Afrika als Herrschaftsbereich der osmanischen Türken, das mittelamerikanische Peru der Inkas und Persien sowie den „Suvages“ Nordamerikas ausgestatteten Indien zwischen „les Indes occidentales et les Indes orientales“ (Ost- und West-Indien) führen eine französisch-absolutistische Weltordnung auf. Tanz, Bühnenbild und Schauspiel zeigen ein imaginär freundliches Indien der bürgerlichen Gefühlswelt, die sich in Französisch und im streng getakteten Tanz artikuliert. Lully hatte allererst in seinen Kompositionen Taktstriche eingeführt, was in der erhaltenen Ausgabe von 1735 der Sächsischen Staatsbibliothek hervorsticht.[8] Ebenso wird die barocke Musikpraxis in den von Anna Prohaska mit der Oboe als Begleitinstrument gesungenen Arien deutlich. Das strenge Reglement des Hofballetts mit Gesang, das Lully am Hof Louis XIV. entwickelt hatte, wird von Rameau übernommen und kaum merklich zum bürgerlichen Gefühlsregime in Les Indes galantes verschoben. Die Göttin Hebe stellt eröffnend mit ihrer „voix“ neue, vermeintlich ewige Gesetze auf:
„Vous, qui d’Hébé suivez les lois,
Venez, rassemblez-vous, accourez à ma voix!”

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Das Galante ist bei Rameau bzw. seinem Librettisten Louis Fuselier eine Transformation des Gentilen als Auszeichnung des Gentilhomme. Hatte sich der Hof mit Lullys Le Bourgeois gentilhomme 1670 noch lächerlich gemacht über einen Bürger, der ein, sagen wir, Edelmann am Hof sein wollte, so werden die galanten Inder ca. 60 Jahre später in ihren Kulturen zu ebenso zuvorkommenden wie amourösen Akteuren unter Louis XV.[9] Es findet eine lexikalische Gebrauchsverschiebung des Höflichen zum Sehr höflichen, Aufmerksamen statt, die sich mit dem Höhepunkt der literarischen Verwendung in der Mitte des 18. Jahrhundert auch im Deutschen beobachten lässt.[10] Empfindsam wird im Deutschen häufig mit galant kombiniert. Les Indes galantes sind nicht nur ein Ballett mit internationalen Referenzen, vielmehr werden sie von Fuselier und Rameau durch getaktete Ballettschritte zu galanten mit mehrdeutigem Gebrauch gemacht. Denn in den 4 Teilen geht es immer um Gefühls- wie Liebesbeziehungen. Entsprechend eröffnet die Tochter des Zeus und der Hera, Hebe, das mythologische Ballett als Reise über Kontinente und durch Gefühle.
„Ihr, die ihr Hebes Gesetze befolgt,
kommt allzumal, eilt her auf meinen Ruf!
Ihr singt schon, seit Aurora
diesen schönen Ort erhellt;
ihr beginnt mit dem Morgenlicht
Terpsichores glanzvolle Spiele;
die süssen Augenblicke, die euch Amor schenkt,
die sind euch jedoch noch lieber.“[11]      

© Fabian Schellhorn

Anna Prohaska sang das Quartett Tendre Amour als Arie, mit der das Gesetz oder Regelwerk der Hebe bekräftigt wird. Die Liebe wird zu einem ebenso fesselnden wie befreienden Gefühl, das die Handlungsweisen regieren soll. Die Gesetzmäßigkeit der Liebe wendet sich zugleich gegen eine klerikale Vorherrschaft am französischen Hof. Das klerikale Machtgefüge am prototypischen Hof von Versailles folgt keinen Moralgesetzen mehr, sondern der Liebe als einer Praxis des Genießens, der Jouissance. Fuselier und Rameau gehen noch nicht ganz so weit wie Voltaire und Friedrich II. von Preußen wenige Jahre später, 1740, indem La Jouissance zur Weltherrscherin erklärt wird, doch die Wegrichtung ist die gleiche.[12] Alle und jeder will sich durch Liebe fesseln lassen.   
„Tendre amour, que por nous ta chaîne dure à jamais!“

© Fabian Schellhorn

Der cherubinische Wandersmann von Angelus Silesius wird im Unterschied zu Lullys und Rameaus Balletten nicht an einem Hof, der neu geordnet wird, geschrieben, sondern im Umfeld der katholischen Kirche. Das Subjekt soll sich in eine andere Ordnung fügen. Johannes Scheffler wird am 12. Juni 1653 zu Angelus Silesius. Es geht um eine Konversion und die Gedichte, die Enno Poppe für Kreis ausgewählt hat, werden in einer Belehrungsgeste formuliert. 1905 gab Wilhelm Bölsche, der in Friedrichshagen bei Berlin lebte, Des Angelus Silesius Cherubinischer Wandersmann mit einer „Studie“ zum „Wert der Mystik in unserer Zeit“ heraus.[13] Bölsche nennt es „das Buch mit dem Engel und dem Poltergeist in einem“.[14] Der vollständige Titel lautet in barocker Manier und in einer Art Ratgeberformulierung „Geist-Reiche Sinn- und Schluß-Reime zur Göttlichen beschauligkeit anleitende“.[15] Durch seine Klang-Komposition und Kombination liest Enno Poppe die Gedichte anders.

