Design Art von Donna Huanca’s Friends @ Gensler 13A

Design – Kunst – Praxis

Design Art von Donna Huanca’s Friends @ Gensler 13A

Zur Vernissage und Party im Studio von Donna Huanca in Hohenschönhausen

Die in Chicago geborene Künstlerin Donna Huanca, die zuletzt eine Einzelausstellung im Belvedere Museum in Wien hatte, arbeitet jetzt in einem Studio in der Genslerstraße 13A in Hohenschönhausen. Am letzten Samstag hatte sie Freund*innen eingeladen, ihre Arbeiten in den leergeräumten Hallen von Haus X zu zeigen. Der Berichterstatter fuhr mit dem Rad nach dem Adidas City Night Run per Fahrrad hinaus und traf auf eine ebenso bunte wie anregende Opening Crowd. Die Party war bereits gestartet. Im Fog Room von Hayden Dunham trafen innovativ gekleidete Menschen auf Design Art. Ein wenig erinnerte die Szenerie an internationale Vernissagen der 60er oder 70er Jahre, als es queer noch nicht gab und Design erst langsam in Mode kam.  

Die Studios ID liegen mit dem Rad 13,3 Kilometer vom Breitscheidplatz entfernt, so dass man gegenüber der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen nicht unbedingt an Design Art und eine lebhafte Partyzone denkt. Die Gedenkstätte gilt dem Stasi-Gefängnis und der Abteilung OTS. Sie war die größte Abteilung im Sperrgebiet Hohenschönhausen als so genannter Operativ-Technischer Sektor (OTS) des Staatssicherheitsdienstes. 1989 arbeiteten für ihn insgesamt 1085 hauptamtliche Mitarbeiter, um innovative Überwachungstechnik in eigenwillig schlichtem Design herzustellen. Aufgabe der Abteilung war es vor allem, geheimdienstliche Spezialtechnik für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zu konzipieren und zu produzieren. Heute wird Kunst in den ehemaligen Garagen und Werkshallen der OTS gemacht. Die Design Art steht ganz konkret gegen Überwachungs- und Disziplinierungssysteme – besonders mit den diversgeschlechtlichen Freud*innen der Kuratorin Donna Huanca.

Hayden Dunham, David Rappenau, Vi Payaboon, Marie Lund, Filip Berg, Bobbi Menuez, Steffen Bunte, Tarren Johnson, Nik Kosmas, Lucas Leclere, Christian Huygens Chloe Maratta, Sofie Fatouretchi, Winston Chmelinski, Emman Debattista, Rosa Tharrats, Yves B. Golden, Richie Shazami/Ben Draghi und Womens History Museum haben mit Videos, Sounds, Installationen, Bildern, Comics und Skulpturen sowie einer Nebelmaschine die Hallen in ein Design Art Abenteuer verwandelt. Was ist Design Art? Design Art ist zunächst einmal eine Wortkombination, die sich dem üblichen Gebrauch von Design und Art widersetzt. Denn der Begriff Design ist ebenso vieldeutig wie gebrauchsorientiert. Design lässt sich als ein Versprechen von gut gestalteten Dingen für den alltäglichen Gebrauch formulieren. Der Alessi 9093, ein Wasserkessel, beispielsweise wurde 1985 von Michael Graves gestaltet. Und jedes neue Smartphone von Apple etc. „übertrifft“ heute das Vorgängermodell im zukunftversprechendem Design. Dünner, schärfer, schicker. Jede neue Blog-Software wie WordPress ist vermeintlich noch „anwendungsfreundlicher“ im Design mit Themes, Customizer, Widgets, Menüs, Header und Theme-Editor. Ein kostenpflichtiges Upgrade optimiert das Design. Design makes money.

Gleichzeitig haben Christina Vagt und Jeannie Moser 2016 das Kopula Verhaltensdesign für einen Workshop im Hybrid-Lab kombiniert[1], um es als „Beobachtungs- und Reflexionsfigur“ einzuführen. „Für sich genommen“ seien „die beiden durch ihre semantische Breite theoretisch und praktisch kaum einzuhegen“.[2] Gleichwohl traf die Begriffsmontage im Hybrid-Lab von Technischer Universität und Universität der Künste Berlin temporär auf die „Designforschung“ am Institut für Produkt- und Prozessgestaltung von Prof. Gesche Joost an der UdK, die seit 2015 „Mitglied im Aufsichtsrat von SAP“ ist.[3] Design wird heute als Schlüsselversprechen für Soft- und Hardware gebraucht. Im Sammelband Design als Rhetorik hatte sich Gesche Joost zusammen mit Arne Scheuermann schon 2008 „der Rhetorik als Kompetenz zur Beschreibung und zum Verstehen von Design“ gewidmet.[4] Jeannie Moser und Christina Vagt arbeiten im Unterschied zu Joost die „besonders starke Zukunftsgerichtetheit und imaginative Kraft“[5] von Design heraus.

