Die Geister-Maschine – Zu 特急三百哩/ Express 300 Meilen

Maschine – Geist – Sicherheit

Die Geister-Maschine

Zu 特急三百哩/Express 300 Meilen von Saegusa Genjirō als Stummfilmkonzert im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin

Tokkyu sambyaku-ri/Express 300 Meilen (Japan 1928) wurde am 14. November als Berlin Premiere mit der Stummfilmmusik von Günter A. Buchwald & Silent Movie Music Company im großen Saal des JDZB in Dahlem vorgeführt. Es war, als knüpfe das Team um Kiyota Tokiko damit an die Welturaufführung der rekonstruierten Fassung von Abel Gances La Roue beim Musikfest im September an. Die beiden Filme spielen im Milieu der Eisenbahner in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in Frankreich und Japan. Lokomotiven und ein Lokomotivführer nehmen in beiden Filmen die bedenkenswerten Hauptrollen ein. Das Verhältnis von Maschine und Mensch steht damit im Fokus der Filme. La Roue erzählt die Lebensgeschichte des Lokführers Sysif in epischer Länge.特急三百哩/Express 300 Meilen setzt zwei Heldentaten des Lokführers Mori Shigeru in Szene, der von Koji Shima, einem japanischen Stummfilmstar, gespielt wurde.[1]

Der japanische Stummfilm war verschollen und wurde 2004 an der Universität der Künste Osaka als erster „Eisenbahnfilm“ in Japan aufwendig restauriert.[2] Express 300 Meilen wurde mit deutschen Unter-Zwischentiteln vorgeführt. Wie in La Roue gibt es eine Überschneidung von Spiel- und Dokumentarfilm, zumal der Film in Kooperation mit dem Eisenbahnministerium Japans und der staatlichen Japan Railway Group (JR) gedreht wurde. In der Eröffnungssequenz wird eine regelrechte Eisenbahn-Choreographie aus einer Obersicht gefilmt. Sechs Personenzüge mit Dampflokomotiven fahren auf einer bahnhofsnahen Gleisanlage aus zwei Richtungen aufeinander zu und kreuzen sich. Durch die unterschiedlichen Schienenstränge und Weichenstellungen kollidieren sie nicht, sondern rauschen in höherem Tempo aneinander vorbei.

Die nur mit einer kurzen Sequenz überlieferte Eisenbahn-Choreographie setzt nicht nur die sekundenschnelle Technologie mit schnellen Schnitten in Szene, vielmehr erhält sie eine gespenstische Dimension. Das Gespenstische wird im Stummfilm mit der Eisenbahntechnologie eine prominente Rolle in mehrfacher Hinsicht spielen. Es wird mit der Eisenbahn selbst verkoppelt. Die eröffnende künstlerische Choreographie darf durchaus als technische und visuelle Innovation verstanden werden, weil sie eine zunächst undurchschaubare Macht der Maschine zu Kinematographie werden lässt. Doch diese Innovation in filmischer wie eisenbahntechnischer Hinsicht wurde bislang kaum beachtet.

In der internationalen, westlichen Filmforschung ist über Express 300 Meilen fast nichts publiziert worden. Einige wenige Artikel sind in Japan erschienen.[3] Immerhin hat die Internet Movie Database (IMDB) einen Großteil der Mitwirkenden zusammengestellt, obwohl der Film nicht 1929, sondern 1928 uraufgeführt wurde.[4] IMDb kennt nur ein 20-minütiges Fragment des Films. Die Rekonstruktion von 2004, die gezeigt wurde, ist 84 Minuten lang. In englischer Übersetzung lassen sich ausführlichere Texte zum Film nicht finden, obwohl er einzigartig ist. Es ist keinesfalls nur ein Film für Eisenbahn- oder Modeleisenbahnliebhaber. Einige Einstellungen wie zum Beispiel das Abfilmen der Gleise während der Fahrt als Visualisierung von Geschwindigkeit und Schienennetz als System erinnern auffällig an Abel Gance‘ La Roue von 1924.[5] Doch stärker als dort wird hier mit dem japanischen Eisenbahnministerium kooperiert, um spektakuläre, großangelegte Filmszenen wie die Eisenbahn-Choreographie zu produzieren.  

