Das Politische so fern ganz nah – Emine Sevgi Özdamar eröffnet die Mosse-Lectures

Politisch – Sprache – Literatur

Das Politische so fern ganz nah

Emine Sevgi Özdamar eröffnet die Mosse-Lectures zu Sprachen des Politischen in Literatur und Kunst

Die Mosse-Lectures im Sommersemester 2019 und damit im zweiundzwanzigsten Jahr machen das Politische, das nicht mit der Politik gleichzusetzen ist, wie Ulrike Vedder in ihrer Eröffnungsrede sagte, als „Sprachen des Politischen“ zum Thema. Bereits der „Wahlspruch“ „Die Öffentlichkeit von Kultur und Wissenschaft“ für die Mosse-Lectures, die George L. Mosse am 14. Mai 1997 mit einem Vortrag im Atrium des Mosse-Zentrums eröffnete, gab einen Wink auf das Politische.[1] Aus Anlass des 100. Geburtstages von George L. Mosse am 20. September 2018 wird Anfang Juni die Konferenz Mosse’s Europe New Perspectives in the History of German Judaism, Fascism, and Sexuality im Deutschen Historischen Museum stattfinden. Das Politische umgibt als das Imaginäre die Sprachen und Praktiken.

Mit Emine Sevgi Özdamar eröffnete eine Schriftstellerin die Reihe der vier Lectures in diesem Semester, die das Politische der Sprachen frühzeitig, quasi anknüpfend an Brecht und Weill zum Thema ihrer Istanbul-Berlin-Trilogie Sonne auf halbem Wege (2006) gemacht hat. 2007 wurde sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Emine Sevgi Özdamar las nun in der Mosse-Lecture aus dieser Trilogie wie aus Reden und aktualisierte damit zugleich ihre Texte seit 1992. Denn die Sprachen und das Sprechen selbst werden von ihr unablässig thematisiert. Wie lernt oder verlernt frau eine Sprache? Welche Sprachoperationen sind erlaubt? Welche werden gar mit Lachern als Beifall begrüßt? Özdamar war erkältet – vielleicht ein Wink –, nahm Tropfen ins Wasser und musste sich zum Sprechen zwingen. Werden wir nicht immer zum Sprechen gezwungen?

Roland Barthes hat einmal am 7. Januar 1977 formuliert, dass „die Sprache als Performanz aller Rede“ heißt „zum Sagen zwingen“.[2] Vielleicht muss man ein Paradox für die Schriftstellerin Özdamar und ihre Schreibweise bedenken. Früh „schwor“ sie sich, Schauspielerin zu werden nach einem Text, mit dem sie ihre Vorlesung begann. Sie wollte unbedingt sprechen. Das Verständnis der Texte, die eine Schauspielerin spricht, kann durchaus bei der Darstellung nutzen. Andererseits verstand sie zunächst im Deutschen nicht, was sie sagte, wenn sie es aus Zeitungen und von Plakaten applizierte, wie sie im Nachhinein schreibt. Ihrer Vorlesung gab sie den Titel Die krank gewordenen Wörter und führte dafür ein Eigenzitat an:

„Man sagt, in fremden Ländern verliert man die Muttersprache. Aber man kann die Muttersprache auch im eigenen Land verlernen.“

Es gibt eine Feindseligkeit der Sprache, die in Literatur verwandelt werden kann. Der Vertrauensmann der Jury des Kleist-Preises 2004, Hermann Beil, Theaterdramaturg und Theaterregisseur, war es, der bestimmte, dass Emine Sevgi Özdamar einen der bedeutendsten deutschen Literaturpreise erhalten solle. Bei der Preisverleihung im Berliner Ensemble schlich die Feindseligkeit der Sprache vereinzelt durchs Publikum. Sprache grenzt aus oder schließt ein. Das ist ein politisches Problem, das die „Einfache Sprache“ als Inklusion z.B. in der Konzeption der Wanderausstellung Einige waren Nachbarn zu lösen versucht. Doch es geht nicht nur um Deutsch als Sprache, dafür ist die Schriftstellerin und Schauspielerin zu klug. Sie berlinert gar, wenn sich damit an ein „Berliner Volkslied“ von Kurt Weill auto-biographisch anknüpfen lässt.

„Ick sitze da un’ esse Klops
Uff eenmal klopp’s.
Ick kieke, staune, wundere mir, uff eenmal jeht’se uff, die Tür.
Nanu, denk ick, ich denk: nanu, jetzt is’se uff, erst war’se zu!
Ick jehe raus, un blicke
Un wer steht draußen?
Ikke!