Es gibt eine Tasche von Marie Lund, ein Paar Schuhe, ein Jackett über einer Leuchtröhre von Lucas Leclere etc., Gebrauchsgegenstände, Toys in der Ausstellung. Das Paar Schuhe von Vi Payaboon steht wie zufällig abgestellt auf der Plastikfolie am Boden. Die Schuhe sind offenbar mit Farbe, Öl oder Acryl, angemalt, irgendwie zerschnitten und ummontiert. Wenn man die Schuhe anziehen wollte, würde die Farbe wahrscheinlich vom Obermaterial abplatzen. Man könnte sagen, Vi Payaboon hat die Schuhe ihrem Gebrauchswert entzogen. Sind sie dann noch Schuhe? Oder sind die Schuhe dann als Malerei restituiert, wie es Jacques Derrida einmal mit „Restitutionen von der Wahrheit nach Maß'“ bedacht hat? „Was für Schuhe? Was, Schuhe? Wessen Schuhe sind es? Woraus sind sie?“[6] Vi Payaboon macht allerdings auch extravagante Blusen und andere Kleidungsstücke zum Anziehen. In Design Art werden die Gebrauchsgegenstände ihren Funktionen entnommen, transformiert und in Kunstobjekte verwandelt.

Wie lässt sich Kunst bestimmen? – Georg W. Bertram hat 2014 in Kunst als menschliche Praxis angemerkt, dass „nicht zuletzt viele künstlerische Interventionen der letzten 100 Jahre“ einen „Perspektivwechsel in der Bestimmung“ angemahnt hätten, „indem sie zum Beispiel die Unterscheidung von Kunst und Nicht-Kunst“ unterliefen. „Viele in dieser Zeit entstandene Kunstwerke und ästhetische Ereignisse machen deutlich, dass Kunst ein Teil der menschlichen Praxis ist.“[7] Bertram geht also von der Praxis in der Kunst der Moderne aus. „Strömungen in der neueren und neuesten Kunst – etwa der Dokumentarismus oder das postdramatische Theater –, die die Kunst als integralen Teil der menschlichen Praxis begreifen, sind von theoretischer Seite als Herausforderungen für den Begriff der Kunst gewürdigt worden, weil die Kunst sich in ihnen gegen Grundlagen gewandt habe, die vormals selbstverständlich für sie waren. Dadurch ist eine neue Kunst entstanden, die allen Anspruch auf künstlerische Besonderheit aufgegeben hat.“[8] Doch, um nur einmal die zerschnittene und ummontierte Tasche von Marie Lund oder die Schuhe von Vi Payaboon zu nehmen, die Praxis lässt sich genauer formulieren.

Design Art lässt sich als eine künstlerische Praxis bestimmen. Es ist vielleicht nicht einmal ausgeschlossen, dass sich die Tasche von Marie Lund als Modeaccessoire gebrauchen ließe. Richtig „tragbar“ ist die Tasche vielleicht nicht, aber in der Mode überschneiden sich Funktionen und Effekte. Bertram spricht nicht zuletzt deshalb vom „Praxisform“, weil „Kunst (…) eine Praxis (ist), für die ein Bezug auf andere Praktiken wesentlich ist und die aus diesem Grund nicht in Abgrenzung von anderen Praktiken, sondern unter Rekurs auf die Art und Weise dieses Bezugs zu begreifen ist“.[9] Man wird insofern keinen Anspruch auf Sinn oder Inhalt erheben dürfen oder müssen. Als menschliche oder gar ethische Praxis generieren sie aus sich heraus Sinn. Vielleicht besteht die Praxis noch nicht einmal in einer besonderen Beherrschung von künstlerischen Praktiken wie der „farblichen Materialität“ der Malerei Cézannes in den zahlreichen Gemälden vom „Sainte-Victoire-Gebirge als Motiv“.[10] In der schwarzen Skulptur aus dem Womens History Museum stecken zahlreiche Metallobjekte sowie eine rosa Tasche, von denen sich nicht genau sagen lässt, ob sie für die Verhinderung oder die Erregung von Lust eingesetzt wurden oder werden können.

