Nachdenken – Musik – Komponieren
„Musik, die über sich selbst nachdenkt.“
Zum Eröffnungskonzert von ultraschall berlin – festival für neue musik mit dem DSO
Die Festivalausgabe 2026 von ultraschall berlin begann mit einem Hammerschlag. Unter der Leitung Marc Albrechts spielte das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin Visions of Ishwara von Talib Rasul Hakim aus dem Jahr 1970. Eine Wiederentdeckung der neuen Musik. Die eröffnenden, vom DSO mit einem Holzhammer auf der großen Trommel im Großen Sendesaal ganz oben gespielten Hammerschläge, in die nach und nach Blechbläser, Pauke, 4 Hörner, Marimba, Posaunen und Trompeten etc. einstimmen, wurden zuerst vom Baltimore Symphony Orchestra unter der Leitung von Paul Freeman gespielt und in den Black Composers Series von Columbia Records 1975 auf Schallplatte veröffentlicht. Visions of Ishwara wurde seither selten aufgeführt.

Musik und moderne Mediengeschichte kamen im Eröffnungskonzert prominent zum Zuge. Denn die Schallplatte als Medium und die Reprografien der Partitur-Autographen von Hermann Kellers „erste(m) vollgültige(m) Orchesterwerk“ Verwandlungen von 1976 gaben den Impuls überhaupt für die Uraufführung des Stückes 50 Jahre nach seiner Komposition. Technische Medien generieren Archive, die Entdeckungen ermöglichen. Die Partitur von Verwandlungen hatte im Archiv der Komischen Oper Berlin überdauert und war in vollständige Vergessenheit geraten, bis es die Institution wegen der Sanierung räumen und ins Schiller-Theater als Spielstätte ziehen musste. Die lichtempfindlichen Reprografien eines nie aufgeführten Werkes hatten überdauert und es konnte mit Hilfe des Komponisten Hovik Sardayan re-komponiert werden.

Die Vinyl-Schallplatte mit Visions of Ishwara von Talib Rasul Hakim aus den Black Composers Series von 1987 hat seit 2015 Eingang in die Sammlung des National Museum of African American History & Culture als Teil des Smithsonian gefunden.[1] Vinyl hält besser als Reprografien, müsste man heut sagen. Und Visions of Ishwara gibt es zwischenzeitlich auch remastered auf YouTube.[2] Doch die Musik live zu hören im Großen Sendesaal mit dem DSO, ist dann noch einmal etwas anderes. Seit 2021 gibt es am Center for Black Music Research in Chicago einen Guide to the Talib Rasul Hakim Collection.[3] Insofern knüpfen die Kuratoren Andreas Göbel und Rainer Pöllmann mit ihrem Programm von ultraschall berlin an aktuelle Entwicklungen in der Würdigung von Musik von Black Composers im 20. Jahrhundert an. Hakim und seine flüchtigen, doch erhaltenen Visionen des hinduistischen Gottes Ishwara geben einen Wink auf eine neuartige Rezeption.

Nach einer Notiz von Talib Rasul Hakim, der am 8. Februar 1940 als Stephen Alexander Chambers in Asheville/North Carolina geboren und christlich erzogen, weil er u.a. im Kirchenchor sang, geht es ihm um den „Menschen“ in seiner Komposition für großes Orchester. In den 1960er Jahren begann er sich für den Islam und den Sufismus zu interessieren, woraufhin er zum Islam konvertierte. Man kann sich bei Visions of Ishwara nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra Pate gestanden hätte. Visions of Ishwara formuliert er ein alternatives Nachdenken über das Göttliche des Menschen. Lässt sich das Göttliche im marschartigen Rhythmus des Hammerschlags hören?
„Ishwara-Visionen zu haben bedeutet somit, Visionen des Göttlichen und dessen göttlicher Eigenschaften zu haben, wie sie sich durch und über dessen vollendete Schöpfung manifestieren, den Menschen.“[4]

Der eröffnende, langsam-stoische Rhythmus der Hammerschläge auf der großen Trommel ruft die Vision eines schreitenden, mächtigen Gottes hervor. Daraufhin entfaltet sich im Orchester ein polyphon-lebhafter Klang. Die Kürze der Komposition von 9 Minuten gibt einen Wink auf ein hinduistisches Prinzip der An- und Abwesenheit des Göttlichen im Konzept des Menschen. Das Stück endet mit Hammerschlägen. Talib Rasul Hakim hat durch seine Konversion und Namensänderung versucht, an das Göttliche anzudocken. Dabei geht es mit Ishwara nicht zuletzt um eine Frage der Größe, des Göttlichen, des Männlichen und des Menschlichen. Visions of Ishwara sind beeindruckend und von musikhistorischer wie afroamerikanisch-historischer Bedeutung. Währenddessen kann man aktuell kaum ausblenden, dass das Prinzip von Größe, Göttlich, Männlich als Menschenbild auf autokratisch-erpresserische Praktiken in der Geopolitik hinausläuft.

