Ich als Datenwesen – Zur netzpolitischen Diskussion um Datensicherheit und Datenteilung mit einem Exkurs zu Alexander von Humboldt

Daten – Vermessen – Leben

Ich als Datenwesen

Zur netzpolitischen Diskussion um Datensicherheit und Datenteilung mit einem Exkurs zu Alexander von Humboldt

In der vergangenen Woche besuchte der Berichterstatter gleich mehrere Veranstaltungen zur Künstlichen Intelligenz. Es ging um Netzpolitik und auf dem Berlin Cyber Security Forum um Sicherheit im Netz. Nachdem viele Reden geredet worden waren, fand sich der Berichterstatter beim Lunch im Gespräch mit dem Vertreter einer großen, deutschen Werft, die neben Patrouillenboote insbesondere große Yachten baut. Der Groschen fiel nicht gleich, doch dann war klar, dass eine derartige Werft für sehr große, also sehr teure Yachten der Reichen und Mächtigen, auch Sicherheitssysteme entwickeln und bereitstellen muss. Natürlich sind die Yachten nicht nur Ziel von analogen Piraten, sondern genauso von Cyberattacken. Hat die Yacht z.B. einen Motorschaden, fliegt ein Einsatzteam mit dem Schaltplan über Satellit auf der Cyberbrille an vermutlich jeden beliebigen Ort der Welt.

Ist die, um mit einem Romantitel zu fragen, Vermessung der Welt unumkehrbar? Vermessen heißt heute, Daten zu akkumulieren. Das heißt zweierlei, die Welt wird vermessen und das Ich setzt sich dazu in ein Verhältnis. Die Welt wird bereits seit den Reisen und Studien Alexander von Humboldts, dessen Geburtstag sich am 14. September zum 250. Mal jährt, vermessen. Heute nennt man das verdaten. Daniel Kehlmann betitelte 2005 seinen Roman über Alexander von Humboldt Die Vermessung der Welt. Andererseits kam in zeitlicher Nähe 2001 der Begriff Datenkrake in Bezug auf Google in Gebrauch, der ein Bild von einem vielarmigen, unkontrollierbaren Ungeheuer in den Tiefen des Internets evozierte. Daten stehen wirtschaftspolitisch heute strategisch hoch im Kurs. Was verraten indessen Alexander von Humboldts Vermessungen des Kosmos über Daten?

Auf einer netzpolitischen Veranstaltung mit dem sehr smarten „Public Policy and Government Relations Senior Analyst“ von Google, Lutz Mache, war zu beobachten, dass die politisch engagierten Teilnehmer*innen fast nur noch von „Datenteilung“ als Programm sprechen. Datenteilung als Strategie einer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik ist nicht nur ein neues Wording. Die Rede von der Datenteilung erweist sich vielmehr als elastisch genug, um das Eigentum an Daten nicht grundsätzlich in Frage zu stellen. Ich kann meine Daten teilen, ohne sie zu verlieren, lautet die neue Gemeinwohlformulierung. Vom Datenschutz der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere der 80er und 90er Jahre hat sich ein föderal organisiertes Datenschutzgesetz zu einer Europäischen Datenschutz-Grundverordnung seit dem 25. Mai 2018 gewandelt. Sie gilt weltweit datenschutzrechtlich als am weitesten entwickelt.

Das erste Datenschutzgesetz in der Bundesrepublik Deutschland trat am 13. Oktober 1970 in Hessen in Kraft und ist am 1. Januar 2019 außer Kraft getreten. Es ist das älteste, formelle Datenschutzgesetz der Welt. Damit hat sich nicht zuletzt ein grundlegender Wandel des Verständnisses von Daten vollzogen. Mit dem hessischen Datenschutzgesetz und verwandten Gesetzen sollte vor allem das Recht des Bürgers auf „informationelle Selbstbestimmung“ gegenüber dem Staat gesichert werden.[1] Als Schlüsselbegriff für den Datenschutz wurden die „personenbezogenen Daten“ eingeführt. Der Staat sollte wohl die Möglichkeit haben, Daten über seine Bürger zu erheben, zu verarbeiten und auszuwerten, doch sie sollten nicht auf Personen zurückgeführt werden können. Sie mussten anonymisiert werden.