Die künstlerische Praxis kann wohl am ehesten mit der Kombinatorik unterschiedlicher Materialien für die Design Art beschrieben werden. Die Materialien können aus ganz verschiedenen Bereichen stammen. Denn die Farbe für Vi Payaboons Schuhe kommt aus dem Bereich der Malerei, die so nicht in der Schuhherstellung benutzt wird. Lucas Leclere arbeitet in seinen Bildern und Installationen ebenfalls mit Materialien aus verschiedenen Bereichen, um sie anders, neuartig zu kombinieren. Er benutzt häufig abgelegte Kleidungsstücke und Stoffreste, die er auf Bildträger montiert. Leinwände werden zerschnitten, um darunter doch Teile eines Jungensgesichts freizugeben. Ein Stück von einem Nylonseil wird kurzerhand auf die Leinwand montiert oder fällt sozusagen aus der Bildfläche, aus dem Rahmen auf den Boden. Spielt sich hier ein Drama oder eine Tragödie ab? Will das Bild überhaupt erzählen? Oder geht es, vielmehr um eine künstlerische Praxis mit Materialien, die nicht auf ein Ziel hinaus will?

Man könnte sagen, dass die künstlerische Praxis bei Lucas Leclere selbst zum Bild wird. Das verändert allerdings auch alles, was wir von Bildern zu wissen glauben. Das Bild stellt nicht dar, sondern wird zur Spur der vielfältigen Praktiken und Kombinationen von Materialien. Am 30. April 2017 inszenierte Lucas Leclere in der Parochialkirche La Mazarinade (1648-1653) des französischen Dichters Paul Scarron. Das Pamphlet auf den Kardinal Mazarin als Minister Louis XIV. kombinierte er mit Friedrich II. von Preußen und Voltaire unter dem Titel Bulgre, was im Französischen sowohl auf den König der Bulgaren im Candide (1759) wie auf den Roi des Bougres anspielte. Beide Schreibweisen beziehen sich auf die Bulgaren. Doch bougre war im 17. und 18. Jahrhundert als Benennung für Sodomiten, also mannmännliche Penetration in Gebrauch gekommen. Im Deutschen gibt es die semantische Überschneidung der Bulgaren mit einer Sexualpraktik nicht. Es gibt insofern Texte als Material in Lucas Lecleres Installationen, Bildern und Design Art.

Sergent à Verge de Sodome
Sodomisant tout le Royaume
Bougre bougrant bougre bougré
et bougre au suprême degré
bougre sodomisant l’Etat et 
bougre au plus haut carat …
(Sergent am Hofe/Penis von Sodom/Sodomisiere das ganze Königreich/Bougre bougrant bougre bougré/und bougre (ficke) bis zum höchsten Grad/bougre sodomisierend den Staat und/ficke den höchsten Karat…)[11]

Bereits bei der Performance Bulgre kam es Leclere weniger darauf an, wie stark La Mazarinade und das Verhältnis von Friedrich II. und Voltaire in der Kunstpraxis reflektiert wurden. Vielmehr hatte der Text vagen Ursprungs die Performance mit Lesung, Catwalk, Lichtinstallation und Bilderausstellung angestoßen und andere, neue Kombinationen generiert. Damit sind es Performance und Assemblage die gleichzeitig ein Bild im Rahmen unterlaufen. In der Assemblage wird das Bild nicht nur materiell dreidimensional, vielmehr bricht sich die Bildgebung auch an den Kanten, in den Schnitten und Ritzungen. Die Performance bringt immer schon die künstlerische Praxis zur flüchtigen Darstellung von Kunst. Die Bilder, Assemblagen und Installationen werden so vor allem zu Spuren der vielfältigen Praktiken, die bis zu sexuellen Praktiken reichen. Das lässt sich besonders, aber nicht nur bei Lucas Leclere in der von Donna Huanca kuratierten Präsentation beobachten.

