Ingeborg Bachmann – Ich – Feminismus
„Dimorphes“ oder die Frage der Form
Zu Ingeborg Bachmann 100 und 50 Jahre Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt zwischen Dokumentarfilm und Literatur im Fernsehformat
„Eine Frau? Oder etwas Dimorphes?“ – „Dimorphes?“ Sandra Hüller spricht die Frage nach dem Dimorphen als Stimme von Ingeborg Bachmann aus dem Off, während sie in einem Türrahmen einer Wohnung in Rom mehrere Frauenkleider und einen Herrenanzug ausprobiert. Jemand, der ich einmal war von Regina Schilling kommt exakt zum 100. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin aus Klagenfurt am 25. Juni 2026 mit dem Filmverleih Weltkino als Dokumentarfilm im Modus einer Séance ins Kino. Ingeborg Bachmann schrieb nicht Amorphes, sondern „Dimorphes“. Das macht einen Unterschied. Amorphes, etwas Form- oder Gestaltloses, dagegen ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich Morphismen wie der Anthropomorphismus als geschlechtliches Wissen herausbildeten, gebräuchlich.[1]

Am 17. Juni wurde der Dokumentarfilm in der österreichischen Botschaft, Berlin, von Peter Fässlacher im Gespräch mit Regina Schilling und mit Trailer vorgestellt. Der Film erweckt bereits im Trailer mit Archivmaterial die brutale Unerbittlichkeit der Gruppe 47 als Literaturgericht der Männer wie Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki etc., Günter Grass im Hintergrund immer dabei. Im Film selbst wird der Männerbetrieb einst zeitgenössischer deutscher Literatur der 60er und 70er Jahre von Regina Schilling und Sandra Hüller schmerzlicher fokussiert. Die junge, zart und leise sprechende Ingeborg Bachmann mittendrin. Lyrikerin, ja. Prosaistin, nein. Dazwischen messerscharfe Formulierungen mit Lächeln von Bachmann zu Männern im Interview: „Die Männer sind unheilbar krank.“ „Warum sind die Männer unheilbar – krank?“ „Sie sind es. Wissen sie das nicht?!“[2]

Ingeborg Bachmann wurde seit Mitte der 1950er immer wieder bei Lesungen und Interviews für den Rundfunk aufgenommen oder das Fernsehen gefilmt. Literatur, Lyrik gar, und Fernsehen. Regina Schilling hat die Archive erforscht und überraschende Ton- und Bildaufnahmen zur Gruppe 47 z.B. sehr pointiert, wie die Herren Schriftsteller und Kritiker über die Schriftstellerin Gisela Elsner 1958, 1962 oder 1963 nach ihrer Lesung herfallen. 1957 las Ingeborg Bachmann Erklär mir, Liebe! beim Norddeutschen Rundfunk.[3] Paul Celan, Max Frisch, Hans Werner Henze, Siegfried Unseld, Marieluise Kaschnitz, Preisverleihungsredner etc. kommen vor der Kamera zu Wort und werden im Film montiert. Die visuell-mediale Präsenz der Männer der Literatur im Fernsehen war erdrückend. Das Medium des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie Fernsehens und die Literatur-Verlage wurden von Männern beherrscht.

Die von Bachmann ca. 1972 formulierte Krankheit der Männer ist heute nicht zuletzt mit der Manosphere etc. anschlussfähig. Aus Krankheit, etymologisch aus Schwäche[4], haben sie sich im Internet zirkulierende Narrative der wahren Männlichkeit erschaffen. Im Interview zu ihrem Buch Malina, kurz nach seinem Erscheinen, geht es um die männliche Titelfigur Malina, Ivan und einem weiblichen Ich, das „diskret“ über Männer schreibt. Mit dem Namen und Titel beginnt bereits die Geschlechterfrage zu zirkulieren, denn es ist nach der Namensgrammatik mit der Endung a eine weibliche Form. Doch:
„Die Personen
Ivan (…)
Béla András die Kinder, 7 und 5 Jahre alt
Malina Alter, dem Aussehen nach, unbestimmbar, heute vierzig Jahre alt geworden, Verfasser eines >Apokryph<, das im Buchhandel nicht mehr erhältlich ist (…)
Ich Österreichischer Pass (…)“[5]