Wenn heute in Foren darüber gesprochen wird, dass Datenteilung eine Strategie für beispielsweise Autonomes Fahren oder Krebsvorsorge und der kommerziellen Nutzung werden soll, dann hat sich das Verhältnis des Bürgers zu seinen Daten signifikant verschoben. Ob zu Recht oder Unrecht in den 70er Jahren und danach ließ sich das Subjekt noch von seinen Daten unterscheiden, heute beschreiben sich insbesondere junge Menschen über Daten, wie die Wortbeiträge im netzpolitischen Forum in Anwesenheit von Lutz Mache deutlich machten. Datenteilung verspricht anscheinend Teilhabe am Staat und einem versprochenen Fortschritt, die zumindest nicht erfordert, ein Ich außerhalb von Daten zu bedenken. Ich wird als mehr oder weniger individuelles Datenwesen wahrgenommen. Jenseits der Erfassung durch Daten und ihrer Zirkulation droht wenigstens Ungemach. Der Staat als „Datenmonopolist“ wird heute von Unternehmen abgelöst, die mit Daten ihre/die Künstliche Intelligenz z.B. für das Autofahren „trainieren“ wollen und müssen. Beobachten lässt sich eine permanente begriffliche Überschneidung aus Technologie, Anthropologie und Ökonomie.

Vermessen heißt Daten sammeln. Doch wie funktioniert das Vermessen an der Schnittstelle von analogem Messen und Datenerhebung? Über Die Vermessung der Welt als Wissenschaftspraxis schreibt Daniel Kehlmann in seinem Roman recht wenig. Es taucht nur gelegentlich als Praxis im Erzählfluss auf. Das Messen wird an mehreren Stellen eher in einer Art Verfehlung erzählt. Als Humboldt und Bonpland endlich den Silla bei Caracas bestiegen haben, kommt ihnen ein „Schwarm pelziger Bienen“ zwischen den Anspruch, die Gipfelhöhe mit dem Sextanten zu bestimmen. Es ist nicht nur eine abenteuerliche Begegnung mit Bienen, vielmehr verleiden sie das Messen als Triumph. „Bonpland warf sich flach auf den Boden, Humboldt blieb aufrecht stehen, den Sextanten in Händen, das Okular vor dem mit Insekten bedeckten Gesicht.“[2] Das ist eine durchaus neuartige, gar ironische Beschreibung der Messpraxis in den Naturwissenschaften.

Screenshot: Tagebuch der amerikanischen Reise I, erste beschriebene Seite. Staatsbibliothek zu Berlin

In der Geschichte der Naturwissenschaften wird die Vermessung souveräner beschrieben. Gemessen wird nicht mit einem „Sextanten“, wie er auf dem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch 1810 mit Humboldt und Aimé Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo in der rechten unteren Ecke in Szene gesetzt wird, sondern mit einem Barometer, was andere Rechenschritte erfordert. Der Vermesser wird zum Souverän über das Wissen von der genauen Höhe und Natur des Berges. Die erste Besteigung des Silla am 3. Januar 1800 durch Alexander von Humboldt wurde von Alfredo Jahn am 15. Januar 1932 weit enthusiastischer beschrieben. Jahn benutzte offenbar wie Humboldt ein Barometer zur Messung und kommt zu einem um 10 Meter genaueren Höhenwert. Jahn verbessert somit Humboldts Messungen.

