Bachiana Brasileiras und September Song im Kloster Maria Bildhausen

Kloster – Kissinger Sommer – Konferenz

Bachiana Brasileiras und September Song im Kloster Maria Bildhausen

Zu den Konzerten von Guido Sant’Anna mit Plinio Fernandes und Benjamin Appl mit Martynas Levickis beim 40. Kissinger Sommer 2026

Das Festival Kissinger Sommer 2026 strahlt in zahlreiche Aufführungsorte in der Umgebung wie dem Abteigebäude von Kloster Maria Bildhausen aus. Für Festivalgäste aus Bad Kissingen wurde ein Busshuttle zum nordöstlich in der Rhön bei Münnerstadt liegenden Kloster eingerichtet. Im Saal hinter der Renaissance-Fassade des Klosters aus dem frühen 17. Jahrhundert unter den teilweise erhaltenen Räumen des Abts spielten Guido Sant’Anna (Violine) und Plinio Fernandes (Gitarre) ein Programm zwischen Heitor Villa-Lobos‘ Aria aus den Bachiana Brasileiras und Yamandu Costas Samba pro Rapha. Die Temperaturen im Konzertsaal erreichten am 28. Juni zur Matinee mühelos brasilianische Verhältnisse. Guido Sant’Anna und Plinio Fernandes rissen das mit Fächern wedelnde Publikum mit.

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Die Klosteranlage Maria Bildhausen ist in eine Vielzahl von Einzelgebäuden und einem Klosterkirchhof mit einem Euthanasiemahnmal aufgeteilt. Denn das Kloster gehört noch heute zum Dominikus-Ringeisen-Werk mit dem Motto: „Jeder Mensch ist kostbar.“ Insofern war das Programm des aufsteigenden Baritons Benjamin Appl mit Martynas Levickis am Akkordeon klug gewählt. Er hatte Lieder jüdischer Komponisten wie Hollaender, Korngold, Schönberg und Weil, die nach 1933 emigrieren mussten, ins Programm genommen. Die Aufführung, die für Deutschlandfunk Kultur aufgezeichnet wurde, ist für einen Bariton zwischen Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt bis zum September Song durchaus ungewöhnlich. Doch mit seiner eleganten Conférence und seinem umwerfenden Charme passt es bei Benjamin Appl, der sich mit einem feuchten Tuch den Schweiß von der Stirn tupfen musste.

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Die wechselvolle Geschichte des Klosters Maria Bildhausen wendete sich 1897 mit dem Erwerb durch den katholischen Pater Dominikus Ringeisen und seinen Klosterschwestern der St. Josephskongregation in Ursberg der Betreuung und Pflege von Menschen mit Behinderung zu.[1] Die Schwestern der St. Josephskongregation leben noch heute als Franziskanerinnen im Habit. Doch in Kloster Maria Bildhausen sieht man kaum noch Schwestern, obwohl die Klostereinrichtungen wie die KlosterManufaktur, der KlosterLaden, die KlosterAkademie und der sehr empfehlenswerte KlosterGasthof weiterhin über das Dominikus-Ringeisen-Werk organisiert werden.[2] Seit Juli 1933 wurden Menschen aus den Einrichtungen zwangssterilisiert und an anderen Orten vom nationalsozialistischen Regime ermordet sowie ab 18. August 1939 durch die Aktion T4 systematisch aus den Einrichtungen mit den sogenannten Grauen Bussen abgeholt und ermordet.[3] Zwischen Horror und Idylle liegen heute die historischen und neueren Gebäude des Klosters.

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Das Euthanasiemahnmal wurde von der St. Josephskongregation und dem Dominikus-Ringeisen-Werk in Auftrag gegeben und am 21. Oktober 2017 eröffnet, indem es von Bischof em. Dr. Friedhelm Hofmann geweiht wurde. Auf dem Klosterkirchhof finden sich auch einige Gräber der Schwestern des Ordens. Gleich einem Beil fährt ein Betonquader in einen Gedenkraum mit schmalen, buntgestalteten Glasscheiben. Die Türen des Raums unter dem dominanten Betonelement stehen für Besucher wie Vögel und anderes Getier offen. Einerseits wirkt der Raum mit zwei Betonaltären, auf denen ein Buch aus Marmor und ein Buch aus Papier mit Namen der bis zu 400.00 Opfer des Sterilisationsgesetzes und der Aktion T4 bedrückend. Doch durch die farbigen Scheiben überwiegt gerade an sonnigen Tagen ein tröstender Eindruck. Es kommt gerade im Inneren auf die Lichtverhältnisse an, die ständig wechseln können.

