Kein poetisches Sprachwunder

Sprache – Menschheit – Klang

Kein poetisches Sprachwunder

Zum Konzert des Ensemble Modern mit den Neuen Vocalsolisten und Kompositionen von Clara Iannotta und Márton Illés beim Musikfest Berlin 2026

Clara Iannotta modelliert in ihren Kompositionen und am Sampler Klangskulpturen mit dem Ensemble. Bei plastischen Skulpturen mag man wohl an etwas statisch Dauerhaftes denken. Doch Klang ist flüchtig. Allenfalls hinterlässt er eine Spur im Klanggedächtnis. Iannotta baut mit Klängen, die in einer Art Crescendo modelliert werden wie in They left us grief-trees wailing at the wall für 9 verstärkte Instrumente und Elektronik von 2020. Sie machte bereits im Januar 2020 beim Festival ultraschall berlin als „Bogenforscherin“ mit dem JACK Quartett im Heimathafen Neukölln auf sich aufmerksam.[1] Wenige Wochen nach dem Konzert im Heimathafen begann die Phase der Lockdowns währen der Covid-19-Pandemie. Auch ihre zweite Komposition an diesem Abend, echo from afar (ii) von 2022, entstand während und mit Bezug auf die Krise. Der Einsatz der Streicherbögen über Klangbleche, Klangschalen und andere Objekte sticht heraus.

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Die Uraufführung von Márton Illés‘ Komposition von mund zu mund für Stimmen, Ensemble und Live-Elektronik nach einem Text von Felix Reinhuber ist ein poetisches Großprojekt über die Entwicklung der Sprache von vor 7 Mio. Jahren bis ins Jahr 2100. Das Projekt des Ensemble Modern und der Neuen Vocalsolisten Stuttgart wurde vom SWR Experimentalstudio und dem Musikfest Berlin (Berliner Festspiele) in Auftrag gegeben und von der Ernst von Siemens Musikstiftung wie der Ensemble Modern Patronatsgesellschaft e.V. gefördert. Die Großerzählung beginnt mit einer Frauenstimme, die vom Band eingespielt wird: „im tunnel zwischen / felsenbein und bogengängen / hinter knöchelchen“.[2] Die Anatomie des menschlichen Ohres eröffnet poetisch gleich einer Geschichte aus Felsenhöhlen die der Sprache.

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Der vielseitige Pianist und Dirigent Michael Wendeberg, der nach seinem Studium 2000 bis 2005 in Paris Mitglied des Ensemble Intercontemporain unter Pierre Boulez (1925-2016) war, leitete beide Aufführungen mit dem Ensemble Modern. Durch seine Professur für Klavier und Kammermusik an der Barenboim-Said Akademie ist er Berlin auf besondere Weise verbunden, während er international im Opern-, Konzert- und Klavierkonzertbetrieb auftritt. Michael Wendeberg dirigiert die verstärkten Instrumente mit großer Sensibilität für They left us und echo from afar. Clara Ianotta hat nicht nur die Covid-19 Pandemie als persönliche Erfahrung für die beiden Komposition angegeben, vielmehr zitiert sie mit den Titeln aus Gedichten der irischen Schriftstellerin, Journalistin und Lyrikerin Dorothy Molloy, die 2004 kurz nach der ersten Veröffentlichung ihrer Gedichte in Dublin verstarb. Zumindest für They left us grief-trees wailing at the wall und echo from afar knüpft Ianotta per Zitat an Molloy an.[3]

© Fabian Schellhorn

Das Lesen eines Gedichts, in dem es heißt „my heart left my chest“ von Dorothy Molloy gehört für Clara Ianotta zur Kompositionspraxis einer Serie von 5 Stücken, zu denen They left us und echo from afar. Denn für sie geht es darin um ein Erfahrungswissen durch den Verlust von Orientierung, die nicht zuletzt in die Klangskulpturen einfließen. They left us formuliert ein Verlassenwerden in einem weiten Bereich von Krankheit und Sterben, das nicht zuletzt mit der Spielpraxis der Streicherbögen korreliert. Die Musiker*innen fühlen sich durch die erweiterten Spielweisen vielleicht unsicher und allein gelassen, weil sie sich nicht mehr auf eine verbindende Stimmung verlassen können. In der Poesie von Molloy und in der Aufführungspraxis entstehen leere Räume.   
„Und da, wo das Herz war, ist jetzt ein leerer Raum. Das Einzige, was noch vorhanden ist, sind „Echoes from afar of a strange bird no longer navigating by a star“. Es gibt keine klare Richtung mehr, das Einzige, was man hört, sind Echos aus der Ferne.“[4]