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Der Komponist versieht die barocken Liedtexte mit Titeln, die die Texte durch Zitate phrasieren bzw. gewichten. Poppe nennt seine Komposition nicht mehr Liederzyklus oder -kreis. Gleichsam programmatisch wird der Text „Die Ros‘ ist ohn‘ warumb. Sie blühet weil sie blühet./Sie acht‘ nicht ihrer selbst, fragt nicht ob man sie siehet“ auf Ohne warum als Titel eröffnend gesetzt.[16] Das Fragewort nach dem Grund oder der Ursache von etwas wird, sozusagen, verabschiedet. Es gibt weder einen göttlich-klerikalen Grund noch einen naturwissenschaftlichen oder menschlichen. Auf sehr ähnliche Weise funktioniert der Titel Man weiß nicht was man ist. Die Frage nach dem Sein des Subjekts wird damit zurückgewiesen, weil man es nicht wissen kann. Zugleich gibt der Reim den Titel für Poppes Komposition: Kreis.
„Ich weiß nicht was ich bin, ich bin nicht was ich weiß:
Ein Ding und nit ein Ding: Ein Stüpffchen und ein Kreis.“[17]  

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Die Auswahl und neue Kombination der Texte für Kreis befragt nicht zuletzt ihre engelgleiche Ratgeberfunktion als christlich gedichtete, reimende Wissenszusammenstellung. Denn als Motto hatte Angelus Silesius der Textsammlung die Verse vorangestellt: „Ein Mensch der schauet Gott / Ein Thier den Erdkloß an: Auß diesem / was Er sey / Ein jeder kennen kan.“[18] Stattdessen werden die Texte auf die Frage nach dem Ich zugespitzt. Poppe beendet Kreis mit dem Text Die Ewigkeit. Das Lemma Ewigkeit kommt im Wandersmann 94-mal vor.[19] Die Frage nach einem Fortleben in der Ewigkeit treibt den barocken Menschen besonders um. Doch Poppe lässt die Frage am Schluss verklingen.
„Was ist die Ewigkeit? Sie ist nicht dies, nicht das,
nicht Nun, nicht Ichts, nicht Nichts, sie ist ich weiß nicht war.“

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Bereits auf der Textebene lässt sich sagen, dass Enno Poppe das barock-religiöse Wissen befragt. Klanglich stimmt er die Instrumente und die Sopranstimme nicht wohltemperiert, sondern in vielen Abstufungen. Für Anna Prohaska ist die Stimmung eine Herausforderung. Sie wird vom Komponisten aufgefordert, die Grenzen des Gewohnten zu überschreiten. Wobei sich diese Grenzen in Taktung und Stimmung allererst im Barock herausgebildet hatten, was man mit Lully oder Rameau bedenken kann. Der Taktstock wird bei Lully zur anekdotisch tödlichen Waffe. Er soll sich mit seinem Taktstock am Fuß tödlich verletzt haben. Die Mikrotonalität hatte dagegen in den Madrigalen der Renaissance eine eigene Berechtigung, wie 2025 das Ensemble Les Cris de Paris vorgeführt hat.[20] Enno Poppe hatte schon vor 30 Jahren die Idee, ein mikrotonales Basso continuo zu komponieren. Das kommt jetzt in Kreis zum Zuge. Er lässt gar das Ensemble das „Ich“ in Die Gleichheit mitsingen.

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Mikrotonalität erzeugt eine Vielfalt von Klängen, was den Komponisten besonders begeistert hat. Er legt es mit der mikrotonalen Stimmung auf mehr unterschiedliche Töne an: „In Kreis sind die Streicher in drei Gruppen geteilt, zu denen jeweils ein Continuo-Instrument gehört: ein Cembalo, eine Harfe und ein Chitarrone, was dasselbe ist wie eine Theorbe. Diese drei Instrumente sind jeweils um einen Sechstelton gegeneinander verstimmt. Wenn ich sie kombiniere, erhalte ich nicht 12, sondern in der Summe 36 unterschiedliche Töne pro Oktave. Auf dieser Basis kann ich großartige neue Akkorde finden und eine Harmonik bauen. Ich habe mich dafür auf eine Reise begeben und musste mich auch selbst erstmal orientieren, was es in diesem Zusammenhang bedeutet, „falsch“ und „richtig“ zu intonieren.“[21] Einerseits vermittelt Enno Poppe auf diese Weise neue Klangeindrücke durch eine Vielfalt der Töne, andererseits werden die Ratgebertexte bis hin zu Jazzanklängen erforscht. Mit Anna Prohaska und dem Ensemble Resonanz wurde Kreis zu einem Triumph der neuen Musik.