Die ebenso einführenden wie kryptischen Angaben zu den Personen wurden in der Erstausgabe in der Bibliothek Suhrkamp ähnlich wie zu einem Theaterstück oder einem Hörspiel gedruckt. Eine Geste zumindest, die im Genre Roman kaum praktiziert wird. Obwohl einige Fakten zu den Personen gegeben werden, bleiben sie „unbestimmbar“. Ingeborg Bachmann entwarf mit Malina eine Schreibweise, die sich gegen das – von Männern definierte – Erzählgenre Roman wendet. Die „Personen“ sind ebenso rätselhaft wie deren temporale Verortung im Heute als Erzählzeit, weil es darum geht, was „man (…) sagen muß“. Um ihre Schreibweise lesbar zu machen, zitiere ich etwas ausführlicher:
„Nur die Zeitangabe mußte ich mir lange überlegen, denn es ist mir fast unmöglich >heute< zu sagen, obwohl man jeden Tag >heute< sagt, ja, sagen muß, aber wenn mir etwa Leute mitteilen, was sie heute vorhaben – um von morgen ganz zu schweigen –, bekomme ich nicht, wie man oft meint, einen abwesenden Blick, sondern einen sehr aufmerksamen, vor Verlegenheit, so hoffnungslos ist meine Beziehung zu >heute<, denn durch dieses Heute kann ich nur in höchster Angst und fliegender Eile kommen und davon schreiben, oder nur sagen, in dieser höchsten Angst, was sich zuträgt, denn vernichten müßte man es sofort, was über Heute geschrieben wird, wie man die wirklichen Briefe zerreißt, zerknüllt, nicht beendet, nicht abgeschickt, weil sie von heute sind und weil sie in keinem Heute mehr ankommen werden.“[6]

Regina Schilling hatte schon als junge Frau Malina mit Faszination gelesen, ohne das rätselhafte Buch zu verstehen, das nach Ingeborg Bachmann kein Roman sein sollte. Doch es wurde als „Roman“ von Siegfried Unselds Suhrkamp Verlag gelabelt. Ist Malina die Erprobung einer feministischen Schreibweise? Die Sprache eines immer wieder auftretenden „man“ und das Geschlecht werden zumindest mit Bachmanns Schreiben aufgerüttelt. – Schaltet man die Untertitel-Funktion von YouTube für den Trailer ein, erscheint „Demorphes“ als Transkription. „Dimorphes“ oder „Demorphes“? i oder e? Demorphes wäre eine Wortfindung von Ingeborg Bachmann. Dimorphes gibt es selten und kommt aus der Biologie zur geschlechtlichen Gestalt.[7] Da es mit dem Kleiderwechsel um eine Dichotomie von Frau und Mann geht, ist dimorph vermutlich richtig. Ingeborg Bachmann geht es mit Malina wie schon in anderen Texten um das Geschlechtliche durch die Sprache. Das zeichnete sich bereits früh, im Wintersemester 1959/60 in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen ab.

Sandra Hüller und Regina Schilling erforschen in ihrem Film Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war die Geschlechtlichkeit in den Texten auf mehreren Ebenen. Hüller hatte einen Knopf mit den vorher von ihr eingesprochenen Texten im Ohr. Sie reagiert auf die Texte von Bachmann, aber sie spielt sie nicht.[8] Von der Kindheit bis zu den letzten Monaten in der Wohnung in Rom wird in einer Anzahl von Fragmenten ein breiter Bogen gespannt. Dafür hatte Regina Schilling eine Wohnung in Rom gefunden, die der in den historischen Interviews ähnelt. Obwohl es keine strenge Chronologie gibt, werden die Archivmaterialien mit Szenen aus der Wohnung montiert. Dadurch entstehen Kommentare, Kontraste, Widersprüche zu den O-Tönen. Die Frankfurter Poetikvorlesungen verwendet die Regisseurin nicht. Doch die Frage nach dem Ich nimmt bereits in diesen Texten eine Schärfe voraus, die in Malina ein Echo findet.