© Fabian Schellhorn

Es gibt ein Gedicht von Dorothy Molloy, das mit den Versen „My heart lives in my / chest. I knew it’s there.“ beginnt und postum 2006 in dem Gedichtband Gethsemane Day erschien.[5] Darin verlässt das Herz die Brust in der zweiten Strophe. Als Titel haben die Herausgeber allerdings nicht „my heart left my chest“, sondern „My heart lives in my chest“ ausgewählt. Im Gespräch mit Dirk Wieschollek erinnert sich Ianotta indessen vor allem an das Verlassenwerden. Dabei geht es vor allem um einen Verlust von Wissen von sich selbst, wie Molloy es eröffnend formuliert. Die Wissenserschütterung, auch in der Wissenschaft, gehörte im ersten Halbjahr 2020 zu einer bislang nicht gekannten Erfahrung.[6] Dorothy Molloy, bei der 2004 ein Leberkrebs diagnostiziert worden war, formulierte ihren Wissensverlust anders.
„The house inside my chest is
empty now—a vacant lot;
the weeds grow wild in there,
and still heart not come back.
Soon the foundations will be swept
away, and underneath the chest’s vast
empty skies, only the cries that
echo from afar, of some strange
flapping bird, no longer navigating by a
star.”[7]  

© Fabian Schellhorn

Clara Ianotta setzt die Live-Elektronik als eine weitere Klangebene in They left us ein. Die auch kratzenden Klänge lassen auf diese Weise für mich als Hörer eine noch größere Leere hörbar werden. Für die Komponistin waren für ihre Komposition und ihr Musikmachen nicht nur die Covid-19-Pandemie wichtig, vielmehr erhielt sie selbst eine Krebsdiagnose, die ihr Komponieren veränderte. Das Wissen einer Krebsdiagnose und das medizinische Wissen veränderten sie und ihre akustische Wahrnehmung. Sie erhielt eine Strahlentherapie, deren Maschinen unmittelbaren Einfluss auf ihre Klangwahrnehmung ausübten.
„Die Maschinerie so einer Strahlentherapie ist ja extrem klanglich! Nach der zweiten Sitzung bemerkte ich, dass es immer dieselbe Sequenz war. Jeden Tag, wenn ich aus dem Krankenhaus kam, nahm ich mich selbst auf, wie ich immer dieselbe Sequenz der Strahlentherapie nachsang. Es ist eine kurze Melodie, klangfarblich sehr interessant:
[Singt die Sequenz mit erstaunlich „elektronischer“ Färbung der Stimme.]
Eines Tages kam ich in einen anderen Raum mit einer anderen Maschine, und es war dieselbe Sequenz, aber leicht anders gestimmt. Faszinierend. Nach jeder Sitzung versuchte ich, das Gehörte abzuspeichern. Diese Aufnahmen wurden zum Material, das in den Raum dieser Stücke weitergeführt wurde.“[8]

© Fabian Schellhorn

Die die Musiker*innen herausfordernden und sozusagen mit einer Unstimmigkeit konfrontierenden Spielweisen und elektronischen Verarbeitungen sind in den beiden Stücken mit einem individuellen Erleben und Forschen verknüpft. Stimmig scheint uns das Leben und für eine Komponistin ganz gewiss die Musik zu sein, wenn alles nach bestem Musikwissen zusammenklingt. Die mehrfache Wiederholung einer „Sequenz“ wird für Ianotta zu einer „kurze(n) Melodie“, die sie fasziniert und mit der sich arbeiten lässt. Das Spielerische an den Spielweisen erhält eine weitere Dimension im Klangwissen der Kompositionen. Für das Konzertpublikum mag dieses persönliche Klangwissen nicht gleich hörbar werden. Doch die beiden nacheinander gespielten Stücke erhielten enthusiastischen Applaus, zu dem Clara Ianotta mehrfach mit den Klangregisseuren vom SWR Experimentalstudio auf das Konzertpodium kommen musste.

© Fabian Schellhorn

Das sechsteilige, mehrschichtige Klangereignis des „vokal- und instrumentalwerk(s)“ von mund zu mund für Stimme, Ensemble und Live-Elektronik faszinierte zunächst durch eine fast szenische Aufführung. Die sechs Vocalsolisten – Johanna Vargas, Susanne Leitz-Lorey, Helena Sorokina, Martin Nagy, Guillermo Anzorena, Andreas Fischer – waren im eckigen Rund des Kammermusiksaals auf den Rängen verteilt. Eine Stimme, Isabella Bardorff, wird aus dem Off eingespielt. Diese Stimme spricht kurze Prologe zu den „anatomische(n) voraussetzungen für die jeweils folgende entwicklungsstufe in der evolution der sprache“.[9] Felix Reinhuber bietet zu seinem Text eine längere „auswahlbiographie“ zur „wissenschaft“ von Ernst Cassirers Versuch über den Menschen bis sapiens. a brief history of humankind und eine kürzere u.a. mit Stanley Kubricks 2001: a space odysee.[10]
„rieselt
gehörsand

Rauschen
w-e-ll-en
welt an“[11]