Die Eisenbahn-Choreographie, so kurz die restaurierte Sequenz sein mag, ließe sich als Schlüsselszene und Setting formulieren. Einerseits wird die Maschinerie der Eisenbahn durch Schienennetz und Lokomotiven mit Personenwaggons ganz offensichtlich in beeindruckender Größe vorgeführt. So funktioniert die Maschinerie reibungslos. Es kann nichts passieren. Es kommt zu keiner Kollision, als wolle der Eisenbahnminister sagen: So sicher ist unsere Eisenbahn. Sie brauchen keine Angst haben. Andererseits bleiben die Mechanismen der Maschinerie unsichtbar, obwohl wie in La Roue Signale gezeigt werden. Die mechanische Choreographie zeigt und verbirgt die Maschinerie zugleich. Dieses Verhältnis von totaler Sichtbarkeit durch eine Totale mit Aufsicht als Kameraeinstellung, gleichsam eine göttliche Perspektive, und unerklärlicher Funktionsweise der Maschinerie generiert das Gespenstische. Das Filmpublikum sieht alles, kann sich aber nicht erklären, was es sieht. Nach Kinema Junpo (Ausgabe vom 21. Februar 1929) verlief die Kooperation mit Herrn Minoru Murao, der vom Eisenbahnministerium beauftragt wurde, offenbar nicht reibungslos. Vor allem die Geister-Lok missfiel.[6]

Für die narrative Formation von Express 300 Meilen, der die Distanz von ca. 1.014 km zwischen Moji und Tokio bestimmt, wird das Gespenstische strukturierend. Das funktioniert völlig anders als in La Roue. Nachdem der japanische Eisenbahnminister in einer Sequenz wahrscheinlich höchst persönlich in einem westlichen Unternehmermantel mit Persianerkragen die Eisenbahn in der JR Wests Umekoji Locomotive Garage (heute Umekoji Steam Locomotive Museum, Kioto) inspiziert hat[7], kommt es zu einem aufschlussreichen Zwischenfall. Eine Lokomotive setzt sich ohne Lokführer in Bewegung. Die Maschine verselbständigt sich, sie gerät außer Kontrolle und wird so zur Verkörperung des Gespenstischen. Das ist eine grandiose narrative Innovation der Drehbuchautoren Kan Kikuchi und Kimura Chigio sowie des Filmregisseurs Saegusa Genjirō.

Die Verselbständigung der Lokomotive innerhalb der Maschinerie Eisenbahn wird zur ultimativen Katastrophendrohung. Denn die Geister-Lokomotive rast auf Kollisionskurs mit dem Expresspersonenzug zu. In dieser Situation kommt der heldenhafte Einsatz des Lokführers Mori Shigeru (Koji Shima) mit der allerneuesten und schnellsten Lok zum Zuge. Während die Geister-Lokomotive unaufhaltsam über die Strecke und durch Bahnhöfe rast, telefonieren unterschiedliche Eisenbahnmitarbeiter mit einander. Das Telefon ist schneller als die rasende Lokomotive. Dadurch erhält der Lokführer Nachricht von der drohenden Katastrophe und beschließt, sie zu stoppen, indem er quasi auf sie springt wie auf ein durchgebranntes Pferd und die Lokomotive kurz vor der Kollision zum Halten bringt. Bemerkenswert ist dabei, dass sich insbesondere eine Dampflokomotive, die ständig beheizt werden musste, nicht ohne weiteres verselbständigen konnte. Doch der Schrecken der Maschine liegt in ihrer geisterhaften, unkontrollierten Verselbständigung, die nur durch einen heldenhaften Lokführer-Maschinisten und Menschen beendet werden kann.      

Durch schnelle Schnitte und Gegenschnitte mit wechselndem Bildmaterial wird im Stummfilm die erwünschte Dramatik generiert. Günter A. Buchwald & Silent Movie Music Company steigern die Dramatik mit schnellem Rhythmus und in vieler Weise eingesetzten Instrumenten von Klavier (Gunter A. Buchwald), Schlagzeug (Frank Bockius) und Posaune (Marc Roo), während die Geige (Günter A. Buchwald) eher für ruhigere, melodramatische Sequenzen eingesetzt wird. Das Stoppen der Maschine bzw. Lokomotive wird dem Mut und der, sagen wir, Geistesgegenwart des Lokführers zugeschrieben. Visuell wird der menschliche Steuermann der Maschine zu ihrem Kontrolleur. Obwohl die Aktion zunächst als aussichtslos imaginiert wird, sind die Ängste vor dem Verlust von Menschenleben durch die Maschine größer. Die Maschine als Lokomotive bedroht insofern Menschenleben, was von Abel Gance mit einer quasi ursprünglichen Katastrophe völlig anders in Szene gesetzt worden war.

