Chanukka und Weihnachten trans-religiös gefeiert

Lichterfest – Familie – Weihnachten

Chanukka und Weihnachten trans-religiös gefeiert

Über Glückwünsche zu Feiertagen in einer diversen Gesellschaft und Mein schwules Auge

Erstens der Weihnachtsdruck hat mich überlistet: Am Samstagnachmittag begann ich dann doch noch, Gewürzplätzchen für meine Familie zu backen. 150 Minuten abwiegen, Wal- und Haselnüsse mahlen, mit Knethaken Zutaten – Mehl, Butter, Zucker, Salz, Backpulver, Eier, und gemahlene Nüsse, Lebkuchengewürz, Zitronen- und Orangenschale – kräftig mischen, den Teig mit den warmen Händen geschmeidig kneten, ausrollen und ausstechen, backen, mit Zitronen und Puderzuckerglasur bestreichen, Matcha zum Zuckerguss färben. Zweitens wollten mich die Freunde kurzentschlossen noch zu einer Käseverkostung mit Würchwitzer Himmelsscheibe (Milbenkäse) und besonderem Rotwein aus Argentinien um Acht sehen. Der Koffer für die Weihnachtstage war noch nicht gepackt. Um 7 Uhr aufstehen, um den Koffer zu packen. Abwasch. Kurz: Ich vergesse die Fotos für die Weihnachtsbesprechung auf OneDrive zu kopieren.

Internationale und nationale Feiertage, insbesondere das Weihnachtsfest, sind eine organisatorische und emotionale Herausforderung. Am 1. Dezember, zugleich 1. Advent, eröffnete Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa, das Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt Queering Xmas – Positionen der Zuneigung zusammen mit Jan Feddersen vom Queer*en Kulturhaus im Sonntags-Club in der Greifenhagener Straße 26. Klaus Lederer begrüßte all jene Menschen, die Weihnachten in der Familie feiern und auch jene, die keines feiern, weil es beispielsweise keine größere Familie gibt oder sie einen anderen Glauben praktizieren bzw. als Kommunisten Religionen grundsätzlich ablehnen. Der Kultursenator nimmt das offensichtlich nicht allzu orthodox.

Weihnachten feiern in Berlin auch Mohammed und Elif ebenso wie andere Kinder aus muslimischen Familien mit Plätzchenbacken und Feier im Jugendladen des Deutschen Roten Kreuzes Wedding. Als ich die Backaktion mit den Mitarbeiter*innen im Jugendladen 2 Wochen zuvor abgesprochen hatte, kam mir Mohammed mit seinem Fahrrad entgegen und fragte mich gleich, ob er wieder mit mir Plätzchen backen dürfe. Er ist so um die 10 Jahre alt. In der Woche vor Weihnachten nahm ich an einer Weiterbildungsveranstaltung von CrossRoads in Neukölln teil, die darin bestand, dass wir die Dar Assalam Moschee und Neuköllner Begegnungsstätte in der Flughafenstraße zum Nachmittagsgebet besuchten, um uns ausführlich nach dem Gebet mit der sechszehnjährigen Pressereferentin Ayse zu unterhalten. Zum Nachtgebet nach Sonnenuntergang um 17:20 Uhr gingen wir noch in die prächtige Şehitlik Moschee auf dem alten türkischen Friedhof, der 1798 angelegt wurde, am Columbiadamm, wo der Muezzin sich mit uns nach dem Gebet unterhielt.

Zu denken gab mir in der letzten Woche ein entschieden vorgetragener Einwand gegen meine Formulierung der Wünsche für die Feiertage zu Chanukka und Weihnachten in einem Newsletter, den ich für eine Gruppe verfasste. Chanukka und Weihnachten fallen dieses Jahr zeitlich zusammen. Freitag erhielt ich anlässlich der Feiertage von Chanukka und Weihnachten den Newsletter des House of One „Drei Religionen. Ein Haus.“, das auf dem Gelände der von Ost-Berliner Stadtplanern 1964 „abgetragenen“ Kirche St. Petri gebaut werden soll. Warum sollte man heute nicht sowohl für Chanukka als auch für Weihnachten frohe Festtage in Deutschland wünschen? Was passiert, wenn man es einfach macht? Und dann auch noch in zeitlicher Nähe in Berlin Moscheen während des Gebets besucht und respektvoll miteinander umgeht?

In meinem Newsletter schrieb ich meine trans-religiösen Wünsche etwas anders nach der Irritation trotzdem hinein. Mir war signalisiert worden, dass das doch eigentlich nicht passe. Prompt erhielt ich eine Antwortmail, die sich für die Glückwünsche an jüdische Mitglieder bedankte. Ebenfalls am Freitag schaute ich in einem Büro vorbei, in dem Freunde arbeiten, und wünschte zum Abschied „frohe Festtage zu Chanukka und Weihnachten“ in die Runde der Mitarbeiter*innen. Daraufhin erfuhr ich wenig später, dass eine Mitarbeiterin gesagt hatte, dass sie das nun besonders nett fand, weil sie Jüdin sei. Darum geht es: Wissen Sie denn, wer Jude ist und wer nicht? Und woher wissen Sie es?