„Die barometrische Beobachtung von Humboldt auf dem Gipfel des Silla, ausgedrückt in Zoll und Linien des französischen Fußes, entspricht 581,33 Millimetern. Berechnet man diesen Druck mit dem dem Meeresspiegel entsprechenden Mindestmittelwert in Millimetern und berücksichtigt die Lufttemperatur in beiden Stationen (12 °, 5 und 27 °, 0), so ergibt sich eine Höhe von 2.318 Metern über dem Meeresspiegel. Das übersteigt in zehn Metern den wahren Wert von 2.308 Metern, der durch meine eigenen barometrischen Beobachtungen vom 15. Januar 1905 erhalten wurde.“[3]   

Die Besteigung und Vermessung des Popocatepetl erzählt Daniel Kehlmann gar als einen Unterhaltungsspaziergang, der von „Gomez und Wilson, de(m) Bürgermeister der Hauptstadt, drei Zeichner(n) und fast hundert Schaulustige(n)“ begleitet wird. Ob Kehlmann wusste, dass diese Besteigung nie stattgefunden hatte, wissen wir nicht. Die naturwissenschaftliche Praxis des Messens wird hier zur Unterhaltung des Publikums vorgeführt:  

„Als Humboldt vor einem Erdloch seine Atemmaske anschnallte, brandete Applaus auf. Und während er mit dem Barometer die Höhe des Gipfels bestimmte und sein Thermometer in den Krater hinabließ, verkauften Händler Erfrischungen.“[4]

Das Messen mit dem Barometer verfehlt hier wiederum die Wissenschaftspraxis. Denn Alexander von Humboldt hatte im Alter von 87 Jahren im Dezember 1856 an A. Petermann, veröffentlicht in Mittheilungen aus Justus Perthes geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie, geschrieben, dass er „nie den Popocatepetl bestiegen habe“. Durch die Mittheilungen wird Humboldts Schreiben offiziell als relevant für die „Geographie“ gerahmt. Als Wissenschaftler, sah er sich genötigt, nicht nur die Messmethode, sondern auch die Nicht-Besteigung klarzustellen, weil sein Barometer kritisiert worden war.

„Ich habe nie den Popocatepetl bestiegen, habe ihn daher nie mit schlecht gefüllten Röhren messen können. Meine Messung des Vulkans war eine trigonometrische, welche in dem zweiten Bande meines „Recueil d’Observations astronomiques, d’opérations trigonométriques et de mésures barométriques“ (Paris 1810) vom Prof. Oltmanns beschrieben ist. Alle meine Barometer-Messungen sind mit gewöhnlichen Ramsden’schen Gefäss-Barometern à niveau constant gemacht, deren wir uns auch, Gay-Lussac und ich, 1805 auf einer Reise durch Frankreich, Italien und die Schweiz zu unserer beiderseitigen Befriedigung bedient haben (Vol. I. p. 365).“[5]

Alexander von Humbodt ist insofern sehr wohl und nachhaltig in seinen Messinstrumenten und Messpraktiken verwickelt. Die Genauigkeit der trigonometrischen Messung ergibt sich aus Winkelmessungen, die anscheinend genauer als Streckenmessungen oder barometrische Messungen sind. Das Forschungsprojekt unter der Leitung des Romanisten Ottmar Ette Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat sich zur Aufgabe gemacht, die „überragende() Bedeutung (…) bei den beiden transkontinentalen Reisen die bislang fast völlig unberücksichtigt gebliebenen literarischen Reiseskizzen, Messergebnisse, Laborprotokolle, wissenschaftlichen Essays und Exzerpte, die einen noch nicht gehobenen Schatz transdisziplinär vernetzter Erkenntnisse an der Schnittstelle von Kultur- und Naturwissenschaften“ darzustellen.[6] Am 14. September 2018 hat die Mathematikhistorikerin Ulrike Leitner im Rahmen des Projekts ein Forschungsdossier zum 1. Band der Neuausgabe der amerikanischen Reisejournale online veröffentlicht, in dem es zur trigonometrischen Höhenmessung heißt:

„Höhenbestimmungen ergaben sich ebenfalls aus Winkelmessungen. Mit einer Basislinie und zwei Winkeln am Anfang und Ende der Linie kann man leicht mit Hilfe einfacher Trigonometrie die Höhe berechnen. So vermaß Humboldt (vermutlich zu Beginn seines Aufenthalts in Cumaná) den Berg Brigantín, der der höchste der von Cumaná sichtbaren Berge sei, und notierte die Messung unter dem Titel: „Höhe der Berge.“ (Bl. 31v). In diesem Fall maß Humboldt zwei Basen: einmal eine durch Zählung der Schritte, dann eine präzis gemessene, um zu sehen, als wie groß sich der Unterschied in der Höhe herausstellte. Er schloss daraus, dass der recht geringe Unterschied von 200 Fuß für einen Geognosten (im Gegensatz zum Kartographen) eine noch erträgliche Unschärfe bedeute, da er die Aussagen über Lagerungen von Gesteinen, dem Themengebiet des Geognosten nicht beeinträchtigen würde.“[7]

Für die Frage der Vermessung und Genese von Daten mit „erträgliche(r) Unschärfe“ wie Naturwissenschaft wird indessen eine einleitende Beobachtung von Ulrike Leitner wichtig. Sie stellt nämlich vor allem eine „Unordnung in den Tagebüchern“ fest.[8] Die Unordnung der Methoden und Notizen der erst nach der Reise gebundenen Journale widerspricht in gewisser Weise dem Ordnungsanspruch der Vermessung. Anders als die von Humboldt 1856 formulierte Ordnung der Messung durch Trigonometrie formuliert, vermitteln die Aufzeichnungen eine auch heillose Unordnung, der sich kaum Herr werden lässt. Die Fülle der Daten über die Natur driftet zugleich in eine Unerschließbarkeit. Je mehr Daten gesammelt werden, desto schwieriger lassen sie sich souverän als Wissen formulieren:

„Die Tagebücher spiegeln das Wesen der Reise selbst wider: Umwege, scheinbar zielloses Getriebensein, Fragmentarisches …. Das Moment des Unvorhersehbaren einer Forschungsreise zwangsläufig in sich tragend wirken sie wie ein Flickenteppich. Die Herausgeber müssen die in diesem scheinbaren Stückwerk durchaus vorhandene Systematik erkennen.“[9]

Die Wissensproduktion durch Alexander von Humboldt befindet sich in einer unablässigen Bewegung. Das Projekt der „Vermessung fremder Länder“ wie es um 1800 formuliert und praktiziert wird, lässt sich kaum auf das „Moment des Unvorhersehbaren einer Forschungsreise“ herunterbrechen. Vielmehr legt das von Ulrike Leitner editierte Tagebuch mit seinen Ausschnitten, Durchstreichungen, Randnotizen, Tintenflecken etc. die Diskrepanz zwischen einem imaginären Anspruch der Vermessung und einer realen Praxis offen. Datensammeln und Datenauswertung fallen nicht in eins. Vielmehr unterscheiden sie sich auf bedenkenswerte Weise. Die Unordnung wird ihrerseits permanent durch Randnotizen umgeordnet. Alexander von Humboldts Selbstbeschreibung seiner Wissenschaftspraxis schiebt die abschließende Ordnung hinaus, wenn er formuliert, dass er „einige der zerstreuten Ideen“ festhalten wollte, „die sich einem Naturforscher, der fast beständig im Freien lebt, darzubieten pflegten, eine Vielzahl von Tatsachen, die ich aus Mangel an Zeit nicht ordnen konnte“.[10] Die „Tatsachen“ und Messdaten werden demnach immer wieder heimgesucht von „zerstreuten Ideen“ aus Kultur und Literatur.