特急三百哩/Express 300 Meilen setzt nicht nur Eisenbahn, Lokomotive und Maschinist in Szene, vielmehr wird hier eine Geister- wie Geisteswissenschaft mit den Mittel der 電影 Diànyǐng, deutsch StromSchatten, generiert. Anders als die westlichen oder europäischen Bewegungen der Kinematographie gehört der japanische Film mit den ursprünglich chinesischen Schriftzeichen bzw. Kanji für Blitz bzw. seit dem späten 19. Jahrhundert Elektrizität 電 und Schatten 影 einem ebenso unheimlichen wie erhellenden Bereich der Kunst an. Der Film wird im sino-japanischen Sprachraum eine Geister- und Beschwörungskunst. 電影 lässt sich mit dem modernen Wissen wie den japanischen Mythen z.B. des Nō verknüpfen.[8] Die Eisenbahn, die im Film bereits mit dem elektrischen Medium des Telefons verbunden und visualisiert wird, eignet sich geradezu perfekt für eine Geisteswissenschaft von der Maschine. Denn es geht um den Geist der Maschine. Ihre Funktionsweise lässt sich durch moderne Operationen ebenso beeinflussen wie mit älteren Wissensformationen von Geistern verknüpfen. Nicht zuletzt spielen unterschiedliche „Einzelwissenschaften des Geistes“[9] eine entscheidende Rolle für Wilhelm Dilthey in seiner Einleitung in die Geisteswissenschaften 1883.
Die Analysis dieser Thatsachen ist das Centrum der Geisteswissenschaften, und so verbleibt, dem Geiste der historischen Schule entsprechend, die Erkenntniß der Prinzipien der geistigen Welt in dem Bereich dieser selber, und die Geisteswissenschaften bilden ein in sich selbständiges System.[10]

Das moderne Wissen der Dampfmaschinen und der längst angebrochenen Elektrizität führt zu 特急三百哩/Express 300 Meilen, indem in der Maschine quasi die Geister und keinesfalls nur die Naturwissenschaften fortleben. Doch – so das Eisenbahnministerium aus dem Hintergrund – die Geister, insbesondere Geister-Lokomotiven werden durch das menschliche Personal und einen mutigen Helden kontrolliert. Nachdem der heldenhafte Lokführer die Reisenden gerettet hat, wird er sogleich, auf den ersten Blick mit der Liebe einer Zirkusartistin Orie (Natsukawa Shizue) belohnt. Die Beherrschung der Geister-Maschine wird nach dem mythischen Modell der Heldenbelohnung durch die Liebe einer Frau vergolten. Der darauffolgende Erzählstrang des Films im Zirkusmilieu kann ein wenig vernachlässigt werden, obwohl es mit dem Todeswunsch der Artistin und der rettenden Liebe des Lokführers um eine ähnliche Struktur geht. Die Erzählung von der Maschine und ihrer Beherrschung lässt sich offenbar vorzugsweise mit einer Liebesgeschichte zu einer Frau verknüpfen.

Von stärkerem Interesse wird dann wieder die längere Schlusssequenz. Der Lokführer soll nun im Unwetter den nächtlichen Schnellzug nach Tokio befehligen. Mori Shigeru (Koji Shima) formuliert ausdrücklich in einem Zwischentitel, dass er der Lokomotive ganz gehöre, wenn er seinen Dienst tut. Er unterwirft sich in gewisser Weise damit der Maschine. Obwohl seine Frau Orie vom brutalen Zirkusdirektor (Hiroshi Mita) bedrängt wird, entscheidet sich der Lokführer für den Schnellzug. Es ist nicht nur eine Frage der quasi soldatischen Pflicht, vielmehr wird sie mit Schnitt und Gegenschnitt als eine Entscheidung zwischen individueller Liebe und Fürsorge gegen die Kontrolle der Maschine und die für die Gesellschaft inszeniert. Mori Shigeru entscheidet sich für die Gesellschaft und den Expresszug. Auf der schnellen Fahrt im Unwetter begegnet ihm nun allerdings Orie als Gespenst auf den Bahnschienen, was Mori den Zug anhalten lässt, woraufhin er die Strecke inspiziert und feststellt, dass sie durch einen Erdrutsch verschüttet worden ist. Er hätte den Zug zum Entgleisen gebracht. Das Gespenst im 電影 wie 電影 als Wissen verkörpern insofern ein prognostisches Wissen und verhindern eine Katastrophe.