Ingeborg Bachmann eröffnete ihre Vorlesung über das Ich als einem „Problem() der zeitgenössischen Dichtung“[9] damit, dass sie das Ich-Sagen von Anfang an in einer Doppelheit von Artikulation und Verbergen, Sagen und Entgleiten formuliert. In der Dichtung ist Ich ein anderer, ließe sich paraphrasieren. Aus der gesellschaftlichen Konvention oder Sprachpraxis heraus verfängt sich das gesagte Ich bei den Zuhörer*innen mit der Frau am Katheder, um das damals noch übliche Wort zu gebrauchen.
„Meine Damen und Herren,
vom Ich möchte ich sprechen, von seinem Aufenthalt in der Dichtung, also von den Angelegenheiten des Menschen in der Dichtung, sofern er vorgeht mit einem Ich oder seinem Ich oder sich hinter dem Ich verbirgt. Und einige werden wohl meinen: wie könnte man sich hinter dem Ich verbergen, das ist doch am wenigsten verborgen und so eindeutig – Ich – das brächten wir ja auch noch fertig, von uns geradeheraus zu reden, ohne Verstellung.
»Ich sage Ihnen« – wenn ich das zu einem einzelnen sage, so scheint es doch ziemlich klar zu sein, welches Ich sich da rührt und was mit dem Satz gemeint ist, in dem das Ich auftritt, wer da also etwas sagt. Aber schon, wenn Sie hier allein heroben stehen und sagen zu vielen unten »Ich sage Ihnen«, so verändert sich das Ich unversehens, es engleitet dem Sprecher, er wird formal und rhetorisch.“[10]

Die Vorlesung Das schreibende Ich von Ingeborg Bachmann als noch junge Dichterin, denn sie spricht von Dichtung und nicht von Lyrik oder Prosa, von 33 Jahren gehört zu ihrem integralen Schreiben. Verhandelt wird von ihr in der Vorlesung, was sie beim Schreiben anderer Texte beschäftigt. Wiederholt schneidet Regina Schilling (Schnitt Carina Mergens) kurze Sequenzen von Vogelschwärmen, Stare, am Himmel in den Film, die immer wieder neue Wolken bilden. Sie korrespondieren mit „Myriaden von Partikeln“, aus denen das dichterische Ich nach Ingeborg Bachmann bestehen könnte.
„Ich ohne Gewähr! Denn was ist denn das Ich, was könnte es sein? – ein Gestirn, dessen Standort und dessen Bahnen nie ganz ausgemacht sind und dessen Kern in seiner Zusammensetzung nicht erkannt worden ist. Das könnte sein: Myriaden von Partikeln, die »Ich« ausmachen, und zugleich scheint es, als wäre Ich ein Nichts, die Hypostasierung einer reinen Form, irgendetwas wie eine geträumte Substanz, etwas das eine geträumte Identität bezeichnet, eine Chiffre für etwas, das zu dechiffrieren mehr Mühe macht als die geheimste Order.“[11]

Ingeborg Bachmann geht nicht zuletzt auf den Zwang Ich sagen zu müssen mit einer kindlichen Sprachszene ein, die an Forschungen der Psychoanalyse oder der Linguistik erinnern. Vielleicht auch wegen dieses Zwangs, der im Schauspieler*innenberuf eine vertrackte Funktion einnimmt, hat Sandra Hüller entschieden, wohl Bachmann-Texte im Off zu lesen, aber nicht zu spielen. Der Zwang zum Ich-sagen hat nicht zuletzt in der Beichte der Katholischen Kirche eine lange Tradition des Sündenbekenntnisses. Das Schuldbekenntnis des Ich wird von Bachmann in ihrer Poetikvorlesung gebrochen.
„»Sag, daß du es getan hast«, forderte die Frau immer wieder. »Sag: ich habe es getan!« Und plötzlich, als wäre ihm ein Licht aufgegangen oder als wäre es müde zu schweigen und sich zu wehren, sagte das Kind: »Ich habe es getan, ich, ich, ich!« (…) Diese Szene war seltsam, weil da ein Ich entdeckt und zugleich bloßgestellt wurde, seine Bedeutung und Nichtbedeutung, und ein irres Vergnügen über die Entdeckung des Ich überhaupt, zum Verrücktwerden, wie man später nie wieder verrückt darüber wird, wenn man gezwungen ist, Ich zu sagen, wenn das Wort längst eine Selbstverständlichkeit ist, abgenutzt dazu, ein Gebrauchswort, das alles, was es bezeichnen soll von Fall zu Fall, degradiert.“[12]

