Archiv

NIGHT OUT @ BERLIN als Blog hat nicht zuletzt die Funktion eines Archivs. Das wurde bereits mit http://nighoutatberlin.jaxblog.de geübt. Doch Archive werden paradoxerweise durch die Digitalisierung ebenso weltweit zugänglich wie bedroht. Denn jedes Microsoft-Update kann wie im Fall der Jaxblog-Software das Archiv beschädigen.

Christian Boltanski: The Missing House. (1988)

Mit der Praxis der Besprechung wird auf NIGHT OUT @ BERLIN das Feld der digitalen Archive nicht nur durch Verlinkungen genutzt, vielmehr auch erforscht. Es gibt somit einen eher diskreten Bereich der Archiv-Forschung wie er etwa in der Besprechung Lucas Cranach im digitalen Umbruch 2014 angerissen oder von dem Künstler Christian Boltanski wiederholt thematisiert worden ist. The Missing House wird als Leerstelle in der Großen Hamburger Straße zum Archiv für die Menschen, die hier einst gelebt haben. Zumal auch politisch Verfolgte und jüdische Mitbürger unter ihnen gewesen sein mögen.

Kerstin Drechsel: E-Werk (2018)

Die technische Möglichkeit der Digitalisierung öffnet nicht nur Archive wie etwa das bemerkenswerte von Ronald M. Schernikau im Archiv der Akademie der Künste, sie schreibt diese vielmehr um und befragt den Wunsch der Aufbewahrung, wenn er etwa für MaerzMusik 2019 zu einer Zeitfrage oder mit Tele-Visions – Critical Media History of New Music on TV performativ durchdacht wird.

Das Archiv kann durch künstlerische Arbeiten wie E-Werk von Kerstin Drechsel zum Atlas tendieren. Dann entwickelt das Archiv eine eigene Dynamik. Es wird nicht nur zu einem einzigartigen Archiv der Frauenkultur, vielmehr erstellt es eines, das es bislang wegen der Machtverhältnisse nicht gab. Archive generieren nicht nur ein wissenschaftliches oder populäres Wissen. Sie bauen als Staatsarchive auch einen Machtapparat auf, für das was aufbewahrt und erinnert werden soll. Das Sexualwissenschaftliche Archiv von Magnus Hirschfeld, das als „Bilderatlas“ konzipiert wurde, war seinerzeit so mächtig, dass es die Nationalsozialisten 1933 zerstören mussten. Denn Archive sind immer politisch.

Kerstin Drechsel: E-Werk (2018)

Die Archiv-Forschung knüpft insbesondere an die Überlegungen und Formulierungen von Michel Foucault und Jacques Derrida zum Archiv z.B. mit Mal d’Archive an und interveniert gelegentlich mit Das Versprechen des Archivs in die aktuelle Diskussion.

„Die Störung des Archivs (trouble de l’archive) hängt an einem Archivübel/einem Verlangen nach dem Archiv (mal d’archive). Wenn man das französische Idiom und in diesem das Attribut «en mal de» hört, so kann être en mal d’archive etwas anderes bedeuten als an einem Übel, an einer Störung oder an dem, was das Nomen «mal» nennen könnte, zu leiden. Es heißt vor Leidenschaft brennen. Es heißt unaufhörlich, unendlich nach dem Archiv suchen müssen, da, wo es sich entzieht…“
(Dem Archiv verschrieben, 1997, S. 161)

Kerstin Drechsel: E-Werk (2018)