Design Art zeichnet vielleicht gerade dieser performative Aspekt aus. Die Ausstellungsbesucher*innen, um sie einmal so zu nennen, verwandelten sich beim Anschauen selbst in Design Art. Es passiert etwas. Etwas geschieht wie mit Hayden Dunhams Nebelmaschine, die die Ausstellungshalle in einen Fog Room verwandelt, um die Besucher*innen wie die Kunst zu umgeben. Während Tino Sehgal in Ausstellungen Performances inszeniert und eine immersive Kunst schafft[12], die Ausstellungs- und Museumsräume aber auch reflektiert und reflektierbar macht, werden die Grenzen ‚zwischen Performance und Publikum von Donna Huanca’s Friends unterlaufen, wozu eben nicht zuletzt der Nebel beiträgt. Es sind indessen auch die Besucher*innen, die sich mit Kleidung und Gesten in Kunst für ein Foto verwandeln.

Mit einem Tuch in Rosa, auf dem in Grün „Hans Her-mann von Katte“ gedruckt steht, dockt Leclere in einer Installation wiederum an die Erzählung von den gleichgeschlechtlichen Praktiken Friedrich II. an. Die Installation hat einen performativen Zug. Denn auf eine, sagen wir, up-cycelte Jacke hat er ein nicht leicht erkennbares Gesicht in Rostrot auf dem Kopf und darüber mit wenigen Strichen ein Gesicht in Weiß gezeichnet. Design Art hat nicht zuletzt etwas mit der Mode-Praxis des Upcycling zu tun. Das weiße Gesicht soll Friedrich heißen, ob es ihm bei den ohnehin ständig nach Schemata oder postum gemalten Porträts ähnlich ist, spielt keine Rolle. „Hans Hermann von Katte“ nennt Friedrich gleich mit. Am Samstagabend trägt Lecleres Partner Jens Meyer die Jacke, die sozusagen zur Installation mit einem Spiegel, Handschellen, einer Krawatte etc. gehört. Wenn der Partner in der Jacke nicht neben der Installation steht, ist sie sozusagen unvollständig. Vielleicht zeigt sich darin treffend Design Art.

Die ganze Installation ist nicht auf Dauer angelegt. Sie ist flüchtig. – Vielleicht ist sie mittlerweile schon demontiert und wird wieder anders gebraucht.

Torsten Flüh


[1] Siehe auch: Torsten Flüh: Von der Design-Wende. Zur Tagung Verhaltensdesign im Hybrid Lab. In: NIGHT OUT @ BERLIN Dezember 14, 2016 21:12.

[2] Moser, Jeannie/Vagt, Christina (2018). Verhaltensdesign. Technologische und ästhetische Programme der 1960er und 1970er Jahre. In: Jeannie Moser/Christina Vagt (Eds.), Verhaltensdesign (7). Bielefeld: transcript Verlag. Open Source.

[3] Profil: Prof. Dr. Gesche Joost Universität der Künste Berlin.

[4] Joost G., Scheuermann A. (2008) Design als Rhetorik. In: Joost G., Scheuermann A. (eds) Design als Rhetorik. Board of International Research in Design. Birkhäuser Basel. S. 11. (Birkhäuser)

[5] Moser, Jeannie/Vagt, Christina (2018). Verhaltensdesign … [wie Anm. 2] S. 9.

[6] „- Da sind sie. Ich beginne. Was für Schuhe? Was, Schuhe? Wessen Schuhe sind es? Woraus sind sie? Und sogar, wer sind sie? Das sind sie, die Fragen, das ist alles.“ Jacques Derrida: Restitutionen. In: ders.: Die Wahrheit in der Malerei. Wien: Passagen, 1992, S. 303.

[7] Georg W. Bertram: Kunst als menschliche Praxis. Berlin: suhrkamp wissenschaft, 2014, S. 11.

[8] Ebenda S. 12.

[9] Ebenda.

[10] Ebenda S. 18.

[11] Die grammatische Flexion, Mehrdeutigkeit und Steigerung von bulgre als sodomitische Penetration wird in La Mazarinade bis an die Grenze lustvoller Sinnlichkeit zum Staatsterrorismus getrieben. Siehe zum Genre der Mazarinade auch Bibliothéque Mazarine.

[12] Vgl. dazu: Torsten Flüh: SIE machen mit im Immateriellen. Tino Sehgals Werkschau und This Progress im Martin-Gropius-Bau und Haus der Berliner Festspiele. In: NIGHT OUT @ BERLIN Juli 6, 2015 21:04.
Und ders.: Sinn und Sinnlichkeit im Sensodrom. Zur Welt ohne Außen – Immersive Räume seit den 60er Jahren im Gropius Bau. In: NIGHT OUT @ BERLIN  Juni 17, 2018 21:34.

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