Die Wissenschaft wandelt sich nach einer durchaus literarischen Formulierung Humboldts. Noch im neunzigsten Lebensjahr schreibt er am 26. März 1859 das Vorwort zum ersten Band der Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents in der nun „vollständigen Übersetzung“ von Hermann Hauff. Dennoch ist die Übersetzung offenbar für eine bessere Lesbarkeit von den einstmals so wichtigen Messdaten bereinigt. Statt des mathematischen Moments gibt Humboldt, ein wenig umständlich formuliert, nun dem literarisch Narrativen als „lebendige Darstellung des Geschehenen“ den Vorzug. Anders gesagt: erst in dem Maße wie die Erzählung von den ehemals entscheidenden Daten bereinigt wird, kann sie geordnet und „lebendig“ werden.

„und da jeder Reisende gewissermaßen den Zustand der Wissenschaften seiner Zeit, oder vielmehr die Gesichtspunkte darstellt, welche von dem Zustande des Wissens seiner Zeit abhängen, so ist das wissenschaftliche Interesse um so lebendiger, als die Epoche der Darstellung der Jetztzeit näher liegt. Damit aber die lebendige Darstellung des Geschehenen weniger unterbrochen werde, habe ich das Material, durch welches allgemeine kosmische Resultate begründet werden, in besonderen einzelnen Zugaben über stündliche Barometerveränderungen, Neigung der Magnetnadel und Intensität der magnetischen Erdkraft zusammengedrängt. Die Absonderung solcher und anderer Zugaben hat allerdings, und ohne großen Nachteil, zu Abkürzungen in der Uebersetzung des Originaltextes der Reise Anlaß geben können.“[11]

Die Vermessung soll um 1800 eine neue Ordnung der Welt und der Dinge generieren. Dieser Neuordnung des Wissens von der Erde, der Welt und ganz besonders des Lebens durch die „Infusorien“ von Christian Gottfried Ehrenberg auf der späten Russlandreise[12] wird Alexander von Humboldt sein langes Leben lang in Bewegung halten und bis zu seinem höchst genau gemessenen Tod am „6. Mai um 2 Uhr 32 Minuten“ zu einem begehrten Gesprächspartner an der Schnittstelle von Wissenschaft, Literatur und Öffentlichkeit machen.[13] Mit der Neuordnung des Wissens von der Welt und dem Menschen soll auch die monotheistische Genesis durch einen Schöpfergott ersetzt werden. Sein Leichenbegängnis am 10. Mai 1859 wird zum Berliner Staats- und Medienereignis, das international Bilder und Illustrationen generiert. Max Ring eröffnet in Die Gartenlaube seinen Bericht mit eben jener Formulierung eines Souveräns über das Wissen, dessen Souveränität mit den sogenannten amerikanischen Tagebüchern in Frage gestellt wird. Paradoxerweise wird jener Souverän der Gnade Gottes unterstellt. „Der Fürst der Wissenschaft, der erhabene Herrscher von Gottes Gnaden im Reiche der Geister ist nicht mehr.“[14]   

Warum kann ein Exkurs zur Wissenschaftspraxis des Naturforschers Alexander von Humboldt für die Frage der Daten hinsichtlich der Künstlichen Intelligenz aufschlussreich sein? Man kann Geschichten der Wissenschaft schreiben, die die Methoden der Datenerhebung an der Schnittstelle von Mathematik und Literatur bestätigen. Obwohl „Umwege, scheinbar zielloses Getriebensein, Fragmenatrisches …“ eingeräumt werden müssen, wird dann „durchaus vorhandene Systematik“ erkannt. Oder man steigt als Forscher wie Alfredo Jahn 1932 auf den Silla, misst, korrigiert und bestätigt Humboldts Messung. Ebenso kann man das Projekt der Vermessung ziemlich ungenau literarisch in einen äußerst erfolgreichen Roman verwandeln. Doch damit fragt man noch nicht nach der Funktion von Daten und ihrer imaginären Aufladung. Genau diese entfaltet mit der Künstlichen Intelligenz unterdessen eine ungeahnte Dynamik und Macht, die den Menschen derzeit in ein Datenwesen verwandelt.