Die Sicherheit der Eisenbahn in Japan wird nach 特急三百哩/Express 300 Meilen durch ein erstaunlich vielschichtiges Wissen gewährleistet, lässt sich sagen. Wenn die Schrecken der Eisenbahn als paradigmatische Maschine nicht bereits kursierten, hätte es des Films mit seiner Erzählung vom Eisenbahnwissen kaum bedurft. 1872 war die erste Eisenbahnstrecke in Japan zwischen Tokio und Yokohama eröffnet worden. Frappierend an Saegusa Genjirōs beredten Stummfilm ist vor allem, wie er unterschiedliches Wissen zu einer wie Jacques Derrida es einmal genannt hat, Hauntologie montiert.[11] Zwischen Eisenbahn-Choreographie und Gespenst auf der Schnellzugstrecke wird ein für westliche Zuschauer zunächst einmal allein unterhaltendes Wissen visualisiert, das geheimnisvoll bleibt. Schaut man allerdings einmal genauer hin, wie unterschiedliches Wissen mit dem Gespenstischen in elektrische Schatten transformiert und montiert wird, dann bietet der Film sehr vielmehr als eine Liebesgeschichte fast schon in der Spätphase des Eisenbahnzeitalters.

Die ultimative Sicherheit bietet die Familie, wie sie am Schluss mit Mori Shigeru und seiner Kleinfamilie für Japan in Szene gesetzt wird. Der Lohn des mutigen und zuverlässigen Eisenbahners, nachdem er mit dem Geist der Lokomotive gekämpft hat, wird so als Familienidylle vorgestellt. Die Verwerfungen, die der Arbeiterberuf seit den 1840er Jahren in der Eisenbahnindustrie zwischen Produktion, Instandhaltung und Kontrolle bewirkt hat[12], finden in der Idylle einer Kleinfamilie und der geistigen Verbundenheit von Lokführer und seiner Ehefrau eine Glättung. Die große Maschinerie der Eisenbahn wird längst von den Leben der Arbeiter gespeist, die i.d.R. keinesfalls Helden werden sollten, sondern beispielsweise als Mechaniker namenlos blieben.

Torsten Flüh  

Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin
Veranstaltungen
Ausstellungseröffnung „Morgenwolken“
HIGASHIYAMA Kaii – Lithografien von Nihonga (neo-traditionelle japanische Malerei) aus den Archivbeständen des JDZB zum 20. Todesjahr des Künstlers
Donnerstag, 28. November 2019, um 19 Uhr
Saargemünder Str. 2
14195 Berlin
U-Oskar-Helene-Heim


[1] Die japanischen Namen werden nach der japanischen Reihenfolge von Familienname an erster und Vorname an zweiter Stelle genannt.

[2] 映画保存協会(Film Preservation Society): Tokyo[復元報告]特急三百哩 よみがえった幻の鉄道映画. 2004年9月16日 http://filmpres.org/preservation/tokkyu/

[3] Siehe z.B. 映画「特急三百哩」(1928)の復元  übersetzt: Ota Reismann (太田米男): Restaurierung des Films „Limited Express 300“ (1928). S. 132-136. (PDF)

[4] Tokkyu sambyaku-ri (1929) (IMDb)

[5] Vgl. dazu Torsten Flüh: Von der Liebe zur Maschine. Zu La Roue von Abel Gance mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Frank Strobel. In: NIGHT OUT @ BERLIN 16. Oktober 2019.

[6] 太田米男: 映画 … [wie Anm. 3]

[7] Ebenda.

[8] Zum und dem Spiel der Geister siehe auch: Torsten Flüh: Musik als Klangkunst für offene Ohren. Zum Nō-Ensemble der Umewaka Kennokai Foundation Tokio und dem Ensemble Musikfabrik mit Peter Eötvös beim Musikfest Berlin 2019. In: NIGHT OUT @ BERLIN 10. September 2019.

[9] Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte. Bd. 1. Leipzig, 1883, S. XIX. In: Deutsches Textarchiv.

[10] Ebenda S. XVII.

[11] Jacques Derrida: Spectres de Marx: l’état de la dette, le travail du deuil et la nouvelle Internationale. Paris: Éditions Galileé, 1993.

[12] Vgl. hierzu auch Torsten Flüh: Pariser Industrialisierung glüht durch Hector Berlioz‘ Benvenuto Cellini. In: NIGHT OUT @ BERLIN 5. September 2019.

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