Zeynep Gedizlioğlu macht sich mit ihrem Orchesterstück Lauf von 15 Minuten ebenfalls Gedanken über das Komponieren und das Menschliche als „Ich“. Sie reflektiert ihr eigenes Komponieren und sagt im Gespräch mit Andreas Göbel, dass sie „Musik, die über sich selbst nachdenkt“ geschrieben habe. Was es heißt zu komponieren, auch als Frau zu komponieren, ist für sie nicht nur eine Freude, vielmehr empfinde sie bei den Abwärtsbewegungen beim Komponieren eine Art Melancholie. Von der Melancholie könne sie sich nicht trennen und wolle sie sich auch nicht distanzieren. Sie könne diese Melancholie und die Abwärtsbewegungen in ihrer Musik nicht erklären. Doch wenn es sie in ihrem Komponieren gebe, dann sage das etwas, das mit ihr zu tun habe. In ihrer Komposition wird im Orchester wiederholt „geatmet“, was mit ihrer Einstellung zum Orchester zu tun hat. Das Menschliche ist im Unterschied zu Visions of Ishwara in Lauf zerbrechlich.

Lauf beginnt mit einer, sagen wir, Unruhe in den Streichern und Bläsern. Die in Izmir geborene und in Berlin als freischaffende Komponistin lebende Komponistin beschäftigt sich durchaus mit der Frage nach dem „Ich“, wie sie bei Hakim auf ganz andere Weise formuliert wird. Als erfolgreiche Schülerin von Wolfgang Rihm mag der Hörer sicherlich den Lehrer mithören. Denn Synep Gedizlioğlus Komponieren als ein Nachdenken in und über Musik oder vielleicht gar auf Töne bezogen (Kleist) korrespondiert mit dem 2024 verstorbenen Komponisten.[5] Das Leben, die Gefühle, das Ich nachträglich als Lauf zu komponieren, stimmt mit der für Rihm wichtigen Prozessualität überein. Die Prozessualität, der Lauf und das Komponieren als ein schwer formulierbares Wissen in Tönen hörbar zu machen, darf man als nachvollziehbar in der Interpretation von Marc Albrecht mit dem DSO hören.

Es sind u.a. die Instrumentierung und der Einsatz der Streicher in Lauf mit schnellen Wechseln, die das Orchesterstück prägen. Lauf hat eine gewisse, wechselhafte Schnelligkeit, die durchgehalten wird. Deshalb mag der Begriff des Nachdenkens oder der Selbst-Reflektion fast irreführend erscheinen. Doch beim Komponieren können die schnellen Wechsel, fast Brüche und allemal der abbruchartige Schluss, nach dem im Großen Sendesaal für mehrere Sekunden atemlose Stille vor dem Applaus herrschte, ein Nachdenken ausmachen. Wie oft hört man gerade nach klassischen Symphonien im Konzertsaal einen jubelnden Applaus unmittelbar nach dem Schluss. Musik kann sehr wohl Gefühle erzeugen und manipulieren, was spätestens seit der Zeit um 1800 eingeübt worden ist. Mit Lauf befragt Synep Gedizlioğlu nicht zuletzt die Gefühlstradition als Kompositionsprogramm.