Die deutsche Gesellschaft ist längst vielfältiger, als es gemeinhin wahrgenommen wird. Die junge, neue Mitarbeiterin, nennen wir sie K., ist, soviel mir später erzählt wurde, in den alten Bundesländern geboren. Doch es gibt ein unheimliches Wissen, das uns nur an Weihnachtswünsche denken lässt, obwohl mittlerweile immer weniger Deutsche in die Kirche gehen. Dieses Wissen geht nämlich davon aus, dass es dort keine Juden in Deutschland gibt, wo sie nicht in besonderer Weise sichtbar werden. Sorry, aber das ist natürlich genauso wie bei den Schwulen und Lesben! Wer nicht durch ein besonderes Verhalten oder Kleidung als schwul und lesbisch sichtbar wird, bei dem oder der gehen die meisten Menschen davon aus, dass sie stino, stinknormal, bzw. hetero sind.

Keine trans-religiösen Glückwünsche zu Chanukka und Weihnachten zu wünschen, geht stillschweigend davon aus, dass es keine Juden in Deutschland gibt. Da beginnt Antisemitismus! Wollen Sie sie etwa an der Nase erkennen?! Es bestand bei meinem Newsletter für die Gruppe nicht der geringste Anlass, dass es keine Jüd*innen in dem Kreis gibt. In Berlin ist es natürlich noch einmal etwas anders als zum Beispiel in Kiel, wo offenbar der Rabbiner für Beisetzungen auf den Friedhöfen in der Michelsen- oder der Eichhofstraße aus Hamburg kommen muss. Seit 2004 gibt es allerdings selbst in Kiel wieder eine Synagoge, die von einer Gemeinde des liberalen Judentums unterhalten wird. Sie geht zurück auf die zerstörte Synagoge am Schrevenpark, die am 9. November 1939 zerstört wurde.

Worum geht es beim Familienfest Weihnachten? In meiner Familie ging es seit meinen Kindertagen darum, dass eine Gruppe über Generationen und Klassen hinweg gemeinsam feiert. Und dieses gemeinsame Feiern schloss immer mehr Menschen als die Kleinfamilie ein. Alleinstehende Großtanten und Nachbarinnen kamen z. B. hinzu. Zuvor hatten im Haus der Bächerei meines Großvaters die Lehrlinge und Gesellen selbstverständlich mit der Familie gefeiert und Grünkohl gegessen. Beim Feiern gerade zu Weihnachten sollte es immer darum gehen, etwas gemeinsam zu machen. Irgendwie haben meine Großeltern schon Weihnachten gequeert, als es den Begriff noch gar nicht gab. Ganz abgesehen von meinen Xmas-Performances Statue of Commercial Xmas für meine Großeltern, Eltern, Schwestern und Schwager in den 90er Jahren. Fast wie im Sonntags Club: „Queer(ing) Xmas – Positionen der Zuneigung trans-religiöse wie kulturelle Aspekte aus der Fülle unserer diversen Lebensentwürfe.“[1]

Weihnachten bedeutet eine Herausforderung, (andere) Rituale der Gemeinschaft und Zuneigung zu entwickeln. Meine ziemlich besten Freunde J. und M. haben z. B. ein Reeperbahn-20:00-Uhr-Besuchsritual für Heiligabend, dann ist es nämlich selbst dort für 2 bis 3 Stunden ganz ruhig, und Hagenbeck-Walross-Besuch-Ritual für Silvesternachmittag herausgebildet. Als schwules Paar wollten sie ein eigenes Ritual ihrer Zweisamkeit schaffen. Das wäre eine Art Mikrofamilie der Zuneigung. Vielleicht kann man auch Rituale der Einsamkeit zelebrieren. Für mich persönlich war es allerdings schon ein wenig komisch, als ich zu Weihnachten 1994 von Shanghai nach Hongkong am 24. Dezember durch das Ost- und Südchinesische Meer auf einer Art kombiniertem Frachtfährschiff tuckerte. An Deck war eine bestimmte Art Meeraal im Dutzend offenbar zum Trocknen aufgehängt. Im Restaurant der nur von Chinesen genutzten Fährverbindung blinkte ein mehrfarbiges „Merry Christmas“ aus Plastik etwas nervös. Heute nutzen nur noch langweilige Kreuzfahrtschiffe die Route.