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Obwohl am Torhaus, das im 18. Jahrhundert vom letzten Abt der Zisterzienser erneuert wurde, unübersehbar Informationstafeln auf das weithin sichtbare Mahnmal hinweisen, interessierten sich nur wenige Konzertbesucher in den Pausen dafür. Dabei ist die Gewalt des hineinfahrenden Betonelementes kaum zu übersehen. Es mag der Hitzewelle geschuldet gewesen sein. Doch der Bildhauer Willi Grimm, der Galerist Thomas Pfarr und der Architekt Roland Ress aus Münnerstadt haben mit dem kapellenartigen Bau und dem zerstörerischen Betonquader ein bewegendes Bild geschaffen.[4] Zunächst weckt der Name Bildhausen heute Erinnerungen an Bilder, was onomatologisch nicht stimmt. Denn gewidmet und verehrt wurde im Kloster die Heilige Bilhildis, die aus Veitshöchheim bei Würzburg also Franken stammen sollte. Aus Bilhildis wurde über die Jahrhunderte Bildhausen.

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Im Abteigebäude, das mit mehreren Räumen für Konferenzen, Seminare und eben den Hauptraum für Konzerte genutzt wird, hat sich nicht nur das aufwendige Treppenhaus im Rokoko erhalten, sondern auch zwei historische Rokoko-Zimmer. Eine Tür zwischen den beiden Zimmern wird von einem aufwendig verzierten Spiegel gerahmt, der mit einer Mitra der Würzburger Fürstbischöfe verziert ist. Die Spiegelherstellung war im 18. Jahrhundert noch sehr schwierig und kostspielig, weshalb der Spiegelrahmen für die Tür von einer finanziellen Blüte des Klosters bis zu seiner Säkularisierung 1803 zeugt. Das Abteigebäude wurde in den vergangenen Jahren mit modernen Sanitäreinrichtungen für den Konferenz- und Konzertbetrieb ausgestattet. Im Vorraum gibt es Informationen zu Dominikus Ringeisen, die sich erst durch weitere Nachforschungen erschließen. Mit Kerzenlicht und Kreuz kam nun beim 40. Kissinger Sommer brasilianische Musik zur Aufführung.

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Wie klingt Brasilien? In der Matinee mit Guido Sant’Anna und Plinio Fernandes, beide in Sấo Paulo geboren, wurde ein musikgeschichtlich großer Bogen brasilianischer Musik von den Bachianas Brasileiras bis in die Gegenwart der Desafio III von Marlos Nobre geschlagen. Beide Musiker sind klassisch ausgebildet und als Solisten international gefragt, so dass ihre teilweise selbst für Violine und Gitarre arrangierten Stücke des Konzerts mit traditionell klassischen Ansprüchen ebenso unterhaltsam wie seriös durchgearbeitet klangen. Mit dem Bach-Verehrer Heitor Villa-Lobos bekommt die brasilianische Musik seit seiner Symphonischen Dichtung Amazonas 1917 ein nationales Selbstbewusstsein, das an die europäische Moderne anknüpft.[5] Die für Violine und Gitarre bearbeitete Aria (Cantilena) aus Bachianas Brasileiras Nr. 5 stammt aus der Zeit zwischen 1938-1945. Im Programm werden weitere Namen wie Ernesto Nazareth und Marlos Nobre elegant mit Villa-Lobos und dem brasilianischen Klang verknüpft.

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Die Verknüpfung der Kompositionspraxis Johann Sebastian Bachs mit Klängen aus brasilianischen Volksmelodien ist höchst anspruchsvoll und farbenreich, weshalb Guido Sant’Anna und Plinio Fernandes ihr Konzert in Maria Bildhausen fulminant eröffneten. Für die brasilianische Musik und ihre internationale Anerkennung war bereits mit Amazonas eine Klangkombination gefunden, die in den Bachianas Brasileiras äußerst erfolgreich fortwirkte. Heitor Villa-Lobos hat mehr als 1.000 Kompositionen in unterschiedlichen Formen mit brasilianischer Färbung geschaffen. Noch Marlos Nobre, der 2024 mit 85 Jahren verstorben ist, folgt mit Desafio III dem von Villa-Lobos eingeschlagenen Weg des brasilianischen Komponierens. Guido Sant’Anna und Plinio Fernandez liefern sich ein Desafio, ein musikalisches Duell, wie es von Volkssängern in Brasilien praktiziert wird. Ernesto Nazareth komponierte mit seinen eingängigen Kompositionen zum Tanzen ebenfalls klassische Kompositionspraktiken mit brasilianischen Rhythmen und Färbungen, worauf ihn Heitor Villa-Lobos als „wahre Verkörperung der brasilianischen Seele“ nobilitiert haben soll. Die vom Duo gespielten Kompositionen für Klavier Apanhei-te, Cavaquinho und Escorregando haben einen hohen Wiedererkennungswert.