Es gibt in der Türkei, in der Stadt, wo ich geboren bin, kein Klops, aber »uff eenmal klopp’s« gibt es. Ich klopfte »uff eenmal« im Bauch meiner Mutter, an einem Augusttag. »Nanu, denk ick, ich denk nanu, jetzt is’se uff, die Tür, erst war’se zu«. Plötzlich befand ich mich in einer heißen Stadt, einer alten Stadt, einer alten Hethiterstadt in Südostanatolien…“[3]  

Özdamar eignet sich den Berliner „Klops“ an und macht ihn frei nach Weill zu ihrer Geburts- wie Herkunftsgeschichte. Das nennt man eine Sprachoperation, auf die klopsselige Berliner*innen gar nicht gekommen wären. Das „Berliner Volkslied“ wird in einem Jargon gesungen, dessen Ursprung sich selbst im Volk schwer verifizieren lässt. Schon bei Weill bleibt offen, ob nicht das Reimschema Klops/klopp’s und blicke/Ikke ein überraschendes Ereignis der Selbstbegegnung generiert. Man kann über die Unsinnserzählung vom Klops mit dem auffälligen Reim lachen oder ihr einen literarischen Eigensinn verleihen, wie Özdamar es macht. Wenn Emine Sevgi Özdamar den Text vorliest wie in ihrer Mosse-Lecture, dann generiert die Kollision von Sinn, wie sie bereits bei Weill angelegt ist, Lacher. Zwar gibt es keinen Klops in ihrer Geburtsstadt, aber die „Tür“ öffnet sich auf überraschend ähnliche Weise. Dabei geht es gar um das Politische, das vielleicht nur deshalb anklingt, weil Kurt Weill ein politischer Komponist war. Oder wie es in der Ankündigung des Semesterprogramms heißt:

„Individuelle Erlebnisse und Ereignisse finden Ausdruck in einer Bilder- und Körpersprache, mit der etwas Denkbares und Fühlbares angesprochen wird, das nicht oder noch nicht verfügbar ist. Die hier wirksam werdende Agenda erschöpft sich nicht in Kritik und Kompensation der vorherrschenden Realpolitik. Vielmehr sucht sie, jenseits des privilegierten Wissens, die Nähe zu den Alltagserfahrungen von Entfremdung und Diskriminierung und den hier wirksamen Gesten des Aufbegehrens und des Widerstands …“[4]

Der Titel formuliert mit Die krank gewordenen Wörter einen Verlust. Denn die Wörter sind nicht nur durch, sagen wir, Umwelteinflüsse, Bakterien oder Viren „krank geworden()“. Vielleicht sind sie eher im Unterschied zu starken Wörtern, schwach, ansteckend und krank geworden. Das Krankwerden wird von Özdamar recht genau datiert. Darauf wird zurückzukommen sein. Auch ihr Humor hinsichtlich des Wortes „Gastarbeiter“ wird bedacht werden müssen. Doch zunächst soll Hermann Beil als Laudator zum Kleist-Preis zu Wort kommen.

„Ihr eigentliches, wahres Zuhause ist jedoch die Sprache, eine Sprache, die sie erst erlernen und erfahren mußte, eine Sprache, die für sie nicht ausformuliert, nicht fertig, nicht endgültig ist, eine Sprache, die bei ihr etwas rhapsodisch Schweifendes hat, die mit Lust Bilder aufnimmt und diese Bilder gerade durch das wörtliche Genaunehmen entwickelt. Tatsächlich ist Emine Sevgi Özdamar auf diese Weise, als lernend, zugleich eine intuitive Sprach- und Wortfinderin.“[5]

Was „das wörtliche Genaunehmen“ heißen könnte, konkretisiert Hermann Beil nicht. Doch dieses Genaunehmen, das als Substantiv ein Neologismus zum Adjektiv genau in Kombination mit dem Verb nehmen ist, spricht zweifelsfrei eine poetologisch-literarische Praxis an. Was sozusagen von Muttersprachlern diskursüblich genommen und verwendet wird, nimmt Özdamar „genau“. Sie liest es anders, um es literarisch einzusetzen. Beim Klops blitzt die Praxis schon auf. Und das kommt nicht irgendwoher, sondern knüpft an Weills und Bertolt Brechts literarisch-dramaturgisches Verfahren der „Verfremdung“ an, woran Hermann Beil durchaus erinnerte.[6] Ein in allgemeiner Zirkulation befindliches Wort wie Klops wird homophonisch „genau“ genommen. So wird aus Klops „klopp’s“, was sich zum Reimen und für ein ganz anderes Klopfen eignet. Das hat in Özdamars Text auch etwas mit „der Zeit der Achtundsechziger Bewegung“ zu tun, obwohl es trickreich als Unwissen erzählt wird.