Torsten Flüh  


[1] Shorts: Anna Prohaska. (Interview) In: Digitales Programmheft: Ensemble Resonanz – Britten/Djordjević/Rameau/Poppe. Musikfest Berlin 13.9.926.

[2] Boyd Neel erwähnt in seiner Autobiographie die Uraufführung von Les Illuminations als „wartime concert“ und „one of Britten’s finest achievements“. (p. 106) Peter Pears zitiert Benjamin Britten im Vorwort mit der Formulierung “Let us composers, too, remember what Boyd Neel has done for us …” (p. Vii)
Boyd Neel: My Orchestras and Other Adventures: Boy Neel. Toronto: University of Toronto Press, 1985.

[3] Siehe zur queeren Verwendung der Bacchanten und Bassariden: Torsten Flüh: Queering the Classics. Zu Wystan Hugh Audens, Chester Kallmans und Hans Werner Henzes moderner Antiken-Oper The Bassarids in der Komischen Oper. In: NIGHT OUT @ BERLIN 19. November 2019.

[4] Zitiert nach Ensemble Resonanz … [wie Anm. 1]

[5] Sind es dann nicht drei(!) Schenkel oder Beine: „Ergehe dich nächtens, rühre sacht diesen Schenkel, jenen zweiten Schenkel und dieses Bein zur Linken.“

[6] Wir wissen nicht, wie sehr Benjamin Britten die Poesie als Mehrdeutigkeit der Texte von Arthur Rimbaud gelesen/gehört hat. Aber mit den literaturhistorisch schnell als Symbolismus oder frühen Surrealismus verorteten Texten lässt sich zugleich eine queere Schreib- und Kompositionsweise bedenken. Leicht lassen sich die Texte als unverständlich abtun oder das poetisch überbordende Verstehen der Sprache in Anschlag bringen.

[7] Siehe zur Windmaschine bei Rameau: Torsten Flüh: Schauspiele der Weltordnung. Emmanuelle Haϊm dirigiert und komponiert Jean-Baptiste Lully und Jean-Philippe Rameau für die Berliner Philharmoniker. In: NIGHT OUT @ BERLIN 3. November 2025.

[8] Jean-Philippe Rameau: Les Indes ganlantes, Ballet. Paris : …, ohne Jahr (nach 1735) Deutsche digitale Bibliothek.

[9] Ebenda.

[10] DWDS: galant.

[11] Jean-Phillippe Rameau: Les Indes Galantes. Libretto in deutscher Übersetzung.

[12] Siehe Torsten Flüh: Schauspiele der Weltordnung … [wie Anm. 6]

[13] Wilhelm Bölsche: Des Angelus Silesisus Cherubinischer Wandermann. Jena und Leipzig: Eugen Diederichsen, 1905, (S. Schmutztitel) (Archive.org)

[14] Ebenda S. LXVII.

[15] Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann oder Geist-Reiche Sinn- und Schluß-Reime zur Göttlichen beschauligkeit anleitende. Glatz: Subarth, 1675. (Deutsches Textarchiv)

[16] Im Wandersmann trägt der Text die Nummer 289. (Textarchiv S. 58)

[17] Zitiert nach Digitales Programmheft: Ensemble … [wie Anm. 1] Abweichend vom barocken Text nutzt Poppe die Groß- und Kleinschreibung. Im Original wird der Reim von „weiß“ und „Kreis“ noch deutlicher durch die Schreibung „weiß“ und „kreiß“.
„Jch weiß nicht was ich bin/ Jch bin nicht was ich weiß:

Ein ding und nit ein ding: Ein ſtuepffchin und ein kreiß.“ (Textarchiv S. 21)

[18] Angelus Silesius: Der … [wie Anm. 15] S. ohne Seitenzahl (Textarchiv).

[19] Ebenda Suche Ewigkeit.

[20] Torsten Flüh: Mehrdeutige Stimmen und der Tod. Zu Les Cris de Paris und dem RIAS-Kammerchor beim Musikfest Berlin 2025. In: NIGHT OUT @ BERLIN 26. September 2025.

[21] Zitiert nach Digitales Programmheft. Ensemble … [wie Anm. 1]

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