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Das Tänzerische und das Liedhafte kamen auch mit Baden Powells Samba em Prelúdio nach einem Gedicht von Viníciusi de Moraesi zum Zuge und setzten sich den spanischen, nach Argentinien ausgewanderten Komponisten Manuel de Falla mit Siete canciones populares españolas fort. Der Bossa-Nova-Komponist und Sänger Luiz Bonfá  durfte mit Manhã de Carnaval nicht fehlen ebenso Yamandu Costa mit Samba pro Rapha und der argentinische Tangospezialist Astor Piazzolla mit Histoire du Tango. Das Liedhafte entfaltete vor allem in Violine von Guido Sant’Anna seinen Reiz. Für eine Matinee wurde eine bemerkenswerte, kluge Bandbreite der Musikgeschichte Brasiliens mit Verzweigungen nach Argentinien bei meisterhaftem Können der jungen Musiker vorgeführt. Der Kissinger Sommer hat sich mit seinen regional verzweigten Spielstätten zu einem sommerlichen, ebenso ländlichen wie internationalen Musikfestival entwickelt, wobei Bad Kissingen der Dreh- und Angelpunkt bleibt.

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Benjamin Appl kündigte am Nachmittag sein Kammerkonzert mit Martynas Levickis als eine musikalische Reise von Europa nach Amerika an. Darauf konnte man gespannt sein, doch der baritonöse Reiseführer bot als letzter Schüler des tiefverehrten Dietrich Fischer-Dieskau viel mehr als eine Reise, wohl aber eine auf dem gesanglichen Niveau der Winterreise. Es war ja eine erzwungene Reise der Komponisten Friedrich Hollaender, Erich Wolfgang Korngold, Kurt Weill und Arnold Schönberg, die von Berlin und Wien oft über Paris in die USA führte. Man darf den Antisemitismus in Österreich auch vor 1938 ruhig als den gemeinsamen Grund für die Reise benennen. So viel sollte das Kammerkonzert-Publikum vertragen können. Immerhin hat Friedrich Hollaender nicht nur Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, sondern auch An allem sind die Juden schuld gedichtet und komponiert. Die Textverständlichkeit, für die der Liedsänger Dietrich Fischer-Dieskau berühmt war, hat Benjamin Appl mit seinem weichen Bariton von ihm gelernt. Er fühlt sich ihr verpflichtet, wohl gerade in diesem Programm.

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Das Akkordeon hat Benjamin Appl mit Martynas Levickis aus Litauen gewählt, weil es Fern- und Heimweh, zwei Formen der Melancholie, am besten zum Klingen bringt. 2025 war er als bereits gefeierter, junger Künstler im Fokus des Rheingau Musik Festivals. Benjamin Appl setzte sich für seinen Vortrag auf einen Klavierhocker. Das Lied wird bei Appl zu einer Kunst der Tonführung und Textverständlichkeit, während beim oft von Frank Sinatra über Lotte Lenya und Liberace bis Ute Lemper gesungenen September Song die Tonführung vernachlässigt wird. Benjamin Appl ist Professor for German song an der Guildhall School of Music in London, was ihn einmal mehr als internationalen Experten für das deutsche Liedgut, das von Korngold bis Weill noch durchschimmert, bestätigt. Die Lieder und Songs, die sonst eher aus dem Easy Listening-Bereich bekannt sind, bekommen bei ihm mit der Akkordeonbegleitung eine weitere Dimension.

Torsten Flüh

40. Kissinger Sommer
bis 18. Juli 2026

Benjamin Appl & Martynas Levickis
Deutschlandfunk Kultur
Termin wird bekannt gegeben

Kloster Maria Bildhausen
KlosterGasthof
Das etwas andere Gasthaus


[1] St. Josephskongregation in Ursberg: Startseite.

[2] Kloster Maria Bildhausen: Über uns.

[3] Zur Aktion T4 siehe: Torsten Flüh: Bedenkenswerte Wiederkehr der Klänge und Stimmen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 11. Juni 2025.

[4] Siehe: Gedenkort T4: Euthanasiemahnmal (Koster Maria Bildhausen) Denkmal in Münnerstadt. (Informations- und Gedenkportal).

[5] Siehe: Torsten Flüh: Brasiliens Mythen der Moderne. Zum Eröffnungskonzert des Musikfestes Berlin mit dem São Paulo Symphony Orchestra und der São Paulo Big Band. In NIGHT OUT @ BERLIN 27. August 2024.

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