„Die Fragen lauteten zum Beispiel: »Was habe ich diese Woche getan, um mein Bewusstsein zu erweitern? Welches Buch habe ich gelesen?« Ich kam nach Hause und fragte meine Mutter: »Mutter, was hast du diese Woche gemacht, um dein Bewusstsein zu erweitern?« Weil sie über meine Frage staunte, übte ich bei ihr meine Achtundsechziger Sprache, die ich bei Berliner Studenten gelernt hatte. »Mutter, wer war zuerst da, die Henne oder das Ei?«“[7]

Das „Genaunehmen“ generiert ebenso sehr Individualität wie „individuelle Ereignisse und Erlebnisse“, die darin „Ausdruck (finden)“. Es entspringt einer Fremdheit und Fragwürdigkeit der Sprache wie einem gewissen politischen Widerstand, sich wehrlos nicht nur den Wörtern, sondern nach Roland Barthes der Herdenhaftigkeit des Diskurses zu unterwerfen. Das Herdenhafte wie die Übertragung der „Achtundsechziger Sprache“ auf ein Gespräch mit der Mutter muss die Adressatin verfehlen. Das heißt auch, dass die „Achtundsechziger Sprache“ in dem Moment versagt, in dem sie herdenhaft verwendet wird. Özdamar beschreibt mit dieser Passage nicht nur ein Problem des Deutschen als Fremdsprache, vielmehr findet das in Deutsch formulierte Ereignis an der „Istanbuler Schauspielschule“ statt.[7] Wenn es den Disput mit ihrer Mutter in Istanbul gegeben hat, dann wird er in Türkisch stattgefunden haben, woran zu erinnern sich lohnt, was allerdings aus der Position deutscher Muttersprachler beim Lesen und Hören vergessen werden könnte. Anders gesagt: Özdamars Romane und Reden fordern immer auch zum fragenden Lesen auf.

„1971 putschten die Militärs in der Türkei. Gendarmen und Polizisten kamen in die Häuser und verhafteten nicht nur die Menschen, sondern auch die Wörter. Alle Bücher wurden vorsichtshalber zu den Polizeirevieren gebracht. Damals bedeutete in der Türkei Wort gleich Mord. Man konnte wegen Wörtern gefoltert, erschossen werden. In solchen Zeiten können Wörter krank werden. … Ich wurde unglücklich in der türkischen Sprache…“[9]

Die politische Aktualität dieser Formulierung vom 21. November 2004, am 2. Mai 2019 ein wenig anders arrangiert vorgelesen, lässt sich nicht überhören. Der zunächst kryptische Titel öffnet sich in seiner Aktualisierung. Kranke Wörter sind durchaus ansteckend und lebensgefährlich. Sie haben zu einer Asylwelle türkischer Staatsbürger in der Bundesrepublik Deutschland geführt. Gleichzeitig gehört dieser Verlust der „Muttersprache“ zum individuellen Erfahrungswissen von Emine Sevgi Özdamar. Doch als Schriftstellerin musste sie Praktiken finden, zu denen nicht nur das Deutschlernen gehörte, mit denen sie diese Erfahrung formulieren konnte.

„Man sagt, man verliert in einem fremden Land die Muttersprache, aber in solchen Jahren kann man die Muttersprache auch im eigenen Land verlieren, die Wörter verstecken, vor manchen Wörtern Angst bekommen. Ich wurde damals müde in meiner Muttersprache. Wenn die Zeit in einem Land in die Nacht eintritt, suchen sogar die Steine eine neue Sprache. Dort in Istanbul, in dem tiefen Loch, haben die Wörter Brechts mir geholfen.“[10]

In ihrer Mosse-Lecture las Emine Sevgi Özdamar ausführlicher aus ihrer Romantrilogie. In dieser Besprechung soll allerdings aus einem Brief zitiert werden, um das Politische in ihrem Schreiben einmal genauer zu formulieren. Der Brief ist an Hermann Beil adressiert, aber gewiss nicht nur für ihn geschrieben. Denn es geht um eine Verquickung der eigenen Erfahrung als Schauspielerin mit einem Wort, das für Deutschland eine große, nicht zuletzt ökonomische wie bevölkerungspolitische Rolle spielte. Das Wort Gastarbeiter wird von Özdamar genau genommen.