© Fabian Schellhorn

Dann beginnt der Text mit dem last common ancestor (~vor 7 mio. jahren). Und damit beginnt für den Berichterstatter die Frage wie ernst der Text gemeint ist. Schwingt hier eine spezifische Ironie von Evolutionstexten mit? Oder möchte uns Felix Reinhuber allen Ernstes eine „evolution der sprache“ erzählen? Die beschriebenen Szenen – „zweigen in zweigen in zweigen / ein sitzendes weibchen / in den zweigen steht die sonne“ – wie die Texte nun eben jenes „weibchen(s)“ könnten durchaus einem populärwissenschaftlichen Werk entnommen sein. Wie artikuliert sich das „weibchen“, das beginnt für sich zu sprechen, wenn wir wüssten, in welcher Sprache es sprach:
„gelbe frucht
mit lippen schälen
huuhh, huuh
in zweigen schwingen

antworten, überall
huuhh-huuhh-huuhh aah aah aah
dunkel, geruch, überall
sie, er, sie
– ich? –
macht sich hoch
gegen schwere, rücken hoch machen
hohe schritte machen, ast entlang
ahh-ahh-ahh-ahh“[12]

© Fabian Schellhorn

Die Texte werden mit vielen, unterschiedlichen Vokaltechniken von Vocalsolisten mehr gesprochen als gesungen. Durch die Live-Elektronik werden die Stimmen auf vielfältige Weise ins Instrumentale bearbeitet von Márton Illés. Die Texte werden durch die Live-Elektronik schwerer verständlich. Sind sie überhaupt auf ein Verstehen angelegt? Am Horizont einer „evolution der sprache“ taucht im 6. Teil „synthus (~im jahr 2100)“ eine Apokalypse der Sprache durch eine vermeintliche Technik der Gedankenübertragung ohne Sprache auf: „eure münder schließt synthus“.[13] von mund zu mund wird zu einer apokalyptischen „evolution der sprache“, wie sie nicht besser von Elon Musk vorausgesagt werden könnte. „In gewisser Weise ist es für (Felix Reinhuber) die Apotheose von Sprache und deren gleichzeitige Auslöschung.“ Doch das vokale Klangereignis wäre ohne sprechende Münder nicht passiert. Felix Reinhuber merkt zu seinem Text an:
„die sprache des bewusstseins im text wie auch die direkte mündliche rede sind hochspekulativ, poetische fiktion dargeboten im medium des deutschen als eines ästhetischen filters der text ist aber sehr inspiriert von wissenschaftlichen hypothesen und vorigen künstlerischen visionen zur evolution der sprache (vgl. auswahlbiographie)“[14]

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Der vielschichtige Text wirkt in der experimentellen Komposition, die insbesondere die gemeinschaftsbildende Funktion von Sprache betonen möchte, lang. Die Evolution endet in einer modischen Dystopie. Selbst Elon Musk braucht für seine Chips der Allmachtsphantasien Sprache. Das Dystopische, das Felix Reinhuber insbesondere mit dem Modell der Evolution bemüht, mag ein generationelles Modeversprechen sein, um sich zu gruseln. Vermeintlich soll eine Entwicklungsgeschichte der Sprache aufgeführt werden, was szenisch dadurch angedeutet wird, dass alle Vocalsolisten von den Rängen auf das Podium kommen. Von der Vereinzelung zur singenden Gruppe im Verlöschen der Sprache „synthus / gehe in dich / alle augen, alle ohren schließe / alle münder / wissend, denkend, agierend / in stille“

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Die Uraufführung und das kollektive Engagement erhielten viel Beifall. Weitere Aufführungen sind im Februar 2027 in Stuttgart und Frankfurt am Main terminiert.

Torsten Flüh


[1] Torsten Flüh: Von der Bogenforscherin und dem Fremdkörper. Das JACK Quartet und oenm im Heimathafen Neukölln bei ultraschall berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 22. Januar 2020.

[2] Felix Reinhuber: von mund zu mund. Ein poetischer Zyklus. Berliner Festspiele: Digitales Programmheft: Musikfest Berlin 18.09.2026, S.2 (PDF)

[3] Siehe ebenda: Magie des Imperfekten. Gespräch mit Clara Ianotta.

[4] Ebenda.

[5] Dorothy Molloy: Gethsemane Day. London: Faber & Faber, 2006, S. 11.

[6] Siehe: Wissenserschütterung. Zur Theaterpremiere Theater geht von Nils Foerster in der Brotfabrik. In: NIGHT OUT @ BERLIN 11. Juni 2020.

[7] Dorothy Molloy: Gethsemane … [wie Anm. 5].

[8] Magie des Imperfekten… [wie Anm. 3].

[9] Felix Reinhuber: von … [wie Anm. 2] S. 27.

[10] Ebenda ohne Seitenzahl (S. 28).

[11] Ebenda S. 2.

[12] Ebenda.

[13] Ebenda S. 26.

[14] Ebenda S. 27.

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