Es wird demnächst auf die Künstliche Intelligenz mit Sir Julian King, „European Commissioner for the Security Union“, Europäische Kommission, beim Berlin Cyber Security Forum auf die Cyber Sicherheit und beispielweise den Vorzügen von Kryptowährungen wie den Strafverfolgungsmöglichkeiten bei Cyber Kriminalität zurückzukommen sein. Doch zum Leichenbegängnis von Alexander von Humboldt soll an dieser Stelle angemerkt werden, dass Kurt-R. Biermann und Ingo Schwarz 1999 auf zwei Zeitungsartikel aufmerksam gemacht haben, die am 10. Mai 1859 um 22:30 Uhr ein gänzliches anderes Wissen als das der Daten und des Hofzeremoniell ins Spiel bringen. Es kam zum „Unfug elender Strolche“. Die Verfasser nennen es „saturnalische Ausschreitungen durch Randgruppen der Gesellschaft“. “[15] Nicht jedem berühmten Toten wurden indessen in Berlin derartige Auftritte und „Zotenlieder der frivolen und entfesselten Masse“ von „betrunkenen Weibern und öffentlichen Dirnen“ ebenso wie „Straßenjungen“ zuteil. Auch darin besteht Forschungsbedarf.

Torsten Flüh


[1] Vgl. zum Hessischen Datenschutzgesetz (Wikipedia)

[2] Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Hamburg: Rowohlt, 2008, S. 101.

[3] Alfredo Jahn: LA PRIMERA ASCENSION A LA SILLA DE CARACAS EL 3 DE ENERO DE 1800 POR ALEJANDRO DE HUMBOLDT. Caracas: Enero 15 de 1932. In: en Cultura Venezolana. Caracas, Tipografía Mercantil, año XIV, tomo XLVII, enero-marzo de 1932, p. 11. (PDF) (Übersetzung aus dem Spanischen T.F.)

[4] Daniel Kehlmann: Die Vermessung … [wie Anm. 2] S. 206.

[5] Humboldt, Alexander von: Über die Höhe des mexikanischen Vulkans Popocatepetl. In: Mittheilungen aus Justus Perthes geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie, 2. Band (1856), S. 479-481, hier S. 479. (Deutsches Text Archiv)

[6] Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung. (Ziele und Aufgaben)

[7] Leitner, Ulrike: „Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, alle angestellten Beobachtungen ohne Auswahl in mein Tagebuch einzutragen.“. Über die Neuausgabe der amerikanischen Reisejournale, 1. Band (ART I). Nr. 65. In: edition humboldt digital, hg. v. Ottmar Ette. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. Version 3 vom 14.09.2018. (Reisetagebücher)

[8] Ebenda 3.

[9] Ebenda.

[10 Zitiert nach ebenda.

11 Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. [V]. (Deutsches Text Archiv)

[12] Vgl. zur Frage des Lebens und seines Ursprungs auf der Erde mit den Infusorien: Torsten Flüh: Leben und Tod in der Platovskischen Steppe. Zu Alexander von Humboldt und Russland in der Botschaft der Russischen Föderation. In: NIGHT OUT @ BERLIN Juni 25, 2015 21:04.  

[13] Vgl. zur Medienpräsenz Alexander von Humboldts auch: Torsten Flüh:  Wasserzeichen vom Orinoco. Zum 2. Alexander von Humboldt-Symposium „Forschen & Edieren“. In: NIGHT OUT @ BERLIN Mai 30, 2015 19:05.

[14] Max Ring: Alexander von Humboldt‘s Tod und Leichenbegängniß. In: Die Gartenlaube. Heft 22, S. 315. Leipzig: Ernst von Keil, 1859. (Digital)

[15] Kurt-Reinhard Bierman, Ingo Schulz: „Gestört durch den Unfug elender Strolche“. Die skandalösen Vorkommnisse beim Leichenbegängnis Alexander von Humboldts im Mai 1859. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 95, H. 1, 1999, S. 470-475.

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