Als Deutsche Erstaufführung spielte das GrauSchumacher Piano-Duo aus Andreas Grau und Götz Schumacher mit dem DSO unter der Leitung von Marc Albrecht Plurimo (per Emilio Vedova) von Claudio Ambrosini. Das italienische Plurimo als Titel, deutsch vielfältig, bezieht sich auf die Malerei von Emilio Vedova, dessen Berliner Malereien von 1963 bis 1965 gerade in einer Ausstellung im Kunsthaus Dahlem gezeigt werden.[6] Eine Malerei trägt den Titel Berlin ՚64 – Plurimo. Insofern nimmt Claudio Ambrosini programmatischen Bezug auf das Malen Vedovas. GrauSchumacher hatten einmal in engem Austausch mit dem Komponisten nach der Uraufführung des Konzerts für zwei Klaviere und Orchester auf der Biennale für zeitgenössische Musik in Venedig mit dem Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI gespielt. Obwohl ein anderes Duo die Uraufführung gespielt hatte, hat GrauSchumacher einen Austausch mit Ambrosini gepflegt. Sie waren nicht zuletzt mit Hans Werner Henzes Ariosi (1963) für Sopran, Violine und Klavier zu vier Händen am späten Freitagabend ein wenig die Stars des Festivals.

Das Vielfältige und vielfältige Spielweisen der Instrumente kommen bei Ambrosini zum Zuge. Dadurch erhält das Werk einen besonderen Farbenreichtum. Die erweiterten Spielweisen werden auch für Piano eingesetzt. So ist das Piano bereits mit einem Trinkglas präpariert, mit dem Andreas Grau über die Saiten des Flügels von Götz Schumacher streicht und so Glissandi erzeugt. Die gleitenden Töne unterstreichen zugleich einen vielfältigen Prozess, der zu einer schmeichelnden Atmosphäre wie in Filmmusiken werden könnte. Doch das eröffnende Glissando durch das kraftvolle Streichen über die Pianotastatur ist energisch und zugleich energetisch. Anders formuliert: Ambrosini spürt die dynamischen Gesten in der Malerei Vedovas auf, die in Töne transformiert werden. Große Gesten wechseln mit punktuellen Tönen. Wiederholungen kommen kaum vor, worin gerade eine Stärke liegt. Plurimo ist gegen Melodien komponiert. Es geht um Aktionen und Schattierungen.

Claudio Ambrosini hat Plurimo nach dem Tod von Emilio Vedova am 26. Oktober 2006 komponiert. Für die Deutsche Erstaufführung des Stückes hat er eine Art Widmung geschrieben, in der er seine lange Freundschaft zu ihm beschreibt und mit der Formulierung endet: „Emilio ist hier.“[7] Insofern wäre Plurimo zugleich eine Trauermusik, wie die Beschwörung der Präsenz eines Toten. Ambrosini erwähnt in seinem Text, dass Vedova im ehemaligen Studio Arno Brekers, dem Kunsthaus Dahlem, gearbeitet habe. Durch die zahlreichen Konzerte hat es der Berichterstatter leider nicht geschafft, sich die kleine Ausstellung anzusehen. Doch Ambrosini rückt Vedovas Aufenthalt in Berlin und seine Malweise ganz besonders ins Interesse:
„Eine mögliche Ähnlichkeit besteht eher aufgrund der natürlichen Affinität unserer künstlerischen Sprachen. Beide sind begründet in Energie, in meinem Fall in der kontinuierlichen Transformation von Energie, die zu Beginn eines Stücks in Gang gesetzt wird. Energie in allen möglichen Ausprägungen, selbst extremen, in intensiv strahlenden Stadien, als glühende „Lava“, aber auch im Gegensatz dazu, nahezu schwebend und in einem eher mysteriösen Stadium: die flüssige, gleitende Form, ungreifbar und irisierend in ihrer eigenen Art.“[8]

Die Uraufführung von Hermann Kellers Verwandlungen von 1976 war gewiss ein Novum. Hermann Keller starb 2018 in Berlin. Eine Uraufführung, eine Musik zum ersten Mal zu hören, ohne den Komponisten und seine Arbeit vorher gehört zu haben, stellt für den Hörer eine besondere Herausforderung dar. Worauf sollte man achten? Worin bestehen die Besonderheiten? Die Handschrift buchstäblich, die sich nur Reprografie erhalten hat, aber nur noch unvollständig zu lesbar ist, stellt besondere Anforderungen. Da die Partitur viel Raum für Improvisationen lässt, hat sich Marc Albrecht nicht nur in die vom Topus Musikverlag erstellte eingearbeitet, sondern auch die Retrografien des Autografs angeschaut, so dass er 2 Wochen zur Vorbereitung brauchte. Deshalb konnte er mit dem Deutschen Symphonie-Orchester eine Uraufführung von eigener Kraft erzeugen. Es geht nicht nur um die Interpretation des Werkes durch den Dirigenten. Vielmehr hat Hermann Keller dem Dirigenten eine weiterreichende Funktion zugedacht. Marc Albrecht sieht Verwandlungen als Organisation von Zeit, wie er im Gespräch mit Andreas Göbel sagt.[9]