Queering Xmas findet noch bis 6. Januar mit Weihnachtsgebäck und Ausstellung im Sonntags Club statt. Zahlreiche Künstler*innen zeigten Türchen für Türchen der 24 Adventskalender-Türen ihre Arbeiten wie u.a. die von Rinaldo Hopf, der gerade zusammen mit Fedya Ili die Sonderausgabe des Periodikums Mein schwules Auge/My Gay Eye zu Gay Metropolis 1989-2019 herausgegeben hat. Zu den Bild- und Textwelten gehören u. a. auch Arbeiten des Herausgebers mit schwulen Portraits auf der BILD vom 11. November 1989 mit dem unvergleichlichen BILD-Wording „Deutschland umarmt sich Einigkeit und Recht und Freiheit“ als Titel.[2] Rinaldo Hopfs Zeitungsbilder queeren die historischen Ereignisse, so dass sich auf der BILD vom 13. November unter dem Titel „Guten Morgen Deutschland Es war ein schönes Wochenende“ zwei junge Männer küssen.[3] Hopf hat die Montagen 2019 zum Jubiläum angefertigt. Enthalten sind in der Sonderausgabe auch Fotos von Andreas Fux aus der Serie „Indian Boy an der Brücke der Einheit“ von 1991[4], die auch in The Ballery zu sehen waren.[5]

Zu den Ereignissen des Jahres 2019 zählt, dass der konkursbuch verlag von Claudia Gehrke für „hervorragende gesamtverlegerische Tätigkeit ein Gütesiegel und eine Prämie“ als Deutschen Verlagspreis aus der Hand der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, am 18. Oktober entgegennehmen durfte.[6] Claudia Gehrke verlegt nicht nur die Kleist-Preisträgerin Yoko Tawada. Sie verlegt auch seit 1982 Mein heimliches Auge (multisexuell), das sie mitentwickelt und herausgibt,und seit 2003 Mein schwules Auge. Norbert Bisky hat für das Schwule Auge einige Bilder von Jungs z.B. im Schwimmbad freigegeben.[7] Das Blau der Wassersspritzer, das natürlich im Schwimmbad und auch sonst nicht blau ist, verdeckt, was allzu pornographisch gesehen werden könnte und macht es gerade dadurch erst sichtbar.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leser*innen (mit diverisitätanzeigendem Gender-Sternchen) queere Festtage zu Chanukka und Weihnachten.

Torsten Flüh

PS: Die Fotos werden am 28. Dezember gewechselt.

Queer(ing) Xmas
Positionen der Zuneigung
Performance: Der Einzug der drei Königinnen
6. Januar ab 16:00 Uhr
Malerei/Zeichnungen/Objekte/Filme und Installationen von 24 internationalen Künstler*innen: Alexander von Agoston // Roswitha Baumeister // Ursula Bierther // Traude Bührmann // *durbahn // Stef. Engel // Lilly Grote// Arnaldo González // Lena Rosa Händle // Rinaldo Hopf // Swen Kählert // Soojung Kim // Luisa Landsberg // Sieglinde Mix // Chris Regn // Nicola Reinitzer // Heike Schader // Doris Schmidt // Jenni Tietze // Lilia Tirado Rosales // Francois Pisapia // Andrew Wagner // Jürgen Wittdorf // Louis Zoller
Sonntags-Club
Greifenhagener Str. 28
19437 Berlin
bis 6. Januar 2020

Chanukka
Lichterzünden am Brandenburger
bis 28.12. bei Einbruch der Dunkelheit

Christmette
24. Dezember um 23.00 Uhr
Evangelische Kirche St. Marien zu Berlin
mit Superintendent Dr. Bertold Höcker und Marvin Gasser (Orgel)

Gottesdienst zum Jahreswechsel
Lesungen in Deutsch, Englisch, Französisch
31.12. 2019 um 23.00 Uhr
Evangelische Kirche St. Marien zu Berlin
mit Superintendent Dr. Bertold Höcker und Marvin Gasser (Orgel)
Die kurzen Lesungen aus dem Alten Testament in mehreren Sprachen werden bis kurz vor 0:00 Uhr von Orgelmusik durchwirkt. Segnungen werden in der Marienkapelle angeboten. Zum Jahreswechsel ziehen wir in einer Prozession singend durch die Kirche, während die Glocken läuten. Nach Glück- und Segenswünschen für 2020 bitten wir zum Empfang in die Marienkapelle. Anschließend feiern wir das erste Abendmahl im neuen Jahr. Der Gottesdienst wird von queeren Menschen und Gemeindegliedern für alle gestaltet.

Rinaldo Hopf/Fedy Ili
Mein schwules Auge
Special Edition
Berlin Gay Metropolis 1989-2019
416 Seiten, Fadenheftung
Format 24 cm x 16,5 cm, viele Bilder
Erschienen Ende Oktober 2019
ISBN 978-3-88769-945-1
19,90 €        


[1] Siehe http://www.sonntags-club.de/288vernissage.html

[2] Rinaldo Hopf, Fedya Ili: Mein schwules Auge/My Gay Eye. Gay Meropolis 1989-2019. Tübingen: Konkursbuch, 2019, S. 174-175.

[3] Ebenda S. 169.

[4] Ebenda S. 145-151.

[5] Siehe: Torsten Flüh: Vertrauliche Begegnung mit Fuchs: Sonnenallee. 30 Jahre Mauerfall am Brandenburger Tor, in The Ballery, in der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche und im Berliner Dom. In: NIGHT OUT @ BERLIN 12. November 2019.

[6] Deutscher Verlagspreis. Die Preisträger.

[7] Rinaldo Hopf, Fedya Ili: Mein … [wie Anm. 2] S. 246/247.

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