„Ich las damals den Brief eines türkischen Gastarbeiters. Ich habe diesen Gastarbeiter nie gekannt, er war für immer in die Türkei, in sein Dorf zurückgekehrt. Das Wort »Gastarbeiter«: Ich liebe dieses Wort, ich sehe immer zwei Personen vor mir, eine sitzt da als Gast und die andere arbeitet…“[11]  

Das Politische steckt nicht nur im Wort, vielmehr in der Imagination, mit der es gelesen wird. Wie wird das Wort imaginiert? Özdamar sieht „zwei Personen“, „eine sitzt da als Gast und die andere arbeitet“. Die Imagination löst den Türken als Gastarbeiter aus einem vorherrschenden Wissen heraus. Das ist eine wahrhaft politische Aktion. Wer ist der Gast? Und wer arbeitet? Der Imagination liegt ein Missverständnis zugrunde, dass doch der Arbeiter hoheitlich als Gast auf bestimmte Zeit markiert worden war. Der Gast sollte arbeiten. Doch ein Gast arbeitet nicht. Als Gast aufgenommen zu werden, heißt bewirtet zu werden. Das Wort Gastarbeiter drehte dieses Verhältnis von Gastgeber bzw. Wirt und Gast allerdings brutal um. Gast sollte nur sein, solange wer arbeitete. Jacques Derrida hat einmal das auch schwierige Verhältnis der Gastfreundschaft befragt:

„Die absolute Gastfreundschaft erfordert, daß ich mein Zuhause (chez-moi) öffne und nicht nur dem Fremden (der über einen Familiennamen, den sozialen Status eines Fremden usw. verfügt), sondern auch dem ungekannten, anonymen absolut Anderen (eine) Statt gebe (donne lieu), daß ich ihn kommen lasse, ihn ankommen und an dem Ort (lieu), den ich ihm anbiete, Statt haben (avoir lieu) lasse, ohne von ihm eine Gegenseitigkeit zu verlangen (den Eintritt in einen Pakt) oder ihn nach seinem Namen zu fragen.“[12]  

Der Begriff Gastarbeiter diente nicht zuletzt einer Unterscheidung zum Arbeiter. Die Bundesrepublik Deutschland, um es einmal so zu formulieren, erfand den Gastarbeiter als Helfer für die überarbeiteten, deutschen Industriearbeiter. Indem Emine Sevgi Özdamar das Wort durch die Imagination verfremdet, springt allererst das Politische hervor. Insofern hätte es keine bessere Vortragende an der Grenze von Literatur und Wissenschaft für das Semesterthema der Mosse-Lectures geben können.

Torsten Flüh

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Ausstellungen des Politischen in der Kunst
Donnerstag, 13.06.2019, 19 Uhr c.t.,
Unter den Linden 6 Senatssaal.

Édouard Louis

Changing: On Self-Reinvention and Self-Fashioning
Donnerstag, 27.06.2019, 19 Uhr c.t.
Unter den Linden 6 Senatssaal.


[1] Vgl. dazu Klaus Scherpe: Im Geiste des Hauses. Die Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität. In: Elisabeth Wagner (Hg.): Mosse Almanach 2017. Berlin: Vorwerk 8, 2017, S. 24.

[2] Roland Barthes: Leçon/Lektion. Frankfurt am Main: edition suhrkamp, 1980, S. 19.

[3] Emine Sevgi Özdamar: Vorstellungsrede. Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (2007).

[4] Mosse-Lectures: Sprachen des Politischen in Literatur und Kunst. (Website)

[5] Hermann Beil: In einer fremden Sprache zu schreiben, ist eine Reise. Kleist-Preis 2004 für Emine Sevgi Özdamar. In: Günter Blamberger (Hg.): Kleist-Jahrbuch 2005. Stuttgart: Metzler, 2005, S. 9.

[6] Ebenda S. 10.

[7] Emine Sevgi Özdamar: Kleist-Preis-Rede. In: Ebenda S. 16.

[8] Ebenda.

[9] Ebenda.

[10] Ebenda S. 17.

[11] Ebenda.

[12] Jacques Derrida: Von der Gastfreundschaft. Wien: Passagen, 2001, S. 27.

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