Als Dirigent kommt Marc Albrecht die Lenkung einer für Verwandlungen entscheidenden Aleatorik zu. Das spielerische Prinzip von Zufallsentscheidungen als Zug der Partitur rückt den Dirigenten einerseits in eine besondere Aufmerksamkeit, andererseits wird somit das Stück immer wieder anders und einmalig über die unvermeidbar vorhandene Interpretation hinaus. Die Uraufführung bekommt so eine gesteigerte Einmaligkeit. Erst in Wiederaufführungen von Verwandlungen wird die Tragweite der Aleatorik ganz zur Geltung kommen. Die Aleatorik als wesentlicher Kompositionszug legt nahe, dass Keller damit nicht zuletzt auf in den 60er und 70er Jahren intensiv geführte Debatten zur Werktreue durch den Vergleich von Schallplattenaufnahmen eines Werkes reagieren wollte. Sogenannte Referenzaufnahmen sollten als Maßstab für zukünftige Werkinterpretationen gelten. Eingedenk dessen veränderten sich die Hörmöglichkeiten und Hörpraktiken durch technische Medien im 20. Jahrhundert entschieden, was Keller bedacht haben könnte.

Die Verwandlungen sind insofern nicht nur mit freien Takten und Metren angelegt, vielmehr wird mit jeder weiteren Aufführung eine Verwandlung der zeitlichen Klangorganisation stattfinden. Schallplatten, der Rundfunk, Tonbänder etc. hatten in die Praktiken der Organisation von Klängen bereits in den 60er und 70er Jahren verändert. Hermann Keller kam früh um 2000 als zweiter Komponist zum jungen Topus Musikverlages hinzu, der sein Werk und so auch Verwandlungen vertritt.[10] Die im Stück vorherrschenden Improvisationen sind als Kompositionsmodus bei Keller seit den 70er Jahren bekannt. Im Porträttext des Verlages heißt es, dass er in „der DDR […] vor allem durch die Verbindung von Komposition und Improvisation bekannt [wurde]. Sein Berliner Improvisations-Quartett bzw. -Trio gehörte dort zu den wichtigsten Gruppen des freien Jazz und spielte auch auf Festivals in der Bundesrepublik. Seine Arbeit mit verschiedensten Improvisationsmodellen hat er stets fortgesetzt …“[11]
Torsten Flüh
Nachhören
Konzert vom Mi. 14.01.2026 um 20:00 Uhr
Haus des Rundfunks: Großer Sendesaal des rbb
GrauSchumacher // DSO // Marc Albrecht
GrauSchumacher Piano Duo Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Festivalseite
oder
- radio3 vom rbb:
06. März 2026, 20:03 Uhr, radio3 Konzert
Kunsthaus Dahlem
Emilio Vedova – Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen.
Bis 8. März 2026.
[1] Smithsonian National Museum of African American History & Culture: Black Composers Series (online)
[2] Visions of Ishwara: YouTube.
[3] Center for Black Music Research in Chicago: Guide to the Talib Rasul Hakim Collection.
[4] Zitiert nach: ultraschall berlin 2026: GrauSchumacher // DSO // Marc Albrecht: Visions of Ishwara.
[5] Zu Wolfgang Rihm siehe: Torsten Flüh: In Schriften lesen. Zur Frage der Schrift und der Musik Sir Simon Rattle dirigiert Lutosławski, Mahler, Rihm und Janáček mit den Berliner Philharmonikern. (9. September 2013)
Siehe auch: Von dem Gesang der Bratsche. Zum Abschlusskonzert des Musikfestes Berlin mit Kompositionen von Wolfgang Rihm und der Uraufführung seiner (zweiten) Stabat Mater. In: NIGHT OUT @ BERLIN 26. September 2020.
[6] Kunsthaus Dahlem: Emilio Vedova – Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen. Bis 8. März 2026.
[7] Siehe: ultraschall … [wie Anm. 4] Plurimo (per Emilio Vedova)
[8] Ebenda.
[9] Zum Nachhören ebenda.
[10] Siehe Topus Verlag: Verlagsgeschichte.
[11] Topus Verlag: Hermann Keller: Portraittext.