Die Dimension des Politischen in der Rede des Ich wird von Bachmann mit der „Memoirenliteratur“ deutlich umrissen. In der Gegenwart eines äußerst profitablen Buchmarktes von Autobiographien haben Bachmanns Ausführungen zum „selbstsichere(n), ungebrochene(n) Ich“ nichts an Dringlichkeit verloren. Die Monstrosität des Ich in Autobiographien/Memoiren gilt weiterhin vielen Lesern als Schule des Ichs zum Erfolg. Manager etc. verschlingen Erfolgsbiografien.
„Der kritische und anspruchsvolle Leser akzeptiert dieses selbstsichere, ungebrochene Ich mit der gleichen Selbstverständlichkeit in berühmten Memoirenwerken, mit der eine verblödete, desorientierte Leserschaft heute zu Hunderten den Abhub der Memoirenliteratur verschlingt und sich von dem Ich von SS-Generälen, Gangstern und Spionen imponieren läßt. Denn das Ich der Handelnden, im einfachsten Rollenfach (dem der Geschichte und Zeitgeschichte), ist das überzeugendste, zugänglichste, es braucht sich nicht weiter auszuweisen, es wird ihm Glauben und Gehör geschenkt, weil die Taten oder Untaten des Autors für die Gesellschaft folgenreich waren.“[13]

Sandra Hüller und Regina Schilling gelingt es mit ihrem nur bedingt als Dokumentarfilm zu bestimmenden Filmkomposition eine Nähe und Distanz zu den Texten von Ingeborg Bachmann herzustellen. Paul Celan, Max Frisch und Hans Werner Henze lassen sie in Archivmaterial sprechen und kontrastieren dazu Formulierungen von Ingeborg Bachmann. Obwohl sich Hans Werner Henze als Komponist und Ingeborg Bachmann als Dichterin sehr nah waren und ihren Geburtstag 26. Juni und 1. Juli 1926 mehrfach zusammen in Rom feierten, so auch 1973, störten sie doch die Geliebten Henzes. Das „Wunder des Ich“ als „Ich ohne Gewähr“, wie sie es in ihrer Poetikvorlesung nennt, war auch eine Wunde. Schilling verschweigt nicht den Alkoholismus und die Tablettensucht Bachmanns, die indessen mit den missbräuchlichen Behandlungsmethoden der Ärzte und einer Gebärmutterentfernung Ende 1963 in Verbindung gebracht werden.
„Es ist das Wunder des Ich, daß es, wo immer es spricht, lebt; es kann nicht sterben – ob es geschlagen ist oder im Zweifel, ohne Glaubwürdigkeit und verstümmelt – dieses Ich ohne Gewähr! Und wenn keiner ihm glaubt, und wenn es sich selbst nicht glaubt, man muß ihm glauben, es muß sich glauben, sowie es einsetzt, sowie es zu Wort kommt, sich löst aus dem uniformen Chor, aus der schweigenden Versammlung, wer es auch sei, was es auch sei. Und es wird seinen Triumph haben, heute wie eh und je – als Platzhalter der menschlichen Stimme.“[14]

Ingeborg Bachmann hat über Mansplaining und über Femizid geschrieben, wie Regina Schilling in einem Interview gesagt hat. Sie hat mit ihrem Schreiben Debatten über feministisches Schreiben angestoßen und wurde zur Ikone des Feminismus. Als Lyrikerin wie sie während der Veranstaltung in der österreichischen von Sina Martens u.a. mit Erklär mir, Liebe aus ihrem ersten Gedichtband Anrufung des Großen Bären von 1956 gelesen wurde, setzt sie ein kaum zu entschlüsselndes Verhältnis zwischen einem schemenhaften Du, dem zunächst befohlen wird, die Liebe zu erklären, einem Ich, poetischen Naturbildern und Denken. Ein Liebesgedicht, in dem die Liebe nicht erwidert wird? Ein männliches Du, das mit dem Hut eine grüßende Geste macht? Oder im Titel ohne Ausrufezeichen doch an eine Freundin adressiert?
„Erklär mir, Liebe
Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –
Erklär mir, Liebe!
Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.
Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!
Erklär mir, Liebe!
Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!
Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?
Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.[15]

Am Schluss wird der Befehl oder Wunsch nach erklärendem Wissen negiert: „Erklär mir nichts.“ Die Poesie hält mit ihrer Sprache das Wissen in der Schwebe. Auf diese Weise gibt Erklär mir, Liebe, gibt das Gedicht bereits einen Wink auf das „Ich ohne Gewähr“ in der Poetikvorlesung. Mit der Lyrik schreibt Bachmann gegen ein Wissen vom Du und Ich an. Nicht das Du grüßt, in dem ein Er den Hut wie in den 50er Jahren üblich zieht, sondern „Dein Hut lüftet sich leis“. Das Du wird vom Hut getrennt und der Kopf hat’s den Wolken angetan. Der poetische Gebrauch der Sprache versetzt das Wissen vom Du in eine uneinholbare Mehrdeutigkeit. Lexik, Syntax und Form lassen eine Poesie der Geschlechter entstehen. Im Film stellt sich eine Ähnlichkeit von Sandra Hüller und ihren Gesten mit Ingeborg Bachmann ein. Auch eine Verzweiflung am Körper der Frau, der von Männern bestimmt und verstümmelt wurde. Ikone des Feminismus und Verteidigerin des Menschlichen.

In der österreichischen Botschaft wurde im zweiten Teil über den Literaturwettbewerb unter dem Titel Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt am Wörthersee debattiert, der von ORF und 3 SAT alljährlich für das Fernsehen mit Dichter*innen und Literaturkritier*innen veranstaltet wird. 2026 wird der renommierte Ingeborg-Bachmann-Preis zum 50. Mal verliehen werden. 2020 wurde der Literaturpreis an Helga Schubert für Vom Aufstehen verliehen, die am Gespräch teilnahm. Frauen sind heute stark bei den Wettbewerbtagen und in der Produktion vertreten. Fast jede und jeder will ich Klagenfurt vor der Kamera lesen. Ein Who is Who der deutschsprachigen Literatur ist es geworden. Doch zum Lesen vor der Kamera gehört viel Mut. Denn die Sprache der Kritiker*innen kann auch tödlich sein. Versprechen, Drama und Grausen des Literaturbetriebes.
Torsten Flüh
Ingeborg Bachmann
Jemand, der ich war
mit Sandra Hüller
Regie: Regina Schilling
ab 25. Juni 2026 im Kino
Ingeborg-Bachmann-Preis 2026
TddL 2026
Live ab 25. Juni 2026 im ORF Kärnten und im Internet
[1] Siehe DWDS: amorph.
Zum Anthropomorphismus siehe auch: Torsten Flüh: Wenn der Ball rollt… Zum Semesterthema Du sollst, du sollst nicht – Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik der Mosse-Lectures und zur WM 2026, In: NIGHT OUT @ BERLIN 17. Juni 2026.
[2] Transkription Torsten Flüh nach Interview-Sequenz.
[3] Siehe Lyrikline.org.
[5] Ingeborg Bachmann: Malina. Roman (= Bibliothek Suhrkamp. Band 534). Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1971, S. 7-8.
[6] Ebenda S. 8-9.
[8] Zur Macht der Medien, der Sprache und des „man“ ist bemerkenswert, dass es in Rezensionen des Films schon heißt: „Sandra Hüller spielt Ingeborg Bachmann“
[9] Ingeborg Bachmann: Das schreibende Ich. In: dies.: Frankfurter Vorlesungen. Probleme zeitgenössischer Dichtung. München: Piper, Juni 2011, S. 53. (zuerst Wintersemester 1959/60)
[10] Ebenda.
[11] Ebenda S. 54.
[12] Ebenda S. 55.
[13] Ebenda S. 56/57.
[14] Ebenda S. 75.
[15] Ingeborg Bachmann: Erklär mir Liebe. Aus: Anrufung des Großen Bären. München: Piper 1956. Heute in: Werke Band 1. München: Piper, 1978. Lyrikline.org.
